Die Rezeption von Dantes 'Inferno in Primo Levis 'Se questo è un uomo'


Hausarbeit, 2009

15 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Zur Veröffentlichung von Se questo è un uomo

3 Einordnung des Kapitels Der Gesang des Ulyss

4 Rückgriff auf Dante in Der Gesang des Ulyss

5 Fazit

Anhang

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Primo Levi, einer der bekanntesten Autoren der so genannten Holocaust-Literatur, beschäftigte sich als einer der Ersten öffentlich mit seinen schrecklichen Erlebnissen im Konzentrationslager der Nationalsozialisten während des Zweiten Weltkriegs. Nur kurze Zeit[1] nach seiner langwierigen Rückkehr zu seiner Familie nach Turin begann er mit der Niederschrift seines Buches[2] Se questo è un uomo, das bereits im Dezember 1946 abgeschlossen war. Darin beschreibt er nicht nur den Tagesablauf des Lagers, sondern schildert explizit persönliche Erfahrungen mit Leidensgenossen und seinen ‚Vorgesetzten’. Im Vordergrund stand für Levi die „Aufgabe des Zeugnisablegens“[3]. Seine Erzählhaltung ist jedoch durch eine sachliche, emotionslose Beschreibung der Dinge geprägt, die im absoluten Gegensatz zu den schrecklichen Erlebnissen steht.

An einigen Stellen, und in einem Kapitel ganz besonders, bezieht sich Primo Levi auf Dante Alighieris Beschreibung der Hölle in dessen Divina Commedia. Diese Verbindung wurde später auch von anderen Autoren der Holocaust-Literatur aufgegriffen:

The analogy this early work establishes between a Dantesque Hell
and the concentration camps is a recurring theme in all Holocaust
writing in every national literature, and Primo Levi was the first
Holocaust writer to draw upon it and sustain it throughout his memoir.
Levi’s perception of Hell is undeniably filtered through Dante. Both
Se questo è un uomo and I sommersi e i salvati are substantially
informed by the physical structure as well as the moral universe
outlined in Dante’s Inferno.[4]

Die vorliegende Seminararbeit befasst sich mit dieser Rezeption von Dantes Inferno und zeigt die Verbindungen zwischen beiden Texten auf.

2 Zur Veröffentlichung von Se questo è un uomo

Primo Levis Buch Se questo è un uomo (dt. Titel: Ist das ein Mensch?) beginnt mit seiner Festnahme durch die faschistische Miliz am 13. Dezember 1943. Kurz danach wurde er in das Konzentrationslager Fossoli bei Modena gebracht, von wo aus er am 22. Februar 1944 nach Auschwitz IV, Monowitz-Buna, deportiert wurde. Die Befreiung durch die Rote Armee erfolgte erst ein knappes Jahr später am 27. Januar 1945. Jedoch erreichte Levi Turin erst im Oktober desselben Jahres nach einer langen, schwierigen Reise, welche in seinem Buch La tregua (Einaudi, 1963) beschrieben ist.

Se questo è un uomo sollte zuerst bei dem Verlag Giulio Einaudi erscheinen. Doch dort wurde der Stoff von der damaligen Lektorin Natalia Ginzburg zunächst abgelehnt. Danach stellte Levi sein Buch erfolglos bei mehreren Verlagen vor, bis sich der kleine Verlag Francesco de Silva dazu entschloss, Se questo è un uomo am 11. Oktober 1947 zu veröffentlichen.[5] Die erste Auflage umfasste 2.500 Stück, von denen jedoch nur wenige verkauft wurden. Der Rest wurde daraufhin eingestampft.[6] Erst einige Jahre später, in 1958, erschien Primo Levis erstes Werk bei Einaudi in einer Neuauflage.

Direkt nach seiner Rückkehr nach Turin verfasste Levi mehrere Gedichte, „zu denen auch das ursprünglich als Salmo und später Shemà betitelte Gedicht gehört, das dem Werk ohne Titel vorangestellt ist“[7], und die durch die ‚Dämonen’, welche ihn seit Auschwitz heimsuchten, inspiriert waren:

While he mocked the foolishness of waiting for poetic inspiration,
he did have a quaint faith in the daimon, the ‘divine creative spark’,
of the Classical Greeks. So the daimon visited Levi now and out
slewed dark, angry verse. ‘Buna’ transforms the slaves of the Ausch-
witz Chemical Kommando 98 into sulphurous Dantesque phantoms
and legions of the damned. The verse bristles with the influence of
Dante filtered through T. S. Eliot. And the more poetry Levi now wrote,
the more he adapted lines from Dante’s Divine Comedy, even if only by
analogy, to communicate the spiritual No-Man’s land of Auschwitz.[8]

Doch nicht nur seine frühen Gedichte zeigen Verbindungen zu Dantes Inferno. Die Divina Commedia, von der Levi einst sagte, dass sie „è colmo di letteratura, letteratura che ho assorbito attraverso la pelle, di quel Dante che ero stato costretto a leggere nella scuola superiore”[9], übte einen großen Einfluss auf ihn aus. Vor Allem da er seine Erfahrungen als Insasse eines Konzentrationslagers mit der von Dante beschriebenen Hölle in Beziehung bringen konnte. Doch nicht nur nach seiner Rückkehr beschäftigte Levi das Inferno, sondern schon während seiner Zeit in Auschwitz, da er in seinem Buch explizit auf seine Erinnerungen an die Schilderung des Gesangs des Ulyss[10] in der Commedia gegenüber einem anderen Häftling eingeht. Dieses wichtige Kapitel schrieb Levi innerhalb kürzester Zeit nieder:

On the afternoon of Thursday 14 February […], Levi sat down in his
spartan room to write The Canto of Ulysses, one of the greatest hymns
to the human spirit. […] The miracle is that it was almost entirely written
in a single lunch break, from 12:30am to 1:00am: half an hour of hectic
unbroken work, or so Levi later claimed.[11]

Dies könnte daher rühren, dass Levi sich noch ganz genau an diese Situation erinnern konnte, und auch daher, dass diese Begebenheit sich leicht nachprüfen ließ, „weil mein damaliger Gesprächspartner, Jean Samuel, unter den verschwindend wenigen Personen des Buches ist, die überlebt haben.“[12]

3 Einordnung des Kapitels Der Gesang des Ulyss

Das Buch Se questo è un uomo enthält 17 relativ kurze Kapitel[13], die nicht chronologisch angeordnet sind. Es beginnt mit der Festnahme durch die faschistische Miliz und endet mit der Befreiung durch die Rotarmisten. Schon das erste Kapitel verweist auf Dante. Der deutsche Titel, Die Fahrt, lässt nicht unbedingt darauf schließen. Doch der italienische Titel, Il viaggio, verweist definitiv auf Dantes Reise durch das Inferno über den Purgatorio hin zum Paradiso.[14] Allerdings ist nur der Beginn von Dantes Reise schrecklich und endet glücklich, wie man ebenfalls bei Levi denken könnte. Ihn jedoch verfolgten seine schrecklichen Erlebnisse im Konzentrationslager ein Leben lang und führten höchstwahrscheinlich zu seinem Selbstmord am 11. April 1987. Levi selbst schrieb zu den tragischen Fällen der Suizide nach der Befreiung: „Ich vermute, daß gerade in diesem Rückblick auf das „tückische Wasser“ der Grund für die zahlreichen Selbstmordfälle nach (und manchmal unmittelbar nach) der Befreiung liegt.“[15] Dieses Zitat aus seinem Buch I sommersi e i salvati (Einaudi, 1986) bezeichnet nicht nur die Ereignisse des Lagers, die die Insassen in die Lethargie hinein- und hinaustreten lassen, sondern verweist ebenso auf das von ihm verwendete Zitat Dantes in Der Gesang des Ulyss.

[...]


[1] “In later life, Levi would construct a sort of legend round If This Is a Man. He claimed the book was written in furious haste immediately on his return from exile. In fact, it was not properly begun until sixteen weeks after his homecoming.” (Thomson, I. (2004), S. 147.)

[2] Die Verfasserin verwendet den Terminus „Buch“, da es schwer ist, den Text einer einzelnen Gattung zuzuordnen. Es kann als Autobiografie, Bericht, Roman, als Mahnung oder als Analyse eines sozialpsychologischen Experiments verstanden werden.

[3] Neuschäfer, A. (2003), S. 298.

[4] Cannon, J. (2003), S. 131.

[5] Vgl. Miething, C. (2005), S. 141.

[6] Vgl. Neuschäfer, A. (2003), S. 298.

[7] Miething, C. (2005), S.149.

[8] Thomson, I. (2004), S. 145.

[9] Zaccaro, V. (2002), S. 63.

[10] So auch der gleichnamige Titel des Kapitels in Ist das ein Mensch?.

[11] Thomson, I. (2004), S. 149.

[12] Levi, P. (1990), S. 141.

[13] Titel der Kapitel in der deutschen Übersetzung: Die Fahrt, In der Tiefe, Die Einführung, KB, Unsere Nächte, Die Arbeit, Ein guter Tag, Diesseits von Gut und Böse, Die Verlorenen und die Geretteten, Chemie-Prüfung, Der Gesang des Ulyss, Der Sommer, Oktober 1944, Szög, „Die drei Leute vom Labor“, Der Letzte und Geschichte von zehn Tagen.

[14] Vgl. Neuschäfer, A. (2003), S. 302.

[15] Levi, P. (1990), S. 75.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Die Rezeption von Dantes 'Inferno in Primo Levis 'Se questo è un uomo'
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg  (Institut für Romanistik)
Veranstaltung
Juden, Exilierte und Verbannte in der italienischen Nachkriegsliteratur
Note
1,7
Autor
Jahr
2009
Seiten
15
Katalognummer
V141194
ISBN (eBook)
9783640483235
ISBN (Buch)
9783640483464
Dateigröße
430 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Primo Levi, Holocaust, Dante's Inferno
Arbeit zitieren
Simone Mihm (Autor), 2009, Die Rezeption von Dantes 'Inferno in Primo Levis 'Se questo è un uomo', München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/141194

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