Schrecken und Poesie – dieses polare Begriffspaar reicht aus, um das Weltverhältnis des Menschen, wie es Hans Blumenberg (1920 – 1996) in seiner kulturtheoretischen Studie "Arbeit am Mythos" (1979) beschreibt, auf seine kürzeste Formel zu bringen: Schrecken, damit ist die epiphanische Initialerfahrung des Menschen gemeint, der sich seiner Differenz zu den Dingen ringsum bewußt wird, aber noch keine kulturellen Deutungsmuster besitzt, um sich dieselben in differenzierter Form anzueignen. Weil ihm die Möglichkeit zum rational-ordnenden Zugriff noch fehlt, kann er die Wirklichkeit nicht anders denn als intransparente Front unverfügbarer Faktizität erfahren, deren allgegenwärtige Übermacht 'namenloses Entsetzen' evoziert. Poesie, im Gegensatz hierzu, bezeichnet die Summe menschlicher Abwehrreflexe, die sich vor diesem Hintergrund konstituieren. Vom Willen zur Selbstbehauptung motiviert, entwirft das bewußtgewordene Subjekt Strategien der Entlastung, welche auf eine möglichst umfassende Verdrängung der übermächtigen Wirklichkeit abzielen. -
Analog zum bipolaren Ansatz Blumenbergs, der menschlich-kulturelle Existenz im Spannungsfeld von absoluter Wirklichkeit und humaner Selbstbehauptung verortet, steht die bereits 100 Jahre zuvor von Friedrich Nietzsche (1844 – 1900) in seiner kulturphilosophischen Programmschrift "Die Geburt der Tragödie" (1872) entworfene duale Grundkonzeption von archaischem Pessimismus und ästhetisch-metaphysischer Selbsterlösung: Wie Blumenberg postuliert Nietzsche eine epiphanische Kontingenzerfahrung als anthropologische Ausgangssituation menschlicher Existenz und versteht Kultur vor diesem Hintergrund als überlebensstrategischen Defensivmechanismus, dessen Wert in seinem Potential zur Emanzipation vom Schrecken des Daseins besteht. - Im Rahmen der vorliegenden Arbeit möchte ich versuchen, anhand einer parallelen Lektüre beider Texte Blumenbergs bzw. Nietzsches Verständnis von Aufgabe und Funktion des Mythos präzise zu bestimmen. Wie gezeigt werden soll, sind mythopoetische Leistungen in beiden Modellen zunächst wesentlich über ihr Potential definiert, die 'anthropomorphe Lebenswelt' bzw. den 'Schein des Individuellen' zur ausschließlichen Wirklichkeit zu verklären. Ausgehend von dieser Diagnose möchte ich kritisch nach der anthropologischen Unhintergehbarkeit der hier angenommenen Kompensationsfunktion fragen: Könnte Kultur vielleicht auch im Dienste einer anderen Wahrheit stehen als der bloßen Affirmation lebensweltlichen Scheins?
Inhaltsverzeichnis
Einleitung: Kultur als humane Selbstbehauptung? 2
1. Kontingenz und Entlastung: Hans Blumenbergs Arbeit am Mythos (1979) 5
1. 1. Absolutismus der Wirklichkeit, Allmacht der Vorstellungen: Menschliches Dasein innerhalb seiner Grenzwerte 5
1. 2. Grammatik der Distanz: Namen, Bedeutsamkeiten, Verfahrensordnungen 9
1. 3. Mythische Verzögerung: Der Umweg übers Ungeheuerliche 13
2. Silenische Weisheit und ästhetische Metaphysik: Friedrich Nietzsches Geburt der Tragödie (1872) 18
2. 1. Dialektik der Erlösung: Apollon vs. Dionysos 18
2. 2. ,Tragischer Mythus‘ und immanenter Trost 21
3. Distanz oder Identifikation? – Mythische Selbsttransparenz und ihre Folgen 23
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht das Verhältnis von Schrecken und Poesie als polares Begriffspaar des menschlichen Weltverhältnisses, indem sie die Mythostheorien von Hans Blumenberg und Friedrich Nietzsche vergleichend analysiert. Dabei wird der Frage nachgegangen, inwiefern der Mythos eine Strategie zur Entlastung oder Erlösung vom Schrecken einer übermächtigen, kontingenten Wirklichkeit darstellt und welche Rolle die selbstreflexive Einbeziehung dieses Schreckens innerhalb der mythischen Sinnkonfiguration spielt.
- Analyse der menschlichen Selbstbehauptung gegenüber dem Absolutismus der Wirklichkeit.
- Untersuchung der "Grammatik der Distanz" bei Blumenberg (Namen, Bedeutsamkeiten, Verfahrensordnungen).
- Gegenüberstellung von apollinischer Verklärung und dionysischer Rauschkunst bei Nietzsche.
- Diskussion der Ambivalenz mythischer Selbsttransparenz als kritisches Moment.
- Vergleich der unterschiedlichen Funktionen von Mythen als Defensivmechanismen oder Wege zur Selbsterlösung.
Auszug aus dem Buch
1. 2. Grammatik der Distanz: Namen, Bedeutsamkeiten, Verfahrensordnungen
„Alles Weltvertrauen fängt an mit den Namen“ (AM, 41). Damit ist für Blumenberg die unmittelbar an das Fundamentalerlebnis des Absolutismus der Wirklichkeit anknüpfende, genealogisch früheste Phase menschlich-kultureller Selbstbehauptung bezeichnet. Was hier geleistet wird, läßt sich am besten als Gewinn einer Appellationsfähigkeit (vgl. AM, 22) umschreiben. Dabei gelingt es dem Subjekt erstmals, aus der opaken Front der in Objektstellung befindlichen Wirklichkeit bestimmte Aspekte auszusondern und isoliert zu benennen (vgl. AM, 11, 22, 29, 48). Mit dieser namentlichen Kennzeichnung entsteht eine neue Form des Weltbezugs: die zwischen Subjekt und individuellen Objekten, welche nun, zu „Gestalt und Gesicht“ (AM, 22) gebracht, ihre übermächtige Fremdheit abgestreift haben und für das Subjekt zu einem Stück verfügbarer Lebenswelt geworden sind: „Der Schrecken, der zur Sprache zurückgefunden hat, ist schon ausgestanden“ (AM, 41). Dabei betont Blumenberg wiederum (vgl. 1.1.), daß jene „Überführung der numinosen Unbestimmtheit in nominale Bestimmtheit“ (AM, 32) keinen Erkenntnisgewinn hinsichtlich der tatsächlichen Verfaßtheit der benannten Gegenstände impliziert.
Die absolutistische Wirklichkeit kann dem Subjekt nämlich nur dadurch als Differenzierte zugänglich gemacht werden, daß sie – stellvertretend für ihre prinzipielle Unerkennbarkeit – mit anthropomorphen Ersatznamen identifiziert wird (vgl. AM, 12). Der Weltbezug, durch den im Rahmen der Appellation Wißbarkeit und Kontrolle hergestellt werden, basiert somit auf einer metaphorischen Substitution des Imaginierten für das Wirkliche, der Kultur für die Natur. Entsprechend trägt die durch mythische Namensgebung entworfene Ordnung das Gepräge präsumtiver Vorläufigkeit – sie liefert nicht mehr als einen bloßen „Schein kalkulierbarer Umgangsgrößen und geregelter Umgangsformen“ (ibd., Kursivierung v. Verf.), eine überlebensstategische Annahme, die stets dem Vetorecht der objektiven Faktizität unterstellt bleibt.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Kultur als humane Selbstbehauptung?: Das Kapitel führt in das Spannungsfeld von Schrecken und Poesie ein und definiert den Mythos als Strategie der menschlichen Selbstbehauptung.
1. Kontingenz und Entlastung: Hans Blumenbergs Arbeit am Mythos (1979): Dieses Kapitel analysiert Blumenbergs Konzept des Absolutismus der Wirklichkeit und die daraus resultierenden Entlastungsstrategien des Menschen.
1. 1. Absolutismus der Wirklichkeit, Allmacht der Vorstellungen: Menschliches Dasein innerhalb seiner Grenzwerte: Hier wird die existenzielle Initialerfahrung des Menschen beschrieben, der sich in einer intransparenten Wirklichkeit als Mängelwesen begreift.
1. 2. Grammatik der Distanz: Namen, Bedeutsamkeiten, Verfahrensordnungen: Dieses Kapitel erläutert die drei Stufen mythischer Distanzgewinnung, durch die das Unverfügbare in eine handhabbare Lebenswelt überführt wird.
1. 3. Mythische Verzögerung: Der Umweg übers Ungeheuerliche: Untersuchung der Art und Weise, wie Mythen durch die Darstellung von Anfängen oder Ungeheuerlichem ihre eigene Distanzleistung reflektieren oder verbergen.
2. Silenische Weisheit und ästhetische Metaphysik: Friedrich Nietzsches Geburt der Tragödie (1872): Nietzsche wird hier als Denker vorgestellt, der den Mythos als Mittel zur ästhetisch-metaphysischen Selbsterlösung neu interpretiert.
2. 1. Dialektik der Erlösung: Apollon vs. Dionysos: Analyse des fundamentalen Gegensatzes zwischen apollinischer Formgebung und dionysischer Rauschhaftigkeit.
2. 2. ,Tragischer Mythus‘ und immanenter Trost: Dieses Kapitel zeigt auf, wie die Tragödie die beiden Prinzipien koppelt, um eine Erlösung durch den Rückbezug auf das Dasein zu ermöglichen.
3. Distanz oder Identifikation? – Mythische Selbsttransparenz und ihre Folgen: Abschließender Vergleich der Positionen von Blumenberg und Nietzsche hinsichtlich der Funktion mythischer Selbstreflexivität.
Schlüsselwörter
Schrecken, Poesie, Mythos, Selbstbehauptung, Kontingenz, Absolutismus der Wirklichkeit, Entlastung, Appellationsfähigkeit, Apollinisch, Dionysisch, Tragödie, Selbsttransparenz, Kulturtheorie, Sinnstiftung, Weltbezug
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das menschliche Weltverhältnis durch eine vergleichende Analyse der Mythostheorien von Hans Blumenberg und Friedrich Nietzsche, fokussiert auf das Spannungsverhältnis zwischen Schrecken und Poesie.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zentrale Themen sind die menschliche Selbstbehauptung, der Umgang mit existentieller Kontingenz, die Funktion des Mythos als Entlastung oder Erlösung sowie die ästhetischen Mittel zur Welterklärung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, Blumenbergs und Nietzsches Verständnis von Aufgabe und Funktion des Mythos präzise zu bestimmen und die Rolle der mythischen Selbsttransparenz als ambivalentes Moment herauszuarbeiten.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Es handelt sich um eine textnahe Interpretation und vergleichende Analyse der Hauptwerke „Arbeit am Mythos“ (Blumenberg) und „Die Geburt der Tragödie“ (Nietzsche).
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden die Theorien von Blumenberg und Nietzsche detailliert gegenübergestellt, wobei insbesondere die Konzepte der Distanz, der verschiedenen Erlösungsstrategien und des Verhältnisses von Schein und Wirklichkeit untersucht werden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Schrecken, Poesie, Mythos, Selbstbehauptung, Kontingenz, Distanz, Apollinisch, Dionysisch und Selbsttransparenz.
Wie unterscheidet sich Blumenbergs Sicht auf den Mythos von der Nietzsches?
Während Blumenberg den Mythos primär als ein „System des Willkürentzugs“ zur rationalen Entlastung und Distanzierung begreift, sieht Nietzsche im dionysisch-tragischen Mythos eine radikalere Form der Selbsterlösung durch Identifikation mit dem Daseinsgrund.
Was bedeutet der Begriff „Selbsttransparenz“ im Kontext dieser Arbeit?
Selbsttransparenz bezeichnet hier die Fähigkeit oder Tendenz des Mythos, durch seine eigenen Strukturen oder durch den Rückbezug auf das „Vormythische“ (den ursprünglichen Schrecken) seine eigene Konstruiertheit und Abhängigkeit von der absolutistischen Wirklichkeit offenzulegen.
Warum spielt die „Grammatik der Distanz“ bei Blumenberg eine so große Rolle?
Sie ist zentral, da sie erklärt, wie durch Namensgebung, Bedeutsamkeitsstiftung und Verfahrensordnungen das „namenlose Entsetzen“ einer unzugänglichen Wirklichkeit in eine vertraute, anthropomorphe Ordnung überführt wird.
Welche Schlussfolgerung zieht die Arbeit aus der Gegenüberstellung?
Die Arbeit schließt, dass sich im Spannungsfeld zwischen Blumenbergs Modell der humanen Selbstbehauptung und Nietzsches dionysischer Selbsthingabe das gesamte Spektrum menschenmöglicher Reaktionen auf die universale Kontingenz der Welt eröffnet.
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- M.A. Björn David Herzig (Author), 2005, Schrecken und Poesie, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/141824