Max Schelers Bildungs- und Wissensbegriff im Kontext der gegenwärtigen Wissensgesellschaft


Hausarbeit, 2009
14 Seiten, Note: 1,5

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Max Schelers Wissenssoziologie
2.1 Der Wissensbegriff Schelers
2.1.1 Schelers Kritik an Comtes Dreistadiengesetz
2.2 Die drei Wissensarten
2.2.1 Soziologische Verortung der Wissensarten

3 Max Schelers Bildungsbegriff

4 Bildung in der heutigen »Wissensgesellschaft«
4.1 Über die so genannte »Wissensgesellschaft«
4.1.1 Wissensgenese in der »Wissensgesellschaft«
4.1.1.1 The new production of knowledge
4.2 Bildung

5 Max Scheler und die heutige »Wissensgesellschaft«
5.1 Hochtechnologien als Sonderfall des Leistungswissens

6 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Max Scheler versuchte zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein umfängliches wissenssoziologisches Projekt zu verwirklichen, nämlich die Erarbeitung einer Soziologie des Wissens, welche sämtliche Kulturbereiche berücksichtigt.

Diese Wissenssoziologie soll nun im folgenden zu gegenwärtigen Phänomen in Wissenschaft und Bildung in Bezug gesetzt werden. Als erstes werden Schelers Wissenssoziologie und Bildungsbegriff vorgestellt. Darauf folgt ein Überblick über gesellschaftliche Zustände im Bezug auf die Bildung und Merkmale der so genannten Wissensgesellschaft. Die Ergebnisse dieser Darstellung werden dann auf Schelers Wissenssoziologie angewendet. Am Ende steht ein Ausblick auf etwaige Entwicklungen in Bezug auf das gesellschaftliche Wissensgut.

2 Max Schelers Wissenssoziologie

2.1 Der Wissensbegriff Schelers

Der allgemeinste Begriff des Wissens versteht unter diesem das Ziel alles Erkennens. Unter der Annahme dieser Definition ist das objektive Ziel des Wissens wiederum eine Art des Wissens, ganz gemäß der Phrase »la science pour la science«. Doch das Wissen nur um des Wissens willen haben zu wollen, so Scheler, widerspräche Epikurs Auffassung, dass alles, was wir lieben und suchen ein Wert oder ein Sinn zukommen muss. Tätigkeiten des Erkennens und Denkens sind also nur Operationen, die zum Wissen führen. Wissen sollte folglich bestimmt werden, ohne dass etwas, das Wissen in sich schließt in der Definition enthalten ist. Auf Basis dieser Anforderung definiert Scheler Wissen als ein Seinsverhätnis, »und zwar ein Seinsverhältnis, das die Seinsformen Ganzes und Teil voraussetzt. Es ist das Verhältnis des Teilhabens eines Seienden am Sosein eines anderen Seienden, durch das in diesem Soseienden keinerlei Veränderung mitgesetzt wird.«[1] Verkürzt ausgedrückt ist Wissen eine Art Liebe, da im Zuge des Teilhabens an der Welt das eigene Sein transzendiert wird.[2]

Dieses Teilhaben zielt also auf einen Veränderungsprozess in dem, der Teil nimmt ab, woraus der Schluss gezogen werden kann, dass Wissen einem Werden dient. Drei unterschiedliche Werdensziele liegen Schelers triadischer Wissenstheorie zugrunde. Mit Hilfe des religiösen Erlösungswissens versucht der Mensch den Sinn seines Seins zu erklären, das Bildungs- oder metaphysische Wissen dient der Entfaltung der Person durch Teilhabe an der Welt. Herrschafts- oder Leistungswissen ist Wissen, das der praktischen Beherrschung und Umbildung der Welt für menschliche Zwecke dient.[3]

In einer Zeit, in der der Positivismus »weltanschauliche Selbstverständlichkeit«[4] war und alles Wissen, das nicht beobachtbar und durch wissenschaftliche Experimente verifizierbar ist abgelehnt wurde, stellt Schelers Wissenstheorie als Bestandteil seiner konsequent antipositivistischen Soziologie eine Besonderheit dar.[5] Anhand der Erläuterung des Dreistadiengesetzes des Positivisten Auguste Comte und der Hauptkritikpunkte Schelers an selbigem soll im folgenden dessen Theorie von drei voneinander unabhängigen und gleichwertigen Hauptformen des Wissens verdeutlicht werden.

2.1.1 Schelers Kritik an Comtes Dreistadiengesetz

Auguste Comtes Dreistadiengesetz konstatiert drei Stadien der wissens-, soziokulturellen und ebenso geistigen Entwicklung des Menschen, nämlich das theologische, metaphysische und positive. Es hat teleologischen Charakter, da davon ausgegangen wird, dass sich das Wissen mit in Abhängigkeit vom Abstraktionsgrad in unterschiedlicher Geschwindigkeit durch die drei Stadien hindurchentwickelt bis es letztendlich das positive Stadium erreicht und die jeweiligen Erklärungsmuster der beiden anderen Stadien verdrängt hat.[6] Im ersten, dem theologischen Stadium werden Naturerscheinungen mit Hilfe religiöser Ansätze erklärt. Im metaphysischen Stadium werden Vorgänge in der Natur auf abstrakte Ursachen, wie Kräfte zurückgeführt. Das letzte, positive beziehungsweise wissenschaftliche Stadium, stellt den Optimalzustand dar, in welchem ausschließlich mathematische Symbole und empirisch-hypothetische Methoden hinreichenden Erklärungscharakter für Zusammenhänge zwischen Erscheinungen besitzen.[7] Das Dreistadiengesetz unterstellt also eine geschichtliche Progression der menschlichen Denkentwicklung von der Religion hin zur Wissenschaft.[8]

In dem Aufsatz »Über die positivistische Geschichtsphilosophie des Wissens« setzt sich Scheler kritisch mit Comtes Dreistadiengesetz auseinander. In seinen Augen verkörpert das positivistische Ideal eine ungeheure Beschränkung des Erkenntniszieles, was er an zwei Hauptkritikpunkten festmacht.[9] Erstens ziele dieses naturwissenschaftliche Kulturideal, wie es in der Aufklärung angestrebt worden ist und dann im 19. Jahrhundert verwirklicht wurde[10] auf ein »voir pour prévoir«[11] ab. Nur diejenigen Wissensinhalte, die zur Lenkung zukünftigen Geschehens befähigen werden überhaupt erst als Wissen wahrgenommen und in das Wissensrepertoire aufgenommen. Zweitens unterschlage der Positivismus, indem er ausschließlich nach quantitativ bestimmbarem, also Gesetzen verlangt Fragen nach dem Wesen der Dinge.[12] Doch nicht nur das Ausschließen von Erkenntniszielen ist dem Geltungsanspruch des positivistischen Wissensideals abtrünnig, sondern auch die Tatsache, dass eine örtlich und zeitlich stark begrenzte Entwicklung, nämlich eine Bewegung in Westeuropa, die sich innerhalb von drei, im Vergleich mit der Dauer der geistigen Menschheitsentwicklung kurz anmutenden Jahrhunderten, abgespielt hat als Gesetz einer gesamten Menschheitsentwicklung angesehen wird.[13] Eine Verdrängung von Religion und Metaphysik, welche Comtes Positivismus konstatiert ist aber, so Scheler, vor allem deshalb auszuschließen, weil es sich bei den Wissensstadien nicht um historische Phasen der Wissensentwicklung handele. Religiöses und wissenschaftliches Denken haben sich zwar vom mythischen Denken abdifferenziert, doch kann weder dem wissenschaftlichen Denken ein Absolutheitsanspruch zukommen, gleich welche Fortschritte es auch erringt, noch kann je eine Denkform die anderen beiden vollständig verdrängen, da es sich um drei kategoriale anthropologische Geisteshaltungen handele.[14] Scheler distanziert sich sogar noch stärker von der Grundidee des Dreistadiengesetzes, indem er die Wissensarten in eine Rangordnung stellt, welche jener des Dreistadiengesetzes entgegensteht. Er ordnet dem Erlösungswissen das metaphysische und dem metaphysischen das Leistungswissen unter, da die beiden erstgenannten dem Mensch als Geistwesen besser gerecht werden; der Intellekt der Wissenschaft unterscheide sich zwar in hohem Maße quantitativ, nicht jedoch qualitativ von den Fähigkeiten höherer Tiere.[15]

2.2 Die drei Wissensarten

Erlösungswissen, metaphysischen Wissen und Leistungs- und Herrschaftswissen liegen also drei verschiedene Werdensziele zugrunde, deren Erreichung kategorial verschiedene Fragen beantworten soll, welchen jedoch gemein ist, dass sie Nichtwissen schmälern sollen.[16] Aufgrund dessen kann Wissen als Verhältnis, in dem wir zur Wirklichkeit stehen definiert werden.[17] Erlösungswissen ist religiöses Wissen, mit Hilfe dessen der Mensch seine Fragen nach dem Sinns des Lebens und der Wesensstruktur der Welt zu beantworten versucht.[18] Das Streben nach metaphysischem Wissen ist auf die menschliche Verwunderung darüber zurückzuführen, dass irgendwelche Dinge auf der Welt in gerade ihrer festen, typischen Art und Weise existieren. Die »den Wesens- und ewigen Ideenzusammenhängen nachsinnende kontemplative Gedankengefüge«[19] des metaphysischen Wissens dienen dem Menschen dazu, die Welt trotz angstauslösender und unverständlicher Elemente als verständlich zu begreifen, weshalb es auch als Orientierungswissen bezeichnet werden kann.[20] Das Ziel des metaphysischen Wissens besteht darin Weisheit zu erlangen. Dem Leistungs- oder Herrschaftswissen liegt das Bedürfnis zugrunde Geschehnisse erwarten, voraussagen und schließlich entweder praktisch hervorrufen zu können oder das Wissen zu haben wie sie theoretisch hervorzurufen wären.[21] Herrschaftswissen befähigt folglich zur Macht.

[...]


[1] Scheler, Max (1954), S. 203

[2] vgl. ebd. 203 f

[3] vgl. ebd. 205

[4] Hufnagel, Erwin (2002), S. 215

[5] vgl. ebd. 215

[6] vgl. Scheler, Max (1963), S.29

[7] vgl. Brockhaus (1992), S. 54

[8] vgl. Hufnagel, Erwin (2002), S. 222

[9] vgl. Scheler, Max (1963), S. 29

[10] vgl. Hufnagel, Erwin (2002), S. 233

[11] Scheler, Max (1963), S. 29

[12] vgl. ebd. S. 29

[13] vgl. Davydov, Juri N. (1987), S. 105

[14] vgl. Scheler, Max (1963), S. 30

[15] vgl. Davydov, Juri N. (1987), S. 105

[16] vgl. Hufnagel, Erwin (2002), S. 232

[17] vgl. Becker, Ralf (2007), S. 33

[18] vgl. Scheler, Max (1954), S. 205

[19] Hufnagel, Erwin (2002), S.226

[20] vgl. ebd., S. 232

[21] vgl. Scheler, Max (1954), S. 208 f

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Max Schelers Bildungs- und Wissensbegriff im Kontext der gegenwärtigen Wissensgesellschaft
Hochschule
Universität Trier
Note
1,5
Autor
Jahr
2009
Seiten
14
Katalognummer
V140241
ISBN (eBook)
9783640473243
ISBN (Buch)
9783640473366
Dateigröße
459 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Schelers, Bildungs-, Wissensbegriff, Kontext, Wissensgesellschaft
Arbeit zitieren
Ann-Sophie Margan (Autor), 2009, Max Schelers Bildungs- und Wissensbegriff im Kontext der gegenwärtigen Wissensgesellschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/140241

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