Das von Joseph von Eichendorff hauptsächlich 1816/17 verfasste und in Friedrich de la Motte Fouqués ‚Frauentaschenbuch’ veröffentlichte Marmorbild fand lange Zeit wenig Anklang bei der Leserschaft. Dass die Novelle von der frühen Rezeption als „nach der neuesten Schriftstellermode“, oder als „ein Gespensterspuk, ohne viel andere als äusserliche Bedeutung“ abgelehnt wurde, liegt laut Hanss v.a. an den vielen Formeln, Symbolen und Sinnbildern, die zum Grossteil schon dem Leser des 19. Jahrhunderts nicht mehr vertraut waren und so ein rein inhaltliches Lesen blockierten. Die jüngere Forschungsgeschichte hingegen zeigte bedeutend mehr Interesse an der Geschichte des jungen Dichters Florio, der in der italienischen Kleinstadt Lucca in den fantastischen Bann einer Venusstatue gerät. Sie wies dem Text gar die Bedeutung eines Schlüsseltextes zu und dies gerade wegen seiner früher bemängelten Diffusität. Die vorliegende Arbeit stellt in diesem Sinne einen weiteren Versuch dar, das Marmorbild als einen Text, der über den blossen ‚Gespensterspuk’ hinaus geht, zu lesen. Dabei wird in einem ersten Schritt der motivische und stoffliche Hintergrund der Venus und der Statuenbelebung erarbeitet, um in einem zweiten Schritt, durch textnahe Lektüre, die vielen mit der Venus in Verbindung stehenden Motive, zu erläutern. Durch das Erarbeiten dieses venerischen Motivkomplexes lässt sich im Text das ‚Venusreich’ als einen von der übrigen christlichen Welt getrennten Raum beschreiben. Dieser Dualismus bildet die Ausgangslage für einen ersten Deutungsansatz. Darin soll diese Zweiteilung der erzählten Welt in eine heidnische und eine christliche Sphäre auf die Figurenkonstellation übertragen werden. Dies führt zu einer symmetrischen Gegenüberstellung der Figuren. Im Weiteren Verlauf dieser Arbeit wird eine komplexere alternative Lektüre vorgeschlagen. Dabei handelt es sich um einen entwicklungspsychologischen Ansatz. Darauf aufbauend wird im letzten Kapitel ein poetologischer Ansatz vorgestellt. Entwicklungspsychologische und die Poetologische Lektüre sollen nicht als getrennt voneinander, sondern als sich gegenseitig bedingend, angesehen werden. Daraus ergibt sich die Kernidee dieser Arbeit: Die im entwicklungspsychologischen Deutungsansatz erarbeiteten Resultate werden auf normative Aussagen über Dichtungskonzepte übertragen und die poetologische Aussage des Textes soll dadurch in den Vordergrund gerückt werden.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Motivischer und Stofflicher Hintergrund
1.1. Venus
1.2. Statuenverlobung
2. Motive des Venusreichs
3. Schwarz-Weiss-Malerei?
3.1. Fortunato
3.2. Bianka
3.3. Donati
3.4. Fortunato vs. Donati
3.5. Bianka vs. Venus
4. (Entwicklungs)psychologische Lektüre
5. Poetologische Lektüre
6. Schlusswort
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht Eichendorffs Novelle "Das Marmorbild", um über eine rein oberflächliche Interpretation als bloßer "Gespensterspuk" hinauszugehen. Ziel ist es, durch die Analyse der zentralen Motive, einer entwicklungspsychologischen Betrachtung sowie einer poetologischen Untersuchung aufzuzeigen, dass der Text eine komplexe Reflexion über Dichtungskonzepte darstellt, die über einfache Dualismen hinausgeht.
- Analyse des motivischen und stofflichen Hintergrunds der Venus-Figur.
- Untersuchung der Figurengestaltung und der vermeintlichen Schwarz-Weiß-Dichotomie.
- Entwicklungspsychologische Deutung als innerpsychischer Konflikt des Protagonisten Florio.
- Poetologische Reflexion zur Aufgabe des Dichters und zur Balance zwischen Gefühl, Phantasie und Verstand.
Auszug aus dem Buch
2. Motive des Venusreichs
Im Dunstkreis der Venus sind im Marmorbild viele weitere Motive angeordnet. Und so wie die Erzählung selbst um ihren Mittelpunkt, die Begegnung Florios mit der Venusstatue, angelegt ist, umgeben diese ständig wiederkehrenden Motive die Venus und ihren Wirkungsbereich. Dies verdeutlicht das Tableau, welches Florios erstmalige Begegnung mit dem Venusbild beschreibt:
„So in Gedanken schritt er noch lange fort, als er unerwartet bei einem großen, von hohen Bäumen rings umgebenen Weiher anlangte. Der Mond, der eben über die Wipfel trat, beleuchtete scharf ein marmornes Venusbild, das dort dicht am Ufer auf einem Steine stand, als wäre die Göttin soeben erst aus den Wellen aufgetaucht und betrachte nun, selber verzaubert, das Bild der eigenen Schönheit, das der trunkene Wasserspiegel zwischen den leise aus dem Grunde aufblühenden Sternen widerstrahlte. Einige Schwäne beschrieben still ihre einförmigen Kreise um das Bild, ein leises Rauschen ging durch die Bäume ringsumher.“ (S. 37)
Die Szene spielt sich nachts in einem Garten ab. Die NACHT gehört zur Welt der Venus, denn sie vermag die Realität trügerisch zu verdunkeln und in ihr keimen die heimlichen, unbewussten Träume und Sehnsüchte. Der Mondschein taucht die Szenerie in ein gespenstisches Licht. In ihm erstrahlt der weisse Marmor in einem hellen, verführerischen Glanz. Der Mond verleiht dem Gesicht der Statue jedoch gleichsam ein bleiches, totes Aussehen, das bedrohlich wirkt.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Einführung in die Rezeptionsgeschichte von Eichendorffs "Marmorbild" und Darlegung der zentralen Forschungsabsicht einer textnahen Lektüre sowie psychologischer und poetologischer Deutungsansätze.
1. Motivischer und Stofflicher Hintergrund: Erarbeitung der stoffgeschichtlichen Fundamente der Novelle, insbesondere der Venus-Figur und des Motivs der Statuenverlobung.
2. Motive des Venusreichs: Analyse zentraler wiederkehrender Motive wie Nacht, Garten, Wasser, Schwan, Kreis, Schlange und Spiegel als konstitutive Elemente des Venusreichs.
3. Schwarz-Weiss-Malerei?: Kritische Untersuchung der symmetrischen Figurenkonstellation und der Frage, ob eine dichotome Einteilung in Gut (christlich) und Böse (heidnisch) der Komplexität des Werkes gerecht wird.
4. (Entwicklungs)psychologische Lektüre: Interpretation des Geschehens als innerpsychischer Konflikt des Protagonisten Florio, bei dem die Venus als Projektion eigener, unbewusster Sehnsüchte fungiert.
5. Poetologische Lektüre: Auseinandersetzung mit der Reflexion über die Dichtkunst und der Forderung nach einer Balance zwischen Phantasie, Gefühl, Verstand und Glauben.
6. Schlusswort: Zusammenfassende Würdigung der Analyseergebnisse und Bestätigung der Komplexität des Marmorbildes gegenüber einer reduktiven Interpretation.
Schlüsselwörter
Joseph von Eichendorff, Das Marmorbild, Venus, Statuenverlobung, Motivik, Romantik, Florio, Figurenkonstellation, Entwicklungspsychologie, Poetologie, Dichtungskonzept, christliches Weltbild, heidnische Sphäre, Symbolik, Identität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit Joseph von Eichendorffs Novelle "Das Marmorbild" und zielt darauf ab, den Text durch verschiedene analytische Ansätze über eine oberflächliche Lesart als Schauergeschichte hinaus zu deuten.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zentrale Themen sind die Stoffgeschichte der Venus-Figur, die symbolische Motivik des Venusreichs, die Figurenkonstellation sowie entwicklungspsychologische und poetologische Deutungsansätze.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist es, den Text durch eine fundierte Auseinandersetzung mit Motiven und psychologischen Aspekten als hochkomplexen Diskurs über das Dichterideal und die menschliche Wahrnehmung zu entschlüsseln.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin/der Autor wählt eine textnahe Lektüre kombiniert mit motivgeschichtlichen, entwicklungspsychologischen und poetologischen Analysemethoden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Erarbeitung der stofflichen Hintergründe, eine Motiv-Analyse, eine kritische Hinterfragung des Schwarz-Weiß-Schemas der Figurenkonstellation sowie eine tiefere psychologische und poetologische Deutung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den prägenden Schlüsselwörtern gehören Eichendorff, Venus, Statuenverlobung, Motivik, Entwicklungspsychologie, Poetologie und Dichtungskonzept.
Wie deutet die Arbeit die Verschmelzung der Frauenfiguren Bianka und Venus?
Die Verschmelzung wird als Ausdruck einer psychischen Projektion des Protagonisten Florio gewertet, bei der die real existierende Bianka durch seine inneren Wunschvorstellungen überlagert wird.
Welche Bedeutung kommt dem Gesang Fortunatos zu?
Der Gesang Fortunatos fungiert als ein "exorzistisches" Element, das dem Protagonisten hilft, aus seinem Wahnzustand auszubrechen und seine psychische Balance wiederzufinden.
Warum lehnt die Arbeit ein rein christlich-heidnisches Schwarz-Weiß-Schema ab?
Die Arbeit lehnt dieses Schema ab, da bei genauerer Betrachtung der Motive und Figurenkonstellationen eine gegenseitige Durchdringung stattfindet, die eine strikte Trennung als unzureichend entlarvt.
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- Mathias Haller (Author), 2008, Zur Venusmotivik in "Das Marmorbild" von Joseph von Eichendorff, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/140735