Die Rolle der Kunst im Spiegel der Neuroästhetik


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008
17 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung.

Ramachandran und Hirnstein: „The Science of Art. A neurological theory of aethetic experience, in: Journal of Cousciousness“
Einfuhrung, Konzept und Vorgehensweise
Die Suche nach dem Wesen in den Dingen
Peak-Shift-Effect
Essenzen lassen nicht erkennen!.

„Art and the Brain“ — Semir Zeki
Kunstler sind Neurobiologen
Schlussfolgerungen
Bibliographie.

Einleitung

Es ware nicht vermessen zu sagen, dass die Frage, was ist Schonheit, bereits Generationen von Denkern verschiedenster Stromungen beschaftigt hat. Vor allem in der philosophischen Disziplin, der Asthetik, ist uber Jahrhunderte versucht worden, Erklarungen und Regeln aufzubringen, um dem Phanomen des Schonen auf den Grund zu gehen.[1] Mit welcher Systematik konnen beispielsweise Aussagen bewertet werden wie: „Ich finde dieses Gemalde, anders als jene Skulptur, schon“. Eine vielversprechende Losungsmoglichkeit bieten die erst seit einiger Zeit vielseitig betriebenen Diskussionen innerhalb des neuen wissenschaftlichen Forschungszweiges, der Neuroasthetik. Der interdisziplinare Zusammenschluss von Neurobiologie und Asthetik verfolgt das Ziel, Erkenntnisse der Geisteswissenschaften fur die Erforschung des menschlichen Gehirns zu nutzen. Bisher gestaltete sich die Basis neurobiologischer Literatur zum Thema Kunst und Schonheit sehr ubersichtlich. Inzwischen jedoch ist das Interesse gewachsen, die Beziehung zwischen Kunst und Gehirn genauer zu studieren, herauszufinden, wie sich ideale Schonheit in den Hirnaktivitaten darstellt, welches Verhaltnis zwischen Schonheit und Belohnung oder Lust besteht und schliefilich wie sich Kreativitat im Gehirn niederschlagt.

Die vorliegende Arbeit ruckt zwei auf diesem Gebiet seit langem etablierte Beitrage zum einen von Semir Zeki sowie zum anderen von Ramachandran und Hirnstein in einen Vergleich. Dieser soll sich an der Fragestellung orientieren, welchen Stellenwert die Autoren der Kunst mit Blick auf einen konstruktiven Austausch zur Neurobiologie einraumen. Dazu werden beide neuroasthetischen Konzepte zunachst besprochen und die Unterschiede und Parallelen der jeweiligen Kunstdefinitionen vorgestellt. Abschliefiend wird die Analyse zu dem Ergebnis gelangen, dass Ramachandran, Hirnstein und Zeki in ihren Beschreibungen, was Kunst ist und leistet, nicht weit voneinander entfernt liegen: Ihre Uberlegungen erweisen sich als stark verkurzt und funktionalistisch und veranlassen zu der Annahme, dass wichtige historisch-philosophische Debatten fur die wissenschaftliche Reflexion unberucksichtigt blieben.

Fachliche Erganzung fur die nachfolgende Erorterung war zum einen die Dissertation von Imke Kreiser, die einen ubergeordneten Vergleich zwischen den Kunsten, der Malerei, Musik und Dichtung gegenuber der Neurobiologie herstellt und gleichsam eine Theorie zum Verstandnis asthetischer Wahrnehmung unter den gegenwartigen neurobiologischen Erkenntnissen formuliert. Als Einstiegs- und Uberblickslekture zur Theoriengeschichte uber konkurrierende Forschungsmeinungen empfahl sich zum anderen der Sammelband der Autoren Rentschler, Herzberger und Epstein.[2] Spannend und ebenso nutzlich, insbesondere als Kompass, um die zum Teil schwierigen und komplexen neurobiologischen Zusammenhange begreifen zu konnen, zeigten sich die Publikationen von Gerhard Roth. Verwiesen sei unter anderem auf seine alteren Werke, so zum Beispiel: „Das Gehirn und seine Wirklichkeit“[3] aus dem Jahr 1997 oder „Aus Sicht des Gehirns“[4] aus dem Jahr 2003.

Ramachandran und Hirnstein: „The Science of Art. A neurological theory of aethetic experience^

Einfuhrung, Konzept und Vorgehensweise

Kann man die Frage nach dem Schonen wissenschaftlich untersuchen und gibt es Regeln, mit denen sich sinnvolle Prognosen erstellen lassen, die einem aufzeigen, wann wir einen Gegenstand als asthetisch einordnen und angenehm empfinden?[5] Folgt man den Ausfuhrungen von Ramachandran und Hirnstein in ihrer 1999 veroffentlichen Untersuchung „The Science of Art“ konnen beide Fragen positiv beantwortet werden. „The details may vary from culture to culture and may be influenced by the way one is raised, but it doesn’t follow that there is no genetically specified mechanism - a common denominator underlying all types of art.“[6] Obwohl jede Kultur ihre unterschiedlichen Vorstellungen von Schonheit und ein anderes, weil aus einer individuellen historischen Entwicklung resultierendes Verstandnis von Kunst besitzt, so Ramachandran und Hirnsteins einfuhrende Uberlegung, ist nicht auszuschliefien, dass sich ubergreifende, durch die Wissenschaft bestimmbare Kriterien anfuhren lassen konnen. Ihr Ansatz sieht deshalb vor, eine Kunsttheorie zu entwerfen, wonach Kunst auf der Grundlage einer logischen Konzeption und nachvollziehbarer Muster analysierbar ist, welche zweitens rational in Bezug auf ihre Ursache und Wirkung begriffen und drittens in ein Verhaltnis zu neurobiologischen Erkenntnissen gebracht werden kann. Gleichfalls raumen sie zu Beginn ihrer Untersuchung ein, dass sie sich von einem anarchistischen Standpunkt vergleichbar der popularen Zuspitzung „Anything goes“ distanzieren mochten und umgekehrt der Auffassung sind, dass Kunstler bewusst oder unbewusst verschiedenen Gesetzen folgen, um bestimmte visuelle Regionen in unserem Gehirn anregen zu konnen, sodass wir unmittelbar ein Wohlbefinden in der Betrachtung des Gegenstandes verspuren. Anknupfend daran besteht ihre methodische Vorgehensweise darin, eine Auswahl all jener Merkmale in Bildern zu erstellen, die fur gewohnlich als schon bezeichnet werden, um in einem weiteren Schritt nach einem moglicherweise zugrundeliegenden Gesetz zu fragen und schliefilich eine Erklarung uber die Zusammenhange zu geben. „Our approach to art [...] will be to beginn by simply making a list of all those attributes of pictures that people generally find attractive. Notwithstanding the Dada movement, we can then ask, is there a common pattern underlying these apparently dissimilar attributes, and if so, why is his pattern pleasing to us? What is the survival value, if any, of art?“[7]

Ramachandran bewertet diesen Vorstob zwei Jahre nach Veroffentlichung in einem Interview als einen Versuch, einen gemeinsamen fruchtbaren Dialog zwischen Kunstlern und Neurowissenschaftlern, Wahrnehmungspsychologen und Kunsthistorikern anzustoben. „We mainly did it for fun. Also we hoped the essay would serve to generate a useful dialogue between artists, neuroscientists, perceptual psychologists and art historians - to bridge two cultures.“[8]

Die Suche nach dem Wesen in den Dingen

Die Frage, was ist Kunst, beantworten Ramachandran und Hirnstein mit einem aus der hinduistischen Kunsttradition entlehnten Gedanken, dass die Aufgabe eines Kunstler vorrangig darin besteht, das Essentielle eines Gegenstandes widerzuspiegeln, um den Beobachter emotional zu beruhren. „Hindu artists often speak of conveying the rasa, or ,essence’, of something in order to evoke a specific mood in the observer.“ Und weiter schreiben sie: „Indeed, as we shall see, what the artist tries to do (either consciously or unconsciously) is to not only capture the essence of something but also to amplifiy it in order to more powerfully activate the same neuronal mechanisms that would be activated by the original object. “[9] Ramachandran und Hirnstein schlagen also vor, dass jeder Kunstler zunachst mit der Suche nach der Essenz in den Dingen befasst ist und sich schlieblich darum bemuht, dieser [der Essenz] in ihren Kunstwerken unbewusst oder bewusst mehr Ausdruck zu verleihen. Der zweite Teil ihrer Behauptung besagt, dass durch die Betonung der Essenz die im menschlichen Gehirn auftretende neuronale Aktivitat verstarkt werden konne, was fur gewohnlich bei blober Betrachtung nicht moglich ware. Was aber heisst es, einen Gegenstand nach seiner Essenz zu untersuchen? Was bedeutet Essenz?

An den Begriff der Essenz knupft sich eine umfangreiche, schon in der Antike von prominenten Philosophen gefuhrte Debatte, ob die Gegenstande in der Natur wesentliche und nicht wesentliche, modern formuliert, notwendige und akzidentelle

Eigenschaften besitzen. Einer der ersten Vertreter dieser Position - des sogenannten klassischen Essentialismus - war Aristoteles. Ihm zufolge befindet sich in jedem denkbaren Gegenstand eine lokalisierbare Essenz, die ihm von Beginn an als „universalia in rebus” auszeichnet.[10] Hintergrund dessen ist Aristoteles’ Naturmodell, worin er die Welt in primare und sekundare Substanzen typologisiert. Merkmale der primaren Substanzen, von Aristoteles allgemein als Stoff (hyle) oder Materie bezeichnet, sind Unbestandigkeit, Zufalligkeit sowie Wandelbarkeit. „Also der Stoff (hyle), welcher neben dem in der Regel Stattfindenden auch etwas anderes zulasst, ist die Ursache des Akzidentellen“ (Metaphysik, I027ai3). „Akzidens [wiederum] nennt man dasjenige, was sich zwar an etwas findet und mit Wahrheit von ihm ausgesagt werden kann, aber weder notwendig noch in den meisten Fallen sich findet, z.B. wenn jemand beim Graben eines Loches fur eine Pflanze einen Schatz fand“ (Metaphysik, i025ai3). Im Gegensatz zu den primaren Substanzen sind die sekundaren Substanzen[11] unveranderlich und konstant, da sie sich nicht aus Materie oder Stoff zusammensetzen: „Wesenheit (Substanz) ohne Stoff aber nenne ich das Wesenwas (eidos)“ (Metaphysik, 1032M4-15). Laut Aristoteles trifft dieses Charakteristikum auch auf die Essenz zu. Sie wird von ihm als dasjenige verstanden, was einen Gegenstand durch den Besitz eines bestimmten Merkmals von anderen Gegenstanden notwendig unterscheidet. Die aristotelischen und von Ramachandran und Hirnstein ins Spiel gebrachten Uberlegungen uberschneiden sich nun insofern als beide Ansatze die Ontologie von Essenzen in der Natur vorauszusetzen oder zumindest das Erkennen von Essenzen annehmen.[12] Aristoteles schreibt: „Es ist offenbar, dass die Form, oder wie man sonst die Gestaltung (morphe) des Sinnlichen nennen soll, nicht wird, und dab es keine Entstehung derselben gibt, und dab ebenso wenig das Wesenwas entsteht, denn dies, die Form, ist vielmehr dasjenige, was in einem anderen wird, durch Kunst oder durch Natur oder durch das Vermogen des Hervorbringens“ (Metaphysik, 1033b5-8). Ahnlich wie Aristoteles erwecken Ramachandran und Hirnstein den Eindruck, als konne jeder Gegenstand problemlos auf seine wesentlichen und nicht wesentlichen Eigenschaften analysiert werden, als musse sich - angewendet auf ihren Fall - der Kunstler nur ein wenig konzentrieren, um schlieblich Erfolg bei der Identifikation der Menge aller wichtigen und nicht wichtigen Eigenschaften des betrachtenden Objektes zu haben. Dass sich mit dieser

Strategic verschiedene Zweifel verbinden lassen und einige Kritikpunkte assoziieren, soil zu einem spateren Zeitpunkt noch einmal ausfuhrlicher und mit entsprechender Begrundung dargelegt werden.

Peak-Shift-Effect

Ein viel zitiertes und nicht unumstrittenes Beispiel, das Ramachandran und Hirnstein als Kandidaten zur Untersuchung des nomologischen Charakters von Schonheit anfuhren, ist der Peak-Shift-Effect, der ursprunglich in der Tierlernpsychologie Anwendung findet. In einem Experiment haben Wissenschaftler einer Ratte beigebracht, einen Kreis von einem Viereck zu unterscheiden, in dem sie diese regelmabig bei Auftauchen des Viereckes belohnten. Ergebnis ihres Experimentes war, je langer die Kanten des Vierecks waren, desto grober nahm sich anschliebend die Reaktion der Ratte auf das Viereck aus. „This curious result implies that what the rat is learning is not a prototype but a rule, i.e. rectangularity.“[13] In einem anderen Fall zeichnet ein Cartoonist eine Karikatur des ehemaligen Prasidenten Nixon. Um die Besonderheit seines Gesichtes und damit einen Unterschied gegenuber dem durchschnittlichen menschlichen Gesicht heraus zu kristallisieren, wird der Cartoonist die wichtigsten Eigenschaften, die wesentlichen Merkmale Nixons Gesicht festhalten und schlieblich diese zur Erzeugung einer Karikatur betonen. „What he [the artist] does (unconsciously) is to take the average of all faces, substract the average from Nixon’s face (to get the difference between Nixon’s face and all the others) and then amplify the difference to get a caricature.“[14] Ob im Experiment oder im zuletzt geschilderten Beispiel, beide Male zeigt sich, worauf der Peak-Shift-Effect abhebt.

Die Idee ist es, dass durch die Fixierung und bewusste Herausstellung der gegenstandstypischen Eigenschaften zum einen neuronale Areale im Gehirn stimuliert werden, welche zum anderen uns einen Gegenstand als schon empfinden lassen. Deshalb schreiben Ramachandran und Hirnstein: „It is as though the artist was been able to intuitively access and powerfully stimulate neural mechanisms in the brain that represent „amorousness’.“[15]

[...]


[1] Kreiser, Imke, Laokoon im einundzwanzigsten Jahrhundert oder die Neurobiologie der Asthetik, Diss., Bochum 2002, S. 44 f.

[2] Rentschler, Ingo; Herzberger, Barbara; Epstein, David (Hrsg.), Beauty and the Brain. Biological Aspects of Aesthetics, Basel/ Boston/ Berlin 1988.

[3] Roth, Gerhard, Das Gehirn und seine Wirklichkeit. Kognitive Neurobiologie und ihre philosophischen Konsequenzen, Frankfurt/ Main 1997.

[4] Ders. Aus Sicht des Gehirns, Frankfurt/Main 2003.

[5] Vgl. Paul, Gregor, Philosophical Theories ofBeauty and Scientific Research on the Brain, in: Rentschler, Ingo; Herzberger, Barbara; Epstein, David (Hrsg.), Beauty and the Brain, S. 17 ff.

[6] Ramachandran, V. S. und Hirnstein, William, „The Science of Art. A neurological theory of aethetic experience, in: Journal of Cousciousness, 6 (1999), 16.

[7] Ders., S. 16.

[8] Ders., Sharpening Up ,The Science of Art'. An Interview with Anthony Freeman, in: Journal of Consciousness Studies, 8 (2001), S. 9.

[9] Ramachandran, V. S. und Hirnstein, William, The Science of Art. A neurological theory of aethetic experience, in: Journal of Consciousness, 6 (1999), 16.

[10] Vgl. Stamos, David, The Species Problem, NewYork 2003, S. 102.

[11] Gotthelf, Allan, Lennox, James (Hrsg.J, Philosophical Issues in Aristotele' Biology, Cambridge 1987, S. 341 f.

[12] Vgl. Pellegrin, Pierre, Aristotele's Classification of Animals, Berkeley 1986, S. 108.

[13] Ramachandran, V. S. und Hirnstein, William, „The Science of Art. A neurological theory of aethetic experience, in: Journal of Consciousness, S. 18.

[14] Ders., S. 18.

[15] Ders., S. 18.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Die Rolle der Kunst im Spiegel der Neuroästhetik
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Institut für Philosophie)
Note
1,3
Autor
Jahr
2008
Seiten
17
Katalognummer
V141070
ISBN (eBook)
9783640507801
ISBN (Buch)
9783640508020
Dateigröße
447 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kunst, Neuroästhetik, Neurobiologie, Neurologie, Philosophie, Ramachandran, Semir Zeki, Hirnstein, Essentialismus, Aristoteles, Essenz, Schönheit
Arbeit zitieren
André Schmiljun (Autor), 2008, Die Rolle der Kunst im Spiegel der Neuroästhetik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/141070

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