Die globale Wirtschaftskrise. Ursachen, Verlauf und sozioökonomische Interdependenzen

Eine kritische Analyse


Diplomarbeit, 2009
91 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhalt

Abkürzungsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1 Einleitung

2 Der Finanzmarkt

3 Der Terminus Finanzmarkt-Kapitalismus

4 Ökonomische Blasenmodelle
4.1 Der Erklärungsversuch spekulativer Euphorie von Galbraith
4.2 Das Fischer-Minsky-Kindleberger-Modell
4.3 Konjunkturelle Turbulenzen durch verzerrte Zinssätze nach Hayek
4.4 Unterschiede der ökonomischen Blasenmodelle
4.5 Zwischenfazit

5 Strukturelle Krisenursachen
5.1 Die (De-)regulierung der Finanzmärkte
5.2 Die Shareholder-Value-Orientierung
5.3 Entkopplung des Finanzsektors von der Realwirtschaft?
5.4 Der wachsende Reichtum bei zunehmender Ungleichheit?
5.5 Pensionsfonds und die kapitalgedeckte Altersvorsorge
5.6 Zwischenfazit

6 Unmittelbare Krisenursachen
6.1 Verschuldung als Renditehebel
6.1.1 Private-Equity-Fonds
6.1.2 Hedge-Fonds
6.1.3 Zwischenfazit
6.2 Die Praxis der Kreditverbriefung
6.2.1 Pfandbriefe, Asset Backed Securities (ABS) und Mortgage Backed Securities (MBS)
6.2.2 Collateralized Debt Obligation (CDO) und weitere Finanzinnovationen
6.2.3 Zwischenfazit
6.3 Die Rolle der Zentralbanken
6.3.1 Die Federal Reserve Bank und die Europäische Zentralbank
6.3.2 Zwischenfazit

7 Der vorläufige Verlauf des Finanzmarkt-Crashs

8 Resümee
8.1 Die ökonomischen Blasenmodelle
8.2 Ausblick

Anhang

Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Der Finanzmarkt eingeteilt nach Fristigkeit

Abbildung 2: Finanzierungsstruktur der Unternehmen in Deutschland 1970 - 2000

Abbildung 3: Entwicklung des Finanzaktiva und des Welt-BIP von 1980 - 2006

Abbildung 4: Individuelles Nettovermögen nach Dezilen in Deutschland 2002 - 2007

Abbildung 5: Vermögenshöhe und Anzahl der HNWI von 1996 - 2005

Abbildung 6: Asset Backed Security (ABS)

Abbildung 7: Das Prinzip der erneuten Kredittranchierung

Abbildung 8: Finanzvolumen Credit Default Swaps (CDS) von 1. H. 2001 - 1. H. 2008

Abbildung 9: Entwicklung der Leitzinsen von EZB und Fed von 2000 - 2009

Abbildung 10: Bestand an verbrieften Krediten in den USA von 1980 - 2006

1 Einleitung

Das Phänomen spekulativer Krisen ist keineswegs ein neues Thema. Bereits in den 30er Jahren des 17. Jahrhunderts ereignete sich in Holland die erste historisch dokumentierte Spekulationswelle. Nicht ausgeklügelte Finanzpapiere sondern Tulpenzwiebeln wurden zum Spekulationsobjekt und bescherten den Investoren abenteuerliche Gewinne, bis die spekulative Blase 1637 platzte und Holland in eine spürbare Depression führte (Vgl. Galbraith 1992: 30ff.). Als eine Episode ausgesprochen großer Stabilität des globalen Finanzsystems gilt die Periode nach der Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre, die mit dem Ende des festen Wechselkurssystems von Bretton Woods 1973 ihr Ende fand. Der Zusammenbruch dieses Systems markiert den Übergang zu einer neuen Entwicklungsetappe, die gekennzeichnet ist von einer extrem hohen Konzentration und immer kürzeren Zeitabständen von Finanzmarktturbulenzen (Vgl. Lähn 2004: 1f.). Nach einer Studie der Weltbank (2003) wurden seit Beginn der 1970er Jahre 166 Finanzkrisen gezählt, von denen 119 einen „systemischen“ Charakter hatten, das heißt in ihren Wirkungen über den Bankenbereich hinausgingen.[1] Zu den jüngsten und bekanntesten Krisen gehören die Asienkrise 1997/98, die Brasilien- und Russlandkrise 1999, das Platzen der New-Economy-Blase einschließlich des Börsencrashs 2000/01 sowie die Schuldenkrise Argentiniens 2001 (Vgl. Wagenknecht 2008: 91; Wahl 2008b: 5). Die gegenwärtige globale Finanz- und Wirtschaftskrise scheint den bisherigen qualitativen Höhepunkt einer Kette von Krisen seit dem Ende des Systems von Bretton Woods darzustellen.

Ausgelöst durch den verbrieften Handel mit Hypothekenkrediten, der 2007 zur Subprime-Krise[2] geführt hat, befindet sich zunehmend auch die (reale) Produktionswirtschaft in einem Abwärtstrend. Der Weltbank-Chefökonom Justin Lin befürchtet, dass die aktuelle Finanzkrise in die schwerste Rezession seit den 1930er Jahren mündet (Vgl. Zepelin u. a. in: FTD vom 10.12.2008). Angst ist bei den Menschen bisher noch nicht zu spüren. Es ist jedoch besorgniserregend, wenn man sich die schweren gesellschaftlichen Folgen nach der Krise der 1930er Jahre vergegenwärtigt.

Vor diesem Hintergrund scheint sich der gesellschaftliche Zeitgeist zu ändern. So glaubt der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bank Josef Ackermann nicht mehr an die Selbstheilungskräfte der Märkte (Vgl. Koch in: TAZ vom 25.03.2008), der CDU-Politiker und Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble fordert seine Parteikollegen auf, die Wirtschaftspolitik neu auszurichten und neben der klassischen Angebotsorientierung auch keynesianisch zu denken (Vgl. Müller/Rinke in: Handelblatt vom 28.11.2008) und die systemkritische Kapitalismusanalyse „Das Kapital“ von Karl Marx erlebt einen waren Run. Im Oktober 2008 war sie kurzzeitig sogar ausverkauft (Vgl. Baukhage in: Rhein-Zeitung vom 23.10.2008).

Das Ziel dieser Arbeit besteht darin, Ursachen, Anlass und sozioökonomische Interdependenzen der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise offen zu legen. Es ist von Interesse zu analysieren, warum ein solches Desaster an den Finanzmärkten möglich war und durch welche Veränderungen das Ausbrechen neuer Krisen verhindert werden könnte. Natürlich soll und kann in dieser Arbeit nicht der Anspruch auf Vollständigkeit erhoben werden. Es besteht jedoch die Ambition, einen Beitrag für die Aufarbeitung der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise zu leisten.

Um eine fundierte Ursachenanalyse zu ermöglichen, wurde bei der Recherche sowohl sozialwissenschaftliche als auch wirtschaftswissenschaftliche Literatur verwendet. Diese Vorgehensweise wurde gewählt, um sozialwissenschaftliche Erkenntnisse sowie finanzwissenschaftliche Hintergrundinformationen zu nutzen. So existiert in der Arbeit sowohl eine soziologische als auch eine ökonomische Dimension. Bei diesem Ansatz besteht die Chance, eine sozioökonomische Synthese zu erzielen, die sowohl für die sozialwissenschaftliche als auch für die wirtschaftswissenschaftliche Disziplin eine perspektivische Erweiterung ermöglicht.

In der jüngsten Literatur wurden verschiedene ökonomische Blasenmodelle benannt, die die Krise volkswirtschaftlich erklären können. Hierzu wurden der Erklärungsversuch spekulativer Euphorie von Galbraith[3], das Fischer-Minsky-Kindleberger-Modell[4] sowie die konjunkturellen Turbulenzen durch verzerrte Zinssätze nach Hayek[5] zitiert. Es ist in dieser Arbeit von Interesse zu analysieren, ob und wenn ja, in welchem Umfang diese ökonomischen Blasenmodelle mit der gegenwärtigen Finanz- und Wirtschaftskrise vergleichbar sind. Die zentralen Modellannahmen dienen darüber hinaus als Grundgerüst und Folie bei der Krisenanalyse. Auf eine formale Darstellung wurde verzichtet, um den inhaltlichen und quantitativen Rahmen der Diplomarbeit zu wahren. Die Erläuterungen sind daher deskriptiver Natur.

In Anlehnung an die Debatte in der Literatur wurden folgende zwei zentrale Fragestellungen entwickelt:

1. Ist die globale Finanz- und Wirtschaftskrise durch moralische Fehler einzelner Akteure entstanden, also durch „Finanzielle Exzesse ohne soziales Verantwortungsbewusstsein, das Verlieren von Maß und Mitte mancher Banker und Manager“, wie es die Bundeskanzlerin Angela Merkel in ihrer Neujahrsansprache für das Jahr 2009 ausdrückte (Vgl. Merkel, Angela: Neujahrsansprache 2008/2009) , oder handelt es sich um systemische Ursachen, die in der gegenwärtigen Architektur des Finanz- und Wirtschaftssystems zu finden sind?
2. Können die ökonomischen Blasenmodelle von Galbraith, Fischer, Minsky und Kindleberger sowie von Hayek die Entstehung der gegenwärtigen Finanz- und Wirtschaftskrise erklären und wenn ja, bei welchen Aspekten bestehen Übereinstimmungen?

Um die Diplomarbeit fundiert aufzubauen, werden vor der eigentlichen Analyse die zentralen theoretischen Grundlagen dargestellt. Dabei wird zunächst skizziert, welche Bereiche den Finanzmarkt umfassen und wie er sich in den letzten Jahren verändert hat. Die Darstellung enthält dabei sowohl eine wirtschaftswissenschaftliche als auch eine soziologische Dimension. In einem weiteren Schritt wird der Terminus Finanzmarkt-Kapitalismus erklärt. Dieser Begriff hat sich in der Sozialwissenschaft etabliert. Er subsumiert wesentliche Zusammenhänge eines gegenwärtig dominanten Produktionsmodells und offenbart zugleich Unterschiede zu frühren Stadien des Kapitalismus. Im vierten Kapitel werden die grundlegenden Annahmen der ökonomischen Blasenmodelle von Galbraith, Fischer-Minsky-Kindleberger sowie von Hayek vorgestellt. Die wesentlichen Unterschiede der Modelle werden in Punkt 4.4 übersichtlich dargestellt. Das Kapitel endet mit einem Zwischenfazit. Dabei werden die zentralen Fragestellungen für die Ursachenanalyse der Finanz- und Wirtschaftskrise entwickelt, die gleichzeitig zu einem wichtigen Teil die weitere Gliederung der Arbeit bestimmt haben.

Darauf aufbauend werden im 5. Kapitel mögliche strukturelle Krisenursachen analysiert, die in der Literatur genannt wurden. Zunächst werden zentrale regulatorische Veränderungen auf den Finanzmärkten skizziert, die seit dem Ende des Systems von Bretton Woods zu beobachten waren. In Abschnitt 5.2 wird analysiert, wie sich die Shareholder-Value-Orientierung auf die Entwicklung der Unternehmen und die Wirtschaft ausgewirkt hat. Ob die globale Finanz- und Wirtschaftskrise auch durch eine Entkopplung des Finanzsektors von der Realwirtschaft zu begründen ist, wird in Punkt 5.3 untersucht. Anschließend erfolgt unter Bezugnahme zahlreicher statistischer Erhebungen eine Analyse, inwieweit die These einer zunehmenden Einkommens- und Vermögensungleichheit bestätigt werden kann. In Abschnitt 5.5 wird die Rolle von Pensionsfonds und der kapitalgedeckten Altersvorsorge im Zusammenhang des Finanzmarktes dargestellt. Das Kapitel schließt mit einem Zwischenfazit ab, indem die bisherigen Erkenntnisse zusammengefasst werden.

Mögliche unmittelbare Krisen-Einflussfaktoren werden im 6. Kapitel untersucht. Alle Unterkapitel werden mit einem Zwischenfazit abgeschlossen, da sie thematisch sehr weitreichend einzuordnen sind. Zunächst werden die Private-Equity- und Hedge-Fonds vorgestellt. Zu einem zentralen Merkmal von ihnen gehört die systematische Schuldenaufnahme, um die Eigenkapitalrendite[6] aus ihren Spekulationsgeschäften zu maximieren. Statistische Erhebungen werden bei der Beurteilung eine elementare Beurteilungsgrundlage darstellen. In Abschnitt 6.2 wird die Praxis der Kreditverbriefung vorgestellt. Diese Technologie wurde in den letzten Jahren weiterentwickelt und gilt als bedeutende Ursache für die Herausbildung der spekulativen Blase, die 2007 platzte. Im letzten Abschnitt dieses Kapitels wird die Rolle der Zentralbanken dargestellt, wobei sich der Fokus auf die US-amerikanische Federal Reserve Bank (Fed) und die Europäische Zentralbank (EZB) richtet. Um die Politik von ihnen beurteilen zu können, werden sowohl Zielsetzungen als auch die Entwicklung der Leitzinsen skizziert und mit wirtschaftlichen Daten verglichen. In Kapitel 7 wird der bisherige Verlauf der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise geschildert. Die Arbeit endet mit einem Resümee. Dabei wird zunächst eine abschließende Beurteilung der ökonomischen Blasenmodelle mit der Krise vorgenommen, ehe ein persönlicher Ausblick folgt.

2 Der Finanzmarkt

In der Fachliteratur existiert bisher keine eindeutige Definition für den Begriff Finanzmarkt, was überrascht, da gerade in den letzten Jahren dieser Terminus allgegenwärtig erschien. Insbesondere seine begriffliche Unterteilung gestaltet sich heterogen. Zur Charakterisierung des Finanzmarktes werden im Folgenden eine ökonomische Unterteilung nach Fristigkeit sowie eine soziologische Beschreibung nach inhaltlichen und strategischen Aspekten erfolgen.

Eine ökonomische Definition nach Fristigkeit

Grundsätzlich dient der Terminus Finanzmarkt als Oberbegriff für die Begriffe Geld- und Kapitalmarkt.[7] Der Erste umfasst traditionell den Markt für die kurzfristige Überlassung finanzieller Mittel zur Liquiditätssicherung, hauptsächlich zwischen den Geschäfts- und Zentralbanken, und der Zweite charakterisiert den Markt für die längerfristige Finanzierung privater oder öffentlicher Investitionen (Vgl. Büschgen 2001: 571; Huffschmid 2002: 24). Nach Pollert u. a. (2004: 102f; 432ff.) sind Finanztitel mit einer Kapitalbindung von bis zu einem Jahr dem Geldmarkt und alle längerfristigen Kontrakte dem Kapitalmarkt zuzuordnen. Darüber hinaus können Geschäfte mittlerer Fristigkeit dem Kreditmarkt zugeordnet werden (siehe Abbildung 1).

Abbildung 1: Der Finanzmarkt eingeteilt nach Fristigkeit

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eigene Abbildung in Anlehnung an Pollert u. a. (2004).

Eine soziologische Definition nach inhaltlichen und strategischen Aspekten

Um das Wesen des modernen Finanzmarktes zu erkennen, scheint eine Unterscheidung nach inhaltlichen und strategischen Aspekten aussagekräftiger, als eine Differenzierung nach der Fristigkeit. Die Durchsetzung des Begriffs Finanzmarkt ist nach Huffschmid (2002: 24) seit Beginn der 1990er Jahre erkennbar. Sein plötzliches Auftauchen transportiert mehr als die Erfindung eines klassifikatorischen Oberbegriffs. Vielmehr subsumiert er ein differenziertes und komplexes Geflecht von Unterbegriffen, deren Trennung aufgrund der Entstehung von neuen Finanzinstrumenten und Finanzinnovationen unscharf und schwieriger geworden ist. Nach Huffschmid (2002: 25) kann der Finanzmarkt in folgende fünf Segmente eingeteilt werden:

1. Der Kreditmarkt, mit den Banken als Gläubiger auf der einen, Privatpersonen, Unternehmen und Regierungen als Begünstigte und Schuldner auf der anderen Seite.
2. Der Primärmarkt für Wertpapierfinanzierungen. Dort beschaffen sich die Akteure durch die Ausgabe von Aktien oder die Auflage von Anleihen Finanzmittel direkt beim „Publikum“. Aktien verbriefen Anteile am Eigenkapital von Unternehmen (Aktiengesellschaften i.e.S.), die den Unternehmen zu Beginn ihrer Tätigkeit einen Kapitalzufluss von ihren Anteilseignern ermöglichen. Anleihen wiederum sind verbriefte Schuldtitel, d.h. es wird einer Gesellschaft eine bestimmte Summe an Kapital überlassen, das nach einer vereinbarten Zeit und zu einem festgelegten Zinssatz zurückgezahlt wird. Dieser Sektor ist der klassische Kapitalmarkt, der überwiegend über die Börse abgewickelt wird. Finanzunternehmen sind hierbei nicht als Kreditgeber, sondern als Vermittler zwischen Kapitalgebern und Kapitalnehmern tätig.
3. Der Sekundärmarkt für Wertpapierhandel. Dort werden bereits existierende Wertpapiere, deren Finanzierungsfunktion bereits erfüllt ist, gehandelt. Dabei tritt das Anlegerinteresse an hohen Zinsrenditen und steigenden Kursen gegenüber dem Finanzierungsinteresse in den Vordergrund.
4. Der Markt für Währungen (Devisenmarkt). Er ist für die Abwicklung von grenzüberschreitenden Investitionen erforderlich. Darüber hinaus hat er sich zu einem bevorzugten Spekulationsmarkt entwickelt.
5. Der Markt für abgeleitete Finanzinstrumente (Derivate), die auf Forderungen bzw. Verpflichtungen in der Zukunft beruhen und sich auf Preisschwankungen und Kurserwartungen anderer Investments beziehen. Hierbei steht zum einen die Sicherungsfunktion gegen Preisschwankungen für Handelspartner und zum anderen die Spekulation im Vordergrund (Vgl. Huffschmid 2002: 25). Zu den wichtigsten Derivaten gehören Optionen, Futures und Swaps (Vgl. Pollert u. a. 2004: 428).

Aktien und Anleihen gelten auf dem Finanzmarkt als die klassischen Anlageformen. Dementsprechend werden andere Kapitalanlagen auch als „Alternative Assets“[8] oder „Alternative Investments“ bezeichnet. Die bedeutendsten Anlageklassen innerhalb dieser Kategorie sind die Private-Equity- und die Hedge-Fonds (Vgl. Bloss u. a. 2008: 173; Böttger 2005: 3; Nitschke 2006: 1). Diese Sektoren bilden heute das komplexe Konstrukt moderner Finanzmärkte. Die Kombination der einzelnen Segmente kann zu wahrhaftiger Finanzakrobatik führen, die einerseits immense Gewinne oder andererseits systemgefährdende Abstürze hervorrufen kann (Vgl. Huffschmid 2002: 25).

In der Klassifikation nach Huffschmid (2002: 24f.) wird gezeigt, dass im Finanzmarkt sowohl Primärmärkte, als auch Sekundärmärkte existieren. Im ersten steht die eigentliche Finanzierungsfunktion im Vordergrund, während im zweiten Markt durch die Finanztitel selbst Gewinne angestrebt werden. Huffschmied (2002: 25) deutet die Existenz eines Sekundärmarkts explizit für den Markt für Wertpapiere und implizit für den Markt für Währungen und für den Markt für abgeleitete Finanzinstrumente an. Auf die Existenz eines Sekundärmarktes im Kreditmarkt weist er in seinem 2002 erschienenen Buch jedoch noch nicht hin, was kaum verwundert, da sich dieser noch in der Entwicklung befand (Vgl. Büschgen 2001: 571). Erst durch die Herausbildung der jüngsten „Finanzinnovation“ des verbrieften Handels von Krediten setzte sich auch im Kreditsektor ein zweiter Markt durch. Ein Sekundärmarkt der den Markt für Kredite und Derivate tangiert. Ferner wird hierbei erkennbar, dass sich ein spekulativer Sekundärmarkt gegenwärtig in allen Sektoren des Finanzmarktes herausgebildet hat.

Spätestens seit Beginn der 1990er Jahre hat in Deutschland die Aktie den Kredit als dominierendes Finanzierungsinstrument von Unternehmen abgelöst (Vgl. Huffschmid 2006: 16). Hierdurch hat sich ein spezifisches Produktionsmodell etabliert, das in der Sozialwissenschaft mit dem Terminus „Finanzmarkt-Kapitalismus“ charakterisiert wird. Die Bedeutung dieses Begriffs, seine Kennzeichen und die Unterschiede zu anderen Etappen des Kapitalismus werden im folgenden Kapitel beleuchtet.

3 Der Terminus Finanzmarkt-Kapitalismus

Seit mehr als 25 Jahren wird in der Sozialwissenschaft ein wachsender Einfluss des globalen Finanzmarktes auf die Struktur und Strategie der Unternehmen beobachtet (Vgl. Windolf 2005: 8). Dabei herrscht weitgehende Einigkeit darüber, dass die Globalisierung der Finanzmärkte die Spielregeln des ökonomischen Handelns grundlegend verändert hat (Vgl. Dörre 2007: 104).

Geld hat seit seiner Erfindung eine zentrale Rolle im gesellschaftlichen Leben der Menschen. Seine Bedeutung nahm im Zeitalter des Handelskapitalismus im 17. und 18. Jahrhundert zu. Für die wirtschaftstheoretischen Systeme des Monetarismus und Merkantilismus galt daher uneingeschränkt: Kapitalismus ist Geldwirtschaft. Im 19. Jahrhundert kam es zu einer weiteren bedeutenden Etappe. An die Seite von Papier- und Münzgeld kamen Kredite und Kreditgelder hinzu. Die Kreditwirtschaft wurde zum prägenden Element des Industriekapitalismus. Dabei zeichneten sich bis zum Jahrhundertwechsel bereits länderspezifische Unterschiede ab. So überwog in Deutschland und Kontinentaleuropa bis Ende der 1970er Jahre die langfristige Kreditfinanzierung. Das Bankenwesen und die wirtschaftlichen Beziehungen waren korporativ geprägt und es wurde sich am Stakeholder-Modell nachhaltiger Gewinnerzielung orientiert (Vgl. Busch 2008: 805f.). Die USA entwickelte sich hingegen zum „Land des Trusts und der anarchischen Konkurrenz“ (Windolf 2005: 13). Die Unternehmensfinanzierung erfolgt überwiegend am Kapitalmarkt über Aktien und Anleihen, womit das Shareholder-Value-Prinzip einhergeht (Vgl. Busch 2008: 806).

Durch die kreditbasierenden Beziehungen in Deutschland und Kontinentaleuropa entwickelte sich eine spezifische Form der „corporate governance“ zwischen den wirtschaftlichen Akteuren. Durch die Vergabe eines Investitionskredites bindet sich die Bank langfristig an ein Unternehmen. Die Bank hat kein Interesse daran, dass ihre Schuldner eine Strategie der Profitmaximierung verfolgen und damit möglicherweise hohe Risiken eingehen. Vielmehr besteht ein Bedürfnis an einem verlässlichen und (rück-)zahlungsfähigen Unternehmen (Vgl. Windolf 2005: 21f.). In Deutschland etablierte sich ein System, was im sozialen Bereich als „Rheinischer Kapitalismus“ und in der wirtschaftlichen Sphäre als die „Deutschland AG“ bezeichnet wird. Diese Phase war geprägt durch kooperative Beziehungen von Banken, Unternehmen und Gewerkschaften (Vgl. Köppen 2007: 2).

Der „Finanzmarkt-Kapitalismus“ unterscheidet sich von diesem interdependenten System des „organisierten Kapitalismus“[9]. Die Beziehungen zwischen dem Finanzmarkt und der Realökonomie werden nicht durch kreditbasierte Verträge zwischen einer Hausbank und dem Unternehmen, sondern durch die aktienbasierte Funktionsweise globaler Finanzmärkte dominiert (Vgl. Windolf 2005: 21ff.). Die Finanzierungsstruktur der deutschen Unternehmen (siehe Abbildung 2) hat sich in den letzten Jahrzehnten von der Kredit- zur Wertpapierfinanzierung verschoben (Vgl. Huffschmid 2006: 16).

Abbildung 2: Finanzierungsstruktur der Unternehmen in Deutschland 1970 - 2000

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Huffschmid (2006): 16; eigene Abbildung.

Von 1970 bis 2000 hat sich der relative Finanzierungsanteil im Unternehmenssektor durch die Aufnahme von Krediten von 36 auf 24 Prozent reduziert und die Wertpapierfinanzierung über die Emission von Aktien und Anleihen von 45 auf 63 Prozent erhöht. Der Aktienanteil ist von 38 auf 55 Prozent gestiegen (Vgl. Huffschmid 2006: 16). Der Finanzmarkt-Kapitalismus löst damit spätestens seit Ende der 1990er Jahre in den Zentren der globalen Wirtschaft den Industriekapitalismus ab, wodurch die produktiven Industrie- und Dienstleistungsunternehmen selbst zum Anlageobjekt geworden sind (Köppen 2007: 1). Die ursprüngliche Finanzierungsfunktion – obgleich sie nach wie vor eine elementare Rolle spielt – wurde in den letzten Jahrzehnten durch ein Spekulationsmotiv abgelöst (Vgl. Huffschmid 2002: 22f.). Huffschmid (2006: 14) bezeichnet diese Veränderung prägnant als einen Prozess „von der Investitionsfinanzierung zur Finanzinvestition“.

Mit diesem Wandel geht gleichzeitig eine tiefgreifende Veränderung im System der Unternehmenskontrolle einher (Vgl. Dörre 2006: 78). Das Kontrollinstrument ist nicht mehr der Kredit sondern die Aktie, mit deren Besitz die Aktionäre Eigentumsrechte erhalten (Vgl. Windolf 2005: 23). Aglietta (2000) charakterisiert diese strukturelle Veränderung als „Akkumulationsregime des Vermögensbesitzes“. Der Aktiengewinn und die Eigenkapitalrendite stellen in diesem Regime die Leitvariablen für das Verhalten der Unternehmen dar. Durch die Unternehmenskontrolle der institutionalisierten Anleger sind die Unternehmen gezwungen diese Variablen zu maximieren (Vgl. Aglietta 2000: 94ff.). Die dominierenden Elemente des Finanzmarkt-Kapitalismus sind die Aktienmärkte (Kapitalisierungsfunktion), die Investment-Fonds[10] (Eigentümer), Analysten und Ratingagenturen sowie Transfermechanismen wie (feindliche) Übernahmen (Vgl. Dörre 2006: 78; Windolf 2005: 20).

Die Investment-Fonds übertragen ihren „Renditedruck“ auf das Management der Unternehmen. Dementsprechend erfolgt eine Konzentration auf die profitabelsten Kerngeschäfte und die Quersubventionierung von weniger rentablen Unternehmensbereichen fällt weg. Durch Ausgründungen (Spin-Offs) und Auslagerungen (Outsourcing) sind kleinere Organisationseinheiten entstanden, die in einem höheren Maße von Konjunkturschwankungen und Gewinnvorgaben abhängig sind. Ein wachsender Vergütungs- und Leistungsdruck sowie marktförmig angepasste Arbeitsbeziehungen sind die Kennzeichen dieses Wandels (Vgl. Dörre 2006: 78f.). Damit einher geht die Umgestaltung der Produktionsweise von der fordistischen Massenproduktion zu einem flexibilisierten postfordistischen Produktionsmodell. Obgleich sich dieses Produktionsmodell weder vollständig noch flächendeckend ausgebreitet hat, prägt es mehr und mehr das Gesicht der Arbeitsgesellschaft. Das postfordistische Produktionsmodell manifestiert sich in einem Prozess, in dem tendenziell alle Bereiche der Arbeitsgesellschaft – ob im Bereich der Produktion, Dienstleistung oder Bildung – „marktförmigen Steuerungsmechanismen und Finanzkalkülen“ unterworfen werden (Vgl. Dörre/Brinkmann 2005: 86).

Analysten erfüllen eine kalkulatorische und stabilisierende Funktion im System des Finanzmarktes. Sie transformieren Unsicherheit in Risiko, indem sie die zukünftigen Gewinne eines Unternehmens schätzen. Die Investoren erwarten von Ihnen eine Empfehlung: kaufen oder verkaufen. Die Analysten liefern dabei den Risikofaktor, der zur Feststellung des Aktienkurses und damit zur Kalkulation des Preises für Zahlungsversprechen (Kapitalisierung) benötigt wird. Hierfür werden sie von Investment-Fonds und Wertpapierhändlern (Broker) bezahlt, die gleichzeitig ein großes Interesse am Inhalt der von den Analysten publizierten Prognosen haben. Daraus resultiert ein offensichtlicher Interessenkonflikt. Einerseits sind Analysten den Anlegern gegenüber zu korrekten Prognosen verpflichtet und andererseits erwartet die Investment-Bank „optimistische“ Vorhersagen als Verkaufshilfe. Letztlich agieren Analysten als Verkaufshelfer für die Investment-Fonds, da ihre berufliche Zukunft von ihnen abhängt. Zudem erhöht sich ihre Chance von einem Top-Wertpapierhaus wie Merrill Lynch oder Morgan Stanley beschäftigt zu werden, wenn überdurchschnittliche Gewinne prognostiziert werden. Der institutionelle Kontext begünstigt daher die Gelegenheit für Korruption (Vgl. Windolf 2005: 40ff.).

Die Ratingagenturen erfüllen auf dem Finanzmarkt die Funktion, die Zahlungsfähigkeit von den Markteilnehmern zu beurteilen, die als Kreditnehmer oder Emittent von festverzinslichen Wertpapieren auftreten. Sie analysieren sowohl gegenwärtige als auch zukünftige Faktoren, die die Tilgung einer Schuld gefährden könnten (Vgl. Bloss u. a. 2008: 88). Dabei werden in standardisierter und komprimierter Form drei Typen von Informationen ermittelt. Erstens die ökonomische Effizienz (Ertragsentwicklung), zweitens die Einhaltung ethischer Prinzipien (ehrbarer Kaufmann) und drittens normative Standards, die auf dem Finanzmarkt als „best practice“ bezeichnet werden. Ratingagenturen sind privatwirtschaftlich organisiert und werden von den Marktteilnehmern finanziert, die sie beurteilen[11]. Auch hierbei ist ein offensichtliches Risiko für Korruption erkennbar, dass allerdings geringer als bei Analysten einzuschätzen ist. Es gibt mit Moody´s Investors, Standard & Poors und Fitch Ratings weltweit nur drei große Ratingagenturen.[12] Sie orientieren sich an einem „Code of Practices and Procedures“, der sich weitestgehend durchgesetzt hat und einen Beurteilungsrahmen vorgibt (Vgl. Windolf 2005: 43ff.). Die aktuelle Finanz- und Wirtschaftskrise hat jedoch große Schwachstellen bei der Marktregulierung durch Ratingagenturen offenbart.

Mit dem Wandel zum Finanzmarkt-Kapitalismus hat sich auch eine Veränderung in der Kapitalakkumulation vollzogen. Chesnais (2004) begründet mit einem Rückgriff und einer Weiterentwicklung des Marxschen Begriffs des „fiktiven Kapitals“ (Vgl. Marx 1968, MEW 25: 481ff.; 521ff.), dass „Vermögen“ und „Kapital“, die aus Wertpapieren bestehen, weitgehend fiktiv sind (Vgl. Chesnais 2004: 226). Mit dem Übergang zum Finanzinvestment dominiert somit zumindest zeitweilig die fiktive Kapitalakkumulation über die reale Kapitalakkumulation (Vgl. Dörre 2006: 78). Damit ist eine Reihe von Veränderungen des volkswirtschaftlichen Gesamtprozesses verbunden. So kommt es zu einer relativen „Entkopplung von Produkt- und Kapitalmarkt“ (Vgl. Kühl 2003: 78) beziehungsweise zu einer „Verselbstständigung“ der monetären gegenüber der realwirtschaftlichen Sphäre (Vgl. Busch 2008: 809).[13] Diese Phase ist einerseits Ausdruck der besonderen Macht über die reale Wirtschaft, die mit dem Wertpapierbesitz auf den Finanzmärkten einhergeht. Andererseits versinnbildlicht sie eine einfache „Blase“. Der fiktive Charakter wird offensichtlich, wenn Börsencrashs oder finanzielle Zusammenbrüche größeren Ausmaßes eintreten. Die Folgen dieser Wertzerstörung können für die reale Wirtschaft katastrophal sein, insbesondere wenn sie andere Finanzmärkte destabilisieren, wie z.B. Forderungen aus mittel- und langfristigen Bankkrediten (Vgl. Chesnais 2004: 226f.). Dies ist bei der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise der Fall.

Wie bereits in der Einleitung erwähnt, wurden in der jüngsten Literatur zur gegenwärtigen Krise verschiedene ökonomische Blasenmodelle genannt, die den Krisenverlauf und seine Ursachen beschreiben können. Hierzu wurden der Erklärungsversuch spekulativer Euphorie von Galbraith[14], das Fischer-Minsky-Kindleberger-Modell[15] sowie die konjunkturellen Turbulenzen durch verzerrte Zinssätze von Hayek[16] zitiert. Im späteren Verlauf der Arbeit soll untersucht werden ob, und wenn ja, bei welchen Teilaspekten diese Ansätze tatsächlich die Krise erklären können. Hierzu soll und muss sich auf die Kernaussagen der Modelle beschränkt werden, um einen überschaubaren analytischen Rahmen zu gewährleisten, der eine zielgenaue Analyse jenseits von subjektiven Mehrdeutungen ermöglicht. Um diesem Anspruch gerecht zu werden, wurde neben den Originalquellen auch Sekundärliteratur berücksichtigt, die sich auf die Kernaussagen der Modelle konzentriert.

4 Ökonomische Blasenmodelle

4.1 Der Erklärungsversuch spekulativer Euphorie von Galbraith

Der Ansatz von Galbraith (1908-2006), der in dieser Arbeit als „Der Erklärungsversuch spekulativer Euphorie“ bezeichnet wird, baut im Wesentlichen auf seine Werke „Der große Crash von 1929“ (2008) sowie „Finanzgenies - Eine kurze Geschichte der Spekulation“ (1992) auf. Durch die Betrachtung von verschiedenen spekulativen Blasen seit dem 17. Jahrhundert entwickelte er einen psychologisch orientierten Theorieansatz. Galbraith beschreibt in unverblümter Art und Weise, warum sich in der langen Geschichte ökonomischer Blasen immer wieder neue spekulative Euphorie entwickeln konnte. Den Verlauf einer spekulativen Blase teilt Galbraith in drei Hauptphasen ein:

1. Durch irgendein Produkt oder eine Entwicklung entsteht die Erwartung, dass es tatsächlich etwas ganz Neues auf der Welt gibt (Vgl. Galbraith 1992: 23). Der Preis für das Spekulationsobjekt steigt (Vgl. Galbraith 1992: 10).
2. Dieser Preisanstieg lockt weitere Käufer an, die damit einen weiteren Anstieg absichern. Es entsteht eine spekulative Eigendynamik (Vgl. Galbraith 1992: 10).
3. Irgendetwas, oftmals eine Kleinigkeit, löst die Umkehr aus. Wer auf den Aufwärtstrend gesetzt hat, erklärt nun den Zeitpunkt zum Ausstieg für gekommen. Die anderen, die an einen ewigen Anstieg des Preises geglaubt haben, werden „auf den Boden der Tatsachen geholt“ und versuchen das Spekulationsobjekt zu verkaufen. Die Folge ist der unvermeidliche Zusammenbruch der Preise für das Spekulationsobjekt (Vgl. Galbraith 1992: 11f.).

Galbraith beschreibt in seinen zugrunde liegenden Werken (1992; 2008) eine Vielzahl von Aspekten, die mit dem Zustandekommen einer spekulativen Blase korrelieren. Im Rahmen dieser Arbeit werden die folgenden drei zentralen Aussagen vorgestellt, die er für das Zustandekommen schwerer Wirtschaftskrisen als ursächlich ansieht:

1. Eine zu ungleiche Einkommens- und Vermögensverteilung: Wenn sich immer mehr Einkommen und Vermögen bei wenigen Haushalten konzentriert, können diese Haushalte ihr Vermögen nicht mehr ausgeben. Ein immer größerer Teil dieses Vermögens fließt in spekulative Zwecke.[17] Damit wird die Wirtschaft zunehmend krisenanfällig (Vgl. Otte in Galbraith 2008: 13).
2. Die „Finanzinnovationen“: „Kaum etwas wiederholt sich in der Geschichte ganz genau. Aber jedem Crash geht eine Phase der Phantasie voraus – und die Phantasie benötigt ein Vehikel.“ 1929 waren es die Holdinggesellschaften und Investment-Trusts. Nach dem zweiten Weltkrieg waren es die regulären und um 1972 die neuen Aktienfonds. 1987 wurde die Innovation „Portfolioversicherung“ genannt und nach dem Jahr 2000 hießen die neuen Vehikel „Verbriefte Produkte“, „Finanzderivate“, „Hedge-Fonds“ und „Private-Equity-Fonds“ (Vgl. Otte in Galbraith 2008: 14). Oder um es in den Worten von Galbraith auszudrücken: „Die Regel besagt, daß sich Finanzgeschäfte nicht für Innovationen eignen (Vgl. Galbraith 1992: 24).“
3. Leverage[18]: Die systematische Verschuldung als Hebelwirkung, um noch größere Gewinne zu erzielen, war ein Kennzeichen sämtlicher Blasen und den damit einhergehenden wirtschaftlichen Krisen (Vgl. Galbraith 1992: 24f.).

Für die Phase nach dem unvermeidlichen Zusammenbruch beschreibt Galbraith ebenfalls typische Verhaltensmerkmale (Vgl. Galbraith 1992: 26ff.). Diese Kennzeichen können als Analyserahmen ebenfalls dienlich sein. Da sich diese Phase bei der aktuellen globalen Wirtschaftskrise jedoch noch am Anfang befindet und keineswegs abgeschlossen ist, erweisen sich diese Merkmale als nicht vollständig überprüfbar. Daher wird auf eine weitere Betrachtung an dieser Stelle verzichtet. Im nun folgenden Abschnitt werden die zentralen Aussagen des Modells von Fischer, Minsky und Kindleberger vorgestellt.

4.2 Das Fischer-Minsky-Kindleberger-Modell

Im Jahr 1978 veröffentlichte Charles P. Kindleberger sein viel zitiertes Buch „Manias, Panics, and Crashes“. Aufbauend auf die Arbeiten von Irving Fischer und Hyman P. Minsky entwickelte er ein Modell, das den typischen Verlauf eines boom-and-bust-cycle (Auf- und Abschwungkreislauf) darstellt. Dieses so genannte Fischer-Minsky-Kindleberger-Modell erkennt eine Finanzkrise als Folge der Exzesse eines vorherigen Booms (Vgl. Abele 2006: 83; Varnholt 1995: 18). Für den Verlauf einer typischen Finanzkrise seien folgende sechs Entwicklungsstufen kennzeichnend (Vgl. Kindleberger 1989: 16ff.; Varnholt 1995: 18ff.):

1. Ausgelöst z.B. durch den Anfang oder das Ende eines Krieges oder technologische Umbrüche wie die Verbreitung der Computertechnik in den 1990er Jahren, ergeben sich positive Investitionsmöglichkeiten die Gewinne versprechen lassen („Displacement“).
2. Die vermeintlichen Gewinnmöglichkeiten locken und vermehren das Geldangebot. Die Banken vergeben mehr Kredite („Expansion of Bank Credit“).
3. Die tatsächlichen erzielten Gewinne im neuen Sektor locken die Masse der Spekulanten und Investoren. Es entsteht Euphorie und die eigentliche Spekulationsphase beginnt („Euphoria“). Durch die erhöhte Spekulationsnachfrage[19] („Manias and Bubbles“) steigen die Preise für das Anlageobjekt. Gleichzeitig steigt die Verschuldung, um an den vermeintlich sicheren Profitmöglichkeiten noch im größeren Umfang teilnehmen zu können.
4. Das steigende Preisniveau senkt den Realwert der Schulden und begünstigt damit die Bereitschaft zu weiteren Kreditaufnahmen. Die erhöhte Umlaufgeschwindigkeit des Geldes und die steigende Kreditnachfrage führen zu steigenden Zinsen bei den Kreditinstituten.
5. Insider beginnen in dieser Phase auszusteigen, um ihre realisierten Gewinne abzuschöpfen. Hierdurch kommt es zum Ende des Preisanstiegs. Da viele Marktteilnehmer hoch verschuldet am Markt investiert haben und auf weitere Preisanstiege angewiesen sind, breitet sich Sorge unter den Akteuren aus. In dieser Phase des „Financial Distress“ reichen unerwartete Veränderungen, wie der Konkurs eines wichtigen Wirtschaftsubjektes aus, um die Stimmung endgültig zu kippen.
6. Wenn sich viele Markteilnehmer dieser Gefahr gleichzeitig bewusst werden („Revulsion“), kann es zu Panikverkäufen kommen, die durch Kreditrationierungen und Kreditrückrufe der Banken verstärkt werden. Die Kreditvergabe der Banken wird restriktiv, andere Unternehmen und Privatpersonen geraten ohne Zugang zu liquiden Mitteln in Schwierigkeiten und können ihre Zins- und Tilgungsraten nicht mehr begleichen („Discredit“). Die Banken sitzen damit auf faulen Krediten und die Kunden ziehen besorgt ihre Einlagen ab. Auch ein „Run“ auf die Kreditinstitute wie 1929 ist möglich, was Kindleberger bei seiner Beschreibung mit dem deutschen Begriff „Torschlusspanik“ umschreibt. Banken drohen bankrott zu gehen. Es kommt zu einem sich selbst verstärkenden Trend, der in einer Finanzkrise mündet („Crisis“).

[...]


[1] Leaven/Valencia (2008) zählen in ihrer aktualisierten und überarbeiteten Studie für die Weltbank - für den Zeitraum von 1970 bis 2007 - insgesamt 124 systemische Finanzkrisen. Auf eine Erhebung von nichtsystemischen Krisen wurde in dieser Studie verzichtet.

[2] Der Begriff kennzeichnet einen Krisenzustand, der durch die Kreditvergabe an Schuldner mit geringer bzw. suboptimaler Bonität (Subprime-Kreditnehmer) hervorgerufen wurde (Vgl. Bloss u. a. 2008: 9).

[3] So z.B. Münchau (2008); Schäfer (2009); Wagenknecht (2008).

[4] So z.B. Hickel (2007); Wagenknecht (2008); Zeise (2008).

[5] So z.B. Bloss u. a. (2008); Starbatty (2008).

[6] Die Eigenkapitalrendite ist das prozentuale Verhältnis von (Netto-)Gewinn und Eigenkapital. Die Rendite wächst, je weniger Eigenkapital für die Gewinnerzielung notwendig ist. Die Eigenkapitalrendite drückt daher auch die „Rentabilität“ eines Geschäftes bzw. einer Investition aus (Vgl. Hermsen, Jürgen 1999: 363ff.).

[7] Abweichend hierzu benennt bspw. Kyrer (2001: 320) den Begriff Kreditmarkt als Oberbegriff für den Geld- und Kapitalmarkt.

[8] Neben Private-Equity- und Hedge-Fonds werden unter anderem Real Estate sowie Immobilien, Asset Backed Securities (ABS) und Derivate gelegentlich auch den „Alternative Assets“ zugeordnet (Vgl. Bloss u. a. 2008: 173; Böttger 2005: 3).

[9] Hilferding 1915 (zitiert nach Windolf 2005: 21ff.).

[10] In diesem Abschnitt fungiert der Begriff „Investment-Fonds“ als Oberbegriff für alle institutionalisierten Anleger, also z.B. auch für Private-Equity- oder Hedge-Fonds.

[11] Die Beurteilung erfolgt in Form von Ratingstufen. Das beste Rating ist üblicherweise ein AAA (Tripple A) und stuft sich ab in AA+, AA, AA-, A+ etc. Das schlechteste Rating für hoch spekulative Anlagen (Junk Bonds) ist C bzw. D. Eine Übersicht über die spezifischen Ratingstufen der drei größten Ratingagenturen liefert Hellmeyer (2008): 87.

[12] Ihr gemeinsamer Marktanteil liegt bei ca. 95 Prozent (Vgl. Windolf 2005: 45).

[13] Es ist jedoch nicht unumstritten, ob eine solche Entkopplung der Finanz- und Realwirtschaft tatsächlich möglich ist (Vgl. dazu Menkhoff/Tolksdorf 1999). In Kapitel 5.3 wird dieses Thema erneut aufgegriffen.

[14] So z.B. Münchau (2008): 40ff.; Schäfer (2009): 218ff.; Wagenknecht (2008): 90.

[15] So z.B. Hickel (2007); Wagenknecht (2008): 76ff.; Zeise (2008): 10ff.

[16] So z.B. Bloss u .a. (2008): 29ff.; Starbatty (2008): 1ff.

[17] Hierbei wird eine Parallele zur keynesianischen Spekulationskassen- und Wertpapierhaltung erkennbar, die bei festverzinslichen Wertpapieren gesamtwirtschaftlich vom Zinssatz, von den Zinserwartungen und vom gesamtwirtschaftlichen (Nominal- bzw. Real-)Vermögen abhängen. Die Klassische und Neoklassische Theorie betont dagegen nur die Tauschmittelfunktion des Geldes (Vgl. Wohltmann 2000: 185ff.).

[18] Eine weiterführende Klärung des Leverage erfolgt in Kapitel 6.1.

[19] Ähnlich zum Modell von Galbraith ist hierbei auch eine Parallele zur keynesianischen Spekulationskassen- und Wertpapierhaltung erkennbar.

Ende der Leseprobe aus 91 Seiten

Details

Titel
Die globale Wirtschaftskrise. Ursachen, Verlauf und sozioökonomische Interdependenzen
Untertitel
Eine kritische Analyse
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Lehrstuhl für Arbeits-, Industrie- und Wirtschaftssoziologie)
Note
1,3
Autor
Jahr
2009
Seiten
91
Katalognummer
V140250
ISBN (eBook)
9783640497317
ISBN (Buch)
9783640497065
Dateigröße
972 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Finanzkrise, Wirtschaftskrise, Blasenmodelle, Bubble, Galbraith, Fischer, Minsky, Kindleberger, Hayek, Bretton Woods, Deregulierung, Finanzmarkt, Finanzmarkt-Kapitalismus, Verbriefung, Pfandbriefe, ABS, MBS, CDO, CDS, Zentralbanken, EZB, Fed, Hedge-Fonds, Hedge Funds, Private-Equity, Leverage, Leverage-Effekt, Pensionsfonds, Kapitalgedeckte Altersvorsorge, Neoklassik, Keynesianismus, Entkopplung, Realwirtschaft, Bruttoinlandprodukt, Finanzaktiva, Vermögensungleichheit, Deutschland AG, Rheinischer Kapitalismus, Fordismus, Postfordismus, Shareholder Value, Herdenverhalten, Fiktives Kapital, Globalisierung
Arbeit zitieren
Raoul Weise (Autor), 2009, Die globale Wirtschaftskrise. Ursachen, Verlauf und sozioökonomische Interdependenzen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/140250

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