Dokumentarfilm als Medienkombination - "Nuit et Brouillard" (1955) von Resnais


Hausarbeit (Hauptseminar), 2009

14 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Hinführung zum Thema

2. Historisches Material als Medium begreifen

3. Filmanalyse bezüglich Unterschiedlichkeit von Bildern in Nuit et Brouillard

4. Dokumentarfilm als Medienkombination anhand von Nuit et Brouillard

5. Schlussbemerkung

6. Literatur- und Quellenverzeichnis

7. Filmverzeichnis

1. Hinführung zum Thema

Grundsätzlich ist das Verständnis den Film als ein eigenständiges Einzelmedium zu begreifen heute so weit vorgeschritten, dass es schwer fällt einen bestimmten Film unter dem intermedialen Gesichtspunkt der Medienkombination zu begreifen. Medienkombination setzt nämlich voraus, dass sich mindestens zwei Medien in ihrer Eigenständigkeit begegnen und auch deutlich sichtbar wird in welcher Art und Weise. Ab welchem Punkt sich nun ein bestimmtes Medium innerhalb eines bestimmten Films als eigenständig erweist, muss natürlich bis ins Detail gedacht und analysiert werden. Es bedeutet nicht beim sofortigen Sichtbarwerden eines medialen Aspektes (Botschaft[1] ), dass dadurch gleichzeitig die Eigenständigkeit dieses Mediums im jeweiligen Film selbst gegeben ist. Um diese Definitionsproblematik an einem bestimmten Filmbeispiel zu erörtern, muss ein weiteres Problemfeld aufgefächert werden um danach in eine detaillierte Fragestellung einzusteigen.

Der Dokumentarfilm unterscheidet sich von vielen anderen Filmrichtungen unter anderem dadurch, dass er auf Fakten/Tatsachen oder auch historische Materialien rekurriert und versucht ein hohes Maß an Objektivität zu gewährleisten. Im Speziellen fungiert das historische Material oftmals als Beweismittel bestimmter Thesen und Argumente. Die Gefahr liegt auf der Hand und ist unter zahlreichen Gesichtspunkten und Fragestellungen schon mehrfach theoretisch abgehandelt worden. Es sollte also bekannt sein: das Medium als Übermittler kann immer trügerisch sein. Die Wichtigkeit der kritischen Wahrnehmung ist demnach von immenser Bedeutung.

Das Bild ist aus Vielem gemacht. Damit ist seine Natur als Amalgam beschrieben, seine Unreinheit, seine Vermischung sichtbarer und ungeordneter Dinge, trügerischer und erhellender Sachverhalte, visueller Formen und gedanklicher Vorgänge. Das Bild ist also weder alles […] noch ist es nichts […].[2]

Natürlich schließt sich aus diesen Bestimmungen keine neue Erkenntnis, jedoch ergeben sich daraus innerhalb des aufgeworfenen Problemfelds einige interessante und diskussionswürdige Aspekte. Historisches Bildmaterial (Film und Fotografie), welches innerhalb vieler Dokumentarfilme Verwendung findet, kann nicht nur deshalb nicht als ein absolutes Faktum herhalten, weil es eben auch immer trügerisch sein kann und die Potenz aufweist den Empfänger in seiner Wahrnehmung zu beeinflussen, sondern auch aufgrund der ihm eigenen Geschichte und dem immer mitschwingenden Gedächtnis seiner bisherigen Verwendung. Daraus resultiert ein besonderer medialer Charakter des historischen Materials (Vgl: Kap. 2). Dieser Medialitätscharakter hat zur Folge, dass der Dokumentarfilm eben auch unter einem Blickwinkel der Medienkombination betrachtet werden könnte, wenn ersichtlich heraus gearbeitet wird, dass besondere Eigenschaften der Einzelmedien historisches Material und Filmbildern gegeben sind (Vgl: Kap. 4). Um diese These in ein aussagekräftigeres Verhältnis zu stellen, findet ein ganz bestimmter Dokumentarfilm als Analysepunkt Verwendung. Es wird sich im Laufe dieser Abhandlung im Idealfall herausstellen, dass sich mit Nuit et Brouillard von Alain Resnais aus dem Jahre 1955 ein ganz bestimmter und geschichtsträchtiger Film für die paradigmatische Beispielhaftigkeit der aufgeworfenen These gefunden hat. Besonders die Archivaufnahmen, also das historische Bildmaterial,

[…] die durch diesen Film bekannt wurden, wurden später in zahlreichen anderen Dokumentarfilmen wieder verwendet und haben sich so dem Zuschauer eingeprägt. Das kann zu einer gewissen Abstumpfung führen; das Maß der Eindringlichkeit schwindet mit dem Bekanntheitsgrad der Aufnahmen. Die technische Visualisierbarkeit von Kriegsschrecken hat im zwanzigsten Jahrhundert die Erinnerungsarbeit ganz erheblich beeinflusst. Durch die vielfältige Konfrontation mit historischem Bildmaterial teilen viele in hohem Maße ein audiovisuell gesteuertes historisches Bewußtsein.[3]

Im folgenden Kapitel sei zunächst geklärt, inwieweit historisches Material - aus den bereits angeführten Überlegungen heraus - als eine Form von Medium begriffen werden kann. Vor allem wenn von der ureigensten Bestimmung des Mediums als Mittler ausgegangen wird. Das Medium ist das, was eine bestimmte Mittelungsfunktion für Informationen/Sinn einnimmt - grundlegend Medium als eine Spur innerhalb der mitgeteilten Botschaft[4]. Im Weiteren wird dieser Medialitätscharakter des historischen Materials auf das Filmbeispiel Nuit et Brouillard anzuwenden sein, um die These der Medienkombination innerhalb des Dokumentarfilms exemplarisch zu bestätigen.

2. Historisches Material als Medium begreifen

Dass Dokumente/Materialien einer Zeit immer auch ein Teil dieser Zeit sind und somit auch als das betrachtet werden müssen, also auch Rücksicht darauf genommen werden muss unter welchen Prämissen Dokumente entstanden sind bzw. welche Dokumente eben nicht entstanden sind, rückt die Frage nach der Medialität (also nach dem, was Bilder mitteilen können) solcher Dokumente unmittelbar ins Zentrum der folgenden Diskussion. Aus dieser Problematik resultiert nämlich nicht nur das, was Walter Benjamin in seinem Aufsatz Über den Begriff der Geschichte von 1939 schreibt, sondern auch das, was Georges Didi-Huberman in dem zu Beginn dieser Abhandlung angeführten Zitat konstatiert (Vgl: Kap. 1).

Es ist niemals ein Dokument der Kultur, ohne zugleich ein solches der Barbarei zu sein. Und wie es selbst nicht frei ist von Barbarei, so ist es auch der Prozeß der Überlieferung nicht, in der es von dem einen an den anderen gefallen ist.[5]

Die Bedeutung von historischen Materialien bestimmt sich immer auch gerade dadurch, dass diese Dokumente Geschichte mitbestimmen und selbst eine Geschichte haben. Durch die Mitbestimmung der Geschichte aufgrund der in ihnen eingegrabenen Geschichte vermitteln sie natürlich unweigerlich eine Information/Sinn, einen Teil dessen, was vergangen ist, aber verschweigen eben auch den Teil, den sie nicht selbst dokumentieren und möglicherweise in keiner Art und Weise je dokumentiert wurde, somit verschollen bleibt. Das Resultat eines historischen Materials kann folglich niemals ein absolutes Beweismittel für die Geschichte sein. Die Beweiskraft solch eines Zeitdokuments also niemals als unwiderruflich faktisch angenommen werden, da zu keiner Zeit eine uneingeschränkte und objektive Gewissheit vorliegen kann. Freilich ist es im Detail müßig darüber theoretisch zu schreiben und die Diskussion insoweit sinnlos, da es natürlich durchaus logisch ist, dass es keine absolute Objektivität innerhalb des menschlichen Denkens geben kann[6], aber aus dem Gesagten resultiert ein wichtiger und in diesem Zusammenhang gewinnbringender Aspekt. Aus der Tatsache folgend, dass ein Zeitdokument auch immer ein produziertes Dokument der Zeit ist - somit eine eigene Geschichte hat -, resultiert die Medialität dieser Dokumente und daraus wiederum die durchaus legitime Konstatierung, dass historisches Material als ein Medium begriffen werden kann. Es ist klarzustellen, dass sich Medien natürlich nicht ausschließlich aus diesem sinnmiterzeugenden Grund als das begreifen, was sie sind, sondern daraus nur ein Teil ihres Entstehungscharakters und Medialitätscharakters aufgeschlüsselt wird. Medien bedeuten immer ein entstandenes Produkt aus einem Prozess heraus und ein Medium ist deshalb ein Medium, weil durch dieses Produkt immer auch eine Information/Sinn mitgeteilt wird. Die Produktion dieser Medien muss nicht zwangsläufig primär von einer technischen Apparatur abhängig sein wie der Film oder die Fotografie, sondern kann auch ausschließlich ein Produkt der menschlichen Tätigkeit sein wie etwa die Sprache oder auch ein historisches Schriftdokument[7].

[...]


[1] Vgl: Sybille Krämer, „Das Medium als Spur und Apparat“, Medien - Computer - Realität. Wirklichkeitsvorstellungen und Realität, Hg. Sybille Krämer, Frankfurt am Main: 1998, S. 81.

[2] Georges Didi-Huberman, Bilder trotz allem, München 2007, S. 99.

[3] Ewout van der Knaap, Nacht und Nebel. Gedächtnis des Holocaust und internationale Wirkungsgeschichte, Göttingen: Wallstein Verlag 2008, S. 7.

[4] Vgl: Sybille Krämer, „Das Medium als Spur und Apparat“, S. 81.

[5] Walter Benjamin, Gesammelte Schriften, Hg. Rolf Tiedemann/Hermann Schweppenhäuser, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1991, S. 696.

[6] Anm. Es ist hier von einem an dem Empirismus angelehnten Weltbild auszugehen; die Problematiken und Gründe, die diese Bestimmung wissenschaftlich dokumentieren würden, können jedoch hier nicht geleistet werden; Vgl: Rationalismus.

[7] Anm. Ein Filmzitat aus Braveheart wirkt in diesem Zusammenhang durchaus erhellend; im Sinn: Geschichte wird von jenen gemacht, die ihre Helden gehängt haben.

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Details

Titel
Dokumentarfilm als Medienkombination - "Nuit et Brouillard" (1955) von Resnais
Hochschule
Universität Wien  (Theater-, Film- und Medienwissenschaft)
Veranstaltung
Intermedialität
Note
1
Autor
Jahr
2009
Seiten
14
Katalognummer
V140406
ISBN (eBook)
9783640505777
ISBN (Buch)
9783640505982
Dateigröße
508 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Dokumentarfilm, Medienkombination, Nuit, Brouillard, Resnais
Arbeit zitieren
Thomas Ochs (Autor), 2009, Dokumentarfilm als Medienkombination - "Nuit et Brouillard" (1955) von Resnais, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/140406

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