„Anno dominicae incarnationis DCCCLVI. Lotharius rex Thietbirgam reginam sibi in matrimonium iunxit; ex qua coniunctione maxima ruina non illi solum, sed etiam omni regno eius accidit, sicut in subsequntibus luce clarius apparebit.”
Im Jahr der göttlichen Menschwerdung 856 nahm König Lothar die Königin Thietbirga zur Ehe, aus dieser Verbindung entsprang nicht nur für ihn, sondern auch für sein ganzes Reich großes Unheil, wie sich im folgenden sonnenklar zeigen wird.
„[...]Lotharius rex, cogentibus suis, uxorem quam abiecerat recipit, nec tamen ad torum admittit, sed custodiae tradit.“
König Lothar nahm auf Drängen der Seinigen die Gemahlin, welche er verstoßen hatte, wieder auf; er behandelte sie aber nicht wie seine Gemahlin, sondern ließ sie in Gewahrsam halten.
Die vorangegangen Quellenzitate zeigen einen Überblick über die Darstellungsweise einiger Ereignisse des „lothringischen Ehestreites“ oder des Eheprozesses Lothars II. Zudem enthalten sie bereits einige wichtige Informationen über die Ereignisse , die hoffentlich neugierig genug gemacht haben, um die vorliegende Arbeit vollständig zu lesen und dadurch einen Einblick in die Situation des Frankenreichs Mitte des 9. Jahrhunderts, aber auch einen Einblick in familiäre Strukturen der Karolinger, sowie des weltlichen und kirchlichen Eherechtes der genannten Zeit zu gewinnen und außerdem von der Emanzipation eines Papstes zu lesen, deren Entwicklung schließlich im Investiturstreit des 11. Jahrhunderts gipfeln sollte.
Die Arbeit hat das Ziel zu zeigen, was während des Ehestreites geschah, wer die einzelnen Protagonisten waren und warum Lothar II. letztendlich gescheitert ist mit dem Versuch ,zu Gunsten einer anderen Frau und deren Sohn von ihm, eine gültige Muntehe trennen bzw. für ungültig erklären zu lassen.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Die Geschehnisse chronologisch geordnet
3 Die wichtigsten Protagonisten
3.1 Lothar II. und seine Familie
3.2 Die Päpste Nikolaus I. und Hadrian II.
3.3 Theutberga und Waldrada
4 Zu den vorgebrachten Argumenten
4.1 Inzest und Ehebruch
4.2 Unfruchtbarkeit
4.3 Votum
4.4 bereits bestehende Ehe mit Waldrada
5 Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht den langjährigen Ehestreit von König Lothar II. mit dem Ziel, die politischen Hintergründe, die Rollen der beteiligten Protagonisten sowie das Scheitern seiner Bemühungen zur Annullierung seiner Ehe zu analysieren und in den Kontext des karolingischen Rechtsverständnisses einzubetten.
- Chronologischer Ablauf der lothringischen Ehestreitigkeiten
- Rolle der karolingischen Verwandtschaftsstrukturen und Allianzen
- Einfluss und Machtpolitik der Päpste Nikolaus I. und Hadrian II.
- Rechtliche Argumentationslinien (Inzest, Unfruchtbarkeit, Votum)
- Geschlechtsspezifische Rollen von Theutberga und Waldrada
Auszug aus dem Buch
3.1 Lothar II. und seine Familie
In diesem Abschnitt soll vor allem aufgezeigt werden welche Folgen die Familienstreitigkeiten auf den Ausgang des Ehestreites hatten und nicht die Biographien der einzelnen Pro- und Antagonisten beinhalten.
Geboren wurde der spätere König Lothringens um 835 als zweiter Sohn Lothars I., denn ihm war bereits um 825 Ludwig II., der spätere Kaiser und Herrscher über Italien, geboren worden. Es folgte dann noch der spätere Karl von der Provence, der aber krank war, man vermutet Epilepsie, und bereits 863 kinderlos verstarb.
Als Lothar I. schließlich 855 verstarb teilte er sein Reich, welches auch das Mittelreich genannt wurde, unter den Söhnen auf: Ludwig II., der Kaiser, behielt Italien, Karl Besitz in den Rhonelanden mit Schwerpunkt in der Provence und Lothar Gebiete von den Westalpen bis zur Nordsee.
Umgeben waren Lothar und Karl von ihren Onkeln, Ludwig dem Deutschen und Karl dem Kahlen. Das ehemalige Reich Karls des Großen war folglich in fünf Teile zerfallen, obwohl es das laut der „ordinatio imperii“ von 817, der „Hausordnung“, nicht hätte tun sollen.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in das Thema des lothringischen Ehestreits ein und erläutert anhand von zeitgenössischen Quellen die komplexen Hintergründe sowie die Zielsetzung der Arbeit.
2 Die Geschehnisse chronologisch geordnet: Das Kapitel gibt einen zeitlichen Überblick über die zwölfjährigen Streitigkeiten, die durch die Teilung des Reiches und wechselnde Allianzen der karolingischen Herrscher geprägt waren.
3 Die wichtigsten Protagonisten: Hier werden die Akteure Lothar II., die Päpste Nikolaus I. und Hadrian II. sowie die Ehefrauen Theutberga und Waldrada in ihrem jeweiligen Kontext analysiert.
4 Zu den vorgebrachten Argumenten: Dieses Kapitel untersucht die juristische und moralische Gültigkeit der verschiedenen Vorwürfe wie Inzest, Unfruchtbarkeit und das Gelübde, die während des Ehestreits angeführt wurden.
5 Zusammenfassung: Der abschließende Teil resümiert, dass das Scheitern Lothars II. aus dem komplexen Zusammenspiel von machtpolitischen Interessen, unklarer Rechtslage und persönlicher Einflussnahme resultierte.
Schlüsselwörter
Lothar II., Ehestreit, Theutberga, Waldrada, Nikolaus I., Karolinger, Kirchenrecht, Muntehe, Inzest, Unfruchtbarkeit, Annullierung, Mittelreich, Synode, Aachen, Machtpolitik
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt den Ehestreit von König Lothar II. im 9. Jahrhundert und die daraus resultierenden politischen sowie rechtlichen Auseinandersetzungen im Frankenreich.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Zentrum stehen die dynastischen Konflikte der Karolinger, das kirchliche Eherecht und der wachsende Einfluss des Papsttums in weltliche Angelegenheiten.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, den Ehestreit als komplexes Zusammenspiel von dynastischer Machterhaltung, rechtlicher Argumentation und persönlicher Schicksale der beteiligten Personen zu verstehen.
Welche wissenschaftliche Methode wird primär verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine Analyse von historischen Quellen, wie Annalen und Chroniken, sowie eine Interpretation aktueller mediävistischer Forschungsliteratur.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert die chronologischen Ereignisse, charakterisiert die wichtigsten Protagonisten und prüft die juristische Haltbarkeit der Scheidungsargumente.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Karolinger-Eherecht, politische Legitimation, päpstliche Autorität und die Rolle von Ehefrauen im Hochmittelalter bestimmt.
Welche Rolle spielt der Papst in diesem Ehekonflikt?
Papst Nikolaus I. nutzte den Ehestreit als Gelegenheit, um die päpstliche Macht und die Anwendung des kanonischen Rechts über das fränkische Gewohnheitsrecht zu stellen.
Warum konnte Lothar II. seine Ehe mit Theutberga letztlich nicht annullieren?
Sein Scheitern war bedingt durch die Unnachgiebigkeit des Papstes, die mangelnde politische Unterstützung durch seine Onkel und die Tatsache, dass seine Argumente juristisch nicht ausreichend untermauert waren.
- Quote paper
- Robert Kerlin (Author), 2005, Der Eheprozess Lothars II., Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/140827