Walter Benjamins 9. Geschichtsthese stammt aus seinem Werk "Über den Begriff der Geschichte", das er 1940 verfasste. Im ersten Teil dieser These spielt das Bild "Angelus Novus" von Paul Klee eine zentrale Rolle, im zweiten der Engel der Geschichte. Kontrast und Gemeinsamkeiten dieser beiden Engelfiguren soll unter anderem in dieser Arbeit nachgegangen werden. Vor Beginn der These befindet sich ein kurzer Spruch von Gershom Sholem, der den Titel "Gruß vom Angelus" trägt. Hierbei ist zu erörtern, warum der Spruch Scholems dieser These hinzugefügt wurde, und ob dies von Walter Benjamin beabsichtigt war, oder ob spätere Herausgeber den Spruch hinzugefügt haben.
Anderen Fragen zum Begriff Angelus Novus, einer möglichen wörtlichen Übersetzung und dem Sinn eines Neuen Engels soll ebenso nachgegangen werden wie den Unterschieden und Gemeinsamkeiten von Angelus Novus und dem Engel der Geschichte und warum Benjamin für die 9. Geschichtsthese gerade das Bild von Klee herangezogen hatte.
Ergänzend werden dann auch Meinungen anderer Philosophen herangezogen werden. Am Ende soll eine Einordnung der 9. These in das Werk der Geschichtsphilosophischen Thesen und in Benjamins Lebenssituation erfolgen.
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Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Was sind Engel?
2. Das Bild Angelus Novus von Paul Klee
2.1. Entstehungsvorgeschichte
2.2. Der Bildtitel Angelus Novus
3. Walter Benjamin und der Angelus Novus
3.1. Das Bild im Besitz Walter Benjamins
3.2. Der kabbalistische Engel
3.3. Versuch einer Interpretation der Gedanken Benjamins
4. Die 9. Geschichtsthese
4.1. Einordnung in Benjamins Situation
4.2. Einordnung in die Gesamtthesen
5. Meinungen zur 9.Geschichtsthese
Ergebnis
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht Walter Benjamins 9. Geschichtsthese aus seinem Werk „Über den Begriff der Geschichte“ und analysiert die zentrale Rolle, die das Bild „Angelus Novus“ von Paul Klee dabei spielt. Es wird der Frage nachgegangen, wie sich die Engelfigur als Symbol für Benjamins Geschichtsverständnis interpretieren lässt, welche theologische Traditionen hier einfließen und wie die These in Benjamins persönliche Lebenssituation im Jahr 1940 eingebettet ist.
- Historische und kunstgeschichtliche Analyse des „Angelus Novus“
- Einfluss kabbalistischer und talmudischer Traditionen auf Benjamin
- Interpretation der 9. Geschichtsthese im Kontext von Benjamins Exil
- Gegenüberstellung von Klee-Rezeption und Benjamins Geschichtsphilosophie
- Diskussion philosophischer Meinungen zur Katastrophen-Thematik
Auszug aus dem Buch
3.3. Versuch einer Interpretation der Gedanken Benjamins
Walter Benjamin schrieb im März 1940, kurz vor der Flucht aus Paris, seine 18 Thesen über den Begriff der Geschichte. Erst durch die neunte dieser Thesen wurde der Angelus Novus Paul Klees zum Symbol einer kritischen Erkenntnisfähigkeit, deren Gewissheit die Feinde überdauerte.
Die These lässt sich in zwei Teile gliedern. Am Anfang steht eine Beschreibung des Bildes von Klee. Es folgt eine Überleitung zum neuen Thema, dem Engel der Geschichte. Die Verbindung zwischen beiden Teilen wird mit der hypothetischen Wendung eingeleitet: „Der Engel der Geschichte muß so aussehen“. Es sind also zwei Möglichkeiten der Interpretation denkbar. Entweder sind beide Engel identisch oder es handelt sich um zwei verschiedene Figuren.
Vielleicht dachte sich Benjamin den Übergang vom Angelus Novus zum Geschichtsengel auch fließend und reziprok. Was im Text nun erläutert wird ist auf dem Bild jedenfalls nicht mehr zu sehen. Der Engel wird nun nicht mehr nach seinem Aussehen, sondern im Hinblick auf seine Haltung und seine Gesten beschrieben. Die Zukunft, der er den Rücken kehrt ist nicht weiter beschrieben; dafür aber die Vergangenheit.
Nun taucht eine dritte Örtlichkeit auf: das Paradies, aus dem der Sturm dem Engel entgegenweht. Somit ist die Lage des Paradieses auch vor dem Engel anzunehmen. Offen bleibt dabei jedoch die Frage nach der Relation von Paradies und Vergangenheit, die sich angesichts ihrer Positionen aufdrängt. Laut Text hat der Engel der Geschichte aber nicht die Stellung des Cherubs vor dem Paradies, der diesem bei Adam und Evas Vertreibung aus dem Paradies den Rücken kehrt. Die Linie Paradies, Geschichte und Zukunft aber würde der Abfolge im Alten Testament entsprechen.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Einführung in die Thematik der 9. Geschichtsthese und die zentrale Bedeutung des Bildes Angelus Novus für Benjamin.
1. Was sind Engel?: Erläuterung der etymologischen Wurzeln und der religiösen Bedeutung von Engeln als Boten und Vermittler.
2. Das Bild Angelus Novus von Paul Klee: Darstellung der Entstehungsgeschichte des Bildes und die Eigendefinition des Titels durch Paul Klee.
3. Walter Benjamin und der Angelus Novus: Untersuchung des Erwerbs des Bildes durch Benjamin und dessen Einbindung in jüdisch-theologische Deutungen.
4. Die 9. Geschichtsthese: Analyse der These im Kontext von Benjamins Lebenssituation und innerhalb seines Gesamtwerkes der Geschichtsthesen.
5. Meinungen zur 9.Geschichtsthese: Aufarbeitung der Rezeption und Deutungen durch Philosophen wie Gershom Scholem und Otto Karl Werckmeister.
Ergebnis: Synthese der Erkenntnisse zur Unterscheidung von Angelus Novus und dem Engel der Geschichte sowie zum Geschichtsverständnis Benjamins.
Schlüsselwörter
Walter Benjamin, Angelus Novus, Paul Klee, 9. Geschichtsthese, Geschichtsphilosophie, Engel der Geschichte, Gershom Scholem, Kabbala, Fortschritt, Katastrophe, Zeitverständnis, Erinnerung, Exil, Moderne, Historismus
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die 9. Geschichtsthese Walter Benjamins und deren tiefgreifende philosophische sowie kunsttheoretische Bedeutung, insbesondere unter Bezugnahme auf Paul Klees Bild „Angelus Novus“.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind die Geschichtsphilosophie, die Kunstkritik der Moderne, jüdische Theologie (Kabbala) und die Biografie Walter Benjamins während der Zeit des Nationalsozialismus.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, den Zusammenhang zwischen dem Klee-Bild und Benjamins theoretischer Auseinandersetzung mit der Geschichte zu dechiffrieren und zu klären, warum Benjamin gerade dieses Bild als Symbol für den „Engel der Geschichte“ wählte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche und philosophische Analyse angewandt, die durch historische Kontextualisierung und vergleichende Interpretation der Primär- und Sekundärquellen (einschließlich philosophischer Rezeptionen) gestützt wird.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil umfasst die Einordnung des Bildes in die Biografie Benjamins, die Bedeutung der jüdischen Tradition für sein Verständnis des Engels sowie eine detaillierte Interpretation des Textes der 9. These und deren Stellung innerhalb der 18 Geschichtsthesen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie „Angelus Novus“, „Geschichtsthesen“, „Fortschritt“, „Katastrophe“ und „erkenntniskritische Symbolik“ geprägt.
Wie unterscheidet sich der Angelus Novus vom „Engel der Geschichte“ laut Autor?
Der Autor arbeitet heraus, dass der Angelus Novus primär ein Bild von Klee ist, während der „Engel der Geschichte“ bei Benjamin ein metaphorisches Konstrukt darstellt, das über das rein bildliche Aussehen hinausgeht und eine eigene geschichtsphilosophische Funktion übernimmt.
Warum spielt das Paradies eine wichtige Rolle in der Interpretation der These?
Das Paradies markiert den Ausgangspunkt, von dem der Engel durch den „Sturm des Fortschritts“ weggeblasen wird. Es verdeutlicht den Gegensatz zwischen dem verlorenen Ursprung und der unaufhaltsamen, katastrophalen Bewegung der Geschichte.
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- Christine Keuerleber (Author), 2009, Angelus Novus und der Engel der Geschichte. Gedanken zur 9. Geschichtsthese von Walter Benjamin, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/141368