Ivan IV. - Der Wandel von einem hoffnungsvollen Reformer zu einem furchtbaren Despoten


Hausarbeit, 2008

39 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Das Jahr 1547
1.1 Ivans Krönung
1.2 Erste Heirat

2 Die positive Phase: Reformperiode (1547-64)
2.1 Reformen in Verwaltung, Militär und Kirche
2.2 Außenpolitik
2.3 Ivans Krankheit - die Wende der Regierungszeit

3 Die negative Phase: Der Schreckliche
3.1 Der Vorstoß nach Westen, Anastasijas Tod und das Ende des Auserwählten Rates
3.2 Der innere Terror: Die Opritschnina
3.3 Briefwechsel mit Kurbskij
3.4 Die Tatarenattacke und das Ende der Opritschnina
3.5 Das Scheiten in Livland, Familientragödie und der Tod des Zaren

Schlussteil

Quellen- und Literaturverzeichnis

Einleitung

In dieser Arbeit geht es um die Herrschaft Ivan Groznyjs als Zar von 1547 bis 1584. Das Ziel meiner Ausführungen soll ein umfassender Überblick der Regentschaft sein, die Arbeit untersucht inwieweit man von einer guten und einer schlechten Regierungsphase des Zaren sprechen kann.

Zuerst wird das Jahr 1547 mit der Krönung und der ersten Heirat des Zaren dargelegt. In meinem zweiten Punkt wird die Reformperiode von 1547 bis ca. 1564 herausarbeitet, mit den Reformen in Veraltung, Militär und Kirche. Des Weiteren werden die Außenpolitik und die Krankheit Ivans, also der Wendpunkt seiner Regierungszeit beschrieben. Im zweiten Hauptteil wird dann die negative Phase der Herrschaft mit dem Krieg im Westen, dem Ende des Auserwählten Rates und der Einführung der Opritschnina erläutert. Außerdem wird der Briefwechsel des Zaren mit dem Fürsten Kurbskij und dessen Bedeutung als ein wichtiges Zeugnis des Russlands des 16. Jahrhunderts ausführlich dargelegt. Es folgt eine Beschreibung der Tatarenangriffe und des Endes des Teilfürstentums. Der letzte Unterpunkt widmet sich dann dem Ende der Herrschaft mit dem Scheitern im Westen, dem tragischen Tod des Thronfolgers und des Zaren selbst. Im Schlussteil wird dann die Frage nach der Trennung der Regierungszeit in zwei Phasen sowie die Bedeutung und Bilanz der Herrschaft des Zaren dargelegt.

Bei der Literatur habe ich meiner Arbeit besonders „Die russischen Zaren in Lebensbildern“ von Detlef Jena zugrunde gelegt. Hier sind vor allem die Anfangsjahre von Ivans Herrschaft sehr ausführlich beschrieben, die Details der Krönung und der Hochzeit etwa. Sehr aufschlussreich waren hier auch die Schilderungen der persönlichen Schicksalsschläge, wie der Verrat während seiner schweren Erkrankung, der Tod seiner ersten Frau und dessen Bedeutung und auch die Gründe für den Sinneswandel hin zum Terror und die Bilanz des Ganzen sind hier sehr gut verständlich beschrieben. Auch stehen in diesem Werk viele wichtige Erklärungen zum Briefwechsel zwischen Ivan und dem Fürsten Kurbskij. Ein weiteres wichtiges Werk für die Hausarbeit war „Die russischen Zaren 1547 – 1917“ mit einer Passage von Frank Kämpfer. Das Werk enthält wichtige Erläuterungen zur kirchlichen bzw. historischen Bedeutung der Krönung, außerdem sind hier wichtige Inhalte zu den Kriegen gegen die Tataren und im Westen. Sehr aufschlussreich sind die Schilderungen des tragischen Todes des Thronfolgers, auch gelingen Kämpfer sehr treffende Erläuterungen und Bewertungen für die Opritschnina. Wichtig sind die Schilderung von Ivans Englandplänen und die Beschreibung des physischen Leiden des Herrschers ebenso wie Kämpfers Bedeutungsklärung für den Briefwechsel. Erich Donnerts „Russland (860-1917). Von den Anfängen bis zum Ende der Zarenzeit“ war für die Beschreibung der Reformen und für die Darlegung der Opritschnina sehr wichtig. In Christoph Schmidts „Russische Geschichte 1547-1917“ waren interessante Passagen zu byzantinischen Anleihen des Zarentums, zum Wegbereiter der Reformen Peresvetov, zu den Reformen, speziell denen der Verwaltungsämtern und der Kirche. Auch sind hier grundlegende Schilderungen zum Kriegsverlauf und zu Ivans Nachfolgern Fjodor und Boris Gundow enthalten. Ein weiteres wichtiges Werk war Ruslan G. Skrynnikows „Iwan der schreckliche und seine Zeit“. Hier wird u. a. die Person von Silvester und auch dessen Bedeutung für Ivans Psychische Entwicklung beschrieben. Außerdem werden hier das Komlenije-System und das Mestnitschestwo-System beschrieben sowie die Notwendigkeit von Reformen in diesem Bereich. Skrynnikow beschreibt auch die Gründe für den Krieg mit Kazan und die seltsame Amtsübergabe Ivans an den Tatarenfürsten Simeon Bekbulatovic sehr gut.

Ganz essentiell für die Schilderung von Ivans Herrschaft, besonders für die Grausamkeit der Opritschnina, waren Heinrich Stadens „Aufzeichnungen über de Moskauer Staat“, deren Originalhandschrift wohl um das Jahr 1578 entstanden ist.[1] Staden, ein Reisender aus einer Händlerfamilie in Ahlen, war von Ivan IV. in die Reihen der Opritschniki berufen.[2] Er begleitete oft das Heer des Zaren und war somit ein wichtiger Augenzeuge vieler Grausamkeiten, die er sehr detailliert aufschrieb.[3] Er widmete z. B. dem Angriff auf Nowgorod eine sehr genaue Beschreibung ebenso der Eroberung Kazans und den Grausamkeiten, die den Bewohnern zuteil wurden. Er beschreibt die Opfer der Opritschnina sehr ausführlich ebenso wie die Organisation und Landesaufteilung des Teilfürstentums, ja sogar die vorgegebene Kleiderordnung. Auch den Krimtatarenangriff mit all seinen furchtbaren Konsequenzen für Russland bzw. Moskau schildert Staden sehr genau. Eben weil er ein Zeuge gewesen ist, haben seine Ausführungen einen unermesslichen Wert für die Beschreibung der Zustände dieser Zeit. Das der Autor nun bei den zahlreichen Einzelheiten, die er berichtet, tatsächlich anwesend war, bleibt dahingestellt.[4] Für die Aufrichtigkeit bzw. Glaubwürdigkeit der Ausführungen spricht, dass Staden keine Anstalten macht, den Leser für sich zu gewinnen. „Ungeschminkt aufrichtig, unbekümmert, ja naiv offen kostet er, ohne abzuschwächen oder zu beschönigen, Triumpfe der Raffgier, der Rachelust und Grausamkeit noch einmal aus.“ Denn laut dem Herausgeber Fritz Epstein gibt es zwar noch grausamere Schilderungen der Opritschnina, „aber keinen Bericht, der eine echtere, realistischere Vorstellung von ihrer hemmungslosen Verruchtheit gibt.“[5] Eine weitere herausragende Quelle für die Epoche Ivan IV. ist „Der Briefwechsel Iwans des Schrecklichen mir dem Fürsten Kurbskij (1564-1579).“ Dieser Korrespondenz zwischen dem Zaren und seinem ehemaligen Vertrauten Andrej Kurbskij verdankt die Geschichtswissenschaft wichtige Einblicke in das Denken dieser Zeit. Die Originale der Briefe sind nicht erhalten, wie viele Veränderungen daran nun vorgenommen worden sind, ist nicht zu sagen, wie groß diese Zweifel auch sind, die Briefe werfen ein bezeichnendes Licht auf den Herrscher.[6] Es sind lediglich Abschriften des 16. und 17. Jahrhunderts vorhanden. Auf dessen Grundlage entstand diese ins Deutsche übersetzte Ausgabe Karl Strählins, unter dessen Federführung während einer Seminarlektüre im Jahr 1919/1920 in Leipzig.[7]

1 Das Jahr 1547

1.1 Ivans Krönung

Am 16. Januar 1547 wurde Ivan IV., der bereits seit 14 Jahren Großfürst war, von Metropolit Makari zum Zaren gekrönt. Er setzte dem jungen Monarchen die Monomachmütze auf, das Symbol der Zarenmacht. „Die Krone ihres Moskauer Vatererbes“ wurde schon von den ersten Moskauer Fürsten per Testament stets an ihre Stammhalter weiter gereicht.[8] Makari krönte ihn zum „Zaren der ganzen Rus“, er tat dies jedoch ohne die Einwilligung des orthodoxen Patriarchen. Makari war sich sicher im Klaren darüber, dass er dazu eigentlich keinerlei Berechtigung hatte, doch er schätze die Macht des Moskauer Reiches innerhalb der Orthodoxie als derart stark ein, dass er diese faktisch widerrechtliche Krönung durchführen konnte. Die ganze Zeremonie wurde nach byzantinischem Ritus durchgeführt, jedoch leicht modifiziert.[9] Die Krone war aus Gold und Zobelfell hergestellt, sie wog etwa 700 Gramm. Diese so genannte Schapka Monomacha war der Legende gemäß ein Geschenk des byzantinischen Kaisers Konstantin IX. Monomachos an seinen Enkel Wladimir Monomach, jener wurde damit zum Großfürsten gekrönt.[10] Wladimir Monomach regierte von 1113 bis 1125.[11] Auf diesen Großfürsten des alten Kiever Reichs geht auch der Anspruch, die ganze Rus als Vatererbe zu regieren, zurück.[12] Man weiß heute jedoch, dass diese Krone tatsächlich im 13. oder 14. Jahrhundert in Mittelasien gefertigt wurde. Jedoch dient diese Legende der Untermauerung jener berühmten These von Moskau als dem dritten Rom und wonach es: „die aktuelle und ewige Rolle des Gottesreiches auf Erden zu spielen beabsichtige.“[13]

Neben der Krone waren auch die weiteren Herrscherinsignien aus dem Familienbesitz und nicht byzantinischen Ursprungs, u. a. ein als „Barmen“ bezeichnetes Schultergeschmeide byzantinischer Machart. Dann noch ein Brustkreuz mir Kreuzpartikel. Ein Zepter und der Reichsapfel sind erst für spätere Jahre sicher nachgewiesen.[14] Die Krönung wurde zu einer bemerkenswerten Machtdemonstration des jungen Herrschers, dieses Durchsetzungsvermögen war erstaunlich in Anbetracht der vorangegangenen Konflikte zwischen den Schuiskis und den Glinskis, den Bojaren und der Kirche. Der Zar machte klar, wer jetzt die Zügel in der Hand hielt. Mit entscheidend war wahrscheinlich auch der entscheidende Vernunftgeleitete Einfluss des Metropoliten. Er stellte sich hinter den jungen Zaren und die Zentralgewalt, außerdem empfahl er dem Zaren größte Sorgfalt beim Umgang mit seinen Untertanen und der Kirche.[15] Makari hatte dem Zaren wohl auch den Wunsch nach der Kaiserkrone eingeredet, denn der Klerus allein war im Besitz des entsprechenden Wissens, außerdem konnte die Kirche aus der Krönung einen großen Profit schlagen. Kämpfer konstatiert:

„Faktisch bedeutet die Krönung eine Unterstellung Ivans IV. unter die Tutela der Geistlichkeit, denn nun wurde es möglich, die überkommene Herrschaftstitulatur mit dem durch sie ausgedrückten politischen Pragmatismus einer religiösen Maxime unterzuordnen.“[16]

Jetzt hatte die Herrschaft dem Anspruch des „ökumenischen Kaisertums“ gerecht zu werden. Hierbei handelt es sich um eine heilgeschichtliche Konzeption, die die Orthodoxe Kirche seit dem Fall Konstantinopels 1453 streng hütete, nämlich der Lehre vom Dritten Rom, die auch in Russland schon seit Beginn des 15. Jahrhunderts bekannt war. Diese Kontinuation wurde folgendermaßen festgehalten: „Der fromme Basileus und Autokrator der Rhomäer hat nach fast einem Jahrhundert in Moskau dem dritten Rom einen Nachfolger erhalten.“[17]

Laut Kämpfer ist der vor allem in Westeuropa formulierte Gedanke eines byzantinischen Erbes nicht ganz zutreffend. Denn Ivan hatte nie, ebenso wie sein Vater, der der Sohn der byzantinischen Prinzessin Zöe-Sophia Palaiogina war, auf diesen genealogischen Zusammenhang verwiesen.[18] Anders war das natürlich bei Ivan III., dem Großvater Ivan IV., er bediente sich vieler byzantinischer Anleihen. Durch seine Heirat mit der byzantinischen Prinzessin erklärte er sich als einzigen rechtgläubigen bzw. orthodoxen Zaren, der die Tradition der byzantinischen Kaiser beanspruchen konnte. Auch die Bezeichnung Zar, auf Caesar beruhend, nutze Ivan III. bereits, allerdings nur im Umgang mir niederen Herrschern, so z.B. dem livländischen Ordensmeister. Jedoch hatte Ivan IV. ein gewisses Überlegenheitsgefühl gegenüber gewählten und ständisch gewählten Monarchen. Er vertrat nämlich den Glauben, „das gottbegründete Zarentum habe in seinem Geschlecht bereits seit mehr als 500 Jahren Bestand“. Laut Christoph Schmidt berief sich der Zar also doch auf sein byzantinisches Erbe.[19]

Der Zarentitel markierte den Beginn der eigenständigen Regierungszeit Ivans, der Zar schrieb später, er begann ab dann mit dem Aufbau des Moskauer Reichs. Dank des Titels wurde er nun von seinen Untertanen als Nachfolger der römischen Kaiser und als ein von „Gott Gesalbter auf Erden wahrgenommen.“[20]

1.2 Erste Heirat

Nach der Krönung wurde sofort die Thronfolge bestimmendes Thema am Hof. Die Eheschließung war keine private, sondern eine politische Angelegenheit mit bestimmten dynastischen Zielstellungen. Man bemühte sich von Bojarenseite um ein Hochzeit mit einer polnischen Prinzessin, diese Ehe kam jedoch nicht zustande und die außerpolitischen Vorteile bleiben Russland verwährt. Man beschloss dann doch die Hochzeit mit einer Einheimischen.[21] Vier Wochen nach der Krönungszeremonie hatten die Voevoden 100 Mädchen aus den Schönen des Landes ausgesucht. Ivan hatte Anastassija Romanowna Scharjina-Jurjewa zu seiner Frau erwählt.[22] Die Hochzeit war am 3. Februar desselben Jahres.[23] Beide waren etwa im gleichen Alter. Anastassija gehörte zu einer Familie, aus der später die Dynastie der Romanows hervorgehen sollte. Damit hatte Ivan IV. mit seiner ersten Ehe die großen Geschlechter Rjurikiden mit den Romanows in Verbindung gebracht. Damit wurde eine sehr bedeutende Kontinuitätslinie der russischen Geschichte vollbracht. Als die Hochzeit stattfand, waren die Romanows noch keine der vornehmsten Familien. Deshalb könnte Ivan Anastassija auch erwählt haben, denn er musste bei ihrer Familie noch nicht die typischen Intrigen fürchten, die etwa die Glinskis und Schuiskis hinter seinem Rücken angefangen hätten.[24] Sie galt deshalb wohl auch als eine Art Kompromisskandidat wegen der bedrohlichen Eifersüchteleien zwischen den führenden Adelhäusern.[25] Wenig später hatten die Romanows diesen Mangel an Macht und Einfluss gegenüber den anderen führenden Häusern wettgemacht. Die Ehe galt glücklich und sie hielt bis Anastassijas Tod 1560, sie hatte sechs Kinder hervorgebracht, jedoch bis auf Fjodor, den Thronfolger Ivan IV. überlebt keines der Kinder beide Eltern. Nach dem Aussterben der Rjurikiden-Linie im Jahr 1598 stellte die Verbindung Ivans mit Anastassija einen entscheiden legitimierenden Anknüpfungspunkt für die erfolgreiche Zarenwahl der Romanows des Jahres 1613 da. Dieser ersten Ehe des Zaren sollten noch sechs weitere folgen.[26]

2 Die positive Phase: Reformperiode (1547-64)

2.1 Reformen in Verwaltung, Militär und Kirche

Die frühe Regierungszeit des Zaren war von Reformen in allen Bereichen geprägt. Ivan IV. wollte den Staat modernisieren und ausbauen. Im Land herrschte zur Zeit seines Amtsantritts eine Versorgungskrise. Dazu kam es aufgrund von Missernten, die Menschen hungerten. Auch gab es eine ungewöhnliche Trockenperiode, so dass es in vielen Städten zu gewaltigen Bränden kam. Im April 1547 brannte auch Moskau zum wiederholten Male, große Teile der Handels- und Gewerbeviertel wurden zerstört. Auch der Kreml war betroffen, uralte Holzbauten wie etwa das Schatzamt, die Rüstkammer verbrannten. Kostbare Bücher, Handschriften, Ikonen waren verloren. Mehr als 25000 Höfe der Hauptstadt waren zerstört, die Lage in der Stadt war katastrophal. Es kam zu chaotische Zuständen, sogar Metropolit Makari wurde verletzt. Es kam zu einem Volksaufstand, er erreichte im Jahr 1547 seinen Höhepunkt: Ivans unter den Menschen verhasster Onkel Fürst Juri Glinski wurde gelyncht. Auch für Ivan war die Stimmung gefährlich, er reagierte mit einem komplexen Programm.[27]

Zu allererst bildete Ivan den Auserwählten Rat. Er wurde als izbrannaja rada bezeichnet. Ihm gehörten an: Ivans Beichtvater, der Protopope bzw. Oberpriester Silvester, der herrscherliche Kämmerer Alexei Adaschew sowie der Metropolit Makari, der sich aber im Hintergrund hielt. Adaschew hatte bis 1561 faktisch das Amt des Regierungschefs, er war ein sehr fähiger Organisator.[28] Adaschew vertrat die „zur politischen Geltung drängende Dienstklasse“. Silvester war neben Makari der führende Repräsentant der Kirche in Ivans Umfeld.[29] Silvester ist außerdem bekannt für den berühmten Domostroi, den Sitten- und Moralkodex. Angeblich war er seinem Sohn Anfim gewidmet, doch war er wohl in erster Linie für den Zaren bestimmt. In diesem Kodex wurde das Leben des Zaren bis in kleinste Detail durchreglementiert. Silvester lehrte auf den ersten Seiten den Glauben an Gott, gleich im nächsten Absatz schrieb er „wie die Kinder ihren Beichtvater zu achten und ihm Gehorsam zu leisten“ hätten, er beschrieb die Pflichten des Zaren sehr ausführlich. Der Zar wurde verpflichtet, oft den Rat Silvesters einzuholen, ihn so oft wie möglich Geschenke darzubringen und er beriet den Zaren so dahingehend wie „der Mann sein Weib zu belehren und zu lieben habe.“ Ivan beklagte sich später sehr über diese Unfreiheit des strengen Lehrmeisters, selbst Kleinigkeiten waren ihm vorgeschrieben worden, wie er sich die Schuhe anzuziehen hatte, wie er schlafen sollte, alles geschah nach dem Willen des Lehrmeisters.[30]

Makari war wie Silvester aus Nowgorod und ebenfalls ein großer Taktiker und Organisator, außerdem hatte er einen sehr großen Einfluss auf den Zaren. Die Reformperiode des „Auserwählten Rates“ verlief von 1549 bis 1560, als der Rat gestürzt wurde. Das Reich hatte sich bis zum 16. Jahrhundert bereits extrem vergrößert. Es lebten im Land neben den Russen, Karelier, Komi, Chanten, Mansi, Mordwinen, Udmurten und viele weitere nichtrussischen Völker. Der Großteil lebte in Dörfern. Die Bevölkerungszahl war auf ca. 9 Mio. angestiegen, aber diese einzelnen Landesteile hatten unterschiedliche Entwicklungsniveaus. Die regionale Wirtschaft war in vielen Regionen auf einem niedrigen Level und überall waren noch die Folgen und Überreste der territorialherrschaftlichen Zeit zu sehen.[31]

Die geplanten Reformen gehen auf den Schriftsteller Ivan Peresvetov zurück. Der gebürtige Litauer diente zunächst als Offizier der ungarischen Krone. Er gelangte dann 1538/39 nach Moskau. Er entwickelte in Form von Sendeschreiben, die er an Ivan IV. schickte, die Reformpläne, dabei war er durch westliche Schriftsteller wie Machiavelli inspiriert. Ivan wurde aufgefordert die „starina“, das überlieferte Recht zu überwinden und es durch die weise Herrschaft des Herrschers, die „pravda“, zu ersetzen. Als Vorbild sah Peresvetov das Osmanische Reich, denn der Fall von Byzanz war entscheidend durch die Autokratie des Sultans Mehmets II. ermöglicht worden. Im militärischen Bereich forderte Peresvetov einen Umbruch, das alte Adelsaufgebot sollte wie im Westen durch ein stehendes Heer abgelöst werden. Er sah diese verstärkte Schlagkraft des russischen Heeres als notwendig an, um den Kampf gegen das osmanische Reich aufzunehmen und er empfahl die Eroberung von Kazan. Dieser Idee nahm sich Ivan etwas später auch an. Ein erklärtes Ziel Ivans war die Integration der neu gewonnen Gebiete ins Reich, die Heterogenität der einzelnen Landesteile sollte enden.[32]

Der Zar verfügte mit der Bojarenduma über ein wichtiges Regierungs-, Verwaltungs- und Beratungsorgan, den Vorsitz hatte der Zar. Jedoch musste Ivan sich hier die Macht mit den hohen Adeligen teilen nach dem Prinzip: „Die Bojaren haben es verordnet, der Zar hat es befohlen.“ So wurden Gesetze beschlossen und Fragen von Krieg und Frieden entschieden. Durch die Bojarenduma nahmen die Adeligen Einfluss auf den Geschehen im Zentrum des Reichs.[33] Eine zweite Duma war die Blishnjaja-Duma. Ihre Zusammensetzung beschloss der Zar ganz allein, es waren hier auch viele Nicht-Bojaren, die lediglich Hofämter ausübten. Man beriet dort wichtige Staatsfragen, bevor diese der Bojarenduma zur Entscheidung übergeben wurden. Ivans sah das alte System als überholt an und wollte neue Herrschaftsformen implementieren. In der Staatspraxis sollte nun das Ständeprinzip Geltung erhalten. Im Februar 1549 ließ Ivan die höchsten Würdenträger und Repräsentanten des Staates und der Kirche im Zarenpalais versammeln, diese Landesversammlungen waren als Sobor bekannt. Diese regelmäßigen Versammlungen wurden zur Staatspraxis. In den Sobore wurden wichtige Fragen, etwa der sozialen Stellung der verschiedenen Bevölkerungsschichten, behandelt.[34]

[...]


[1] Staden, Heinrich von: Aufzeichnungen über den Moskauer Staat (Abhandlungen aus dem Gebiet der Auslands kunde, Bd. 34: Reihe A: Rechts- und Sozialwissenschaften, Bd. 5), hg. von Fritz Epstein, Hamburg 1930, S.21*.

[2] Staden 1930, S.177.

[3] Staden 1930, S.191.

[4] Staden 1930, S.23*.

[5] Staden 1930, S.30*.

[6] Jena, Detlef: Die russischen Zaren in Lebensbildern, Graz/Wien/Köln 1996.

[7] Der Briefwechsel Iwans des Schrecklichen mit dem Fürsten Kurbskij (1564-1579) (Quellen und Aufsätze zur russischen Geschichte, Heft 3), hg. von Karl Stählin, Leipzig 1921, S.19.

[8] Skrynnikow, Ruslan G.: Iwan der Schreckliche und seine Zeit, München 1992, S.29.

[9] Kämpfer, Frank: Ivan (IV.) der Schreckliche, in: Die russischen Zaren 1547-1917, hg. Hans-Joachim Torke, München 1995, S.31.

[10] Jena 1996, S.32.

[11] Skrynnikow 1992, S.29.

[12] Schmidt Christoph: Russische Geschichte 1547-1917 (Oldenbourg Grundriss der Geschichte, Bd.33), München 2003, S.3.

[13] Jena 1996, S.33.

[14] Kämpfer 1995, S.31-32.

[15] Jena 1996, S.33.

[16] Kämpfer 1995, S.32.

[17] Kämpfer 1995, S.32.

[18] Kämpfer 1995, S.32.

[19] Schmidt 2003, S.3.

[20] Skrynnikow 1992, S.31.

[21] Skrynnikow 1992, S.273.

[22] Jena 1996, S.33-34.

[23] Stökl, Günther: Russland von 1462 bis 1689, in: Handbuch der europäischen Geschichte (Band 3), hg. Theodor Schieder, Stuttgart 1971, .S.1146.

[24] Jena 1996, S.34.

[25] Kämpfer 1995, S.31.

[26] Jena 1996, S.34.

[27] Donnert, Erich: Russland (860-1917). Von den Anfängen bis zum Ende der Zarenzeit, Regensburg 1998. 1998, S.44-45.

[28] Donnert 1998, S.45.

[29] Stökl 1971, S.1147.

[30] Skrynnikow 1992, S.48-49.

[31] Donnerst 1998, S.45-46.

[32] Schmidt 2003, S.4-7.

[33] Skrynnikow 1992, S.35.

[34] Donnert 1998, S.46.

Ende der Leseprobe aus 39 Seiten

Details

Titel
Ivan IV. - Der Wandel von einem hoffnungsvollen Reformer zu einem furchtbaren Despoten
Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald  (Historisches Institut)
Note
2,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
39
Katalognummer
V141700
ISBN (eBook)
9783640495283
ISBN (Buch)
9783640495269
Dateigröße
573 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ivan IV. Zar 1547 bis 1584, Ivan IV. Reformperiode 1547 bis 1564, Opritschnina, Fürst Kurbskij, Metropolit Makari, Anastassija Romanowna Scharjina-Jurjewa, Rjurikiden, Rjurikiden und Romanows, Begrenzung Mestnitschestwo-System, Ivan IV. Reformen, Aleksej Adaschew
Arbeit zitieren
Thomas Heller (Autor), 2008, Ivan IV. - Der Wandel von einem hoffnungsvollen Reformer zu einem furchtbaren Despoten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/141700

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