"Lass mich deine Herrlichkeit sehen!" - Mose begehrt des HERRn Herrlichkeit zu schauen

Eine historisch-kritische Exegese zu Exodus 33, 12 - 23


Quellenexegese, 2008

38 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsangabe

Bibeltext

1. Vorbesinnung
1.1 Was löst der Text beim ersten Lesen bei mir aus? Welche Fragen weckt die Lektüre des Textes in mir?
1.2 Welche Vorverständnisse werden in mir wach?
1.3 Welche neuen Gedanken stößt der Text in mir an? Was sagt mir Gott persönlich damit?

2. Sprachliche Analyse;
2.1 Persönliches GesprächMoses mitGott
2.2 Meilensteine im Textabschnitt
2.3 Unebenheiten des Textes

3. IJbersetzungsvergleich
3.1 Verwendete Übersetzungen
3.2 Gottes Gegenwart
3.3 Gottes Herrlichkeit
3.4 Gottes Güte
3.5 GottesName

4. Abgrenzung des Textes und Kontext
4.1 Exodusl-32
4.2 Exodus 33
4.3 Exodus34-40
5. Erhebung der Gliederung des TextesЦ
5.1 Vorbemerkungen
5.2 Textgliederung
5.3 Zu dieser Gliederung

6. Literarkritik
6.1 Literarkritische Betrachtung von Ex33, 12-23 innerhalb seines Kontextes
6.2 Abschnittsimmanente Literarkritik
6.3 Pentateuchquellen
6.4 Datierungdes Textabschnittes

7. Formkritik:
7.1 Welche sprachlichen Formeln, bzw. feststehenden Wendungen werdenverwendet?
7.2 Literarische Gattung des Textabschnittes
7.3 Sitz im Leben und Funktion des Textes

8. Mündliche Überlieferungsgeschichte

9. Redaktionsgeschichte
9.1 ProblematikdesRedaktors
9.2 Spuren redaktionellerBearbeitungen?
9.3 Aussageabsicht

10. Traditionsgeschichte;22!

11, Einzelexegese;

12, Skopus

13, Verkündigungsansatz

12 Und Mose sprach zu dem HERRn: Siehe, du sprichst zu mir: Führe das Volk hinauf!, und lässt mich nicht wissen, wen du mit mir senden willst, wo du doch gesagt hast: ich kenne dich mit Namen, und du hast Gnade vor meinen Augen gefunden.

13 Hab ich denn Gnade vor deinen Augen gefunden, so lass mich deinen Weg wissen, damit ich dich erkenne und Gnade vor deinen Augen finde. Und sieh doch, dass dies Volk dein Volk ist.

14 Er sprach: Mein Angesicht soll vorangehen; ich will dich zur Ruhe leiten.

15 Mose aber sprach zu ihm: Wenn nicht dein Angesicht vorangeht, so führe uns nicht von hier hinauf.

16 Denn woran soll erkannt werden, dass ich und dein Volk vor deinen Augen Gnade gefunden haben, wenn nicht daran, dass du mit uns gehst, sodass ich und dein Volk erhoben werden vor allen Völkern, die auf dem Erdboden sind?

17 Der HERR sprach zu Mose: Auch das, was du jetzt gesagt hast, will ich tun; denn du hast Gnade vor meinen Augen gefunden, und ich kenne dich mit Namen.

18 Und Mose sprach: Lass mich deine Herrlichkeit sehen!

19 Und er sprach: Ich will vor deinem Angesicht all meine Güte vorübergehen lassen und will vor dir kundtun den Namen des HERRn: Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig, und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich.

20 Und er sprach weiter: Mein Angesicht kannst du nicht sehen; denn kein Mensch wird leben, der mich sieht.

21 Und der HERR sprach weiter: Siehe, es ist ein Raum bei mir, da sollst du auf dem Fels stehen.

22 Wenn dann meine Herrlichkeit vorübergeht, will ich dich in die Felskluft stellen und meine Hand über dir halten, bis ich vorübergegangen bin.

23 Dann will ich meine Hand von dir tun und du darfst hinter mir her sehen; aber mein Angesicht kann man nicht sehen.[1]

1. Vorbesinnung

1.1 Was löst der Text beim ersten Lesen bei mir aus? Welche Fragen weckt die Lektüre des Textes in mir?

Nach dem Lesen dieses Textabschnittes war ich zunächst verwundert. Trotz ihrer klaren Sprache ist die Textpassage insgesamt schwer zu erfassen. Nach dem Lesen habe ich viele offene Fragen. Wie sieht Gottes Herrlichkeit aus? Wie kann sie an einem Menschen vorübergehen? Wie kann Gott seine Hand vor Moses Augen legen? Ist Gott menschlich, dass er solches könnte?

Der Text wirkt auf mich sehr mystisch, geheimnisvoll. Von ihm geht eine ungeheure Faszination aus, eine Anziehungskraft, durch die ich nach erstmaligem Lesen stark den Wunsch verspürt habe, Antworten auf die Fragen zu erhalten. Beim erstmaligen Lesen fiel mir auch Moses Zwiegespräch mit Gott auf; Gott lässt sich darauf ein. Er geht auf Moses Forderungen sogar ein und wirkt sehr verständnisvoll, indem er Mose (und seinem Volk?) keine noch so absurde Zeichenforderung versagt. Ich empfand Mose beim ersten Lesen als recht unverfroren, selbstbewusst aber auch zutiefst unsicher in Bezug auf Gottes Allgegenwart.

Der Text vermittelt mir auch stark das Gefühl der Gottesfeme; nämlich wenn ich Moses Gottesnähe mit der meinigen vergleiche. Ich habe den Wunsch, Gott in ähnlicher Weise wie Mose zu begegnen; dessen werde ich mir bei der Lektüre von Ex 33, 12 - 23 bewusst.

1. 2 Welche Vorverständnisse werden in mir wach?

Gottes Selbstcharakterisierung, er sei gnädig, wem er gnädig sei und wessen er sich erbarme, dessen erbarme er sich (vgl. Ex 33, 19c[2] ), erinnert mich daran, wie sich Gott dem Mose im brennenden Dornbusch vorstellte: ,,[...] Ich werde sein, der ich sein werde [...]“ (Ex 3, 14a). Gott ist unnahbar, unfassbar und völlig autark von menschlichen Vorstellungen oder Wünschen. Sein Selbst kommt in beiden Bibelstellen sehr stark zum Ausdruck.

Dass Gott seine Hand vor Moses Augen halten wolle bis seine Herrlichkeit an ihm vorüber gezogen sein (vgl. Ex 33, 22b), ist eine sehr eigentümliche Formulierung, die die Frage aufwirft, ob denn Gott ein menschliches Wesen sei. Eine ähnliche Problematik ist in Gen 7, 16b zu finden: Es wird berichtet, dass Gott hinter Noah zuschloss, nachdem dieser mit allen Tieren und seiner Sippe die Arche vor Beginn der Sintflut betreten hatte. Gott werden in beiden Texten menschliche Eigenschaften zugesprochen.

,,[...] Ich kenne dich mit Namen [...]“ (Ex 33, 12e). Gott kennt sein Volk mit Namen; er selbst hat es bei seinem Namen gerufen; es ist sein Volk, wie auch in Jes 43, lb nachzulesen ist. In beiden Textstellen erkenne ich beim ersten Lesen Parallelen hinsichtlich Gottes Gegenwart mit seinem Volk und hinsichtlich der besonderen Berufung Israels. Es ist sein Volk, da Gott es mit Namen gerufen hat und es mit Namen kennt.

„[...] und du hast Gnade vor meinen Augen gefunden [..]“ (Ex 33, 12e). Mose fand Gnade vor dem Herrn wie auch Noah (vgl. Gen 6, 8) Gnade fand vor Gott. Grundlegend dafür ist, dass Gottes Gnade in beiden Fällen nicht von des Menschen Tun abhängt, sondern dass er souverän entscheidet, wem er seine Gnade schenkt. In den angeführten Bibelworten sind die Menschen, die vor Gott Gnade fanden, Gesegnete, was mich eine Parallelität finden lässt.

1. 3 Welche neuen Gedanken stößt der Text in mir an? Was sagt mir Gott persönlich damit?

Stark angesprochen hat mich die Tatsache, dass Gott zwar unerklärlich, aber dennoch unmittelbar handeln kann. Insofern gehe ich davon aus, dass die teilweise sehr menschliche Darstellung von Gott auf sein unmittelbares Handeln hinweisen will.

Der Text lässt mich neu dankbar werden über Gottes Geschenk der Gnade, die er damals seinem Knecht Mose und Weiteren zusagte und die er heute noch für mich bereit hält, da er heute noch der Selbe sein wird (vgl. auch Ex 3, 14a). Gottes Unveränderlichkeit und sein Beistand für sein Volk geben mir heute ganz neu Anlass, darüber nachzudenken, dass seine im Text gemachten Zusagen auch mir gelten, da ich durch den neuen Bund Teil seines Volkes geworden bin. Er hat mich bei meinem Namen gerufen, ich bin sein. Er kennt mich mit Namen. Habe ich auch Gnade gefunden vor seinen Augen? Ich bin herausgefordert, diese Frage durch Jesus Christus mit einem Ja zu beantworten. Ja, ich habe Gnade gefunden vor seinen Augen;ja, er wird mit mir sein.

2.Sprachliche Analyse

2.1 Persönliches Gespräch Moses mit Gott

Der Textabschnitt gibt einen Dialog zwischen Mose und Gott wieder, als hätten zwei Männer von Angesicht zu Angesicht miteinander gesprochen. Schon durch die auffallenden Einleiteformeln ,,[...] Und Mose sprach zu dem HERRn [...]“ (V. 12a) oder auch ,,[...] Der HERR sprach zu Mose [...]“ (V. 17a) bekommt der Leser den Eindruck, Mose und Gott befänden sich auf einer menschlichen Ebene, als seien sie einander gleich gestellte Gesprächspartner. Das legt die Vermutung nahe, dass die im Text insgesamt fünf mal in variierter Form auftauchende Einleitung für Gottes Rede und möglicher Weise auch seine Reden selbst im übertragenen Sinne gebraucht sind.

Zu beachten ist auch, dass die jeweiligen wörtlichen Reden im Präsens, die oben erwähnten Einleiteformeln aber im Präteritum verfasst sind.

2. 2 Meilensteine im Textabschnitt

Äußerlich auffällig bezüglich des Gespräches zwischen Mose und dem HERRn sind die jeweiligen Gesprächsanteile. In der ersten Texthälfte (Ex 33, 12 - 16) spricht Mose fast ausschließlich selbst. Nur in Vers 14 gibt Gott ihm zur Antwort: „[...] Mein Angesicht soll vorangehen; ich will dich zur Ruhe leiten [...]“ (Ex 33, 14b). Im Gegensatz dazu ist es Gott, dem im weiteren Verlauf des Textabschnittes (Ex 33, 17 - 23) die meisten Textanteile zuzuschreiben sind. Moses einzige Unterbrechung seiner Rede ist in Vers 18 zu finden: ,,[...] Lass mich deine Herrlichkeit sehen! [...]“ (Ex 33, 18). Obwohl äußerlich betrachtet Mose und Gott etwa gleiche Gesprächsanteile haben, zeigt die inhaltliche Analyse, dass Gottes Aussagen und Verheißungen im Text dominieren, denn innerhalb dieses Gespräches zitiert Mose Gott in seinen Ausführungen, indem er sich in seinen eigenen Aussagen immer wieder auf Gottes vorher gemachte Verheißungen bezieht, z.B.: ,,[...] wo du [HERR] doch gesagt hast: [...] du hast Gnade vor meinen Augen gefunden [...]“ (Ex 33, 12b). Gottes Zusagen an ihn werden für Mose zur Grundlage seiner Argumentation, wobei zwangsläufige Wortwiederholungen, wie z.B. das Wort ,, Angesicht“ in Vers 14 und auf die dort gemachte Aussage Bezug nehmend auch in Vers 15 Vorkommen.

Im Zusammenhang der Wortwiederholungen ist auffallend, dass ein Wort, wie z.B. „Angesicht“ nicht variiert wird, sondern immer dann, wenn es sich um Gottes Angesicht handelt, auch das Wort „Angesicht“ verwendet wird und keine Synonyme (vgl. V. 14, 15, 20 und 23). In eben dieser Weise verhält es sich unter anderem auch mit dem Wort „Gnade“ (vgl. V. 12, 13, 16 und 17). Hauptsächlich sind es Substantive, die als Meilensteine des Textes (sinntragende Wendungen) in unvariierter Form als Wortwiederholungen auftauchen, wie die beiden Beispiele zeigen. Jedoch wird auch durch die Verwendung von Verben in wiederholter Form, wie z.B. „sprach“ (vgl. V. 12, 14, 15, 17, 18, 19, 20 und 21) dem Text eine gewisse Einheitlichkeit gegeben.

2. 3 Unebenheiten des Textes

Mose strickt das Gespräch zunächst recht engmaschig um das Thema Gnade. Dies wird besonders an dem Phänomen deutlich, dass Mose den HERRn zitiert: ,,[...] und du hast Gnade vor meinen Augen gefunden [...]“ (Ex 33, 12e). Unmittelbar nachdem nun Mose Gott an seine Zusage erinnert hat, bezieht er sich wiederum auf die von Gott versprochene Gnade: ,,[...] Hab ich denn Gnade vor deinen Augen gefunden [...]“ (Ex 33, 13 a). Diesmal jedoch fordert er Gott heraus. Er zieht einen Rückschluss von des HERRn Zusage auf sein Handeln, nämlich, dass er Mose als Zeichen seiner Gnade seinen Willen zeigen solle (vgl. V. 13 b). Unerwarteter Weise taucht am Ende seiner Forderung, dass Gott ihm seinen Weg offenbaren möge, nochmals die Gnadenaussage auf. Wenn Mose Gnade gefunden habe vor dem HERRn, so sagt er, dann möge ihm Gott seinen Weg zeigen, damit Mose ihn erkenne und Gnade finde vor seinen Augen (vgl. Ex 33, 13).

Als Leser stolpert man über diese Unebenheit im Text. Inhaltlich wirkt er an dieser Stelle (Ex. 33, 13) eher verworren und vielschichtig. Wortwiederholungen können den Text daher zum einen gleichmäßig linear erscheinen lassen (s.o.), andererseits aber auch uneinheitlich, indem sie störend wirken. Moses Absicht ist es, den HERRn zu erkennen und seine Gnade zu finden (vgl. Ex 33, 13). Wieso wird also die Bedingung für seinen Auftrag das Volk zu führen, nämlich dass er Gnade gefunden hat, zum Ziel seiner Forderungen an Gott, nämlich dass er Gnade finden möchte?

Außerdem fallen Unebenheiten innerhalb des Textes auch am jeweiligen Anfang der Verse 19, 20 und 21 auf: Moses Bitte folgend, Gott möge ihn seine Herrlichkeit sehen lassen (vgl. V. 18) wird Gottes Antwort mit den Worten ,,[...] Und er [Gott] sprach [...]“ (V. 19a) eingeleitet. Ohne von Mose unterbrochen zu werden fährt Gott seine Rede in Vers 20 fort. Die wiederholte Einleiteformel ,,[...] Und er sprach weiter [...]“ (V. 20a) wirkt daher überflüssig. Der dritte Stolperstein dieser Art ist zu Beginn von Vers 21 zu finden: ,,[...] Und der HERR sprach weiter [...]“ (V. 21a). Für die weitere exegetische Arbeit ergibt sich deshalb die Frage, wieso Gottes Rede nicht einheitlich ist, sondern drei mal von Neuem eingeleitet wird. Haben diese drei Parallelismen eine Bedeutung? Wodurch kamen sie zustande?

3. Übersetzungsvergleich

3.1 Verwendete Übersetzungen

Grundlage dieser historisch kritischen Exegese von Ex 33, 12 - 23 ist die Bibelübersetzung nach Dr. Martin Luther in der revidierten Fassung von 1984[3]. Wo nicht anders vermerkt, ist diese Bibelübersetzung Basis der Arbeit, so z.B. in Zitaten. Ich habe sie gewählt, da Luthers Übersetzung immernoch Grundlage der evangelischen Kirche in Deutschland ist und auch inform einer bildhaften Sprache nahe am hebräischen Urtext orientiert ist.

Zum Übersetzungsvergleich werde ich die Elberfelder-[4], die Schlachter-[5] und die Einheitsübersetzung[6] als deutsche Übersetzungen heranziehen. Wo es sich anbietet und markante Sinnunterschiede erst dadurch herauszustellen sind, werde ich im exegetischen Vergleich auch fremdsprachige Bibelübersetzungen verwenden. Dabei sei die Auswahl auf sechs beschränkt: die englische King-James-Version+ (mit Hochziffem, die die Nummer des jeweils zugrundeliegenden hebräischen Ausdrucks anzeigen)[7], die englische New- Living-Translation[8] und die englische Good-News-Übersetzung[9], des weiteren die rumänische Dumitru-Comilescu-Übersetzung[10] und die rumänisch-orthodoxe Bibelübersetzung[11]. Sollte sich durch das Hinzuziehen der hebräisch-deutschen Interlinear- Bibelübersetzung[12] der Horizont innerhalb dieser Arbeit noch erweitern lassen, so werde ich auch auf diese Translation zurückgreifen. Auf die jeweiligen verwendeten Übersetzungen wird gesondert hingewiesen.

3. 2 Gottes Gegenwart

Die Übersetzung nach Luther ist Fundament dieser Exegese, da in ihr z.B. charakteristische Wortwiederholungen, die in der sprachlichen Analyse ausfindig gemacht wurden, erhalten geblieben sind, wie sich bei einem Vergleich mit der deutschen Schlachterübersetzung herausstellt.

Am Beispiel des Wortes „Angesicht“ sei dies näher erläutert: In der deutschen Schlachter-Übersetzung wurden zwei der vier Wiederholungen des Wortes „Angesicht“ geglättet, bzw. anders formuliert, indem von Gott selbst gesprochen wird (vgl. V. 14. 15). Da auch die Einheits- und Elberfelder Übersetzung die viermalige Replik des Wortes „Angesicht“ beibehalten, kann man zunächst davon ausgehen, dass diese vierfache Wiederholung wahrscheinlich der ursprünglicheren Bedeutung des Textes am nächsten kommt. Das spricht für die Lutherübersetzung.

Beim Vergleich mit der englischen Good-News-Bible wird man dann jedoch feststellen, dass die die Verse 14 und 15 betreffenden Abweichungen durchaus ihre Berechtigung haben, denn es wird auch im Rahmen dieser Translation in besagten Versen nicht von Gottes Angesicht, sondern von ihm selbst gesprochen; so auch in den rumänischen Übersetzungen nach Comilescu und der orthodoxen Kirche. Noch deutlicher stellt die New-Living-Translation heraus, dass es in Vers 14 und 15 um Gott selbst gehen könnte: ,,[...] I will personally go with you [dt.: Ich werde persönlich mit dir gehen] [...]“ (V. 14a) und ,,[...] If you don't personally go with us [dt.: Wenn du nicht persönlich mit uns gehst] [...]“ (V. 15a). Gibt es also einen Unterschied zwischen Gott selbst und seinem Angesicht, wie es die verschiedenen Übersetzungen vermuten lassen?

Die King-James-Version übersetzt in den Versen 14 und 15 weder mit „Angesicht“ noch mit einer Form für Gott selbst, sondern verwendet das Wort „presence“ (dt.: „Gegenwart“). Wie auch bei allen anderen beachteten Übersetzungen findet sie in den Versen 20 und 23 die Übersetzung aus dem Hebräischen inform von „Angesicht“. Anhand der in allen vier Versen vorkommenden Hochziffer 6440 hinter den Worten „presence“ (dt.: Gegenwart) und „face“ (dt.: Angesicht) ist erkennbar, dass es sich sowohl in den Versen 14 und 15, als auch in 20 und 23 um das selbe hebräische Ursprungswort, nämlich □Ίθ (pânîym, paw-neemr) (H6440)[13] handelt, esjedoch unterschiedlich interpretiert wird vom Übersetzenden. Wie kommt also diese Differenz zustande?

Als Antwort auf diese Frage nach einem eventuellen Unterschied zwischen Gott selbst, seiner Gegenwart und seinem Angesicht kann Vers 20 verstanden werden. Dort kommen in allen verwendeten deutschen und englischen Übersetzungen die beiden unterschiedlichen Worte in einem Satz vor: ,,[...] Mein Angesicht kannst du nicht sehen, denn kein Mensch wird leben, der mich sieht [...]“ (Ex 33, 20b). Von der Ausnahme, die die rumänsich-orthodoxe Übersetzung macht, indem sie an beiden Stellen „Angesicht“ verwendet (dt.: ,,[...] Mein Angesicht aber wirst du nicht sehen können, denn der Mensch kann nicht mein Angesicht sehen und leben [...]“ (Ex 33, 20)), abgesehen, kann man also darin Übereinkommen, dass Gott selbst und seine Gegenwart eins sind. Wo seine Gegenwart ist, da ist Gott, denn er ist gegenwärtig. Sein „Angesicht“ kann als Verstärkung seiner Gegenwart verstanden werden.

3. 3 Gottes Herrlichkeit

Im Zusammenhang mit des HERRn Präsenz muss man auch dessen Handeln beachten. Gott kündigt Mose seine Vorgehensweise an: ,,[...] Wenn dann meine Herrlichkeit vorübergeht [...]“ (Ex 33, 22a). Was ist an dieser Stelle mit Gottes „Herrlichkeit“ gemeint? Spricht Gott von sich selbst? Alle deutschen und rumänischen Übersetzungen verwenden an dieser Stelle das Nomen „Herrlichkeit“, bzw. „Ruhm“ (rum.: „slava“). In der englischen Good-News-Bible wird das hebräische Ursprungswort ТОЭ 13Э (kâbôd kâbôd, kaw-bode', 'kaw-bode) (H3519) mit ,,[...] dazzling light of my presence [dt.: blendendes Licht meiner Gegenwart] [...]“ (V. 22a) wiedergegeben und kann als Hinweis darauf gedeutet werden, dass Gott selbst, sein Angesicht, seine Gegenwart und schließlich auch seine Herrlichkeit eins sind, bzw. ein und den selben Gott unterschiedlich charakterisieren. Dieses Argument wird auch gestützt durch die Formulierung in der New- Living-Translation, wo es zu Beginn heißt: ,,[...] As my glorious presence passes by [Wenn meine herrliche Gegenwart vorüberzieht] [...]“ (V. 22a). Auch in dieser Übersetzung zieht Gottes Gegenwart vorüber. Durch das Adjektiv „herrlich“, was ich als die passendste Übersetzung in diesem Zusammenhang ausgewählt habe, bekommt die New-Living- Translation hier verbindende Funktion: Gottes „Ruhm“, bzw. „Herrlichkeit“ und das „Licht seiner Gegenwart“ sind vereint in seiner „herrlichen Gegenwart“.

Die Good-News-Übersetzung ist hier insofern angebracht, da sie meiner Ansicht nach sprachlich gut zum Ausdruck bringt, was das „Problem“ mit Gottes Gegenwart ist. Der HERR ist nicht greif- noch begreifbar. Die Wendung ,,[...] blendendes Licht seiner Gegenwart [...]“ (Ex 33, 22a)[14] stellt eine Distanz zu Gott her und macht ihn unantastbar. Die Ausdrucksweise verkörpert also genau das, was der Text möglicherweise auch beabsichtgt zu sagen, nämlich, dass Gott nicht sichtbar, seine Gegenwart nicht berührbar, er selbst nicht nahbar ist und ein verborgener Gott bleibt; selbst wenn man ihn wie Mose direkt herausfordert und eine Begegnung mit ihm sucht.

3. 4 Gottes Güte

Bereits in Ex 33, 19b kündigt Gott sein Vorgehen erstmalig an. Aufgrund der Wichtigkeit dieses Satzes im Zusammenhang dieser exegetischen Arbeit sei Vers 19 im folgenden genauer inform des Übersetzungsvergleiches untersucht. ,,[...] Und er [Gott] sprach: Ich will vor deinem Angesicht all meine Güte vorübergehen lassen und will vor dir kundtun den Namen des HERRn [...]“ (Ex 33, 19b). Die Einheitsübersetzung benutzt als einzige Translation das Wort „Schönheit“ für den hebräischen Ausdruck Э1И (tüb, toob) (H2898), der in allen anderen deutschen Übersetzungen als „Güte“ wiedergegeben wid. Die englischen Übersetzungen dieses Versabschnittes differieren ebenfalls: Die King­James-Version und die New-Living-Translation gebrauchen den Ausdruck „goodness“ (dt.: „Freundlichkeit“/„Güte“); in der Good-News-Bible wird an dieser Stelle „splendor“ (dt.: „Pracht“) übersetzt. Die rumänische Dumitru-Comilescu-Übersetzung findet wie die deutsche Einheitsübersetzung den Begriff „Schönheit“ und die orthodoxe rumänsiche Übersetzung verwendet als einzige an dieser Stelle den selben Ausdruck wie auch in Vers 22a: „Ruhm“. Inhaltlich könnte man letzterer Übersetzung zustimmen, da Gott sowohl in Vers 19b, als auch in Vers 22a Gott sein Vorübergehen ankündigt / beschreibt. Jedoch muss man unter Beachtung der unterschiedlichen hebräischen Nomen, die dem rumänischen „slava“ (dt.: „Ruhm“) zugrunde liegen ( ТОЭ ТОЭ (käböd käböd, kaw-bode', kaw-bode) (H3519) in V. 22a und Э1И (tüb, toob) (H2898) in V. 19a), davon ausgehen, dass hier eine ungenaue, bzw. fehlerhafte Übersetzung vorliegt.

Wie sich beim Blick in die hebräisch-deutsche Interlinearübersetzung des Verses 22a herausstellt, ist die genauste Übersetzung hier die Good-News-Bible, welche den Begriff „Pracht“ verwendet; dieses Wort entspricht laut Interlinearübersetzung dem ursprünglichsten Wortsinn von Э1И.

3. 5 Gottes Name

In meinen bisherigen Ausführungen zum Übersetzungsvergleich habe ich Gott sowohl als „Gott“, als auch als „HERRn“ bezeichnet. Neben der Beschäftigung mit seiner Verborgenheit, die in den Worten „Gegenwart“ und „Herrlichkeit“ deutlich wird, soll es im Folgenden um ihn selbst, seinen Namen, gehen. In allen englischen und rumänischen Übersetzungen wird von Gott als dem „HERRn“ gesprochen. Die deutschen tun dies auch; bis auf eine Ausnahme: die Elberfelder Bibel verwendet an stelle von „HERR“ die deutsche Übertragung des hebräischen Gottesnamens ПИТ (yQ\\ò\d}a.,yeh-ho-vaw') (H3068) und schreibt Jahwe. In dieser Hinsicht bleibt diese Übersetzung der ursprünglichsten Überlieferung des Gottesnamens treu.

Bei der Übersetzung mit „HERR“ fallen zwei Schreibweisen in den unterschiedlichen Übersetzungen auf: Die Luther- und Schlachterübersetzung, sowie alle englischen schreiben „HERR“ (egl.: „LORD“) mit Großbuchstaben, um seine Besonderheit herauszustellen und Gott von anderen Herren anzugrenzen. Im Gegensatz dazu verwenden die deutsche Einheitsübersetzung und die beiden rumänischen Übersetzungen das Wort „Herr“ (rum.: „Domn“) in seiner jeweiligen normalen Schreibweise, die beispielweise auch als Anredeform männlicher Personen Verwendung findet.

In den bisherigen Beispielen wird über Gott gesprochen, bzw. von ihm berichtet, dass er sprach. Der Text weist jedoch die Besonderheit auf, dass sich auch Gott selbst benennt: ,,[...] Ich will vor [...] dir kundtun den Namen des HERRN [...]“ (Ex 33, 19b). Gott will Mose seinen Namen nennen, indem er ihn vor ihm (vor Mose) proklamiert. Bis auf die Elberfelder Übersetzung, die sich wieder für den Namen Gottes selbst, für „Jahwe“ (vgl. V. 19b), entscheidet benutzen die anderen deutschen Übersetzungen abermals die Formel „Herr“/„HERR“.

In allen englischen und der rumänischen Dumitru-Comilescu-Übersetzung tauchen die gleichen Worte in der Rede über Gott wie auch in der Rede Gottes über sich selbst auf, nämlich: „HERR“/„Herr“. Jedoch macht die orthodoxe rumänische Übersetzung eine Ausnahme, indem hier (vgl. V. 19) der „Herr“ Mose ankündigt, er werde den Namen „Jahwe“ vor ihm aussprechen. Als einzige Translation unterscheidet sie innerhalb des Satzes aus Vers 19 zwischen zwei Gottesbezeichnungen.

Alle erläuterten Text-, bzw. Übersetzungsbeispiele verlieren aber im Angesicht der hebräisch-deutschen Interlinearübersetzung ihre Bedeutung. Dort heißt es an allen Stellen (Ex 33, 12. 17. 19. 21) „JHWH“. An dieser Stelle vernachlässige ich weitere Verse, in denen innerhalb anderen Übersetzungen der Gottesname auftauchen müsste / könnte. Ich habe mich im Rahmen dieser Exegese für die Schreibweise „HERR“ entschieden, um der Verwendung der lutherischen Übersetzung auch in der äußeren Form meiner Arbeit Niederschlag zu gewähren.

4. Abgrenzung des Textes und Kontext

4.1 Exodus 1-32

Für das Verständnis des Textes erachte ich es als angebracht, zunächst die Textpassage im Rahmen von Gottes Geschichte mit seinem Volk Israel zu betrachten. Das Buch Exodus (Ex) ist die Geschichte des Auszuges des Volkes Israel aus Ägypen. Gott führt sein Volk heraus aus der ägyptischen Sklaverei; Mose wird als berufener Knecht des HERRn der Führer des Gottesvolkes. So wie es die Geschichte des Auszuges ist, so ist es auch der Bericht von Gottes Beistand und seinem Handeln an Israel. Auf wunderbare Weise ist Gott seinem Volk nahe (vgl. Ex 13, 17 - 22), zeigt eindrucksvoll sein Wunderwirken zugunsten des Volkes, indem er es den ägytischen Feinden entkommenlässt (vgl. Ex 14) und versorgend eingreift, um es am Leben zu erhalten (vgl. Ex 16). Innerhalb der Auswanderung Israels entsteht ein Urpriestertum und Gott gibt seinem Volk die Zehn Gebote (vgl. Ex 20); von Gott gegebene Rechtsordnungen (vgl. Ex 21 - 23) und Gesetze für die Stiftshütte (vgl. Ex 25 - 31) sollen das Leben seines Volkes seinem Willen gemäß formen. Wie später in Ex 33 kommt es beispielsweise auch in Ex 19 zur direkten Begegnung von Mose mit dem HERRn; Gott fährt herab auf den Berg Sinai und gibt Mose Anweisungen für das Volk, um es auf den Empfang der Zehn Gebote vorzubereiten (vgl. Ex 19).

Unmittelbar vor den Geschehnissen aus Ex 33, 12 - 23 überreicht Gott Mose die Gesetzestafeln mit den Zehn Geboten (vgl. Ex 31, 18), woraufhin dieser seinem Volk die Tafeln überbringt. Israel hat sich in der Zwischenzeit von Gott ab- und einem Götzenbildnis (dem goldenen Stierbild) in verehrender Weise zugewendet. In Ex 32 wird der gesamte Vorgang vom Abfall des Volkes (vgl. Ex 32, 1 - 6), über Moses Fürbitte für Israel (vgl. Ex 32, 7 - 14) bis zur göttlichen Strafe für das Volk (vgl. Ex 32, 15 - 29) und der Demütigung Israels (vgl. Ex 32, 30 - 35) beschrieben.

Zwei Textpassagen gleichen Inhalts aus den vorangestellten Kapiteln können hinsichtlich des Gegenstandes von Ex 33, 12 - 23 als wichtig erachtet werden: In Ex 32 kündigt Gott an: ,,[...] Siehe, mein Engel soll vor dir hergehen [...]“ (Ex 32, 34b). Im Rahmen seiner Verheißung erneuert der HERR dann seine Zusage eines Beistandes: ,,[...] Und ich will vor dir hersenden einen Engel [...]“ (Ex 33, 2a).

[...]


[1] Die Bibel nach der Übers. Martin Luthers, Ex33, 12 -23.

[2] Anm.: Alle Bibelstellenangaben folgen der Einteilung aus 5.2 Textgliederung.

[3] Die Bibel nach der Übers. Martin Luthers.

[4] Programme-Sword, 1. GEB.

[5] Programm e-Sword, 2. GSB.

[6] Die Heilige Schrift. Einheitübersetzung.

[7] Programm e-Sword, 3. KJV+.

[8] Holy Bible. New Living Translation.

[9] Programm e-Sword, 4. GNB.

[10] Programm e-Sword, 5. RDCT.

[11] Programm e-Sword, 6. ROB.

[12] Steurer, Rita Maria: Das Alte Testament. Interlinearübersetzung Hebräisch-Deutsch.

[13] Diese Schreibweise ist der Formulierung aus dem Programm e-Sword, 3. KJV+ entnommen.

[14] Siehe V. 22a im Programm e-Sword, 4. GNB.

Ende der Leseprobe aus 38 Seiten

Details

Titel
"Lass mich deine Herrlichkeit sehen!" - Mose begehrt des HERRn Herrlichkeit zu schauen
Untertitel
Eine historisch-kritische Exegese zu Exodus 33, 12 - 23
Hochschule
CVJM-Kolleg Kassel
Veranstaltung
AT Exegese
Note
1
Autor
Jahr
2008
Seiten
38
Katalognummer
V141494
ISBN (eBook)
9783640491070
ISBN (Buch)
9783640490981
Dateigröße
646 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gott, Jahweh, Sinai, Mose, Herr, Angesicht, Herrlichkeit, Felsspalte, Exegese, Gegenwart, Name, Altes Testament, Exodus, Pentateuch, Bibel, Jahwist, Gnade, Volk Israel, Güte, AT
Arbeit zitieren
Janka Vogel (Autor), 2008, "Lass mich deine Herrlichkeit sehen!" - Mose begehrt des HERRn Herrlichkeit zu schauen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/141494

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