Verschiedene Autoren, wie beispielsweise Émile Durkheim (1983) und Jean Baechler (1981) haben sich sowohl mit den früheren als auch den aktuelleren Selbstmorden zu ihrer Zeit beschäftigt und versucht, diese anhand verschiedener gesellschaftlicher Faktoren in unterschiedliche Selbstmordtypen zu unterteilen. Es stellt sich die Frage, ob sich die Selbstmorde bei der France Télécom in dem Schema der herausgearbeiteten Selbstmordtypen von den eben genannten Autoren wiederfinden lassen.
Um dieser Frage auf den Grund zu gehen wird zunächst der Begriff Selbstmord nach dem Verständnis von Émilie Durkheim (1983) und Jean Baechler (1981) erläutert. Anschließend wird das Leben von Émilie Durkheim (1983) kurz vorgestellt, woraufhin die von ihm definierten Selbstmordtypen dargestellt werden. In Folge dessen wird kurz der Lebensweg von Jean Baechler (1981) und die von ihm definierten Selbstmordtypen beschrieben. Im Anschluss daran wird eine kurze Zusammenfassung der Geschehnisse bei der France Télécom geliefert, wo die spezifischen Charakteristiken der Selbstmorde - soweit an Hand der öffentlich zugänglichen Datenlage möglich – herausgearbeitet und mit den vorangegangenen Selbstmordtypen nach Durkheim (1983) und Baechler (1981) verglichen werden. Somit soll erörtert werden, ob sich ein neuer Selbstmordtyp entwickelt hat oder ob sich dieser bereits in den Theorien der eben genannten Autoren wiederfindet. Am Ende werden die Befunde diskutiert.
In der jüngeren Vergangenheit erschütterte eine Selbstmordserie in Frankreich die Nation. Laut unterschiedlichen Quellen haben sich zwischen 18 und 35 Mitarbeiter bei der France Télécom das Leben genommen. Weitere Mitarbeiter erlitten psychische Erkrankungen, wiederum Andere haben einen Selbstmordversuch durchgeführt. Es heißt, dass diese Menschen unter Intrigen seitens der Geschäftsführung sowie enormen Arbeitsstress gelitten haben sollen. Die Gründe für einen Selbstmord können vielfältig sein. So gab es in Deutschland zum Ende der Weimarer Republik 1932 18934 registrierte Selbstmorde und vor dem ersten Weltkrieg war die Selbstmordrate fast das Zweifache der Raten von Frankreich oder Großbritannien gewesen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Definition des Begriffes Suizid nach Émile Durkheim und Jean Baechler
3. Kurzer Überblick über die Person Émile Durkheim
4. Selbstmordtypen nach Émile Durkheim
4.1 Egoistischer Selbstmord
4.2 Altruistischer Selbstmord
4.3 Anomischer Selbstmord
4.4 Fatalistischer Selbstmord
4.5 Kritische Reflexion
5. Kurzer Überblick über die Person Jean Baechler
6. Selbstmordtypen nach Jean Baechler
6.1 Eskapistischer Selbstmord
6.2 Aggressiver Selbstmord
6.3 Oblativer Selbstmord
6.4 Spielerischer Selbstmord
7. Selbstmorde bei der France Télécom
8. Zuordnung der Suizidtypen zu den Suizidanten der France Télécom
9. Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht, ob die Selbstmordwelle bei der France Télécom im Rahmen der etablierten soziologischen Selbstmordtheorien von Émile Durkheim und Jean Baechler verstanden werden kann. Das primäre Ziel ist es, die spezifischen Fälle der Angestellten zu analysieren und festzustellen, ob sie bestehenden Typologisierungen entsprechen oder Anzeichen für neue Phänomene liefern.
- Vergleichende Analyse soziologischer Suizidtheorien
- Darstellung der Selbstmordtypen nach Durkheim und Baechler
- Untersuchung der Arbeitsbedingungen und der Privatisierungsfolgen bei der France Télécom
- Klassifizierung der Suizidfälle anhand theoretischer Kategorien
- Diskussion über kollektive Ordnung und psychische Auswirkungen von Mobbing
Auszug aus dem Buch
7. Selbstmorde bei der France Télécom
2004 wurde die France Télécom vom französischen Staat privatisiert und in Orange umbenannt (vgl. Pany, 2019: o.S.; Raymond, 2019: o.S.). Daraufhin musste das Unternehmen Sparmaßnahmen ergreifen und tausende Stellen streichen, um weiter wettbewerbsfähig zu bleiben und Schulden zu tilgen. Eine in diesem Zusammenhang sehr große Herausforderung stellte der Faktor da, dass viele der Angestellten dieser Firma Beamte waren und aufgrund des französischen Arbeitnehmergesetzes nicht einfach entlassen werden konnten, sondern nur freiwillig den Betrieb verlassen konnten. Zudem wollten die Menschen während der Finanzkrise in Frankreich ihren vermeintlich sicheren Job nicht aufgeben (vgl. Dittmer, 2019: o.S.). Dementsprechend entwickelte das Managerteam von Lombard (CEO France Télécom 2005-2010) einen Plan, der die Beamten dieser Firma dazu bringen sollte, die Firma freiwillig und nach Möglichkeit ohne Abfindung zu verlassen (vgl. Klimm, 2019: o.S.; Pany, 2019: o.S.). Dieser Plan sah vor, psychologischen Druck auf die Arbeitnehmer auszuüben und Frustration zu erschaffen. So kam es zu Zwangsversetzungen, Einschüchterungsversuchen und zunehmendem Arbeitsdruck. Weitere Führungskräfte wurden in den Plan mit eingebunden und darin geschult, die Methoden weiter auszuüben. Dabei wurden diese anhand des erreichten Stellenabbaus bewertet (vgl. Dittmer, 2019: o.S; Klimm, 2019: o.S.; Pany, 2019: o.S.; Schubert, 2019: o.S.).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Suizidserie bei der France Télécom ein und umreißt die theoretischen Grundlagen sowie die Zielsetzung, diese Fälle soziologisch einzuordnen.
2. Definition des Begriffes Suizid nach Émile Durkheim und Jean Baechler: Dieses Kapitel vergleicht die unterschiedlichen Suizidbegriffe der beiden Autoren, wobei Durkheim den Fokus auf soziale Fakten legt und Baechler die individuelle Problemlösung betont.
3. Kurzer Überblick über die Person Émile Durkheim: Eine biographische Skizze des Soziologen Durkheim, die seinen akademischen Werdegang und seine bedeutenden Werke beleuchtet.
4. Selbstmordtypen nach Émile Durkheim: Detaillierte Darstellung der vier Suizidtypen nach Durkheim – egoistisch, altruistisch, anomisch und fatalistisch – inklusive einer kritischen Reflexion.
5. Kurzer Überblick über die Person Jean Baechler: Eine biographische Skizze von Jean Baechler, die sein Wirken und seine soziologische Forschung kurz zusammenfasst.
6. Selbstmordtypen nach Jean Baechler: Erläuterung der vier Hauptkategorien Baechlers – eskapistisch, aggressiv, oblativ und spielerisch – und deren jeweilige Untertypen.
7. Selbstmorde bei der France Télécom: Analyse der historischen und betrieblichen Hintergründe der Privatisierung der France Télécom und der daraus resultierenden, bewusst erzeugten Arbeitsbedingungen.
8. Zuordnung der Suizidtypen zu den Suizidanten der France Télécom: Anwendung der theoretischen Konzepte auf die konkreten Suizidfälle bei der France Télécom zur wissenschaftlichen Einordnung der Vorfälle.
9. Fazit: Das abschließende Kapitel synthetisiert die Ergebnisse und kommt zu dem Schluss, dass die Vorfälle zwar in die bestehenden Theorien einzuordnen sind, die Datenlage jedoch weitere Forschung limitiert.
Schlüsselwörter
France Télécom, Émile Durkheim, Jean Baechler, Suizidtheorie, Mobbing, Privatisierung, Arbeitsstress, egoistischer Selbstmord, eskapistischer Selbstmord, anomischer Selbstmord, kollektive Ordnung, Suizidprävention, Arbeitsmarkt, psychische Erkrankungen.
Häufig gestellte Fragen
Was ist das grundlegende Thema dieser Arbeit?
Die Arbeit untersucht die Suizidserie bei der France Télécom und versucht, diese anhand der soziologischen Klassifizierungen von Émile Durkheim und Jean Baechler theoretisch zu erfassen.
Welche zentralen Themenbereiche werden bearbeitet?
Das Spektrum reicht von der Definition des Suizids über die Lebenswege und Theorien von Durkheim und Baechler bis hin zur konkreten Fallanalyse des Umbaus der France Télécom.
Welches wissenschaftliche Hauptziel verfolgt die Arbeit?
Das Ziel ist es zu prüfen, inwieweit die Selbstmorde bei der France Télécom als eskapistisch, egoistisch oder anomisch klassifiziert werden können und ob diese Kategorien zur Erklärung der Vorfälle ausreichen.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden angewandt?
Die Arbeit nutzt die Literaturanalyse vorhandener soziologischer Theorien und vergleicht diese mit öffentlich zugänglichen Berichten und Daten über die Suizidrate bei der France Télécom.
Werden die Suizidfälle einer bestimmten Kategorie zugeordnet?
Ja, der Autor ordnet die Fälle überwiegend als eskapistischen privaten Trauerselbstmord ein, sieht aber auch Anteile von aggressivem und anomischem Suizid.
Welche Schlüsselbegriffe sind für die Arbeit entscheidend?
Neben den Namen der Theoretiker sind Begriffe wie Arbeitsdruck, kollektive Ordnung, soziale Isolation und strukturelle Gewalt für das Verständnis der Arbeit zentral.
Warum spielt die Privatisierung für die Suizidserie eine so große Rolle?
Die Privatisierung führte laut Autor zum Wegfall des Sicherheitsgefühls, das mit der Verbeamtung einherging, und setzte die Mitarbeiter unter einen immensen, strategisch geplanten Druck, das Unternehmen freiwillig zu verlassen.
Können diese Suizide auch als Rachehandlungen gewertet werden?
Ja, bei einigen Fällen, besonders wenn sie in der Öffentlichkeit und unter demonstrativen Aspekten geschahen, identifiziert der Autor Motive, die dem aggressiven Suizidtypus nach Baechler entsprechen.
Erhärtet das Fazit die theoretische Anwendbarkeit?
Das Fazit bestätigt, dass viele der Suizide in das Schema passen, bemängelt jedoch gleichzeitig die eingeschränkte Datenlage, die eine absolut trennscharfe Einordnung erschwert.
- Citar trabajo
- Jeremy Moeller (Autor), 2021, Aktualität gängiger soziologischer Suizidtheorien an aktuellen Beispielen, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1402596