Beschäftigt man sich mit dem Gegenstand Kitsch, strömt eine Fülle von Ansichten, Werken, Deutungen und Distinktionsversuchen auf den Beobachter ein. Wenn wir aber im Alltag von „Kitsch“ sprechen, schnellen augenblicklich Assoziationen in das menschliche Bewusstsein und das Wort wird vom Sprecher wie auch vom Hörer als ähnlich assoziierter Begriff hingenommen. Die Spannung, welche jedoch zwischen Wort und Begriff herrscht, wird deutlich auf der Suche nach einer Definition. Dieser Aufgabe stellt sich die vorliegende Arbeit. Dabei geht sie nicht rekursiv vor, indem sie Kitsch auf Eigenschaften reduziert, welche solche Gegenstände aufweisen, die als Kitsch deklariert sind. Vielmehr ist sie eine kritische und konstruktive Betrachtung des Untersuchungsfeldes, aus dem sie die Prozesse und Deutungsmuster von Kitsch abzuleiten versucht. Abschließend stellt der Autor anhand der Schlüsse dieser Betrachtung die Sinnhaftigkeit des Untersuchungsfeld per se in Frage, ohne dabei das Feld inhaltlich zu verlassen
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Etymologie und die Problematik der Definition – eine Diskussion
3. Die Interdependenz von Kitsch und Kunst und der gewagte Versuch einer Definition
4. Kitsch als Deutungsprozess und der Einzug des Kitsches in die Welt der Kunst
5. Warum die wissenschaftliche Diskussion über Kitsch beendet werden sollte – (k)eine Schlussbetrachtung?
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Problematik einer wissenschaftlichen Definition von Kitsch und hinterfragt kritisch die Notwendigkeit einer anhaltenden wissenschaftlichen Diskussion über die Trennung von Kunst und Kitsch in der heutigen Gesellschaft.
- Historische Herkunft und etymologische Entwicklung des Kitsch-Begriffs
- Kritische Auseinandersetzung mit produktions-, objekt- und rezeptionsorientierten Definitionsansätzen
- Kitsch als soziales Distinktionsmerkmal und gesellschaftliches Konstrukt
- Transformation des Kitsches durch die moderne Kunst (Kitsch-Art)
- Plädoyer für das Ende der wissenschaftlichen Debatte vor dem Hintergrund des Postulats der Werturteilsfreiheit
Auszug aus dem Buch
Die Interdependenz von Kitsch und Kunst und der gewagte Versuch einer Definition
Jacob Reisner nennt Kitsch ein Schlagwort im wörtlichsten Sinne als einen Ausdruck mit niederschlagender Eigenschaft. „Wer damit auf irgendein Gebilde los schlägt, will es zumindest aus dem Bereich der Kunst (wie er sie versteht) hinausschlagen“ (Reisner 1955, S.159). Kitsch ist also nicht nur Deutung, sondern auch Wertung. Wertung findet immer in Kontexten statt: „Da Werte immer historisch eingebunden sind, kann also die Bestimmung dessen, was wertvolle und was wertlose Literatur ist, nur aus einem bestimmten Kontext heraus erfolgen und auch nur aus diesem Kontext von Wertvorstellungen gelten“ (Dörner; Vogt 1994, S.193). Diese Kontexte bestimmen das Wertmaß und dadurch auch das Werturteil. Kitsch ist vor allem ein abwertendes Urteil, welches selten von Produzent noch von Konsument gebraucht, sondern von seinen Kritikern getroffen wird. Doch warum hält der Kritiker eine Abwertung von Nöten?
Die Antwort findet sich, wie schon der Ansatz der Vertreter der rezipientenorientierten Erklärung richtig feststellte, in der historischen Entstehung. Mit dem Entstehen einer erhöhten Nachfrage der Kunst vor allem im München des späten 19. Jahrhundert und frühen 20. treffen der umsatzbewusste Kunsthändler und der aufsteigende Fabrikant aufeinander. Der eine möchte die Kunst, meist nicht um der Kunst selbst wegen, sondern die Kunst als Statussymbol, nutzen. Betrachtet man das Problem wirtschaftlich, würde ein gleichbleibendes Angebot bei erhöhter Nachfrage zum Preisanstieg führen. Der andere aber, der Kunsthändler, findet die Lösung zum einen in den Möglichkeiten der Zeit und in der beschränkten Kunstkenntnis sowie dem geringen Anspruch der Käufer. Die Erhöhung des Angebotes wird zum einen durch Reproduktionstechniken und zum anderen durch einen oberflächlicheren Umgang mit dem Objekt erreicht. Viele Künstler, vor allem die ärmeren, produzieren einfache Malerei oder Plastiken, welche immer wieder ähnliche Motive und Formen enthalten. (vgl. Zebhauser 2006, S 14.ff)
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Kitsch-Problematik ein, skizziert den Aufbau der Arbeit und legt dar, warum eine kritische Betrachtung statt einer bloßen Definition nötig ist.
2. Etymologie und die Problematik der Definition – eine Diskussion: Dieses Kapitel beleuchtet die sprachliche Herkunft des Begriffs und zeigt auf, warum objekt- und rezeptionsorientierte Definitionsversuche in der Wissenschaft bisher scheiterten.
3. Die Interdependenz von Kitsch und Kunst und der gewagte Versuch einer Definition: Hier wird Kitsch als soziales Konstrukt und Mittel der Distinktion innerhalb einer sich wandelnden Ständegesellschaft analysiert.
4. Kitsch als Deutungsprozess und der Einzug des Kitsches in die Welt der Kunst: Dieses Kapitel beschreibt die Entwicklung der sogenannten Kitsch-Art und wie moderne Künstler die Grenzen zwischen Kunst und Kitsch bewusst auflösen.
5. Warum die wissenschaftliche Diskussion über Kitsch beendet werden sollte – (k)eine Schlussbetrachtung?: Das Fazit argumentiert, dass der Kitsch-Begriff aufgrund mangelnder Objektivität und der Notwendigkeit zur Werturteilsfreiheit aus der wissenschaftlichen Auseinandersetzung entfernt werden sollte.
Schlüsselwörter
Kitsch, Kunst, Definition, Deutungsmacht, Distinktion, Kitsch-Art, Kollektivbewusstsein, Werturteil, Werturteilsfreiheit, Trivialliteratur, Sozialisation, Ästhetik, Kanonisierung, Kunsthandel, Rezipient
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Seminararbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit der kritischen Untersuchung des Begriffs "Kitsch" und hinterfragt, ob er im wissenschaftlichen Kontext zur Unterscheidung von Kunst und Nicht-Kunst überhaupt noch tauglich ist.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit verknüpft etymologische Herleitungen mit soziologischen Theorien über Geschmack, soziale Distinktion und den Wandel von Kunstverständnis und Marktmechanismen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die Schwierigkeiten einer allgemeinen Definition von Kitsch aufzuzeigen und zu begründen, warum die wissenschaftliche Diskussion über Kitsch in ihrer aktuellen Form beendet werden sollte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine Literaturanalyse und den argumentativen Vergleich verschiedener kunsthistorischer und soziologischer Positionen (u.a. von Eco, Vogt, Killy und Giesz).
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert die historische Entstehung von Kitsch, die Rolle von Konsumenten und Deutungseliten sowie die bewusste Nutzung von Kitsch-Elementen in der zeitgenössischen Kunst.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Kitsch, Deutungsmacht, Distinktion, Kitsch-Art, Werturteil und Kollektivbewusstsein sind die zentralen Begriffe, die den roten Faden der Argumentation bilden.
Wie unterscheidet sich Kitsch laut der Arbeit von sogenannter "hoher Kunst"?
Die Arbeit vertritt die Ansicht, dass der Unterschied weniger im Objekt selbst liegt, sondern ein gesellschaftliches Konstrukt ist, das durch Deutungsprozesse und Machtverhältnisse in der Kunstwelt aufrechterhalten wird.
Welche Bedeutung kommt Jeff Koons in der Arbeit zu?
Jeff Koons dient als Fallbeispiel für die "Kitsch-Art", da er durch die intelligente Nutzung von Vermarktungsstrategien in der Lage ist, banale Objekte als anerkannte Kunst zu etablieren und damit die traditionelle Trennung von Kunst und Kitsch zu untergraben.
Warum hält der Autor die wissenschaftliche Diskussion über Kitsch für überholt?
Weil der Begriff Kitsch ein subjektives, etikettierendes Werturteil darstellt, das nicht mit dem wissenschaftlichen Postulat der Werturteilsfreiheit vereinbar ist und in der pluralistischen Moderne seine distinguierende Funktion verloren hat.
Was besagt die Schlussfolgerung bezüglich des Begriffs "Kitsch"?
Der Begriff mag in der Alltagssprache bestehen bleiben, sollte aber aus der wissenschaftlichen Fachdiskussion verbannt werden, da er lediglich zur Selbstbestätigung derjenigen dient, die sich über den Geschmack anderer abgrenzen möchten.
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- David Jugel (Author), 2009, Die kitschige Diskussion über Kitsch, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/141146