Opiumwirtschaft und 'hawala' in Afghanistan

Struktur, Einbettung und Entwicklungsfaktoren


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006

21 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Hawala - Funktion und Praxis
2.1 Historievon hawala
2.2 Funktion und System
2.3 Praxis und AusmaG

3. Opiumwirtschaft in Afghanistan
3.1 Okonomische Dimension
3.2 Motivation und Marktstruktur
3.3 Gesamtwirtschaftliche und soziale Auswirkungen

4. Hawala, Opium und Entwicklung

5. Quellen

1. Einleitung

Seit 1978 dauern in Afghanistan Konflikte an. Beginnend mit der kommunistischen Saur Revolution, der Invasion der Sowjetunion 1979 und dem anschliessenden Burgerkrieg bis 1992 mit vielen tausend Fluchtlingen und der sowjetischen Einflussnahme auf politische Strukturen, setzt sich dies bis heute fort. In den Jahren folgte eine Zersplitterung des Landes mit regionalen Konflikten und dezentralisierten politischen Strukturen bis 1995 das Taliban-Regime ein Gewaltmonopol durchzusetzen versuchte, transnationale religiose Netzwerke starkte und Afghanistan von internationalen Sanktionen betroffen war.[1] Die lange Phase dieser Konflikte in Afghanistan zerstorte die ohnehin wenig entwickelte Infrastruktur, ihre Wirtschaft, Institutionen und Auskommen. Traditionelle Existenzgrundlagen wurden zusehends durch informelle, insbesondere Opiumanbau und -handel, ersetzt. Die bestehende Lucke des nur ungenugend vorhandenen formalen Finanzsektors wurde durch das informelle Werttransfer System hawala gefullt, welches unter anderem fur Geldtransfers durch die Opiumwirtschaft genutzt wird. Der finanzstarkste Wirtschaftszweig Afghanistans umgeht somit das strukturschwache offizielle Bankensystem und ermoglicht kaum staatliche Kontrolle und Teilhabe. Nationale und internationale Bestreben fur eine okonomisch und politisch zentrale Entwicklung in Afghanistan verlaufen insbesondere aufgrund dieser informellen und illegalen Faktoren auRerst schwierig.

Der Opiumanbau sowie das Transfersystem hawala sind in vielerlei Hinsicht zentrale Merkmale der afghanischen Gesellschaft und ihrer Entwicklung. Deren Einbettung und AusmaR in der Kultur und Wirtschaftsstruktur Afghanistans will ich in der folgenden Arbeit erlautern. Im ersten Teil der Arbeit werde ich eine kurze historischen Einfuhrung zu hawala geben und seine Funktion und Praxis im afghanischen Kontext beschreiben. Anschliessend werde ich die okonomische und soziale Substanz der Opiumwirtschaft und ihrer Strukturen sowie die Verknupfung mit hawala aufzeigen um im letzten Punkt mit deren Auswirkungen auf formale okonomische Entwicklungsansatze zu enden.

2. Hawala - Funktion und Praxis

Das ,,hawala system[2] dient dem Transfer von Bargeld, ohne dass dieses Geld selbst unmittelbar bewegt wird. Es ist ein informelles Werttransfer System und existiert neben dem offiziellen Bankensystem, welches durch die Nationalbanken oder den Staat kontrolliert und uberwacht wird. Es ist darauf ausgelegt einen Geldtransfer auch uber weite Entfernungen, in andere Lander, zeitnah und kostengunstig zu vollziehen.

Durch den Ruckgang der Finanzdienstleistungen des Bankensystems im Afghanistan des letzten Jahrhunderts, wuchs hawala zusehends und fullte diese Lucke. Hawala versorgt demnach einen groRen Teil der finanziellen Transferaktivitaten der Bevolkerung, des Kleinhandels, der NGO's sowie der bi- und multilateralen Spenden. Auch Handelsverkehr und Industrie sind fur Einkauf und Einnahmen auf Hawala angewiesen.[3]

2.1 Historie von hawala

Etwa im 5./6. Jahrhundert in Asien entstanden, diente diese Form des Werttransfers in erster Linie als Reaktion auf Raubtum im Handel der SeidenstraRe. Von den Chinesen als ertses praktiziert hiess es seinerzeit Fei Quan was soviel wie “flying money" bedeutet. Anstelle des Transports von Bargeld durch Personen und die Handler selbst, wurden Quittungen bzw. Belege mitgefuhrt, die in den jeweiligen Handelsorten eingelost werden konnten.[4] In der arabischen Welt wurde diese Form der Werttransfers ubernommen und im Sinne der selben Reaktion auf Raubtum entlang der HandelsstraRen erfolgreich praktiziert. Es entstand das hawala Netzwerk welches den Einfluss der eigenen kulturellen Gegebenheiten und im speziellen die Lehren der Religion, des Islam, erfuhr.

,,The Islam of Prophet Mohammed clearly dictates the restraints and ethos that govern financial activities within Muslim societies. Moreover, the Qur'an identifies the tenets that should guide Muslims in conducting their financial affairs. Each factor has played a significant role in establishing the importance ofpersonal trust between Muslims..."[5]

Der Glaube, dass Allah den Wohlstand bestimmt, verpflichtet wohlhabende Muslime zum Teilen und zur Weitergabe ihrer materiellen Werte an die armeren Teile der Gesellschaft. Insbesondere in andere Lander ausgewanderte Muslime unterliegen der Verantwortung, Anteile ihrer materiellen Verdienste in ihre Heimatlander und zu ihren Familien zu transferieren. ,,The Hawallah system thus provides Muslims a channel for satisfying their religious obligations and achieving higher social standing.[6]

Die Basis des Vertrauens, welche durch religiose, ethnische und sprachliche Gemeinsamkeiten entsteht und aufrecht erhalten wird, verkorpert die Gemeinschaft und die darin enthaltene soziale Kontrolle. Dies verleiht hawala Funktion, macht dieses informelle System jedoch zu einem nach aussen hin nahezu abgeschlossenen und in sich geschlossenem. Demzufolge existieren parallel und unabhangig zum arabischen hawala weitere Netzwerke in Sud-, Ost- und Zentralasien.[7]

Das Netzwerk in Afghanistan ist ein wesentlicher Bestandteil des traditionellen hawala im Nahen und Mittleren Osten.[8] Das Zentrum des heutigen afghanischen hawala liegt in der Hauptstadt Kabul und existiert seit uber achtzig Jahren. Im Zuge der Saur Revolution in den 1970ern und der Emmigration vieler Auslander, u.a. der indischen und pakistanischen hawala Dealer, ging der hawala Markt nahezu komplett in die Hande der einheimischen Bevolkerung uber. Landesweit gibt es etwa 500 - 2000 hawala Dealer.[9]

2.2 Funktion und System

Auftraggeber oder Kunden (KA) in Land A wollen einen Geldtransfer zu einem Kunden (KB) in Land B tatigen. Anbieter des hawala (HA) in Land A und Land B (HB) vollziehen diesen Transfer ohne Beachtung von dessen Absicht oder Herkunft. KA ist typischerweise ein Auswanderer, ein Opiumkaufer oder Guterimporteur welcher Geld in das Heimatland oder das Herkunftsland (des Opiums / der Guter) transferieren will. KB ist demzufolge typischerweise ein Verwandter im Heimatland, ein Guterexporteur oder Opiumverkaufer der Geld bezieht.[10]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten[11]

(1) Der Geldentsender sucht einen hawala Dealer A in seinem Buro auf, welches sich oftmals in einem Ladengeschaft oder einer kleinen Reiseagentur befindet und erteilt den Auftrag.
(2) Der hawala Dealer A kontaktiert einen hawala Dealer B seines Vertrauens am Zielort telefonisch und gibt den Auftrag durch.
(3) Der Geldentsender teilt dem Geldempfanger einen vereinbarten Code mit.
(4) Der Geldempfanger im Zielland erhalt mittels des Codes den Geldbetrag in bar von hawala Dealer B.[12]
(5) Der Geldsentsender ubergibt hawala Dealer A den Geldbetrag in bar.

Auszugleichende Werte zwischen hawala Dealern werden, je nach Hohe der Transaktionen, taglich, wochentlich oder monatlich ausgeglichen. Zudem bestimmt die Art der Beziehung die Frequenz der Ausgleichsaktivitaten. Oftmals stehen die hawala Dealer in einer sozialen, familialen oder ethnischen Verbindung. Die Ausgleichsaktivitaten konnen einfache Bargeldtransfers sein, Handel mit legalen und illegalen Gutern, Schmuggel oder andere reziproker Austauschformen.[13] In landerubergreifenden Netzwerken nutzen die Dealer auch Konten internationaler Banken.[14]

2.3 Praxis und AusmaG

In weiten Teilen des Landes und in beinahe jeder Gemeinde sind hawala Dealer ansassig. Sie versorgen diese nicht nur mit der Dienstleistung des gewohnlichen Geldtransfers, sonder ebenso als Verwalter fur Geldeinlagen, Kleinfinanzierung von informellen Unternehemern, Finanzgeschaften von Handlern sowie den Wechsel von Wahrungen. „Hawala tends to be some of the cheaper financial services provided by local money exchange dealers.“[15]

Das hawala Netzwerk ist demnach seit langem ein wesentlicher Bestandteil im finanziellen Handeln des durchschnittlichen Afghanen. Durch die weite Verbreitung, das Vertrauen in das hawala System und dessen Vertretung religioser Werte ist hawala in die afghanische Kultur intergriert und Teil dieser.[16]

„The hawala system has enabled many families to feed themselves, and remittances are considerably larger, and much better distributed, than the total sum of humanitarian aid. The social dimension of the money transfers may also be highly significant, as they play a crucial role in maintaining and developing social relations despite the prevailing dispersion and insecurity.“[17]

Diese kulturelle Einbettung und die Vertrauenssphare unter Nutzern und Anbietern vollzieht sich durch religiose, nationale, ethnische, sprachliche Oder einer Kombination aus diesen Faktoren sowie die Tradition. Das formale Bankensystem, wie Da Afghanistan Bank, ist weit enfernt von dieser Form der Einbettung und ihm gelingt es nicht dies zu kompensieren. Zusatzliche Vorteile des hawala gegenuber anderen Finanzdienstleistern sind:

- einfach: Einfache und unburokratische Vermittlung
- schnell: Abschluss der Transaktionen in maximal 24 Stunden.
- gut erreichbar: Weites Netzwerk, selbst in abgelegene Landesteile
- gunstig: Keine Steuern, kein Zoll, geringe Aufwandskosten und dadurch gute Wechselkruse (ca. 1-2% Provision) und geringe Transfergebuhren (ca. 3-5%)
- informell: keine offizielle Kontrolle, kaum Dokumentation, Anonymitat

Hinzu kommt die Zuverlassigkeit:

„Dealers seldom fail to effect payment. Beside the expected high standard of adherence to unwritten but nevertheless well-established codes of business practice, default risk is eliminated through a variety of hawala dealer selection criteria adopted by users, and operational usage procedures, particularly the “confirmation before payment“[18] procedure“.[19]

Die internationale Spannweite fur Afghanistan, welche vom Zentrum in Kabul aus abgedeckt ist und hieruber mit dem inlandischen Netzwerk verbunden ist, erstreckt sich uber den asiatischen Subkontinent und die Golfstaaten. Hierzu gehoren die traditionellen und groRen Handelszentren in Theran (Iran), Islamabad (Pakistan) und Neu Dehli (Indien) sowie Riat (Saudi-Arabien), Doha (Quatar), Abu Dhabi und Dubai (VAE) und Muskat (Oman). „NGOs use the hawala system as a way to transfering money to Afghanistan."[20] Der Hohe des Finanzvolumens welches transferiert wird ist nahezu keine Grenze gesetzt. Internationale Institutionen transferieren einzelne Werte bis zu 1 Mio US$.

[...]


[1] Bhatia: S.4f

[2] Maimbo: S.5

[3] ebd.: S.25

[4] Mian Ahad Hayaud-Din: S.lf

[5] ebd.: S.2

[6] Mia AhadHayaud-Din.:S.2

[7] ebd.

[8] Lonnberg: S. 8

[9] Maimbo: S.8

[10] ebd: S.6

[11] Abbildung: eigene Dastellung

[12] Mian AhadHayaud-Din: S.3

[13],,In the past, when the bankingsystem in Kabul was operational, dealers settled their accounts through the exchange of checks. Now, if dealers need to transfer cash, from one region to another, it is moved over traditional trading routes that have been in existence foryears“ Maimbo: S.13

[14] Maimbo: S.13

[15] ebd.: S.8f

[16] Mian AhadHayaud-Din: S.3f

[17] Stigter: S.11

[18],,...the remitter pays the hawala dealer the value of the funds remitted only after the recipient has confirmed receipt ofthe money.“ Maimbo: S.12

[19] Maimbo: S.12 und siehe auch Annex 1, S.29 & Annex 2, S.31

[20] Bhatia: S.17

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Opiumwirtschaft und 'hawala' in Afghanistan
Untertitel
Struktur, Einbettung und Entwicklungsfaktoren
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Institut für Ethnologie)
Veranstaltung
Ökonomische Anthropologie informeller Werttransfersysteme
Note
1,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
21
Katalognummer
V140935
ISBN (eBook)
9783640482276
ISBN (Buch)
9783640482207
Dateigröße
926 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Opium, Afghanistan, Hawala, Entwicklung, Ethnologie, Wirtschaft, Werttransfersystem, Drogen
Arbeit zitieren
Benjamin Schaffner (Autor), 2006, Opiumwirtschaft und 'hawala' in Afghanistan, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/140935

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