Die Präsenz sozialarbeiterischer Expertisen in Printmedien bei Diskursen im sozialen Feld


Magisterarbeit, 2009

100 Seiten, Note: gut


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Das Herstellen von Öffentlichkeit für die Sozialarbeit
1.1. Teilnahme am öffentlichen Diskurs bei Silvia Staub-Bernasconi
1.2. Berufsbild der Österreichischen SozialarbeiterInnen
1.3. Öffentlichkeitsarbeit für interne und externe Kommunikation

2. Journalismus als Mittel, Öffentlichkeit herzustellen
2.1. Journalismus als Tagebuch der Gesellschaft
2.2. Journalismus als Erzieher zur Vernunft
2.3. Journalismus als Gatekeeper
2.4. Journalismus als Leistungssystem der Öffentlichkeit
2.5. Journalismus als Transportmittel zwischen Politik und BürgerInnen
2.6. Journalismus als Vierte Gewalt im Staat

3. Was kann Journalismus - Integrationspotenzial
3.1. Definition Integration
3.2. Funktionen des Journalismus in Hinblick auf den Bestand einer Gemeinschaft

4. Öffentlichkeit - was ist das?
4.1. Habermas: Idealmodell der bürgerlichen Ordnung
4.2. Luhmann: Beobachtungssystem der Gesellschaft
4.3. Gerhards/Neidhard: Arenenmodell

5. Österreichs Medienlandschaft mit Schwerpunkt Tageszeitungen
5.1. Merkmale der österreichischen Medienlandschaft
5.2. Die aktuelle Tageszeitungssituation
5.3. Kurier
5.4. Standard

6. Forschung
6.1. Forschungskonzept
6.2. Ausgangslage
6.3. Forschungsfrage
6.4. Forschungsdesign
6.4.1. Quantitative Forschung
6.4.2. Qualitative Forschung

7. Häufigkeitsanalyse
7.1. Untersuchungszeitraum
7.2. Kategorienbildung „Soziales“
7.3. Ergebnisse der Häufigkeitsanalyse
7.3.1. Anzahl der Artikel
7.3.2. ExpertInnen
7.3.3. Handlungsfelder
7.3.4. Inhalte der Artikel
7.3.5. Ressorts
7.3.6. Haupt- oder Nebengeschichte
7.3.7. Aufteilung der Handlungsfelder und der dabei zitierten ExpertInnen
7.3.7.1. Handlungsfeld „Kinder, Jugend, Familie“
7.3.7.2. Handlungsfeld „Alte Menschen“
7.3.7.3. Handlungsfeld „Materielle Grundsicherung“
7.3.7.4. Handlungsfeld „Gesundheit“
7.3.7.5. Handlungsfeld „Straffälligkeit“
7.3.7.6. Handlungsfeld „Beruf und Bildung“
7.3.7.7. Handlungsfeld „Migration und Integration“
7.3.8.1. Definition und Anzahl der Nennung der „Sozialen Prominenz“
7.3.8.2. AkteurInnen öffentlicher Kommunikation
7.3.9. Anzahl der Nennung der Einrichtungen
7.3.10.1. Inhaltliche Zusammenfassung der Themen im Handlungsfeld „Kinder und Jugendliche“
7.3.10.2. Inhaltliche Zusammenfassung der Themen im Handlungsfeld „Migration und Integration“
7.4. Zusammenfassung der Ergebnisse der Häufigkeitsanalyse

8. Qualitative Forschung
8.1. Leitfadeninterviews mit ExpertInnen
8.2. Schwerpunkte der Befragung
8.3. Journalistisches Handeln
8.4. Auswertung der Interviews
8.4.1. Auswertungsverfahren
8.5. Ergebnisse
8.5.1. Rolle des Journalismus
8.5.2. Unterschiedliche Intentionen Sozialarbeit - Journalismus
8.5.3. Auswirkung der Öffentlichkeit auf den Einzelnen
8.5.4. Positionierung der Zeitung
8.5.5. Möglichkeit und Grenzen
8.5.6. Alltag in den Redaktionen
8.5.7. Positionierung innerhalb der Zeitung
8.5.8. Redaktionsinterner Schwerpunkt und Spezialisierung
8.5.9. Chronik versus Inland
8.5.10. Soziale Themen in der Zeitung
8.5.11. Zugang zu ExpertInnen
8.5.12. Zusammenarbeit mit ExpertInnen/PR-Profis
8.5.13. Zusammenarbeit mit SozialarbeiterInnen
8.6. Zusammenfassung

9. Ausblick

Zur Zukunft der Tageszeitungen

Quellen

Abbildungsverzeichnis

Anhang

Einleitung

„Tu Gutes und rede darüber“: eine wahrlich leichte Übung für eine Branche wie die Sozialarbeit, so möchte man meinen. Schließlich ist „Gutes tun“ ja Kern des Geschäfts und zu berichten gibt’s dabei wohl mehr als genug. Doch sieht man etwas genauer hin, so lassen sich sehr rasch jene Schwierigkeiten ausnehmen, die der - wohl bereits etwas angestaubten doch nach wie vor gültigen - Doktrin für erfolgreiche Öffentlichkeitsarbeit im Wege stehen. Denn: Was genau ist dieses Gute, worüber es zu reden gilt? Und: wo und wie redet man darüber?

Schließlich steckt der Teufel bekanntermaßen im Detail, und jede Menge von irritierendem Kleingedruckten befindet sich im Falle der Sozialarbeit im doppelten Mandat. Jenem Grundsatz der Sozialarbeit also, der diese beauftragt, in beide Teile der Gesellschaft - sprich Mehrheitsgesellschaft wie marginalisierte Gruppen - zu wirken. Was wiederum bedeutet, dass Sozialarbeit, während sie Teil des Machtapparats ist, sie gleichzeitig auf der Seite der „poor, vulnerable, oppressed“ (Pantucek 2006) steht. Diese janusköpfige Existenz stellt sie, was Öffentlichkeitsarbeit betrifft, immer wieder vor große Herausforderungen: Liegt das berichtenswerte „Gute“ der Sozialarbeit darin, dass Menschen mit Hilfe sozialarbeiterischer Methoden in so genannte Normalbiografien zurück finden? Oder kennzeichnet sich das „Gute“ der Sozialarbeit nicht vielmehr darin, marginalisierte Gruppen zu bestärken, eigene Rechte ein zu fordern - gerade auch mithilfe der Medien? Soll Sozialarbeit in Zeitungen, in Radiosendungen, im Fernsehen darauf aufmerksam machen, dass Rechte von Minderheiten mit Füßen getreten werden? Oder ist es nicht der Sache weitaus dienlicher, die Presse dazu zu nützen, politisch Verantwortlichen den Bauch zu pinseln, um auf diese Art und Weise mehr von den bereits existierenden guten Ansätzen zu erhalten - sprich: Fördermittel, Gesetzesänderungen, Meinungsbildung? Oder aber geht es nicht vielmehr darum, eigene Expertise und Handlungsvermögen der eigenen Einrichtung lautstark zu preisen, um dadurch zu erzielen, dass diese für die Öffentlichkeit als unverzichtbar erscheint?

Und wie verhält es sich eigentlich im Falle von KlientInnen/ KundInnen/ ProbantInnen und Medien? Sollen deren Lebensgeschichten von SozialarbeiterInnen erzählt, ihre Probleme berichtet und sie damit ihrer (durchaus auch schützenden) Unsichtbarkeit beraubt werden? Soll man versuchen, mittels ihrer erlebten Schwierigkeiten die öffentliche Meinung zu beeinflussen? Ist das ethisch vertretbar? Oder ist es nicht vielmehr Teil der Sozialarbeit, KlientInnen vor dem in modernen Massenmedien immer wieder vorkommenden Voyeurismus, der zunehmenden Tendenz zur Skandalisierung und vor so genannter Sozialpornografie zu schützen?

Fasst man all diese Aspekte zusammen, so ist es nicht verwunderlich, dass SozialarbeiterInnen meist einen behutsamen Umgang mit Medien pflegen und sie sich das eine oder andere Mal auch dann nicht öffentlich zu Wort melden, wenn dies dringend angeraten wäre.

Und dennoch: SozialarbeiterInnen, NonGovernment-Institutionen, Vereine und NonProfit-Organisationen kommen in Medien vor, werden gefragt, ihre Meinungen, Berichte, Aufrufe finden sich in Zeitungen. Die vorliegende Diplomarbeit versucht herauszufinden, in welchen Fällen der Berichterstattung SozialarbeiterInnen, EinrichtungsleiterInnen und MitarbeiterInnen von NonGovernment-Organisationen bzw. NonProfit-Organisationen von JournalistInnen befragt und wörtlich zitiert werden und in welchen Fällen andere Berufs- oder Personengruppen zu Wort kommen.

Dazu wurden zwei österreichische Tageszeitungen für die Dauer eines Jahres nach folgenden Kriterien untersucht: Zu welchen Themen werden SozialarbeiterInnen von JournalistInnen als ExpertInnen befragt und zitiert? Und wessen Expertise ist es, die im Kontext sozialer Probleme schlussendlich Eingang in die journalistische Berichterstattung findet, wer wird als Meinungsmacher wahrgenommen? In welches journalistische Ressort fällt Soziales - Innenpolitik, Chronik? Welche Themen der Sozialarbeit stehen oft im Brennpunkt der Berichterstattung? Welche scheinen die Öffentlichkeit - und damit den Journalismus (oder passiert dies nicht gerade umgekehrt?) - wenig oder kaum zu interessieren?

Der erste Teil befasst sich mit theoretischen Überlegungen zu den Motiven der Arbeit von SozialarbeiterInnen, öffentliche Aufmerksamkeit zu suchen. Im zweiten Teil wird der Rolle des Journalismus in Bezug auf Öffentlichkeit und öffentliche Meinung nachgegangen und schließlich auch das Integrationspotenzial von Medien genauer unter die Lupe genommen. Im anschließenden Kapitel wird versucht, den Terminus „Öffentlichkeit“ als solchen genauer zu definieren. Zur Verortung der zwei untersuchten Tageszeitungen wird sowohl die aktuelle Situation der österreichischen Medienlandschaft genauso wie die Geschichte und redaktionelle Ausrichtung der beiden Zeitungen skizziert. Es folgt die Darstellung des Forschungsprozesses sowie der ausgewählten Methode. Anschließend ist der qualitative Forschungsteil aufgezeichnet, basierend auf den Ergebnissen der Häufigkeitsanalyse, in welchem qualitative Interviews mit JournalistInnen geführt wurden. Die Resultate der Befragungen wurden in den aktuellen sozialwissenschaftlichen Kontext gestellt um daraus Empfehlungen an die Sozialarbeit abzuleiten. Der abschließende Ausblick stellt die Frage nach der Relevanz der vorgelegten Ergebnisse hinsichtlich der aktuellen Ereignisse auf dem Zeitungsmarkt (Stichwort Finanzkrise, Gratiszeitungen, Internet, Web 2.0), und die Bedeutung, Chancen und Möglichkeiten der Öffentlichkeitsarbeit für Sozialarbeit werden diskutiert.

1. Das Herstellen von Öffentlichkeit für die Sozialarbeit

Im folgenden Kapitel wird der Frage nachgegangen, was Sozialarbeit bewegt, sich um Öffentlichkeit für die Anliegen ihrer KlientInnen, KundInnen oder ihrer sozialarbeiterischen Arbeit per se zu bemühen.

1.1. Teilnahme am öffentlichen Diskurs bei Silvia Staub-Bernasconi

Wenn es um das zielgerichtete Lenken der öffentlichen Aufmerksamkeit auf Anliegen und Lebensbedingungen von KlientInnen geht, sieht Staub-Bernasconi dieses u.a. in der Kategorie der Kriterienarbeit begründet. Sie bezieht dabei ihre Definition von Kriterienarbeit auf den Umgang mit „vergesellschaftlichten, allgemeinsten, institutionalisierten Werten, die der Definition Sozialer Probleme zugrunde liegen“ (=Kriterien) (Staub-Bernasconi 1995:186 f.).

Gründe für das Bemühen, öffentliche Aufmerksamkeit zu erlangen, sieht sie in folgenden Fällen:

a) die Nichterfüllung proklamierter Werte oder gesetzten Rechtes
b) das Fehlen von Wert- bzw. Rechtsvorstellungen/Kriterien für einen bestimmten Sachverhalt (siehe Genforschung et.al.)
c) der willkürliche Umgang mit Werten und gesetztem Recht oder verbindlichen Normen (siehe Bemessung von sozialem Existenzminimum)
d) die aktive Dekonstruktion von Werten (z.B. subjektive Beliebigkeit anstelle von durch Verfahren kontrollierte Wahrheit; reiner Wettbewerb anstelle von Kooperation; Zynismus anstelle von Mitleid; individuelle Risikoabsicherung anstelle von solidarischer Ausgleichsgerechtigkeit etc.)

Als Ziele definiert sie dabei

a) die Verkleinerung der Diskrepanz zwischen Wert/Recht und missachtetem Wert/Recht
b) die öffentliche Diskussion neuer Wertprioritäten und den Versuch, sie in neues Recht zu fassen
c) die Aufdeckung von Willkür
d) die Rekonstruktion und Begründung von Werten

Um dies zu erreichen, schlägt Staub-Bernasconi Öffentlichkeitsarbeit vor, die sie mittels Information, Analysen, Stellungnahmen, Konferenzen, Resolutionen, aufdeckenden Recherchen, Veröffentlichung von Missständen etc. gewährleistet sieht.

Weiters definiert Silvia Staub-Bernasconi wie folgt: „Als wissenschaftsbasierte Profession hat Soziale Arbeit die zusätzliche Aufgabe, ihr Wissen über Soziale Probleme für die öffentlichen Entscheidungsträger zugänglich zu machen und sich in die (sozial)politischen Entscheidungsprozesse über mögliche Problemlösungen einzumischen“ (Staub-Bernasconi 1995:11).

1.2. Das Berufsbild der Österreichischen SozialarbeiterInnen

Das Berufsbild der Österreichischen SozialarbeiterInnen fordert Öffentlichkeitsarbeit unter folgenden Voraussetzungen:

4.4. Sozialarbeit ist Lobbying für Benachteiligte, Diskriminierte und Randgruppen in der Gesellschaft und arbeitet auf die Beseitigung der Ursachen menschlicher Notlagen materieller, gesundheitlicher, sozialer, kultureller Art hin. Ihre Ziele erreicht Sozialarbeit durch:

4.6. Intervention bei:

a) Verstößen gegen grundgelegte Menschenrechte und nationale/internationale soziale Rechte (Social Charta, Antidiskriminierungsgesetze etc.) (...)
e) Funktionsmängeln im sozialen System
f) ungenügender politischer Vertretung von Benachteiligten
g) zu geringer Beachtung von sozialen Problemen in der Öffentlichkeit

(..)

4.7. Mitwirkung an sozialer Planung, Sozialpolitik und Sozialgesetzgebung, sowie Durchführung professioneller wissenschaftlicher und transdisziplinärer Forschung.

5. Methoden der Sozialarbeit:

Die methodischen Zugänge von Sozialarbeit sind Soziale Einzelfallhilfe, Soziale

Gruppenarbeit, Soziale Gemeinwesenarbeit und Methodenintegrative Sozialarbeit. (...)

Berufsspezifische Tätigkeiten sind u.a. Information, Beratung, Betreuung, Vertretung,

Krisenintervention, Ressourcenerschließung, Vernetzung und Koordination,

Öffentlichkeitsarbeit, sozialpolitische Aktivitäten, Zusammenarbeit mit anderen

Berufsgruppen, Sozialplanung, Sozialmanagement, Soziale Diagnose, gutachterliche und fachliche Stellungnahmen, Dokumentation und Evaluation.

1.3. Öffentlichkeitsarbeit für interne und externe Kommunikation

Ewald Schürmann, der sich in seiner Publikation „Öffentlichkeitsarbeit für soziale Organisationen“ (2004) mit den Möglichkeiten der Public Relations für soziale Arbeit auseinander setzt, sieht die Notwendigkeit der Erreichung von Öffentlichkeit in einem noch breiteren Rahmen. Bei seiner Forderung nach Öffentlichkeit geht es über die (parteiische, anwaltschaftliche) Berichterstattung hinsichtlich der Lebensbedingungen und Gestaltungsmöglichkeiten von KlientInnen wesentlich hinaus. Denn er fordert, dass neben dem öffentlich-politischen Positionieren der Sozialarbeit auch „durch gezielte ÖA professionelles Sozialmanagement zum Vorschein kommt, Öffentlichkeit als Marktstrategie anzusehen ist im Kampf um die öffentlichen Mittel, aber auch in einer Aktivierungswirkung der Öffentlichkeitsarbeit (Aktivierung im Trias MitarbeiterInnen, Öffentlichkeit und KlientInnen. Dadurch sollen Problemlösungen multipliziert werden und Anleitungen zum Handeln in einem weit reichenden Sinn erzielt werden. So also kann es gelingen, dass Soziales sowohl Akzeptanz als auch Förderer gewinnt und die Notwendigkeit von sozialem Handeln mehr als bisher erkannt wird.“ (Schürmann 2004:16ff) )

Fokussiert man das Bestreben der Sozialarbeit, Unregelmäßigkeiten bei der Verteilung von Ressourcen und Ungleichbehandlungen von Gesetzen zur Sprache zu bringen, so ist es möglich, dass sie mit diesen Anliegen beim Journalismus offene Türen vorfindet. Schließlich erkennt sich Journalismus in vielen Selbstdefinitionen als ein Verfahren, welches einerseits relevante Informationen über aktuelle Vorgänge allgemein zugänglich und verständlich macht, andererseits aber auch - zum Zwecke der Kontrolle der Macht - Verborgenes offen legen soll (vgl. Haller in Löffelholz 2004: 137).

Historisch gesehen hat sich dieses doppelte Prinzip, das etwa seit dem 17.

Jahrhundert als Anforderung an den Journalismus verstanden wird, zuerst in Großbritannien herausgebildet und ist dort im 19. Jahrhundert unter dem journalistischen Leitbild des „Fourth Estate“ zu einem wichtigen Bestandteil herrschender Theorien über Demokratie und deren Erhalt/Sicherung geworden. In diesem Zusammenhang weisen Weischenberg, Scholl, Malik (Weischenberg, Scholl, Malik 2006:13) darauf hin, dass die in der Verfassung westlicher Demokratien garantierte Kommunikations- und Pressefreiheit vor allem durch JournalistInnen realisiert wird. „Dabei geht es nicht nur darum, über die Welt zu informieren und die Mächtigen zu kritisieren, sondern auch darum, den Sprachlosen in dieser Gesellschaft eine Stimme zu verleihen.“

2. Journalismus als Mittel, um Öffentlichkeit herzustellen

Es gibt verschiedene Spielarten, Öffentlichkeit herzustellen. Journalismus ist nur ein Mittel dabei, wenngleich auch bislang das wichtigste. Noch - muss dabei hinzugefügt werden, denn die aktuellen Entwicklungen des Web 2.0, welche etwa den Bürgerjournalismus mittels Webblogs, Twittern, Facebook etc. möglich gemacht hat, kann in diese Richtung neue Möglichkeiten für Fach- und Communityöffentlichkeiten schaffen. Diese aktuellen Entwicklungen sind in ihren möglichen Auswirkungen noch nicht absehbar, wenngleich in vielerlei Foren diskutiert (vgl. Journalistenjahrbuch 2009). Doch nach wie vor bestimmen Massenmedien, welche Themen im öffentlichen Diskurs abgehandelt werden. Und welche nicht. Aus diesem Grund wird im folgenden Kapitel der Versuch unternommen, einen kurzen Abriss der historischen Entwicklungslinien der Theorieentwicklung hinsichtlich der gesellschaftlichen Rolle des Journalismus nachzuzeichnen.

2.1. Journalismus als Tagebuch der Gesellschaft

Als erste theoretische Beschreibung des Journalismus gilt die Monographie „Geschichte des deutschen Journalismus“ von Robert Eduard Prutz (1816-1872) aus dem Jahr 1845, in der erstmals der Journalismus im Mittelpunkt des Interesses stand. Prutz beschreibt dabei den Journalismus wie folgt:

"Der Journalismus überhaupt, in seinen vielfachen Verzweigungen und der ergänzenden Mannigfaltigkeit seiner Organe, stellt sich als das Selbstgespräch dar, welches die Zeit über sich selber führt. Er ist die tägliche Selbstkritik, welcher die Zeit ihren eigenen Inhalt unterwirft; das Tagebuch gleichsam, in welches sie ihre laufende Geschichte in unmittelbaren, augenblicklichen Notizen einträgt. Es versteht sich von selbst und bei den persönlichen Tagebüchern, welche wir etwa führen, geht es uns ja ebenso, dass die Stimmungen wechseln, dass Widersprüche sich häufen und Wahres und Falsches ineinander läuft. (...) Im Journalismus daher, trotz dieser, ja eben wegen dieser schwankenden, flüchtigen Natur, liegen die geheimsten Nerven, die verborgensten Adern unsrer Zeit sichtbar zu Tage." (Prutz 1845: Faksimiledruck)

2.2. Journalismus als Erziehung zur Vernunft

Erste Versuche hinsichtlich Definition und Vorstellungen der gesellschaftlichen Positionen, Aufgaben und Rollenverständnis des Journalismus finden sich laut Michael Haller (Haller in Löffelholz 2004:134) im späten 18. Jahrhundert. Das Auftauchen dieser Entwürfe passiert nicht zufällig in dieser Zeit, belegt Haller mit dem Hinweis darauf, dass zu besagter Zeit bürgerliche Gesellschaftsentwürfe im Entstehen begriffen waren. Die Gleichsetzung von Journalismus mit Ideen und Visionen der Aufklärung geschieht seit dieser Zeit immer wieder, so Haller weiter. Die Aufklärung beschränkt sich dabei nicht nur auf die Befreiung von der individuellen Unmündlichkeit, sondern zielt in gleichem Maße auch speziell darauf ab, dass sich der/die abhängige BürgerIn von der Bevormundung vom Staatssystem lösen kann. „Genauer gesagt, jenes Staatssystem, das auf einer Herrschaft von wenigen, den Wissenden berührt und das zu Lasten von vieler geht. Diese Emanzipation in der Tradition Kants stützte sich auf drei Pfeiler: Menschenrechte, Rechtsgleichheit und Chancengleichheit. “ (Haller in Löffelholz 2004: 134). In diesem Theorieentwurf spricht man dem Journalismus einen emanzipatorischen Zweck im Sinne einer gesellschaftlichen Transformation zu. Denn schließlich sollte Journalismus diese gesellschaftlichen Entwicklungen mittragen und fördern. Der Autor weist in diesem Zusammenhang auf eine grundlegende Diskrepanz in diesem Rollenverständnis des Journalismus hin: Journalismus als Verkünder und Vermittler der praktischen Vernunft auf der einen Seite. Auf der anderen Seite war Journalismus aber auch das tagtägliche „Tribunal, wo Tugend und Laster unparteiisch geprüft und Unterdrückung, Bosheit, Ungerechtigkeit (...) mit Verachtung und Schande gebrandmarkt wurden (Moritz 1784:3ff)“. Das heißt, Journalismus hatte eine bewertende, moralisierende Rolle. Dies wiederum bedeutet, es handelt sich hierbei um ein Konzept, das zwischen der Parteilichkeit für den emanzipatorischen Prozess und dem Anspruch der Unparteilichkeit als Chronist der laufenden Ereignisse merkwürdig hin und her oszilliert (vgl. Requate 1995:265f.).

2.3. Journalismus als Gatekeeper

Als Vorläufer der empirischen Methoden innerhalb der Publizistikforschung gilt Kurt Lewin (1880-1947). Dessen Gatekeeper-Ansatz stellte einen geeigneten Ansatz für die Journalismusforschung dar, welcher von David M. White 1950 für diese in die journalistische Welt übertragen wurde. Kurt Lewin: „The traveling of a news item

through certain communication channels was dependent on the fact that certain areas within the channels functioned as ‘gates’.” (Löffelholz in: Löffelholz 2004: 42). Diese Tore, die nur bestimmte Nachrichten durchlassen und andere aussperren, werden, so Lewin, entweder von unparteiischen Regeln oder von Torwächtern bewacht. Um die Funktionsweise dieses Tors zu verstehen, muss man in erster Linie die Faktoren bestimmen können, die die Entscheidung der Gatekeeper bestimmen. Der Fokus der Whiteschen Untersuchungen lag allerdings noch bei jenen Entscheidungen, die auf dem Willen und der Motivation von Individuen beruhten. Die spezifische Tragweite für die Publizismusforschung erhielt dieser Ansatz allerdings erst, als er um die Annahmen erweitert wurden, dass die Selektion von Nachrichten auf komplexeren Prozessen beruht als auf den Entscheidungen von Einzelpersonen (vgl. Löffelholz 2004:42/Raabe 2005:34-35). So wurden in die Gatekeeper-Konzepte bald institutionelle und systemorientierte Elemente integriert. Mit dieser zunehmend organisationsbezogenen Perspektive bereitete die Gatekeeper-Forschung „den Boden für eine im weitesten Sinn systemtheoretische Herangehensweise.“

(Löffelholz in Löffelholz 2004:44)

2.4. Journalismus als Leistungssystem der Öffentlichkeit

In den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts wird das System/Umwelt-Paradigma von Niklas Luhmann als Ordnungsprinzip einer allgemeinen Journalismustheorie übernommen.

Niklas Luhmann begreift den Journalismus u.a. als Leistungssystem der Öffentlichkeit: Mithilfe des Journalismus können sich die Systeme einer Gesellschaft selbst beobachten und Systeme entsprechend weiterentwickeln. Dadurch können sich gesellschaftliche Subsysteme wie Politik, Wirtschaft, Sport oder Kunst an die sich verändernde Umwelt anpassen. Der Journalismus selektiert, bearbeitet und publiziert Themen, die als zielgruppenspezifisch, informativ und relevant gelten. Dies geschieht im Rahmen von speziellen Organisationen (Redaktionen), Handlungsprogrammen (Regeln journalistischer Recherche) und unter redaktioneller Rollendifferenzierung (Ressorts). Die Kernidee dieser Theorie liegt in der Selbsterzeugung der Identität (- siehe Autopoiese). Die Komponenten des Systems erzeugen sich aus ihren eigenen Operationen. Auch die Beobachtung der Umwelt wird als Eigenleistung des Systems verstanden, d.h. das System verfügt demnach über eine kognitive Offenheit. Manfred Rühl ist ein weiterer bedeutender Vertreter des systemischen Ansatzes innerhalb der Publizistik. Für ihn stellt der Journalismus ein gesellschaftliches Funktionssystem dar. Die journalismusspezifische Funktion liegt in der „Herstellung und Bereitstellung von Themen zur öffentlichen Kommunikation“. (Rühl 1980:323) Von zentraler Bedeutung sind die Annahme einer journalismusinternen Herausbildung und Differenzierung von Entscheidungs- strukturen sowie die gesellschaftliche Einbettung des Journalismus, der stets abhängig von einem soziohistorisch zu bestimmenden Gesellschaftssystem ist.

"Redaktionelles Handeln als Herstellen von Zeitungen in einem industriell hochentwickelten Gesellschaftssystem erfolgt nicht nur durch einige Nachrichten sammelnde, redigierende und schreibende Redakteure, sondern vollzieht sich vielmehr als durchrationalisierter Produktionsprozess in einer nicht minder rationalisierten und differenzierten Organisation." (Rühl 1969:13)

2.5. Journalismus als Transportsmittel zwischen Politik und BürgerInnen

Neidhardt, Eilders und Pfetsch weisen den Medien innerhalb des gesellschaftlichen Systems primär chronistische Funktionen zu. Ihre politische Aufgabe in Demokratien sehen die Autor darin, Politik transparent zu machen. Das bedeutet, die Aufgabe des Journalismus besteht darin, BürgerInnen über jene Probleme des Gemeinwesens zu informieren, für deren Bearbeitung Politik zuständig gemacht wird; über Personen, Gruppen, Verbände und Parteien, die sich zu solchen Problemen und deren Bearbeitung einlassen; über Regierungen, die etwas tun oder nicht tun; über Ereignisse, die neue Probleme aufweisen und alte Probleme an den Rand drängen. (Elders, Neidhard, Pfetsch 2004:11). Und: Medien sollen nicht nur mit Nachrichten informieren, sondern auch den BürgerInnen Orientierung darüber liefern, wie solche Nachrichten einzuschätzen und zu bewerten sind (siehe Kolumnen, Kommentare, etc.) .

2.6. Journalismus als „Vierte Gewalt“ im Staat

Eines der Rollenverständnisse, welches JournalistInnen von sich selber haben, ist jenes der so genannten Vierten Gewalt im Staat. Das heißt, dass neben Exekutive, Legislative und Judikatur Journalismus als vierter Teil der Gewaltenteilung fungiert eine Art Publikative (vgl Bergsdorf 1980), wie dies der Kommunikationswissenschafter Heinz Pürer bezeichnet. Dazu hat unter anderem die Publizistikwissenschaftlerin Renate Köcher 1985 als erste den Versuch unternommen, das journalistische Selbstverständnis in unterschiedlichen Journalismussystemen empirisch zu vergleichen. Nach ihren Befunden verstehen sich deutsche - im Gegensatz zu britischen - JournalistInnen als „Missionare“. Diese beschränken sich nicht auf die Rolle des Vermittlers von Informationen, sondern praktizieren, laut der eigenen Definition der Rolle, vorwiegend einen Journalismus, der gesellschaftliche und politische Positionen bewertet und somit politischen Einfluss nimmt. Entlang dieser Vorstellung sind JournalistInnen eine Gruppe privilegierter Individuen, die sich als eine vom Staat durch die Pressefreiheit anerkannte Elite verstehen und als vierte Gewalt eine Gegenkraft zu Wirtschaft und Politik formen wollen.

Zu dieser Frage hat das Team der AutorInnen Kaltenbrunner, Karmasin, Kraus und Zimmermann 2008 Österreichs JournalistInnen beforscht (vgl. Journalistenreport II, 2008). Demzufolge sehen Österreichs JournalistInnen ihre Aufgaben und Rollen wie folgt:

69% sehen sich als objektive VermittlerInnen (=die Realität genauso abbilden, wie sie ist und dem Publikum komplexe Sachverhalte erklären), 24% als EntertainerInnen (=bieten von Unterhaltung und Entspannung), 16% als RatgeberInnen (aufzeigen neuer Trends und Ideen, positive Ideale vermitteln, Lebenshilfe) und 13% als KritikerInnen (aufdecken von Missständen, aktiv die politische Tagesordnung beeinflussen, Agenda Setting und Politik, Wirtschaft und Gesellschaft kontrollieren, Einsatz für die Benachteiligten in der Bevölkerung) (Kaltenbrunner, Karmasin, Kraus und Zimmermann, 2008:20,21). Bei dieser Studie wurde auch erhoben, dass sowohl - eher passive - Kritik an Missständen als auch aktive Kontrolle und Themensetzung für JournalistInnen in tagesaktuellen Medien und in Wochenzeitungen einen größeren Stellenwert einnimmt als für jene in Monatszeitschriften und Fachzeitschriften. Die anwaltschaftliche Rolle, also das Ziel, sich für Benachteiligte in der Bevölkerung einzusetzen, so die Studie weiter, ist besonders für WochenzeitungsjournalistInnen wesentlich. Tages- und WochenzeitungsjournalistInnen lassen sich insgesamt am stärksten dem Rollenbild des Kritikers zuordnen.

Besonders augenscheinlich ist bei diesen Untersuchungen auch der Unterschied zwischen den unterschiedlichen Ressorts zutage getreten: Bei Chronik- JournalistInnen ist das Anliegen besonders ausgeprägt, sich für die Benachteiligten in der Bevölkerung einzusetzen und ein breites Publikum zu erreichen. Bei Innenpolitik-JournalistInnen hat das Erklären und die Vermittlung komplexer Sachverhalte besonders hohen Stellenwert, gleichzeitig sehen sie sich aber in besonders hohem Ausmaß als Kritiker, Kontrollore und Agenda Setter (Kaltenbrunner, Karmasin, Kraus und Zimmermann 2008:27). Der Kommunikationswissenschafter Heinz Pürer (www.kfj.at) weist darauf hin, dass der Journalismus nicht imstande sei, seine Aufgaben als „Vierte Gewalt“ wahrzunehmen. Denn einerseits kann die Ausbildung vieler JournalistInnen gerade in Österreich diesem Auftrag in keiner Weise gerecht werden. Andererseits spricht der hohe ökonomische Druck und die zunehmende Ökonomisierung der Medienunternehmen dagegen, dass Journalismus diesen hohen Anspruch erfüllen kann. Hinzu kommt, so Pürer, die Tendenz zu Skandalisierung und damit einhergehend die Abnahme von Sensibilität der Bevölkerung hinsichtlich der unterschiedlichen Dringlichkeit und Einordnung in Bedeutungszusammenhänge von Nachrichten. Des weiteren dürfe man gerade in Österreich nicht außer Acht lassen, dass Teile der Massenmedien selbst sehr mächtige Institutionen darstellen, die sich sehr gerne dazu verführen ließen, selber Macht auszuüben. Die Medienkonzerne haben einerseits finanzielle Macht: Die Größe der österreichischen Medienunternehmen beziffert sich wie folgt: Größter Medienkonzern ist der ORF mit 949,92 Millionen Euro Umsatz pro Jahr, gefolgt von der Mediaprint (Kronen Zeitung gemeinsam mit Kurier) mit 500 Mio. Euro und der Styria Medien AG (Kleine Zeitung, Presse, Furche, etc.) mit 339 Millionen Euro Jahresumsatz. Österreich zeichnet sich aber auch durch die hohe politische Macht einzelnen Medienprodukte, im speziellen der Kronen Zeitung, aus. Während zuletzt Kanzler Wolfgang Schüssel den Einfluss der Kronen Zeitung keine Bedeutung mehr beigemessen hat, so tut dies neuerdings die SPÖ unter Werner Faymann mehr denn je - das zeigte sich wieder im Juni 2008, als Werner Faymann die SPÖ bezüglich der EU-Linie auf gemeinsamen Kurs mit der Kronen Zeitung brachte (Fidler 2008:210). Dazu bemerkt Erna Lackner in der Frankfurter Allgemeinen: „Anderswo versucht die politische Macht die Medienmacht in den Griff zu kriegen - in Österreich ist es umgekehrt. Politik und Medienmacht sind beinahe schon eins geworden.“ (Fidler 2008:211)

3. Was kann Journalismus - Integrationspotenzial

Nimmt man die Intention der Sozialarbeit, soziale Themen mittels Medien öffentlich zu machen, genauer unter die Lupe, so drängt sich die Frage auf, ob denn den (Massen-)medien tatsächlich das Potenzial innewohnt, die geforderte Integration zu leisten.

3.1. Definition Integration

Was aber meint Integration? Der Terminus Integration nach Habermas bedeutet: es geht sowohl um die soziale Integration (durch Interaktion) als auch um eine systemische Integration (durch Kommunikation) (vgl. Habermas 1988b:226).

„Von sozialer Integration sprechen wir im Hinblick auf Institutionensysteme, in denen sprechende und handelnde Subjekte vergesellschaftet sind; Gesellschaftssysteme erscheinen hier unter dem Aspekt einer »Lebenswelt«, die symbolisch strukturiert ist. Von Systemintegration sprechen wir im Hinblick auf die spezifischen Steuerungsleistungen eines selbstgeregelten »Systems«; Gesellschaftssysteme erscheinen hier unter dem Aspekt der Fähigkeit, ihre Grenzen und ihren Bestand durch Bewältigung der Komplexität einer unsteten Umwelt zu erhalten“ (Habermas 1973: 14).

3.2. Funktionen des Journalismus in Hinblick auf den Bestand einer Gemeinschaft

Laut Vogelsangs (2003:14) Forschungen hinsichtlich der Funktionen des Journalismus für die Bestandserhaltung der modernen Gesellschaft fungieren Massenmedien nicht nur als Spiegel der Gesellschaft, sondern durchaus auch als Urheber von gesellschaftlichen Veränderungsprozessen. Allerdings, so konstatiert er, bringen Massenmedien ebenso Leistungen, die die herrschende Ordnung der Gesellschaft als Sozialsystem aufrecht erhalten. Massenmedien können daher ihren Beitrag sowohl zum sozialen Wandel als auch zur sozialen Kontrolle leisten und diese forcieren als auch verhindern (vgl. Demers/Vswanath 1999).

Empirisch-analytische Positionen der Wirkungsanalysenforschung untersuchen die Auswirkungen medialer Berichterstattung für die Gesellschaft (z.B. George Gerbner: Kultivationsthese). Diese besagt, dass der langfristige Prozess der Mediensozialisation ein kollektives Bewusstsein in der Gesellschaft entstehen lässt (vgl. Morgan/Shanahan 1997:3ff.). Der integrative Faktor besteht dabei speziell im so genannten Mainstreaming. Das heißt, es werden mehrheitsfähige Weltbilder und Weltsichten kreiert, durch Betonung, Weglassen und entsprechende Berichterstattung und mit der ihr innewohnenden Gefahr, dass nicht mehrheitsfähige Meinungen, Ideen, Lebensentwürfe, Minderheitspositionen nicht in Erscheinung treten und dementsprechend keine Bedeutung haben, geschweige denn gesehen und gehört werden - sprich marginalisiert werden.

Eine zusätzliche Bedeutung erlangt diese Fragestellung auch durch aktuelle soziologische Weltentwürfe, die auf der Ebene von Gesellschaftstheorien eine immer stärkere Rolle spielen: da ist die Rede von der zunehmenden Eigensinnigkeit von gesellschaftlichen Teilbereichen wie Politik, Wirtschaft oder Wissenschaft, die steigende Inkompatibilität zwischen den innerhalb dieser Teilbereiche entstehenden Weltbeschreibungen, sowie die im Zuge der Modernisierung gleich bleibenden oder sich verstärkenden sozialen Ungleichheiten (Hanitzsch in Löffelholz 2004:217).

Merrill (Merrill 2000:198) wiederum schreibt den Medien eine Funktion des „sozialen Zements“ der Gesellschaft zu, da diese Einblicke auf die unterschiedlichen Konstruktionen der Welt möglich machen, die den individuellen AkteurInnen sonst verwehrt bliebe. Jarren (Jarren/Bonfadelli 2000:22ff.) erkennt in den Medien eine zentrale Funktion für (Integrations-)Diskurse, da sich die gesellschaftliche Kommunikation in der Moderne weitgehend über Medien vollziehe. Zudem lassen Medien als „Gedächtnis der Gesellschaft“ soziale Beziehungen sichtbar werden und überhaupt erst möglich, indem sie gemeinsam geteiltes Wissen bereitstellen und den Einzelnen an den sozialen Wertekanon anschließen (Hanitzsch in Löffelholz 2004: 219).

Philomen Schönhaben (Schönhaben 1999:272ff) fordert dezidiert von JournalistInnen aktiv bereitgestellte Kommunikation über Integration verschiedener Bevölkerungsgruppen. Schließlich ist für Schönhaben die Beteiligung aller Individuen am Konstruktionsprozess einer gemeinsamen Wirklichkeitsdefinition, sprich am Entwerfen des Regelwerkes und des gewünschten Agierens der darin beteiligten AkteurInnen eine Voraussetzung und Bedingung für den stabilen Bestand von Gesellschaft. Journalismus soll die „chancengleiche Vermittlung der gesamtgesellschaftliche Kommunikation“ gewährleisten, JournalistInnen seien verpflichtet, sich herauszunehmen und die Gesellschaft aus der Vogelperspektive zu beobachten.

Hepp (Hepp 2000:200f) warnt davon, den Medien und ihren Inhalten eine zu große, zu deutliche „verbindende Kraft“ zuschreiben zu wollen, schließlich ist ein Prozess der zunehmenden Differenzierung der Inhalte, der Medien und deren Adressaten im Gange. Stuart Hall (Hall 1989:126f) wiederum erkennt das Potenzial der Medien darin, Einblick und Wissen darüber zum Vorschein zu bringen, wie „die anderen leben“. Nicht zuletzt deshalb, weil es für die Masse der Bevölkerung schwierig bis unmöglich ist, aus ihrer eigenen Erfahrungswelt herauszutreten und die Gesellschaft als Ganzes im Blick behalten zu können.

In der Integrationsdebatte der Medien muss auf Noelle-Neumann hingewiesen werden. Sie beschreibt in ihrer Theorie der Schweigespirale (vgl. Noelle-Neumann 1996) die Katalysatorwirkung der Medien. Die Isolationsfurcht des Individuums und der Konformitätsdruck der Gesellschaft führen zu einer Überbetonung von Mehrheitsmeinung („das Mainstreaming“). Das wiederum bringt es mit sich, dass Minderheitsmeinungen gar nicht erst in den öffentlichen Diskurs gelangen, sprich es kommt zur Exklusion moralisch aufgeladener und öffentlich kontrovers diskutierter Themen. Denn: Der Einzelne beobachtet seine Umwelt, schließlich geht es darum, sich orientieren zu können - und diese Orientierungsmarker stellen in einer modernen Gesellschaft vorwiegend Medien zur Verfügung.

Luhmann wiederum weist den Medien die Rolle zu, der Gesellschaft einen thematischen Vorrat zu liefern. Das integrative Moment dabei ist, dass die Diskussion bestimmter Themen, nicht einzelner Beiträge oder Meinungen dazu, öffentlich akzeptiert ist. "Die besonderen Leistungen und die besonderen Wirkungen des Journalismus, durch die sich sein Handeln von anderen, an der Öffentlichkeit orientierten Sozialsystemen unterscheidet, bestehen in der Ausrichtung auf die Herstellung und Bereitstellung von Themen zur öffentlichen Kommunikation." (Rühl: 1980: 322 f.).

4. Öffentlichkeit - was ist das?

Historisch betrachtet taucht der Begriff Öffentlichkeit, der aus dem Adjektiv „öffentlich“ gebildet worden war, im 18. Jahrhundert auf (Gerhards 1998:268). Das hatte mit der Entstehung der politischen Öffentlichkeit im Zuge der Entstehung des Bürgertums zu tun. Genau zu dieser Zeit wuchs der Markt an Tageszeitungen beträchtlich (Jäckel 1999:218).

In der Publizistik finden zur Analyse und zur Kritik des Begriffes Öffentlichkeit vor allem zwei Namen Eingang in die wissenschaftliche Forschung: Jürgen Habermas und wiederum Niklas Luhmann.

4.1. Habermas: Idealmodell der Öffentlichkeit

Habermas hat ein Idealmodell der Öffentlichkeit gezeichnet, welches auf dem Idealtypus der bürgerlichen Ordnung der Gesellschaft aufsetzt.

So soll laut Habermas die ideale Öffentlichkeit drei Bedingungen erfüllen:

a) die Offenheit des Zugangs für alle gesellschaftlichen Gruppen und deren Themen
b) das Prinzip der Diskursivität im öffentlichen Diskurs, worunter Habermas einen Prozess der vernünftigen Begründung von Normen versteht und den Austausch von Argumenten (es gibt keinen Zwang, außer dem besseren Argument)
c) Die Legitimationsfunktion der Öffentlichkeit für die Politik: Öffentlich geführte Diskurse sollen einerseits der politischen Elite Entscheidungs- und Handlungsspielraum einbringen, und gleichzeitig sollen die politischen Entscheidungen im öffentlichen Diskurs legitimiert werden mit dem Resultat einer stetigen Weiterentwicklung der Demokratie.

Und hier setzt die Habermassche Kritik an der Struktur der realen Öffentlichkeit an: durch Massenmedien wird die Öffentlichkeit vorstrukturiert und beherrscht und entwickelt sich dadurch zur „Vermachteten Arena“ (Habermas 1990:28)

4.2. Luhmann: Beobachtungssystem der Gesellschaft

Als Gegenposition zu Habermas steht die Spiegeltheorie von Nikolaus Luhmann, bei der es in Bezug auf Öffentlichkeit nicht um ein Ideal geht, sondern um ein beobachtbares Phänomen (Donges 2000:111): Massenmedien stellen täglich eine Fülle von Informationen bereit. Dabei wird allerdings nicht die Umwelt beobachtet, sondern die Umwelt wird vielmehr über die Massenmedien erfasst, die tagtäglich Berichte, Reportagen, Meldungen etc. veröffentlichen. In diesem Sinne begreift Luhmann die Öffentlichkeit als ein Beobachtungssystem der Gesellschaft (Gerhards 1998: 269,) und für ihn sind Presse und Funk die Formgeber der öffentlichen Meinung (vgl Jäckel 1999: 227). Öffentlichkeit ist nach Luhmann ein allgemeines gesellschaftliches Reflexionsmedium, das die Unüberschreitbarkeit von Grenzen und, dadurch inspiriert, das Beobachten von Beobachtungen registriert (Luhmann 1996:187)

„Der Informationsgeber sieht im Medium der kurrenten Information sich selbst und andere Sender. Der Informationsnehmer sieht sich selbst und andere Informationsnehmer und lernt nach und nach, was man hochselektiv zur Kenntnis zu nehmen hat, um im jeweiligen Sozialkontext (sei es Politik, sei es Schule, seien es Freundschaftsgruppen, seien es soziale Bewegungen) mitwirken zu können.“

(Luhmann 1997:1102). Der Beobachter von Beobachtungen sieht beim Blick in den Spiegel sein Gesicht, aber im Hintergrund auch die anderen, die im gleichen Raum vor dem Spiegel agieren, indem sie zum Beispiel ihr Sonntagsgesicht aufsetzen (Puhl 2003:31).

4.3. Gerhards/Neidhardt: Arenenmodell

Jürgen Gerhards und Friedrich Neidhardt (Gerhards/Neidhard 1990:12f.) gehen in ihrem Arenenmodell von zwei grundlegenden Annahmen aus: Öffentlichkeit ist ein intermediäres System, welches zwischen Politik, Bevölkerung und anderen Systemen vermittelt. In Anlehnung an Luhmann heißt das: Politik kann über Öffentlichkeit Meinungen und Themen der Gesellschaft beobachten, um dann darauf zu reagieren. Und vice versa kann die Gesellschaft gleichfalls über die Öffentlichkeit die Politik kontrollieren.

Im Modell von Gerhards und Neidhardt hat sich die öffentliche Meinung in der Arena öffentlicher Meinungsbildung durchgesetzt und kann mit breiter Zustimmung rechnen völlig unabhängig davon, was die einzelnen Beteiligten tatsächlich darüber denken und im privaten Raum dazu äußern. Gerhards und Neidhardt sehen Öffentlichkeit als ein System mit offenen Grenzen, welches jedermann Zutritt gewährt und wegen seiner Löchrigkeit Themen von außen aufnehmen und verarbeiten kann (Puhl 2004: 38).

Betrachtet man diese Ansätze und vergleicht sie mit den Absichten der Sozialarbeit, Öffentlichkeit für die Anliegen und die Lebensbedingungen von KlientInnen herzustellen, so finden sich diese Intentionen der Sozialarbeit in den Ansätzen wie folgt wider:

Im Habermas`schen Sinne unternimmt Sozialarbeit Bemühungen, den Zugang eben für alle gesellschaftlichen Gruppen und deren Themen zu erreichen - und nicht nur für den Mainstream, sondern auch für marginalisierte Gruppen. Und sie tut das - beschreitet sie diese Möglichkeit mittels zur Verfügung stellen von Stellungnahmen, Forschungen - im Prinzip der Diskursivität, d.h. sie versucht dies „im Prozess der vernünftigen Begründung von Normen und des Austausches von Argumenten („das bessere Argument zählt“).

Im Luhmannschen Ansatz beabsichtigt Sozialarbeit, ihren Teil dazu beizutragen, dass die Gesellschaft sich selbst beobachtet, und sie versucht das - wenn sie den Weg über die Presse geht - über die Formgeber der öffentlichen Meinung zu erreichen.

Im Gerhards- und Neidhardtschen Modell versuchen AkteurInnen der Sozialarbeit Themen in der Öffentlichkeit zu lancieren, damit diese als gesellschaftliche Themen für PolitikerInnen beobachtbar werden. Und: damit die Politik darauf reagiert.

5. Österreichische Medienlandschaft

5.1. Merkmale der österreichischen Medienlandschaft:

- Ein, gemessen an Bevölkerungszahl und Werbemarkt, zu großer öffentlicher Rundfunk
- die Dominanz der Kronen Zeitung
- kartellrechtlich bedenkliche Zusammenschlüsse wie die Mediaprint genauso
wie die Zusammenlegung der Nachrichtenmagazine profil und format unter einen gemeinsamen Herausgeber (Fidler 2008:12)

5.2. Die aktuelle Situation des Tageszeitungs-Journalismus in Österreich

Mehr als zwei Drittel der Österreicher lesen regelmäßig Zeitungen und Zeitschriften. Laut Medienanalyse 2007 sind dies knapp 72,7% oder fast 6 Millionen der etwas mehr als acht Millionen ÖsterreicherInnen. International ist das ein Spitzenwert - nur in Skandinavien gibt’s deutlich mehr ZeitungsleserInnen (vgl: Frankreich, USA Portugal, Spanien etc. weit unter 50%) (Kaltenbrunn, Karmasin, Kraus, Zimmermann 2007:38).

Die Grundlage der Entwicklung der heutigen österreichischen Medienlandschaft liegt in der gezielten Steuerung der Allierten nach dem II. Weltkrieg. Das erste Tageszeitungsmedium, welches von den Amerikanern unterstützt wurde, war der Wiener Kurier. Als nächstes folgten Parteizeitungen (wie die Arbeiterzeitung oder das Neue Volksblatt). Mit Unterstützung der USA durften auch die Salzburger Nachrichten, die Tiroler Tageszeitung und die Oberösterreichischen Nachrichten wieder erstehen (die hat es vorher schon gegeben).

Im Jahr 2008 erscheinen in Österreich 16 Tageszeitungen (Kronen Zeitung, Kurier, Kleine Zeitung, Standard, Presse, Oberösterreichische Nachrichten, Salzburger Nachrichten, Tiroler Tageszeitung, Vorarlberger Nachrichten, Wirtschaftsblatt, Neue Vorarlberger Tageszeitung, Wiener Zeitung, Neues Volksblatt, Kärntner Tageszeitung, Salzburger Volkszeitung und Österreich). Das größte Medienunternehmen des Landes ist der ORF mit 4280 Beschäftigten und einem Umsatz von 949,92 Millionen Euro, gefolgt von der Mediaprint, d.i. der Zusammenschluss der marktbeherrschenden Kronen Zeitung mit dem Kurier, die einen jährlichen Umsatz von 500 Millionen Euro erwirtschaftet und in der 2.050

MitarbeiterInnen beschäftigt sind. Der dritte große Player im österreichischen Medienwesen ist die Styria Medien AG (Kleine Zeitung, die Presse, die Furche) mit immerhin 3200 Beschäftigten und 439 Millionen Euro Umsatz, welche auch stark in östliche Nachbarländer, wie Kroatien und Slowenien investiert. (Fidler 2008:293). Auf dem Tageszeitungsmarkt spielt die Kronen Zeitung die weitaus größte Rolle. Laut Österreichischer Auflagenkontrolle ergaben sich 2008 folgende Verteilung des Marktes in Prozent: Kronen Zeitung 42,2%, Kleine Zeitung 11, 7%, Österreich 9,8 %, Kurier 8,7 %, Standard 5 % (Fidler 2008: 622). In den Bundesländern entwickelt sich der Markt recht stabil. Es gibt regionale Quasi-Monopole z.B. in Vorarlberg (Vorarlberger Nachrichten, Neue Vorarlberger Tageszeitung - 90% Reichweite). Starke Eigenständigkeit haben die Printmedien in den Bundesländern Österreichs. In Linz sind dies die „Oberösterreichischen Nachrichten“ mit einem Marktanteil von derzeit 5,5% und 371.000 Lesern. In Innsbruck ist die „Tiroler Tageszeitung“ führend (5%, 343.000 Leser), in Salzburg dominieren die „Salzburger Nachrichten“ (3,9%, 268.000 Leser) und im äußersten Westen Österreichs die „Vorarlberger Nachrichten“ (3%, 207.000 Leser).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: Tageszeitungen in Österreich Quelle: http://www.media-analyse.at/

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Ende der Leseprobe aus 100 Seiten

Details

Titel
Die Präsenz sozialarbeiterischer Expertisen in Printmedien bei Diskursen im sozialen Feld
Hochschule
Fachhochschule St. Pölten  (Sozialarbeit)
Note
gut
Autor
Jahr
2009
Seiten
100
Katalognummer
V141041
ISBN (eBook)
9783640833467
ISBN (Buch)
9783640832767
Dateigröße
3295 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sozialarbeit, Öffentlichkeitsarbeit, Medienarbeit, Österreichische Tageszeitungen, Sozialarbeiterische Expertisen
Arbeit zitieren
Mag.(FH) Katrin Pollinger (Autor), 2009, Die Präsenz sozialarbeiterischer Expertisen in Printmedien bei Diskursen im sozialen Feld, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/141041

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