Harry Potter: Vergleich der britischen und amerikanischen Version


Zwischenprüfungsarbeit, 2009
19 Seiten, Note: 1,7
Henriette Plienow (Autor)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einführung

2 Warum Übersetzungen vom Britischen ins Amerikanische?
2.1 Historischer Hintergrund
2.2 „Possession“ als Beispiel für eine britisch-amerikanische Übersetzung

3 Britische Kinder- und Jugendbücher in den USA
3.1 Amerikanische Voreingenommenheit
3.2 Amerikanisierung britischer Literatur

4 Harry Potter auf Amerikanisch
4.1 Cover und Aufmachung
4.2 Sprache
4.3 Zusammenfassung

5 Fazit: „Britishness“ – ein Problem für amerikanische Potter-Leser?
5.1 Potter, ein Werk des Teufels?
5.2 Scholastics neuer Ansatz

Quellen
Literatur

1 Einführung

Diese Hausarbeit befasst sich mit den Unterschieden zwischen den britischen und den amerikanischen Harry-Potter-Ausgaben. Dabei wird untersucht, ob tatsächlich nur sprachliche Unterschiede für die Änderungen in den amerikanischen Ausgaben verantwortlich waren, oder ob der Verlag dabei auch durch Gründe des Marketings motiviert wurde.

Tatsächlich war es schon immer üblich, britische Literatur für den amerikanischen Markt zu überarbeiten. Unterschiede in der Rechtschreibung sind dafür nicht die einzige Ursache: Amerikanische Leser bevorzugen Literatur, die sich primär mit Themen des amerikanischen Lebens befasst – so lautet zumindest die gängige Auffassung von US-Verlagen. Allzu „Fremdländisches“ gilt in den USA als schwer zu vermarkten, weswegen britische Bücher in der Regel einer „Amerikanisierung“ unterzogen werden, bevor sie auf den amerikanischen Markt kommen. Wie dies genau funktioniert, wird auf den folgenden Seiten erläutert.

Im Anschluss wird untersucht, inwiefern die Potter-Romane im Vergleich zu anderen Kinderbüchern ein „Opfer“ dieses Prozesses wurden. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, dass die Bände 1-3 am intensivsten überarbeitet wurden – ganz speziell Band 1, der als einziger eine Änderung des Titels erfuhr („Harry Potter and the Philosopher’s Stone“ wurde zu „Harry Potter and the Sorcerer’s Stone“). Das Hauptaugenmerk dieser Arbeit wird deswegen auf der britischen und der amerikanische Ausgabe des ersten Bandes liegen, ergänzt durch Beispiele aus den Nachfolgebänden.

Zu guter Letzt stellt sich die Frage, ob die Rezeption in den USA in der Tat so ist, wie es die amerikanischen Verleger darstellen. Wollen amerikanische Leser wirklich nur über speziell amerikanische Themen lesen? Transportieren Rowlings Bücher, abgesehen von Fantasy-Elementen, ein spezielles Image Großbritanniens, eine sogenannte „Britishness“ – und welche Rolle spielt diese bei der Vermarktung in den USA?

2 Warum Übersetzungen vom Britischen ins Amerikanische?

2.1 Historischer Hintergrund

Die amerikanische Rechtschreibung hat ihre historischen Wurzeln im 18. Jahrhundert, in der Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten von der britischen Krone. Die neue, als einfacher und logischer empfundene US-Rechtschreibung stellte für den jungen Staat ein Mittel dar, sich vom Mutterland abzugrenzen und ist deswegen bis heute ein wichtiger Bestandteil der amerikanischen Nationalidentität. Darüber hinaus versprach man sich eine erhöhte Nachfrage nach amerikanischen Buchpublikationen im eigenen Land: Fortan wurde es unabdingbar, sämtliche Bücher in den USA zu drucken, konform mit der neuen Rechtschreibung.[1] Diese Praxis hat sich bis heute erhalten.

Da es zur damaligen Zeit noch kein internationales Urheberrecht gab und britische Literatur in den USA vermehrt Opfer einer „Buchpiraterie“ wurde, die britische Bücher kurzerhand als amerikanische Fassungen nachdruckte, sahen sich britische Autoren und Verleger gezwungen, speziell amerikanische Ausgaben für den US-Markt zu produzieren. Diese mussten außerdem in den USA hergestellt werden, um dem dort gültigen Copyright zu unterstehen. Wenn auch heutzutage die internationale Copyrightregelung anders aussieht, so ist es trotzdem weiterhin üblich, in der englischsprachigen Belletristik jeweils unterschiedliche britische und amerikanische Ausgaben desselben Werks zu produzieren.[2]

Dieses Produktionsverfahren bringt durchaus Vorteile mit sich, denn so können auch nach Erscheinen der britischen Ausgabe Änderungen an der amerikanischen Fassung vorgenommen werden. Autoren können ihre Texte nochmals durchdenken und überarbeiten, Verleger und Lektoren passen anschließend den Text an die amerikanische Rechtschreibung und Zeichensetzung an.[3] Dieses Verfahren hat sich etabliert und wird bis heute angewendet.

2.2 „Possession“ als Beispiel für eine britisch-amerikanische Übersetzung

Ein interessantes Beispiel für den Prozess, den britische Titel in amerikanischen Verlagen unterlaufen, beschreibt Helge Nowak in seinem Artikel über Antonia S. Byatts Roman „Possession“. Ganze Passagen wurden in der US-Fassung entweder neu hinzugefügt, abgekürzt, gelöscht oder ersetzt. Dies geschah entweder, weil der US-Verleger die Charakterisierungen der Figuren nicht als einprägsam empfand oder weil man befürchtete, bestimmte Passagen könnten amerikanischen Lesern als nicht unterhaltsam genug erscheinen. Auch wurde ein größerer Anteil an Liebesszenen verlangt.

Die Autorin war mit den Änderungswünschen der amerikanischen Lektoren äußerst unzufrieden. Der große Erfolg ihres Romans in Großbritannien lieferte ihr jedoch zahlreiche Argumente, um in der US-Fassung so viel ursprüngliche Elemente wie möglich beizubehalten. Britische Autoren, die in ihrer Heimat kommerziell weniger erfolgreich sind, müssen sich in der Regel jedoch den Änderungswünschen amerikanischer Verlage beugen, sofern sie eine Veröffentlichung in den Vereinigten Staaten anstreben.[4]

Dieses Beispiel illustriert, wie sehr US-Verlage darauf bedacht sind, fremdländische Literatur dem amerikanischen Lesergeschmack anzupassen, um Vermarktungsmöglichkeiten maximal auszuschöpfen. Dies resultiert zum Teil in tief greifenden Änderungen des Ursprungstextes, die nicht nur Rechtschreibung und Zeichensetzung, sondern auch Stil und Inhalt betreffen. Je jünger die Zielgruppe ist, desto massiver greifen in der Regel die Lektoren ein.

3 Britische Kinder- und Jugendbücher in den USA

3.1 Amerikanische Voreingenommenheit

Amerikaner – so lautet ein gängiges Vorurteil – interessieren sich nicht für den Rest der Welt. Über Wahrheitsgehalt und Allgemeingültigkeit dieser Aussage lässt sich streiten, doch zumindest auf die meisten amerikanischen Verleger und einen Teil der Leserschaft trifft sie zu. Wie Stephen Roxburgh in seinem Artikel erläutert, gleicht Übersetzungen fremdsprachiger Kinder- und Jugendliteratur in den USA zu veröffentlichen einem beinahe hoffnungslosen Unterfangen. Nur wenige amerikanische Verlage geben Übersetzungen in Auftrag, da diese in der Regel teuer, zeitraubend und wenig lukrativ sind.[5]

Zudem werden immer weniger Kinder- und Jugendbücher ins Amerikanische übersetzt, das Interesse an ausländischer Literatur ist gering. Nur etwa ein Prozent der in den USA veröffentlichten Kinderbücher sind Übersetzungen. In Europa hingegen schwankt der Anteil der übersetzten Kinderbücher je nach Land zwischen 30 und 60 Prozent. Arthur Levine (dem amerikanischen Lektor der Harry-Potter-Bände) zufolge herrscht in amerikanischen Verlagen noch immer die Einstellung vor, importierte Literatur verkaufe sich nicht und stieße auf wenig Interesse, oder, wie er wörtlich in Nina Lindsays Artikel zitiert wird: „No one cares“. Niedrige Verkaufszahlen, geringe Resonanz bei den Lesern, zusammen mit einem aufwändigen Übersetzungs- und Produktionsprozess, stellen große Hindernisse für amerikanische Verleger dar.[6]

Tatsächlich gilt „Europäisch“ als negativ belegter Begriff unter amerikanischen Kinder- und Jugendbuchverlegern, wie Roger Sutton in seinem Artikel schreibt:

[...] I became preoccupied with the casual use in our profession of the word European as an adjective for picture books, and not generally a complimentary one. [...] I thought, Gorgeous, but aren't they a little too... European for American children?[7]

Man könnte vermuten, britische Kinder- und Jugendliteratur habe in den USA aufgrund der Sprache bessere Chancen auf Erfolg, doch auch hier gilt: „[...] the merest whiff of ‘Britishness’ scented by a reviewer may be considered a strike against the book in a tough market.“[8] Das Problem ist also nicht primär sprachlicher, sondern kultureller Natur. Obwohl in den USA großen Wert auf bewussten Umgang mit Multikulturalismus gelegt wird, werden Bücher, die keinerlei Bezug zur amerikanischen Kultur herstellen, in der Regel nicht verlegt. Diese Tatsache sieht Roxburgh selbstkritisch als Zeichen für ein falsches, wenn nicht sogar fehlendes Verständnis der Amerikaner von Multikulturalität. US-Verlage seien der Ansicht, ausländische Literatur mit unverständlichen kulturellen Bezügen wirke auf amerikanische Leser befremdlich und verwirrend[9] – umso mehr, wenn es sich bei den Lesern um Kinder und Jugendliche handelt, deren Aufmerksamkeit ohnehin vom Fernsehen, Internet und Computerspielen umkämpft wird.

Es gibt es in den USA durchaus kritische Stimmen, die der Meinung sind, dass Kinder Fremdes interessant finden und intelligent genug sind, dieses zu erkennen und zu verstehen. Demnach sei es nicht die Rolle des Lektors, Bücher zu amerikanisieren und somit ihren individuellen Charakter zu verfälschen, sondern ihr Verständnis zu erleichtern.[10]

Der amerikanische Buchmarkt gibt US-Verlagen in der Regel jedoch Recht: Schulbibliothekare und Buchhandlungen mit niedrigem Budget seien stets auf der Suche nach Gründen, ein Buch nicht zu erwerben, so Whitehead. Pappbilderbücher mit fremdem (also britischem) Vokabular gelten als quasi unverkäuflich und haben auf dem Buchmarkt keine Chance.[11] Um sie markttauglich zu machen, gilt deshalb eine Amerikanisierung als unverzichtbar.

3.2 Amerikanisierung britischer Literatur

Hierbei beschränken sich die Lektoren nicht nur auf eine Anpassung der Rechtschreibung und Ersetzung speziell britischen Vokabulars durch amerikanisches (Mom anstatt Mum, jelly anstatt jam), sondern sie ändern oft massiv den gesamten Charakter eines Buchs.[12] „The younger the child, the heavier the hand“ gilt dabei als Faustregel: Je jünger die Zielgruppe eines Buchs, desto intensiver die amerikanische Überarbeitung.[13]

Dieser Prozess kann sich auf alle möglichen Aspekte beziehen: Titel, Schauplatz, Charakternamen, Illustrationen und kulturelle Bezüge können allesamt geändert werden. Amerikanische Verlage setzen dabei jeweils unterschiedliche Schwerpunkte, doch im Allgemeinen tendieren sie dazu, Texte zu kürzen und generell mehr in das Werk eines Autors einzugreifen als z.B. umgekehrt ihre britischen Kollegen, wenn diese einen amerikanischen Text für den eigenen Markt bearbeiten. Ersetzungen von britischen Ausdrücken durch amerikanische werden dabei auch mit Rücksicht auf vorlesende Eltern vorgenommen, um diesen eine Blamage vor ihren Kindern zu ersparen, falls sie die passende Erklärung für ein britisches Wort selbst nicht kennen.[14]

[...]


[1] Crystal 2005, S. 419–423

[2] Nowak 1997

[3] Nowak 1997

[4] Nowak 1997

[5] Roxburgh, S. 48

[6] Lindsay 2006, S. 36

[7] Sutton 2005, S. 645–646

[8] Whitehead 1996, S. 688

[9] Roxburgh 2004, S. 48

[10] Whitehead 1996, S. 693

[11] Whitehead 1996, S. 688

[12] Whitehead 1996, S. 687

[13] Whitehead 1996, S. 688

[14] Whitehead 1996, S. 689

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Harry Potter: Vergleich der britischen und amerikanischen Version
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Institut für Buchwissenschaft)
Veranstaltung
Harry Potter: Marketing a Bestseller
Note
1,7
Autor
Jahr
2009
Seiten
19
Katalognummer
V140933
ISBN (eBook)
9783640502974
ISBN (Buch)
9783640503285
Dateigröße
507 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Harry Potter, Marketing, Joanne K. Rowling, Scholastic, Bloomsbury, amerikanische Ausgabe
Arbeit zitieren
Henriette Plienow (Autor), 2009, Harry Potter: Vergleich der britischen und amerikanischen Version, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/140933

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