Diese Hausarbeit beschäftigt sich mit dem Phänomen der Täuschung im
Nibelungenlied und dem damit verbundenen Identitätswandel der Brünhild. Die
Täuschungsthematik ist in der mittelalterlichen Heldenepik oft mit dem Thema
der Brautwerbung verknüpft. Das Nibelungenlied, welches ein Meisterwerk der
mittelalterlichen Heldenepik ist, bietet sich auf Grund, der in vielfältigen
Variationen vorkommenden, Täuschungen besonders für diese Untersuchung
an. Nachdem eine terminologische Basis geschaffen ist, sollen anschließend
die Täuschungshandlungen im Nibelungenlied nach ihren
handlungsauslösenden Motivationen und der Realisierungsart klassifiziert
werden.
1.1 Definition von Täuschung
Die Täuschung ist ein eigenständiges Darstellungs- und Gestaltungsmittel der
mittelalterlichen Literatur1. Grundsätzlich zu unterscheiden, bei der
Durchführung von Täuschungshandlungen, sind non verbal und verbal
realisierte Täuschungen. Mischformen, wie zum Beispiel verbale Täuschungen,
die durch den Einsatz von Gestik unterstützt werden, kommen häufig vor und
führen zu einer erhöhten Komplexität des gesamten Täuschungsgeschehens.
Im Folgenden sollen die häufig zu Erläuterung der Täuschungsthematik
verwendeten Begriffe Täuschung, Betrug und List nach dem Verständnis von
Bettina Geier vereinfacht erläutert und abgegrenzt werden.
In allen drei Begriffen ist ein gewisser Planungscharakter und eine Absicht
enthalten. Dazu wird bewusst und zielgerichtet ein Informationsvorsprung bei
allen drei Handlungsweisen genutzt. Anzumerken ist zu dem, dass sowohl in
allen Definitionen von List als auch in denen von Betrug der Begriff Täuschung
vorkommt. [...]
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1 Definition von Täuschung
1.1.1 Täuschung durch Gestik
1.1.2 Bedeutungsvolle Gegenstände (Memorialzeichen)
2. Hauptteil
2.1 Die Ankunft der Werber auf Isenstein und ihre Täuschung
2.2 Der gefälschte Dreikampf
2.3 Der Betrug in der Brautnacht
2.4 Brünhilds Einladung
2.5 Der Streit der Königinnen
3. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Phänomen der Täuschung im Nibelungenlied und analysiert den daraus resultierenden Identitätswandel der Figur Brünhild. Ziel ist es, die zentralen Täuschungshandlungen in ihren verschiedenen Formen und Motivationen chronologisch zu erfassen und deren Auswirkungen auf die Entwicklung der Königin aufzuzeigen.
- Täuschung als zentrales Gestaltungsmittel der mittelalterlichen Heldenepik
- Analyse der Brautwerbung auf Isenstein
- Die Rolle von Tarnkappe und gestohlener Memorialzeichen
- Entlarvung von Standesunterschieden und falscher Identitäten
- Der Königinnenstreit als Kulminationspunkt und Wendepunkt
Auszug aus dem Buch
2.1. Die Ankunft der Werber auf Isenstein und ihre Täuschung
Die Ankunft der Werber auf Isenstein markiert die erste konkrete Täuschungshandlung im Nibelungenlied, was durch die Textbemerkung er warp mit grôzen listen daz vil hêrliche wîp (337,4) eindeutig bezeichnet. Die Vortäuschung Siegfrieds ständischer Inferiorität ist ein geschickt ausgedachter Plan. Verwirrend in diesem Zusammenhang ist auch die Farbsymbolik der Kleidung, denn die Farbe Weiß steht für Reinheit und Unschuld. Die Gleichfarbigkeit der Tracht, welche von Kriemhild gefertigt wurde, demonstriert ständische Ebenbürtigkeit und ist im Prinzip eine wahrheitsgemäße Aussage, wirkt aber der Gesinnung bzw. den Absichten Gunthers und Siegfrieds entgegen. Die Kleidung der Beiden fungiert als optische Desinformation.
Brünhild, welche von Gunther als eine wunderschöne, anmutige Frau beschrieben wird, trägt ebenfalls ein weißes Gewand, allerdings sind der Symbolgehalt und die Zeichenkraft hier noch intakt, denn Brünhild ist eine reine, ehrliche Königin. Ihr Kleid verleiht ihr, durch Zauberkraft, eine besondere Stärke. Diese Tatsache ist Siegfried und Gunther bekannt.
Ergänzend zur Kleidung erfolgt bei der Ankunft auf Isenstein eine zweite, visuelle Täuschung. Sichtbar für alle leistet Siegfried, wie in Vers 396-398 geplant, Gunther den Stratordienst und zeigt durch diese Geste öffentlich, dass er Gunther unterlegen ist.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Täuschungsthematik des Nibelungenliedes ein, definiert die zentralen Begriffe und stellt den Bezug zum Identitätswandel Brünhilds her.
2. Hauptteil: Der Hauptteil untersucht chronologisch die entscheidenden Szenen, von der Ankunft auf Isenstein über die Brautnacht bis hin zum finalen Streit der Königinnen, und analysiert die angewandten Täuschungsmittel.
3. Fazit: Das Fazit fasst die Wandlung Brünhilds von einer starken, ehrenhaften Königin zur domestizierten Ehefrau zusammen und reflektiert die fatale Kette an Täuschungshandlungen.
Schlüsselwörter
Nibelungenlied, Brünhild, Täuschung, Brautwerbung, Identitätswandel, List, Betrug, Memorialzeichen, Tarnkappe, Standeslüge, Isenstein, Königinnenstreit, Siegfried, Gunther, Heldenepik
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit beschäftigt sich mit dem zentralen Phänomen der Täuschung im Nibelungenlied und wie diese gezielten Handlungen den Identitätswandel der Figur Brünhild maßgeblich beeinflussen.
Welche Themenfelder werden primär behandelt?
Die Arbeit beleuchtet die mittelalterliche Brautwerbung, die Rolle von magischen Requisiten wie der Tarnkappe und die soziale Bedeutung von Standesunterschieden im Kontext höfischer Literatur.
Was ist das zentrale Ziel der Untersuchung?
Das primäre Ziel ist die chronologische Analyse und Klassifizierung von Täuschungshandlungen im Epos, um zu verstehen, wie diese zum tragischen Wendepunkt im Leben Brünhilds führen.
Welche wissenschaftliche Methode wird angewendet?
Die Autorin nutzt eine literaturwissenschaftliche Textanalyse, basierend auf einer terminologischen Definition von Täuschung, Betrug und List, um die Kernszenen des Epos systematisch zu deuten.
Was wird im Hauptteil detailliert untersucht?
Der Hauptteil analysiert spezifisch die Ankunft auf Isenstein, den gefälschten Dreikampf, den Betrug in der Brautnacht, die Einladung durch Brünhild und den eskalierenden Königinnenstreit.
Was zeichnet die Arbeit besonders aus?
Die Arbeit zeichnet sich durch die Verknüpfung der Täuschungshandlungen mit der psychologischen Entwicklung Brünhilds aus, von einer unabhängigen Königin zu einer durch Schmähung zur Rache getriebenen Frau.
Wie definiert die Autorin den Begriff der Memorialzeichen?
Memorialzeichen werden als symbolisch hoch besetzte Zeichen wie Narben oder Gegenstände (Ring, Gürtel) verstanden, die assoziative Funktionen besitzen und oft als Auslöser für Konflikte dienen.
Welche Rolle spielt die Tarnkappe im Täuschungsprozess?
Die Tarnkappe dient als notwendiges magisches Requisit, um die natürliche Kraft Brünhilds zu überwinden und Siegfrieds tatsächliche Machtposition hinter Gunther zu verbergen.
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- Linda Dressler (Author), 2008, Nibelungenlied - Brünhilds Identitätsveränderungen vor dem Hintergrund der Täuschung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/140665