In keiner literarischen Epoche wird der Künstler derart vergöttert wie im Sturm und Drang. Der literarische Geniekult erfährt hier seinen Höhepunkt: Der Künstler wird zum gottgleichen Schöpfergenius erhoben. Goethes Künstlerdramolette „Des Künstlers Erdewallen“ und „Künstlers Apotheose“ zeichnen jedoch ein anderes Tableau der Situation des Künstlers zu dieser Zeit. In vorliegender Arbeit soll vor dem Hintergrund der theoretischen Konzeption des Künstlers in der Geniezeit untersucht werden, welche Auswirkungen die Vergötterung des Künstlers auf das Leben desselben hatte und welche Konfliktpotenziale daraus entstanden.
In diesem Sinne erfolgt zunächst eine Darstellung der Geniekonzeption im Sturm und Drang. Anhand des Kurzdramas „Des Künstlers Erdewallen“ soll im Anschluss daran die irdische Realität des Künstlers untersucht werden. Auch wenn es sich hier zunächst um eine ‚literarische Realität’ handelt, gelten Künstlerdramen durch ihr subjektives Moment als besonders geeignet, ein bestimmtes Zeitalter und den Standpunkt des Künstlers der Welt gegenüber abzubilden. Dem Aufbau als Stationendrama folgend schließt die Arbeit mit der Analyse von „Künstlers Apotheose“, dem 1788 erschienenen Pendant zu „Des Künstlers Erdewallen“, in dem der Künstler aus der Jenseitsperspektive erscheint. Ziel der Arbeit ist es, textnah der Frage nachzugehen, inwiefern die Sakralisierung der Kunst sich auf das Leben des Künstlers ausgewirkt hat und ob die Erhebung des Künstlers zum Genie nicht vielmehr zu einem Konflikt zwischen Kunst und Leben geführt hat, dessen Tragik das soziale Umfeld des Künstlers nicht zu erkennen vermochte.
Inhaltsverzeichnis
I. Thema und Vorgehensweise
II. Die Disproportion des Genies mit dem Leben: Der Künstler im Sturm und Drang
1. Geniekonzept im Sturm und Drang: Der Künstler als Schöpfer
2. Die irdischen Klagen des Künstlers in „Des Künstlers Erdewallen“
3. Die posthume Anerkennung des Genies in „Des Künstlers Vergötterung“ und „Künstlers Apotheose“
III. Ergebniszusammenfassung und Ausblick
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht das Spannungsfeld zwischen dem Geniekonzept der Sturm-und-Drang-Epoche und der realen Lebenssituation des Künstlers. Ziel ist es zu analysieren, ob die Sakralisierung der Kunst sowie die Erhebung des Künstlers zum gottgleichen Schöpfer tatsächlich zu einer existenziellen Tragik führten, die von der zeitgenössischen Gesellschaft nicht erkannt wurde.
- Analyse der Geniekonzeption und des Schöpferbegriffs im Sturm und Drang
- Untersuchung der sozialen Bedingungen künstlerischen Schaffens bei Goethe
- Kontrastierung von künstlerischem Idealanspruch und materieller Lebensnot
- Darstellung der Problematik von Nachruhm versus Anerkennung zu Lebzeiten
- Reflexion des Konflikts zwischen Kunstautonomie und bürgerlicher Pflicht
Auszug aus dem Buch
Die irdischen Klagen des Künstlers in „Des Künstlers Erdewallen“
Die Bezüge zu Lessings Maler Conti, der in den ersten Szenen der „Emilia Galotti“ im Dialog mit dem Prinzen die Kunst als Lust sowie als lästigen Broterwerb bezeichnet, sind kaum zu übersehen. Dieser hat, ähnlich wie Goethes Künstler, eine Auftragsarbeit, die Gräfin Orsina, zu schaffen, wendet sich jedoch mit Vorliebe seinem Sujet nach eigener Wahl, Emilia Galotti, zu. Beide verbindet die wichtige Frage, ob es einem Künstler, der von seiner Kunst leben wolle, überhaupt möglich sei, seinem Kunstideal treu zu bleiben. Während Lessings Maler Conti jedoch den Vorteil hat, im Prinzen einen großzügigen Mäzen zu finden, hat Goethe die mäzenatische Konstellation in „Des Künstlers Erdewallen“ ganz weggelassen. Die Kunst geht ganz offensichtlich nach Brot.
Daraus ergibt sich die erste Klage des armen Malers: Er muss für Geld malen, was er nicht will – „das Portrait einer fleischigen, häßlichen, coquet schielenden Frau“. Gleich beim ersten Pinselstrich setzt er jedoch ab: „Ich will nicht! Ich kann nicht! / Das schändlich verzerrte Gesicht! / Soll ich so verderben den himmlischen Morgen?“. Mit der charakteristischen Inkonsequenz eines Künstlers stellt er den widerstrebenden Stoff beiseite, um Aurora anzubeten und sich der „Venus Urania“ zu widmen, welche das Resultat einer freien und lustvollen Arbeit darstellt. Diese betet er als seine „Göttin“ an, bezeichnet sie als „Urquell der Natur“ und nähert sich ihr mit den Augen eines „Bräutigams“.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Thema und Vorgehensweise: Einleitung in die Problematik des Geniekults im Sturm und Drang und die Relevanz von Goethes Künstlerdramoletten für die Untersuchung des Spannungsverhältnisses von Kunst und Leben.
II. Die Disproportion des Genies mit dem Leben: Der Künstler im Sturm und Drang: Hauptteil der Arbeit, der zunächst das theoretische Geniekonzept erläutert und anschließend die Auswirkungen der Vergötterung auf die soziale und ökonomische Realität des Künstlers in Goethes Dramen analysiert.
III. Ergebniszusammenfassung und Ausblick: Synthese der Ergebnisse, die verdeutlicht, dass Goethes Darstellung das Ideal des "freien Künstlers" als oft elendes und von Philistern bestimmtes Dasein entlarvt und ein Plädoyer für die soziale Wertschätzung des Künstlers zu Lebzeiten darstellt.
Schlüsselwörter
Sturm und Drang, Genie, Künstlerdrama, Goethe, Kunstautonomie, Schöpfergenie, Des Künstlers Erdewallen, Künstlers Apotheose, Sakralisierung, Künstlerdasein, Lebenswirklichkeit, Geniekult, Venus Urania, Soziale Emanzipation, Nachruhm
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit der Diskrepanz zwischen der idealisierten Vorstellung des genialen Schöpferkünstlers während der Sturm-und-Drang-Zeit und der tatsächlichen, oftmals prekären Lebensrealität dieser Künstler.
Welche zentralen Themenfelder stehen im Fokus?
Im Mittelpunkt stehen das Geniekonzept des 18. Jahrhunderts, die sozioökonomischen Bedingungen künstlerischer Arbeit und der Konflikt zwischen idealisiertem künstlerischen Schaffen und der bürgerlichen Erwerbsnotwendigkeit.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Arbeit untersucht, wie sich die Sakralisierung des Künstlers zum Genie auf dessen reale Lebensbedingungen ausgewirkt hat und ob dieser Prozess zu einem unauflösbaren Konflikt zwischen Kunst und Leben führte.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die textnah Goethes „Künstlerdramolette“ unter Berücksichtigung der zeitgenössischen Theoriekonzepte untersucht.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung des Geniebegriffs sowie eine detaillierte Analyse der Dramen „Des Künstlers Erdewallen“ und „Künstlers Apotheose“ hinsichtlich ihrer Motivik und Aussageabsicht.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Sturm und Drang, Genie, Kunstautonomie, soziale Emanzipation und das Verhältnis von Künstlerexistenz zu einer kunstfeindlichen Umwelt.
Wie bewertet Goethe in diesen Werken die Rolle des Künstlers?
Goethe thematisiert die Entfremdung des Künstlers von der Normalität und kritisiert ein soziales Umfeld, das den Künstler zwar theoretisch vergöttert, ihm aber keine materielle oder soziale Basis zum Leben bietet.
Welche Rolle spielt die "Venus Urania" in der Argumentation?
Die Venus Urania fungiert als Allegorie für das reine, freie Kunstideal, das in direktem, groteskem Kontrast zu den Auftragsarbeiten steht, die der Künstler zur Sicherung seines Broterwerbs ausführen muss.
Warum wird der Nachruhm des Künstlers problematisiert?
Der Autor zeigt auf, dass der Unsterblichkeitstopos oft nur eine Ausrede der Gesellschaft ist, um das Leiden des Künstlers zu Lebzeiten zu ignorieren und ihn erst postum zu würdigen, wenn der Künstler selbst keine Freude mehr daran haben kann.
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- Elisa Erkelenz (Author), 2008, Das Geniekonzept im Sturm und Drang, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/141174