Die wissenschaftliche Fragestellung wird für diese Hausarbeit wie folgt formuliert: "Welche Besonderheiten weist die Durchführung von qualitativen Interviews mit Migrant:innen in Deutschland auf?"
Um diese Forschungsfrage zu beantworten, werden in dieser Hausarbeit zwei Methoden – Literatur-Review und Systematische Literaturrecherche angewandt. Um einen Einblick in die aktuelle Forschungspraxis der Interviewdurchführung zu geben, wurde Frau Panchenko, Autorin der Studie "Anpassung und Integrationsstrategien von Geflüchteten aus der Ukraine in Deutschland" nach den Strategien des Umgangs mit Mehrsprachigkeit per E-Mail gefragt. Ihre Antwort wird als kleines Beispiel für Konstellationen- und Methodenvielfalt der Migrationsforschung im fünften Kapitel vorgestellt. Im zweiten Kapitel werden solche Begriffe wie empirische – qualitative im Vergleich zur quantitativen sozialen Forschung definiert und qualitative Interviews mit ihren wichtigsten Grundlagen vorgestellt.
Ergänzend wird im dritten Kapitel Stand der Migrationsforschung beschrieben und einige Studien werden vorgestellt. Im vierten Kapitel wird auf forschungsethische Aspekte der Interviews mit Migrant:innen eingegangen. Die Möglichkeiten und Empfehlungen für den Umgang mit der Mehrsprachigkeit werden im fünften Kapitel beleuchtet.
Im Fazit werden Ergebnisse dieser Hausarbeit zusammengefasst. Der Ausblick zeigt mögliche weiterführende Forschungsideen und den Mehrwert der Erkenntnisse für die Soziale Arbeit.
Am 24.02.2022 wurde die Ukraine von Russland angegriffen. Nur 77 Jahre nach dem Ende vom verheerenden Zweiten Weltkrieg entfachte mitten in Europa ein neuer Krieg. Hilfesuchende, flüchtende Menschen verteilten sich in ganz Europa. Fast eine Million Menschen kam nach Deutschland. Neben den ukrainischen Kriegsgeflüchteten wurden im Jahr 2022 in Deutschland 244.132 neue Asylanträge von Hilfesuchenden aus anderen Ländern gestellt, was im Vergleich zum Jahr 2021 einen Anstieg um 27,9 % bedeutete. Statistisches Bundesamt verzeichnete somit seit dem Jahr 1950 die höchste Zuwanderungsrate – 1,45 Millionen Menschen und den höchsten Bevölkerungsstand – 84,3 Millionen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Qualitative Interviews – theoretische Verortung
3. Qualitative Interviews mit Migrant:innen. Stand der Forschung
4. Forschungsethische Aspekte in den Interviews mit Migrant:innen
5. Umgang mit Mehrsprachigkeit in den qualitativen Interviews
6. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die methodischen Herausforderungen und Besonderheiten bei der Durchführung qualitativer Interviews im Kontext der Migrationsforschung, insbesondere unter dem Aspekt der Mehrsprachigkeit.
- Theoretische Grundlagen qualitativer Forschung und Interviews.
- Besonderheiten der Migrationsforschung und deren ethische Anforderungen.
- Herausforderungen der Mehrsprachigkeit und verschiedene Strategien im Interview-Prozess.
- Rolle von Übersetzenden und neue Ansätze wie Translanguaging.
- Reflexion der Forschenden und Bedeutung des Forschungskontexts.
Auszug aus dem Buch
Umgang mit Mehrsprachigkeit in den qualitativen Interviews
El-Mafaalani betont die Möglichkeit der Sinnrekonstruktion und Verstehens bei Migrant:innen nur im Fall der Rekonstruktion der Lebenswelt und der Denkmustern möglich sei (vgl. El-Mafaalani, Waleciak & Weitzel 2016, S. 65). Bei diesen Anforderung des Verstehens geht es in der Migrationsforschung um die Fremd- oder Zweitsprache, der Umgang mit derer eine große Herausforderung aber auch eine enorme Wichtigkeit darstellt (vgl. Schittenhelm 2017, S. 102). Die Sprache nimmt Einfluss auf drei von Helfferich genannten Dimensionen der Beziehung zwischen dem Interviewer und dem Interviewenden: Dimension der Machtrelation und der Sicherheit, Dimension der Fremdheit und gemeinsamer Erfahrungshintergrund und die Berücksichtigung unterschiedlich ausgeprägten Diskurskulturen (vgl. Helfferich 2019, S. 674).
In der empirischen Bestandsaufnahme zu Erfahrungen und Handlungswissen von Forschenden „In und mit fremden Sprachen forschen“ (vgl. Kruse u. a. ) wurden mittels leitfadengestützten Mailbefragung Forscher:innen befragt, die selbst im Fremdsprachenkontext geforscht und mehrsprachige Interviews durchgeführt haben. Die Studie zeigte die Notwendigkeit der Fremdleistungen, solchen wie Unterstützung von Gatekeepern für den Zugang zu Befragten, das Dolmetschen, das Anfertigen von Transkriptionen und die Übersetzung von Daten, das Validieren von Interpretationen durch die Rücksprache mit sprachlichen und kulturellen Expert:innen. Dabei wurde die Notwendigkeit der fachlichen Einführung von Übersetzer:innen ins jeweilige wissenschaftliche Forschungsthema und derer enge Anbindung ans Forscherteam offensichtlich (vgl. ebd., S. 33f). Der Einsatz von Übersetzer:innen bei der Interviewdurchführung wurde zum „sensiblen Knackpunkt“ der Forschungsarbeit, weil es oft an fachlicher und methodischer Kompetenz der Übersetzerin fehlte.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die aktuelle Migrationssituation in Deutschland und führt in die Fragestellung zur Durchführung qualitativer Interviews mit Migrant:innen ein.
2. Qualitative Interviews – theoretische Verortung: Dieses Kapitel definiert die empirische Sozialforschung und bettet qualitative Interviews in diesen theoretischen Rahmen ein.
3. Qualitative Interviews mit Migrant:innen. Stand der Forschung: Hier wird die Entwicklung der Migrationsforschung in Deutschland skizziert und der aktuelle Forschungsstand zu Interviews mit dieser Zielgruppe dargestellt.
4. Forschungsethische Aspekte in den Interviews mit Migrant:innen: Das Kapitel diskutiert ethische Standards und die Bedeutung der Reflexion von Machtverhältnissen und Othering im Forschungsprozess.
5. Umgang mit Mehrsprachigkeit in den qualitativen Interviews: Hier werden Strategien zum Umgang mit Mehrsprachigkeit, die Rolle von Übersetzenden sowie Ansätze wie Translanguaging kritisch beleuchtet.
6. Fazit: Das Fazit fasst die zentralen Erkenntnisse zusammen und betont die Notwendigkeit eines sensiblen, kontextabhängigen Vorgehens in der Forschung.
Schlüsselwörter
Migrationsforschung, qualitative Interviews, Mehrsprachigkeit, Forschungsethik, Othering, Dolmetschen, Translanguaging, Sozialforschung, Migrant:innen, Interviewmethodik, Reflexivität, Migrationsgesellschaft, Integrationsforschung, Feldzugang, Transkription.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt die Durchführung qualitativer Interviews im Kontext der Migrationsforschung, mit einem speziellen Fokus auf die Anforderungen und Strategien bei mehrsprachigen Befragungen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind der theoretische Rahmen qualitativer Forschung, ethische Standards in der Migrationsforschung, die Rolle von Sprache und der Umgang mit Mehrsprachigkeit durch Übersetzende oder andere methodische Ansätze.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage lautet: „Welche Besonderheiten weist die Durchführung von qualitativen Interviews mit Migrant:innen in Deutschland auf?“
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine Kombination aus Literatur-Review und einer systematischen Literaturrecherche angewandt, ergänzt durch eine persönliche Kommunikation mit einer Forscherin aus dem Feld.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden theoretische Grundlagen, der Forschungsstand, ethische Aspekte sowie praktische Herausforderungen und Lösungsstrategien beim Umgang mit Mehrsprachigkeit in der Interviewführung analysiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Schlüsselwörter umfassen Migrationsforschung, qualitative Interviewmethode, Forschungsethik, Mehrsprachigkeit, Othering, Dolmetschen und Translanguaging.
Wie spielt das Thema Mehrsprachigkeit in die Interviewführung hinein?
Mehrsprachigkeit ist eine methodische Herausforderung, die den gesamten Forschungsprozess beeinflusst – von der Kontaktaufnahme über die Durchführung bis zur Transkription und Auswertung.
Welche Rolle spielen Dolmetscher:innen in der Forschung?
Dolmetscher:innen sind oft unverzichtbar, aber ihre Rolle ist umstritten. Sie sollten als Teil des Forschungsteams integriert werden und über fachliche sowie kulturelle Kompetenzen verfügen.
Was besagt das Konzept des Translanguaging in diesem Zusammenhang?
Translanguaging wird als Möglichkeit der kommunikativen Erweiterung verstanden, bei der bilinguale Personen Sprachen mischen, um sich präziser auszudrücken oder soziale Identifikationen auszudrücken.
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- Aleksandra Brill (Author), 2023, Mehrsprachige qualitative Interviews in der Migrationsforschung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1415687