Dreh- und Angelpunkt der Kleistschen Erzählung „Die Verlobung in St. Domingo“ ist das Schicksal der fünfzehnjährigen Mestize Toni. Der Leser erfährt von ihrer familiären Herkunft, wird Zeuge ihrer Begegnung mit dem weißen Flüchtling Gustav und erlebt den zunehmend dramatischen Konflikt mit, dem Toni schließlich zum Opfer fällt.
Dort wird die Fragestellung der vorliegenden Arbeit ansetzen: Wie kann die Identität einer Figur bestimmt werden, die im Abstand weniger Minuten erst „Hure“ und dann „schöne Seele“ genannt wird? Sind die Gründe für Tonis Tod darin zu finden, dass ihre Persönlichkeit mit sich selbst uneins war und überdies nicht den Ansprüchen gerecht werden konnte, die von außen an sie herangetragen wurden? Um eben diese äußeren Ansprüche zu definieren, wird es unumgänglich sein, sich etwas eingehender mit den anderen Figuren, vor allem Gustav, zu beschäftigen. Dies wird aber möglichst eingeschränkt geschehen und kurz gefasst werden, da die folgenden Kapitel vorrangig der Betrachtung von Toni gewidmet sind.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Schwarz oder weiß? Tonis Hautfarbe im Rassendiskurs
3 Geliebte oder Tochter?
4 Gustavs männlicher Anspruch an die Kindfrau Toni
5 Tonis Sehnsucht nach einer „schönen Seele“
6 Zusammenfassung
7 Literaturverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Identitätskonflikt der Hauptfigur Toni in Heinrich von Kleists Erzählung „Die Verlobung in St. Domingo“. Ziel ist es, die Gründe für Tonis tragisches Ende im Spannungsfeld zwischen ethnischen Vorurteilen, familiären Erwartungen und der Suche nach einer eigenen Persönlichkeit zu analysieren.
- Analyse des Rassendiskurses und der Wahrnehmung von Hautfarbe
- Untersuchung der familiären Loyalitätskonflikte
- Betrachtung von Geschlechterrollen und dem Bild der „schönen Seele“
- Reflektion der Machtdynamik zwischen Toni und Gustav
- Hinterfragung von Identität und Selbstfindung im Kontext gesellschaftlicher Fremdbestimmung
Auszug aus dem Buch
Schwarz oder weiß? Tonis Hautfarbe im Rassendiskurs
„Rassismus abstrahiert die Farbe eines lebenden Körpers in 'Unfarben' von extremem Wert, in Schwarz und Weiß.“
Dieses Zitat des Psychoanalysten Joel Kovel skizziert das Malheur von Toni: Keiner Hautfarbe eindeutig zuzuordnen, passt sie nicht in das 'Entweder-oder-Schema', anhand dessen sich die beiden verfeindeten Volksgruppen auf Haiti definieren. Als Mestize müsste sie laut Lexikon Nachkomme eines schwarzen und eines indianischen Elternteils sein; Kleist hingegen schreibt ihr eine schwarze Mutter, einen weißen Vater aus Frankreich sowie eine „ins Gelbliche gehende Gesichtsfarbe“ (S.4, Z.23) zu. Dadurch ist eine eindeutige Benennung ihrer ethnischen Identität unmöglich. Dass Toni somit – im übertragenen Sinne – zwischen allen Stühlen sitzt, wird auch an ihrem Namen deutlich: Toni ist traditionell ein in der Schweiz sehr geläufiger Name und klingt in unseren Ohren deshalb nicht so exotisch wie Babekan oder Congo; außerdem kann er sowohl Jungen als auch Mädchen bezeichnen (Zur Androgynität siehe Kapitel 5).
Ihrer Andersartigkeit muss sich Toni schon früh bewusst werden: Als Tochter im Hause von Schwarzen wird sie in deren Interesse den europäischen Flüchtlingen als Weiße präsentiert. Anfang des 19. Jahrhunderts, da die Kleistsche Erzählung spielt, überwog in Europa noch die Angst vor der schwarzen Hautfarbe. In Betrachtungen von Kant, Herder, Wieland usw. wird sie mit Dunkelheit bzw. Finsternis assoziiert, die These aufgestellt, Schwarze seien ohne Sinn für Ästhetik und Weiße empfänden bei ihrem Anblick Ekel, Erschrecken oder Mitleid.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung stellt die zentrale Problematik des Identitätskonflikts der Figur Toni vor und steckt den methodischen Rahmen der Untersuchung ab.
2 Schwarz oder weiß? Tonis Hautfarbe im Rassendiskurs: Dieses Kapitel thematisiert die Unmöglichkeit einer eindeutigen ethnischen Zuordnung Tonis und deren Auswirkungen auf ihre soziale Stellung in einem rassistisch geprägten Umfeld.
3 Geliebte oder Tochter?: Hier wird der Konflikt zwischen Tonis Loyalität gegenüber ihrer Familie und ihrer Hinwendung zu Gustav sowie die daraus resultierende persönliche Zerrissenheit analysiert.
4 Gustavs männlicher Anspruch an die Kindfrau Toni: Dieses Kapitel untersucht Gustavs Verständnis von Partnerschaft, das von der Instrumentalisierung des weiblichen Körpers und dem Wunsch nach Kontrolle geprägt ist.
5 Tonis Sehnsucht nach einer „schönen Seele“: Es wird analysiert, inwiefern Toni versucht, den Anforderungen eines idealisierten Frauenbildes zu entsprechen, und warum dies letztlich scheitert.
6 Zusammenfassung: Die Zusammenfassung bündelt die Ergebnisse zur Identitätsfindung und verdeutlicht die tragische Zuspitzung durch das Zusammenspiel von externen Erwartungen und interner Verwandlung.
7 Literaturverzeichnis: Das Literaturverzeichnis listet die verwendeten Primär- und Sekundärquellen auf.
Schlüsselwörter
Heinrich von Kleist, Die Verlobung in St. Domingo, Toni, Identitätskonflikt, Rassendiskurs, Mestize, Gustav, schöne Seele, Haiti, Geschlechterrollen, Literaturwissenschaft, Loyalität, Selbstfindung, Tragik, Fremdbestimmung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit untersucht den Identitätskonflikt der fünfzehnjährigen Mestize Toni in Kleists Erzählung „Die Verlobung in St. Domingo“ und ihre Versuche, sich zwischen den verfeindeten Gruppen und Rollenbildern zu behaupten.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zu den Schwerpunkten gehören der Rassendiskurs der Zeit, die Dynamik zwischen den Geschlechtern, familiäre Loyalität sowie die Konstruktion von Identität in einem fremdbestimmten Kontext.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es zu ergründen, warum Tonis Persönlichkeitsentwicklung scheitert und ob ihr Tod das Resultat einer inneren Uneinsichtigkeit oder der unvereinbaren äußeren Ansprüche darstellt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die den Primärtext eng interpretiert und dabei durch Rückgriff auf zeitgenössische Diskurse und Forschungsliteratur fundiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert schrittweise Tonis Hautfarbe, ihre familiären Bindungen, das Machtverhältnis zu Gustav sowie ihre Versuche, ein Idealbild zu verkörpern.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Die Arbeit wird maßgeblich geprägt durch Begriffe wie Identitätskonflikt, Rassendiskurs, Mestize, Geschlechterrollen und das Kleistsche Ideal der „schönen Seele“.
Inwieweit spielt der Name der Hauptfigur für die Argumentation eine Rolle?
Die Arbeit weist darauf hin, dass der Name „Toni“ aufgrund seiner androgynen Natur und seiner traditionell schweizerischen Herkunft Tonis „Zwischenstellung“ und ihre Ambivalenz unterstreicht.
Welche Bedeutung kommt der Liebesnacht für Toni zu?
Die Autorin interpretiert den Geschlechtsakt als einen Prozess der „Katharsis“ bzw. der Selbstfindung, in dem Toni versucht, die bisherige falsche Moral hinter sich zu lassen.
- Quote paper
- Anna-Maria Heinemann (Author), 2005, Tonis Identitätskonflikt in Heinrich von Kleists "Die Verlobung in St. Domingo", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/140868