Der ‚Helmbrecht’, das einzige bekannte Werk von Wernher dem Gärtner, ist eine eindrückliche Moralschrift des Mittelalters. Diese Verserzählung weist in ihrem ersten Teil markante Ähnlichkeit zur neutestamentlichen Parabel vom verlorenen Sohn auf. Im zweiten Teil verlässt sie jedoch den Verlauf ihrer Vorlage.
In dieser Arbeit sollen die Abweichungen im ‚Helmbrecht’ vom biblischen Vorbild aufgezeigt und die Gründe dafür an Helmbrechts Verhalten festgemacht werden. Dabei ist die Frage von Interesse, inwiefern die moralischen Aussagen der beiden Texte miteinander vereinbar sind.
Das erste Kapitel gibt den Plot der Parabel an, stellt die beiden Texte als Ganze gegenüber und beschreibt ganz grob ihr Verhältnis zueinander. Im weiteren Verlauf der Arbeit wird anhand der Schlüsselstellen die kontinuierliche Abweichung von der Folie untersucht. Der für die Abweichung zu Grunde liegende Umgang mit Werten hat dabei zentrale Wichtigkeit. Denn damit lässt sich am Ende erklären, wieso die Ausgänge der beiden Texte derart unterschiedlich - ja sogar gegenteilig sind.
Es soll stets der Text von Wernher im Vordergrund stehen und die gemachten Aussagen sollen am mittelhochdeutschen Text gezeigt werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Parabel vom verlorenen Sohn – Auffälliger Referenztext im ‚Helmbrecht’
3. Auszahlung des Erbes als Schnittstelle in der Vater-Sohn Beziehung
4. Schlüsselstelle Rückkehr
a) Schuld und Vergebung - Neutestamentliche Vergebungstheologie bei Lukas
b) Schuld und Bestrafung - Mittlalterliche Ethik der Strafe bei Wernher
5. Das Ende des Helmbrecht – Gericht und Busse
6. Schluss
7. Literaturverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die strukturelle und moralische Abweichung von Wernher der Gärtners "Helmbrecht" gegenüber der biblischen Parabel vom verlorenen Sohn. Das primäre Ziel ist es, die Gründe für das Scheitern des Protagonisten Helmbrecht aufzuzeigen und zu analysieren, wie die im Vergleich unterschiedlichen Ausgänge der Geschichten durch den Umgang der Figuren mit Werten und gesellschaftlichen Ordnungen begründet sind.
- Vergleich zwischen der biblischen Parabel vom verlorenen Sohn und dem "Helmbrecht"
- Die Funktion des Erbes als performativer Akt der Emanzipation
- Der "ordo rusticorum" und die moralische Dimension der Standeszugehörigkeit
- Die Entwicklung von der göttlichen Vergebung zur irdischen Rechtsprechung
- Die Rolle der "superbia" (Hochmut) als Ursache für Helmbrechts Untergang
Auszug aus dem Buch
3. Auszahlung des Erbes als Schnittstelle in der Vater-Sohn Beziehung
Von der Geburt an, während Kindheit und Jugend, bis zum Zeitpunkt der endgültigen Ablösung vom Elternhaus, ist neben der mentalen Verbundenheit eines Kindes zu seinen Eltern (seinen originär am nächsten stehenden Mitmenschen) ganz klar die finanzielle Abhängigkeit das bindende Element. Dies gilt gleichermassen für alle Söhne und Töchter in allen Epochen der Menschheitsgeschichte. Darum ist sowohl in der Parabel des verlorenen Sohns als auch im ‚Helmbrecht’ der Zeitpunkt der Auszahlung des Erbteils gleichbedeutend mit der vom Sohn ersehnten Möglichkeit zur Emanzipation. Die Auszahlung wird dadurch zum performativen Akt, welcher den Sohn zum eigenständigen Mann erklärt, der sich nun vom Vater lösen kann. Dies verbildlicht Wernher der Gärtner auf eindrückliche Weise dadurch, dass das Erbteil des jungen Helmbrecht ein Reitross ist, mit dem er sich sogar physisch vom Vater entfernt, indem er davonsprengt. hin drâte er über den gater (V. 648).
Neben der oben geschilderten Funktion des Erbteils, als die Ablösung vollziehendes Mittel, kommt ihm eine weitere Funktion zu: Wenn das Erbe in die Hände des Sohnes übergeht, geschieht in beiden Texten dessen Zerfall. Der Verlust des vererbten Vermögens, welcher im Lukas-Evangelium anhand des Verprassens des Geerbten durch den Sohn illustriert wird, beschreibt Wernher indem er den Kauf des Hengstes als Verlustgeschäft darstellt:
er koufte den hengst umb zehen phunt: er hêt in an der selben stunt kûme gegeben umbe driu: owê verlorniu sibeniu! (V. 399-402).
Dieses Faktum, dass das Erbe in den Händen des Sohnes seinen Wert verliert, ist ein gewichtiges Mittel im Aufbau der moralischen Grundaussage beider Texte. Der erzwungene Auszug aus dem Elternhaus ist ein Weg ins Unglück.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in das Werk "Helmbrecht" ein, stellt den Bezug zur biblischen Parabel her und definiert die Forschungsfrage bezüglich der moralischen Abweichungen.
2. Die Parabel vom verlorenen Sohn – Auffälliger Referenztext im ‚Helmbrecht’: Dieses Kapitel analysiert das Verhältnis des "Helmbrecht" zum biblischen Intertext und zeigt auf, wie Wernher die Vorlage sowohl inhaltlich als auch formal für seine eigene Moralvermittlung nutzt.
3. Auszahlung des Erbes als Schnittstelle in der Vater-Sohn Beziehung: Hier wird der Erbteil als Mittel der Emanzipation und als symbolischer Beginn des moralischen Zerfalls des Sohnes untersucht.
4. Schlüsselstelle Rückkehr: Dieser Abschnitt vergleicht die neutestamentliche Vergebungstheologie mit der mittelalterlichen Ethik der Strafe bei Wernher.
5. Das Ende des Helmbrecht – Gericht und Busse: Das Kapitel erläutert die Konsequenzen von Helmbrechts Handeln, die in einem grausamen Ende und der Durchsetzung irdischer Gerechtigkeit gipfeln.
6. Schluss: Der Schluss fasst die Ergebnisse zusammen und betont, dass Helmbrechts Scheitern primär aus seiner eigenen Uneinsichtigkeit und seinem Hochmut resultiert.
7. Literaturverzeichnis: Auflistung der verwendeten Primär- und Sekundärliteratur sowie der Nachschlagewerke.
Schlüsselwörter
Helmbrecht, Wernher der Gärtner, Parabel vom verlorenen Sohn, Mittelalter, Moralschrift, Vater-Sohn Beziehung, Erbteil, Emanzipation, Superbia, Hochmut, Vergebung, Strafe, Gerechtigkeit, Ordo rusticorum, Literarische Analyse
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die inhaltlichen und moralischen Diskrepanzen zwischen der biblischen Parabel vom verlorenen Sohn und dem mittelalterlichen Werk "Helmbrecht" von Wernher dem Gärtner.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die Arbeit behandelt die Themen väterliche Erziehung, Emanzipation durch Erbschaft, ständische Ordnung, das Konzept von Schuld und Vergebung sowie die Darstellung von Hochmut und Strafe im Mittelalter.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Wernher die biblische Vorlage umdeutet, um Helmbrechts Verhalten zu kritisieren und zu erklären, warum die Ausgänge beider Erzählungen gegensätzlich verlaufen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine vergleichende literaturwissenschaftliche Analyse, die den mittelhochdeutschen Primärtext mit theologischen und ethischen Kontexten des Mittelalters in Bezug setzt.
Was steht im Hauptteil der Arbeit im Mittelpunkt?
Der Hauptteil konzentriert sich auf die Schlüsselszenen wie die Auszahlung des Erbes, die Rückkehr des Sohnes sowie das Gericht und die Bestrafung, wobei stets Helmbrechts Überheblichkeit analysiert wird.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind die "superbia" (Hochmut), das "ordo rusticorum" (Bauernstand), "mâze" (Mäßigung) sowie die theologische Abgrenzung zwischen Gnade und irdischer Vergeltung.
Warum spielt die "Haube" für Helmbrecht eine so zentrale Rolle?
Die Haube dient in der Arbeit als Symbol für Helmbrechts "superbia". Sein Festhalten an diesem Kleidungsstück bis zum Ende verdeutlicht seine Uneinsichtigkeit und seinen Hochmut gegenüber seinem Stand.
Wie unterscheidet sich der Vater im "Helmbrecht" vom biblischen Vater?
Während der biblische Vater bedingungslose Vergebung gewährt, ist der Vater im "Helmbrecht" gezwungen, seinen Sohn aufgrund dessen fehlender Reue und ständischer Verleugnung zu verstoßen, was einen schockierenden Kontrast darstellt.
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- Mathias Haller (Author), 2005, Die Parabel vom verlorenen Sohn im ‚Helmbrecht’ von Wernher der Gartenære, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/140732