Syntaktische Erscheinungen des gesprochenen Italienisch


Hausarbeit, 2001

15 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung: Universale Merkmale gesprochener Sprache

2 Syntaktische Erscheinungen als Reflexe des Formulierungsvorgangs
2.1 Kongruenz-Schwächen
2.2 Planänderungen in der Formulierung

3 Syntaktische Erscheinungen mit semantisch-pragmatischer Motivation
3.1 ‚Constructio ad sensum’
3.2 Engführungen
3.3 Unvollständige Sätze
3.3.1 Ungesättigte Valenz
3.3.2 Holophrastische Äußerungen
3.3.3 Aposiopesen
3.4 Segmentierungserscheinungen und Thema-Rhema-Abfolge
3.4.1 Verblose Informationsblöcke
3.4.2 Absolute Rahmensetzung
3.4.3 Freies Thema
3.4.4 Linksversetzung und Rechtsversetzung
3.5 Parataxe und Hypotaxe

4 Zusammenfassung

5 Literaturverzeichnis

1 Einleitung: Universale Merkmale gesprochener Sprache

Die Art sprachlicher Kommunikation (kommunikative Nähe / Distanz) hängt ab von außersprachlichen Bedingungen, verschiedenen Kontexttypen und konzeptionellen Faktoren wie Planungsaufwand, Vorläufigkeit/Endgültigkeit usw. Es handelt sich dabei um u n i v e r s a l e Aspekte, die nicht an eine einzelne Sprache gebunden sind.

In diesem Sinne verfügt ‚gesprochene Sprache’ auch über universale Merkmale, durch die sie sich als Nähesprache gegenüber der Distanzsprache auszeichnet.

Universale Merkmale können in den einzelnen Sprachen unterschiedlich realisiert werden. Natürlich ist die Realisierbarkeit auch von der Existenz entsprechender Kategorien in einer Einzelsprache anhängig (Kongruenz-Phänomene sind z.B. abhängig von der Existenz eines morphologischen Flexionssystems). Universal sind solche Merkmale in dem Sinne, „daß sie sich von den universalen Kommunikationsbedingungen und Versprachlichungsstrategien her begründen lassen, die das Nähesprechen fundieren“ (Koch/Oesterreicher 1990:50).

Diese Arbeit befasst sich mit universalen Merkmalen gesprochener Sprache im syntaktischen Bereich und ihren Realisierungen im Italienischen.

‚Syntax’ soll hier in Anlehnung an Koch/Oesterreicher verstanden werden als die „Kombinatorik sprachlicher Zeichen von der Wortebene an aufwärts“ (1990:82). Als Bezugsgröße gilt dabei die Einheit ‚Satz’, die „als die umfassendste Sequenz, deren Elemente über Dependenz- und Valenzrelationen letztlich an ein zentrales Prädikat gebunden sind“ (1990:82) definiert wird.[1]

Syntaktische Erscheinungen betreffen zunächst einmal den Formulierungsvorgang, bei dem die sprachlichen Zeichen linear angeordnet werden. Phänomene, die sich allein auf diesen Formulierungsvorgang beziehen, werden in Kap. 2 beschrieben. In Kap. 3 werden dann syntaktische Erscheinungen vorgestellt, die darüber hinaus semantisch und pragmatisch motiviert sind.

In der Literatur findet man z.T. eine recht uneinheitliche Begriffsbestimmung und Strukturierung der Phänomene vor. Dies betrifft insbesondere die Segmentierungserscheinungen und die Thema-Rhema-Definition. Ziel dieser Arbeit ist eine knappe aber möglichst klare Beschreibung der Erscheinungen. Dabei orientiere ich mich in den angesprochenen Bereichen an der Arbeit von Elisabeth Stark (1997), in der diese sehr differenziert behandelt werden.

2 Syntaktische Erscheinungen als Reflexe des Formulierungsvorgangs

In der Syntax gesprochener Sprache treten Phänomene auf, die als „Reflexe des Formulierungs vorgangs“ (Koch/Oesterreicher 1990:83) bezeichnet werden können. Der Formulierungsvorgang im Nähediskurs unterscheidet sich von dem im Distanzdiskurs v.a. durch geringere Planungszeit und Bevorzugung nichtsprachlicher Kontexte. Dies kann zu Verstößen gegen syntaktische Regeln[2] führen, die sich ihrer Natur nach auf den sprachlichen Kontext beziehen.

Phänomene, die sich nur auf den Formulierungsvorgang beziehen, können als rein syntaktische Erscheinungen betrachtet werden. Gemeinsam ist ihnen (gegenüber semantisch und pragmatisch motivierten Erscheinungen), dass sie nur in Nähediskursen toleriert werden, in Distanzdiskursen (und hier besonders im schriftlichen Medium) wird man diese Phänomene als fehlerhaft ansehen.

2.1 Kongruenz-Schwächen

Eine der syntaktischen Regeln bezieht sich auf die Kongruenz zwischen Zeichen, die in einer bestimmten Relation zueinander stehen (z.B. Subjekt – Prädikat, Nomen – Adjektiv, Antezedens – Anapher). Kongruenz zwischen solchen Zeichen muss demnach (soweit vorhanden) in den Kategorien ‚Person’, ‚Numerus’, ‚Genus’ und ‚Kasus’ bestehen. Im Nähediskurs werden Verstöße gegen diese Kongruenz-Regel jedoch weitgehend toleriert (cf. Koch/Oesterreicher 1990:83). Das folgende Beispiel zeigt einen Verstoß gegen die Numerus-Kongruenz zwischen Subjekt und Prädikat:

(1) io dico come lui n’esister à poch i[3]

2.2 Planänderungen in der Formulierung

Die geringe Planungszeit in Nähediskursen kann es mit sich bringen, dass der sich Äußernde seine Formulierungsabsicht ändert, nachdem er die Äußerung in seiner ursprünglichen Intention schon begonnen hatte. Bricht er die begonnene Konstruktion nun ab und korrigiert sich durch einen Neuansatz (innerhalb des begonnenen Satzes) so spricht man von einem Anakoluth (cf. Koch/Oesterreicher 1990:85):

(2) allora oramai io/ era il mio mestiere[4]

Eine Kontamination liegt vor, wenn die begonnene Konstruktion nicht abgebrochen wird, sondern fließend in eine andere übergeht (cf. Koch/Oesterreicher 1990:85). So wird in dem folgenden Beispiel aus dem Subjekt (sono ... gustos i) im selben Satz ein Objekt (a veder li):

(3) quelli non divertono . ma sono … gustos i a veder li più che altri[5]

Eine besondere Form der Planänderung liegt vor, wenn präzisierende Zeichen in der Äußerung ‚vergessen’ wurden und dann nachgetragen werden. Bei so einem Nachtrag entspricht die Reihenfolge der Konstituenten oft nicht mehr den syntaktischen Regeln der Zusammengehörigkeit bestimmter Zeichen (cf. Koch/Oesterreicher 1990:85):

(4) perché adesso ho iniziato un concorso qui di terza media[6]

Der Nachtrag di terza media ist syntaktisch eine Angabe des Nomens concorso, beide zusammen bilden eine Konstituente und müssten daher unmittelbar aufeinander folgen.

3 Syntaktische Erscheinungen mit semantisch-pragmatischer Motivation

Neben dem Formulierungsvorgang spielen bei den folgenden Phänomenen auch semantische und pragmatische Faktoren eine Rolle. Im Gegensatz zu den in Kap. 2 besprochenen rein syntaktischen Erscheinungen kann ein Verstoß gegen eine syntaktische Regel, der semantisch oder pragmatisch motiviert ist, unter Umständen auch in Distanzdiskursen toleriert werden.[7] Trotzdem sind die hier vorgestellten Phänomene immer noch als typisch nähesprachlich zu bezeichnen.

3.1 ‚Constructio ad sensum’

Verstöße gegen die Kongruenz-Regel (cf. Kap. 2.1) können semantisch motiviert sein. Der semantische Wert einer Kategorie überlagert dabei den grammatischen Wert. Man spricht hier auch von „semantischer Kongruenz“ (Lehmann 1993:727).

Das italienische la gente hat beispielsweise in der Kategorie Numerus den grammatischen Wert ‚Singular’, dem Sinn nach handelt es sich jedoch um einen ‚Plural’. In dem folgenden Beispiel richtet sich die Verbform des Relativsatzes nach dem semantischen Wert des Subjekts:

[...]


[1] Zu beachten ist hierbei, dass sprachliche Äußerungen nicht immer satzförmig sind und dass syntaktische Phänomene auch über die Satzgrenze hinausgehen können (cf. Koch/Oesterreicher 1990:82).

[2] Syntaktische Regeln beziehen sich in der Regel auf Distanzdiskurse, in denen der sprachliche Kontext präsenter ist und der Formulierung mehr Aufmerksamkeit zukommt (cf. Koch/Oesterreicher 1990:83).

[3] Beispiel aus Koch/Oesterreicher (1990:83).

[4] Beispiel aus Koch/Oesterreicher(1990:97), der Schrägstrich symbolisiert den Abbruch.

[5] Beispiel aus Koch/Oesterreicher(1990:85). Der einfache Punkt symbolisiert eine kurze, drei Punkte eine längere Pause.

[6] Beispiel nach Koch/Oesterreicher (1990:85), in der Notation vereinfacht.

[7] Hier bestehen einzelsprachlich Unterschiede, z.B. wird die ‚constructio ad sensum’ im Spanischen sehr weitgehend toleriert (cf. Koch/Oesterreicher 1990:84).

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Details

Titel
Syntaktische Erscheinungen des gesprochenen Italienisch
Hochschule
Universität zu Köln  (Romanisches Seminar)
Veranstaltung
Gesprochenes Italienisch in Geschichte und Gegenwart
Note
1
Autor
Jahr
2001
Seiten
15
Katalognummer
V140538
ISBN (eBook)
9783640475575
ISBN (Buch)
9783640475490
Dateigröße
411 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Italienische Sprache, gesprochenes Italienisch, Syntax, Italienisch
Arbeit zitieren
Petra Jecker (Autor), 2001, Syntaktische Erscheinungen des gesprochenen Italienisch, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/140538

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