Die Konzeption des klassischen Leerverkaufs ist weder hochgradig komplex noch ein Phänomen der jüngeren Vergangenheit. Dennoch wird eine derartige Transaktion von vielen Investoren nach wie vor als intransparent und fragwürdig angesehen. Im Zuge der Ausbreitung der internationalen Finanzkrise im Jahre 2008 sind es vor allem die Aktien-Leerverkäufe, die wiederholt in den Fokus von Öffentlichkeit und Regulierungsbehörden geraten sind. Mitunter werden jene Geschäfte für den Zusammenbruch der US-amerikanischen Investmentbank Lehman Brothers im September des gleichen Jahres verantwortlich gemacht.
Während Leerverkäufe in Deutschland bis dato ausschließlich als ein charakteristisches und spekulatives Instrument von Hedge-Fonds wahrgenommen wurden, so gaben Marktbeobachter ihnen nun eine Mitschuld an den drastischen Kursverlusten ausgewählter Finanzdienstleister. Neben bereits bestehenden Regularien sahen sich die zuständigen Aufsichtsbehörden weltweit dazu veranlasst, weitere Leerverkaufsbeschränkungen zu implementieren, um die Stabilität der internationalen Kapitalmärkte zu gewährleisten.
Insbesondere die sogenannten „ungedeckten Leerverkäufe“ können nach Ansicht der Regulierungsbehörden zur Manipulation von Marktpreisen eingesetzt werden und damit erhebliche Nachteile für den gesamten Finanzmarkt bewirken. Entgegen dieser Betrachtungsweise sehen viele Marktteilnehmer und Ökonomen in der Möglichkeit des Leerverkaufs ein notwendiges Instrumentarium für die Funktionsfähigkeit der globalen Kapitalmärkte. Sowohl bei der praktischen Umsetzung unterschiedlicher Handelsstrategien als auch im Hinblick auf die Theorie effizienter Kapitalmärkte wird der Einsatz von Leerverkäufen als unverzichtbar angesehen.
Vor dem Hintergrund dieser Thematik stellt sich primär die Frage, inwieweit Investoren mittels Short Selling überhaupt an den Wertveränderungen der veräußerten Wertpapiere partizipieren können, und welche Rahmenbedingungen für die Durchführung von Leerverkäufen in der Praxis erfüllt sein müssen. In diesem Zusammenhang gilt es, sich auch mit den verschiedenen Marktleih-Systemen für Wertpapiere auseinanderzusetzen. Die Anwendung der „Wertpapierleihe“ ist nicht nur für den traditionellen Leerverkauf am Kassamarkt rechtlich wie technisch eine Grundvoraussetzung, sondern bietet darüber hinaus in ihren vielseitigen Ausgestaltungsformen weitere Einsatzmöglichkeiten für die Marktteilnehmer.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Short Selling als Handelsstrategie
2.1 Der traditionelle Leerverkauf
Spekulation auf fallende Kurse
Hedging von Risiken
Arbitragestrategien
2.2 Abwicklung von Leerverkaufstransaktionen
Broker und Intermediäre
Margin Account und Rebate Rates
2.3 Risikomanagement beim Short Selling
Buy-In/Recall - Risiko
Short Squeeze am Beispiel der VW-Aktie
Short Interest und SI-Ratio
3 Securities Lending and Borrowing
3.1 Die Wertpapierleihe im weiteren Sinne
3.2 Wertpapierleihe im engeren Sinne (Wertpapierdarlehen)
Besicherte und unbesicherte Wertpapierdarlehen
Determinanten der Leihgebühr
Motivation der Vertragsparteien
3.3 Repurchase Agreement (Wertpapierpensionsgeschäft)
Echte und unechte Pensionsgeschäfte
Charakteristische Merkmale von Repos
3.4 Sell/Buy Back-Transaktion
4 Synthetische Leerverkäufe
4.1 Optionsstrategien
Short Call und Long Put
Synthetic Short Stock
4.2 Single Stock Futures (SSFs)
Clearing und Margining im Terminhandel
4.3 Contracts for Difference (CFDs)
Wesentliche Eigenschaften von CFDs
5 Naked Short Selling: Ungedeckte Leerverkäufe
5.1 Definition eines ungedeckten Leerverkaufs
5.2 Marktmanipulation im elektronischen Handelsverkehr
Das Clearing- und Settlement-System
Automatische Wertpapierleihprogramme
Regulierungslücken in den USA
5.3 Naked Short Selling eine reale Gefahr?
Empirische Erkenntnisse
6 Leerverkaufsrestriktionen in der Praxis
6.1 Uptick Rule
6.2 Circuit Breaker
6.3 Leerverkaufsverbote
7 Short Selling im Lichte der Kapitalmarkteffizienz
7.1 Efficient Market Hypothesis
7.2 Der Effizienzbeitrag von Leerverkäufen
Bewertungseffizienz und Preisstabilität
Liquidität und Markttiefe
7.3 Leerverkäufe im Capital Asset Pricing Model (CAPM)
CAPM in seiner Grundform
Zero-Beta CAPM nach Black
CAPM bei positiver Zinsspanne
8 Zusammenfassung und Würdigung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Systematik, die Motive sowie die handelstechnischen Aspekte von Leerverkäufen (Short Selling). Sie verfolgt das Ziel, die finanzwirtschaftliche Bedeutung dieser Transaktionen kritisch zu beleuchten und den Einfluss von Leerverkäufen auf die Kapitalmarkteffizienz sowie die damit verbundenen Risiken und Nutzen für die Marktteilnehmer zu analysieren.
- Methodische Grundlagen und Abwicklung von Leerverkaufstransaktionen
- Risikomanagement und spezielle Marktereignisse wie der Short Squeeze
- Analyse derivativer Instrumente zur synthetischen Erzeugung von Leerverkäufen
- Untersuchung von ungedeckten Leerverkäufen (Naked Short Selling) und regulatorischen Restriktionen
- Bewertung der Rolle des Short Selling im Rahmen der Kapitalmarkteffizienz und des CAPM
Auszug aus dem Buch
Short Selling als Handelsstrategie
Kapitalmarktteilnehmer verfügen über die unterschiedlichsten Handelsstrategien und Investitionsalternativen. So kann ein Investor mit seinem Vermögen beispielsweise in börsengängige Wertpapiere investieren, um diese bei einer günstigen Marktentwicklung in der Zukunft gewinnbringend zu verkaufen. Der Anleger verfolgt mit dieser Investition eine „Buy-and-Hold“-Strategie, indem er in Erwartung steigender Preise (Kurse) einen mengenmäßig positiven Bestand – eine sogenannte Long Position – in den betreffenden Wertpapieren hält. Kommt es nun im Laufe der Zeit am Kapitalmarkt zu einer Überbewertung ausgewählter Finanztitel, so stellt sich für den gewöhnlichen Investor der Verkauf seiner Long Position als die einzige Möglichkeit dar, zukünftige Verluste zu vermeiden.
Das Short Selling – im deutschsprachigen Raum weitestgehend als Leerverkauf bezeichnet – bietet hingegen nicht nur die Möglichkeit, in der Zukunft keine Verluste zu erleiden, sondern darüber hinaus von einer Überbewertung der Wertpapiere zu profitieren. Im Gegensatz zu einem herkömmlichen Wertpapierkauf besitzt der Investor bei dieser Handelsstrategie eine sogenannte Short Position in den entsprechenden Finanzkontrakten, d. h. der mengenmäßige Bestand ist negativ. Auch wenn die Funktionsweise des Short Selling im Vergleich zu einer „normalen“ Transaktion zunächst kompliziert erscheint, so stellt sich das Resultat ebenso konsequent wie plausibel dar: Der Investor erzielt genau dann einen finanziellen Vorteil, wenn die (leer-)verkauften Finanztitel im Zeitverlauf an Wert verlieren.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung führt in die Thematik des Short Selling ein, erläutert die Relevanz im Kontext der Finanzkrise 2008 und definiert den Aufbau der Arbeit.
2 Short Selling als Handelsstrategie: Dieses Kapitel beschreibt die Funktionsweise, Abwicklungsprozesse sowie das Risikomanagement beim klassischen Leerverkauf und beleuchtet Kennzahlen wie Short Interest.
3 Securities Lending and Borrowing: Es werden die verschiedenen Formen der Wertpapierleihe sowie Repurchase Agreements detailliert analysiert und als technische Voraussetzung für Leerverkäufe dargestellt.
4 Synthetische Leerverkäufe: Dieses Kapitel erläutert, wie durch derivative Instrumente wie Optionen, Futures und CFDs ein Leerverkauf künstlich nachgebildet werden kann.
5 Naked Short Selling: Ungedeckte Leerverkäufe: Hier liegt der Fokus auf der Definition, der Markmanipulationsgefahr sowie den regulatorischen Schwachstellen ungedeckter Leerverkäufe.
6 Leerverkaufsrestriktionen in der Praxis: Es wird ein Überblick über die verschiedenen in der Praxis eingesetzten Restriktionen wie die Uptick Rule, Circuit Breaker und explizite Handelsverbote gegeben.
7 Short Selling im Lichte der Kapitalmarkteffizienz: Das Kapitel untersucht den theoretischen Beitrag von Leerverkäufen zur Markteffizienz unter Einbeziehung der Efficient Market Hypothesis und des Capital Asset Pricing Models.
8 Zusammenfassung und Würdigung: Der abschließende Teil fasst die zentralen Erkenntnisse der Arbeit zusammen und bewertet die ökonomische Notwendigkeit sowie die Risiken von Short Selling-Aktivitäten.
Schlüsselwörter
Short Selling, Leerverkauf, Wertpapierleihe, Kapitalmarkteffizienz, Hedging, Short Squeeze, Naked Short Selling, Derivate, Finanzkontrakte, Risikomanagement, Marktmanipulation, Capital Asset Pricing Model, Settlement, Broker, Arbitrage
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt die Theorie, die Handelsstrategien und die marktökonomischen Implikationen von Leerverkäufen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Abwicklung von Leerverkäufen, die Bedeutung der Wertpapierleihe, der Einsatz derivativer Instrumente, regulatorische Eingriffe sowie die Auswirkungen auf die Markteffizienz.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist die umfassende systematische Darstellung von Leerverkaufstransaktionen und eine kritische Auseinandersetzung mit deren Rolle in Theorie und Praxis.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine theoretisch-analytische Methode, basierend auf finanzmarkttheoretischen Modellen und der Auswertung praktischer Fallbeispiele sowie regulatorischer Rahmenbedingungen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil deckt die Funktionsweise des Short Selling, die verschiedenen technischen Ausgestaltungen wie Wertpapierleihe und Repo-Geschäfte, synthetische Handelsansätze sowie die Diskussion über Markteffizienz ab.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Short Selling, Wertpapierleihe, Kapitalmarkteffizienz, Naked Short Selling, Short Squeeze und Capital Asset Pricing Model.
Warum ist die Wertpapierleihe für Leerverkäufe so wichtig?
Die Wertpapierleihe ist eine rechtliche und technische Grundvoraussetzung, um dem Käufer die veräußerten Wertpapiere zum Erfüllungszeitpunkt tatsächlich liefern zu können.
Was unterscheidet ungedeckte Leerverkäufe von gedeckten?
Beim ungedeckten Leerverkauf verzichtet der Short Seller darauf, die benötigten Wertpapiere vorab durch eine Wertpapierleihe zu sichern, was das Risiko von Lieferausfällen (Failures-to-Deliver) drastisch erhöht.
Welche Rolle spielt die VW-Aktie in dieser Untersuchung?
Das Beispiel der VW-Aktie im Jahr 2008 illustriert anschaulich das Phänomen eines Short Squeeze, bei dem massiv steigende Kurse die Leerverkäufer zu panikartigen Eindeckungskäufen zwingen.
Wie bewertet der Autor den Nutzen von Short Selling?
Der Autor ordnet Leerverkäufe als notwendiges Instrumentarium für die Funktionsfähigkeit effizienter Kapitalmärkte ein, betont jedoch die Notwendigkeit regulatorischer Leitplanken zur Vermeidung manipulativer Anwendungen.
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- Andre Hergt (Author), 2009, Short Selling. Grundlagen, Strategien und Implikationen für den Kapitalmarkt, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/141280