Wie in seinen Werken La reivindicación del Conde Don Julian, Paisajes después de la batalla und Makbara spielt Goytisolo in seinem Roman Las virtudes del pájaro solitário mit der Struktur des Palimpsests. Während er in Paisajes después de la batalla unterschiedlichste Textarten – Briefe, Reklame, Anzeigen etc. - miteinander kombiniert, verschmilzt er in seinem 1988 erschienenen Roman Texte und Ideen unterschiedlicher Autoren, deren Fixpunkt die Auseinandersetzung mit christlicher und islamischer Mystik darstellt. Der Roman ist folglich ohne die Kenntnis einer Vielzahl anderer Werke nicht zu verstehen.
Mit Las virtudes del pájaro solitario habe Goytisolo "ein Werk geschaffen, dem ohne die Hinzunahme seiner nährenden Textwurzeln die wesentliche Sinnschicht fehlt." stellt Frederike Heitsch im Rahmen ihrer Analyse Imagologie des Islam in der neueren und neuesten spanischen Literatur fest. Der Reiz und das Geheimnis des Werkes beruhen vielmehr aus dem Netz an Subtexten und Intertexten, die auf spielerisch-assoziative Weise miteinander kombiniert werden, bis sie sich zu einem feinen, nahezu unauflösbaren Gewebe verdichten, von dem der Autor selbst sagt:
"Enfrentando al lenguaje sufi, al de San Juan y al del Pájaro pienso honestamente que la tarea de buscar sus raíces es, como dijo no se quien, otra manera de andarse por las ramas. Se puede glosar Don Julian como se puede glosar su modelo Las Soledades de Don Luis de Góngora. Pero no creo que con el Cántico espiritual ni su modesta secuela ello sea totalmente posible."
In den Reconocimientos am Ende des Romans gibt Goytisolo selbst Hinweise auf seine Inspirationsquellen. Er nennt einen Kanon von Werken, auf die der sich im Roman auf unterschiedlichen Textebenen bezieht und gibt seinem Leser somit Anhaltspunkte auf dem Weg durch das von ihm geschaffene Labyrinth aus intertextuellen Bezügen.
Die vorliegende Arbeit macht es sich zur Aufgabe, aus der Vielzahl der Bezüge, die Einflüsse San Juan de la Cruz und der islamischen Mystiker herauszufiltern und ihrer Bedeutung für den Roman näher zu kommen. Dabei ergeben sich Schnittstellen zwischen beiden Inspirationsquellen, die einen gewissen roten Faden durch den Text erkennen lassen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. San Juan de la Cruz
2.1 Biographische Bezüge
2.2 Zitate auf inhaltlicher Ebene
2.3 Textzitate aus San Juans Werk
2.4 San Juan und die islamische Mystik
3. Die Mystik des Islam
3.1 Sufismus – Philosophie der Außenseiter
3.2 Al Attar und ‚Das Gespräch der Vögel’
3.3 Al Farid
4. Der freie Flug
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die vielfältigen intertextuellen Bezüge in Juan Goytisolos Roman Las virtudes del pájaro solitario. Das Hauptziel besteht darin, die Einflüsse von San Juan de la Cruz sowie verschiedener islamischer Mystiker herauszufiltern, um deren zentrale Bedeutung für die Struktur und den Sinngehalt des Romans aufzuzeigen.
- Analyse der literarischen Intertextualität bei Juan Goytisolo.
- Untersuchung der biographischen und werkbezogenen Parallelen zu San Juan de la Cruz.
- Darstellung der Konzepte der islamischen Mystik, insbesondere des Sufismus.
- Interpretation der Vogelmetaphorik in Bezug auf Al Attar und Ibn al Farid.
- Erforschung der Synthese zwischen christlicher und islamischer Mystik im Roman.
Auszug aus dem Buch
3.1 Sufismus - Philosophie der Außenseiter
Der Sufismus war als eine der Hauptströmungen der islamischen Mystik nicht von der offiziellen Theologie des Islam anerkannt. Vielmehr handelte und handelt es sich um eine Bewegung, die sich bewußt von der Mainstream-Theologie absetzt und ähnlich der christlichen Mystik nach eigenen Wegen sucht, das Göttliche erfahrbar zu machen. Zu diesem Zwecke bedient sie sich unterschiedlicher Techniken der Meditation und Selbstversenkung. Die im Westen bekannteste und wohl aufsehenerregenste Form ist die des Derwischtanzes, die in der Bezeichnung "er/sie tanzt wie ein Derwisch" auch im deutschen Sprachgebrauch Einzug gehalten hat. Henry Corbin, ein profunder Kenner der islamischen Mystik, bezeichnet den Sufismus als "eine Botschaft vollkommener geistiger Freiheit der Person". Als unvereinbar mit ihrer Botschaft der inneren Freiheit empfanden viele Sufi-Meister folglich eine offizielle religiöse Doktrin. Viele von ihnen erregten Anstoß, weil sie sich dagegen wehrten, sich der Autorität einer religiösen Gemeinschaft zu unterwerfen und wurden teilweise verfolgt, verbannt, gefoltert oder sogar hingerichtet.
Eine umfassende Beschreibung der Ziele und Methoden des Sufismus findet sich bei Vilayat Inayat Khan in dem Buch Stufen einer Meditation nach Zeugnissen der Sufi. Einige der 21 Eigenschaften des Sufis, die der Autor in seinen Definitionen anführt, möchte ich hier nennen, da Goytisolo sie in die Struktur seines Romans aufnimmt und mit ihnen spielt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Palimpsest-Struktur von Goytisolos Roman ein und definiert die Untersuchung der intertextuellen Einflüsse von Mystikern als zentrales Ziel.
2. San Juan de la Cruz: Dieses Kapitel analysiert Goytisolos Bezugnahme auf die Biographie und das Werk von San Juan de la Cruz als strukturelles Gerüst des Romans.
2.1 Biographische Bezüge: Hier wird der Lebenslauf von San Juan de la Cruz beleuchtet, um die Grundlagen für das Verständnis der biographischen Zitate im Roman zu schaffen.
2.2 Zitate auf inhaltlicher Ebene: Dieses Kapitel beschreibt, wie Goytisolo reale Ereignisse aus dem Leben des Mystikers in die fiktive Romanhandlung integriert.
2.3 Textzitate aus San Juans Werk: Der Fokus liegt hier auf der Verwendung konkreter lyrischer Passagen aus San Juans Hauptwerken und deren metaphorischer Bedeutung.
2.4 San Juan und die islamische Mystik: Hier werden die intensiven Nachforschungen Goytisolos zu den islamischen Wurzeln der mystischen Tradition San Juans dargelegt.
3. Die Mystik des Islam: Dieses Kapitel widmet sich der Einführung arabischer Elemente und der Rolle der islamischen Kultur als prägender Gegenpol im Roman.
3.1 Sufismus – Philosophie der Außenseiter: Die Ausführungen behandeln den Sufismus als mystische Randbewegung und dessen Einfluss auf die Darstellung von Zeit und Raum im Roman.
3.2 Al Attar und ‚Das Gespräch der Vögel’: Dieses Kapitel untersucht die zentrale Vogelmetapher und den Einfluss von Al Attars Werk auf Goytisolos Selbsterkenntnis-Motiv.
3.3 Al Farid: Die Analyse konzentriert sich hier auf Ibn al Farids Ode an den Wein als Ausdruck der Verbindung von Mystik und Erotik.
4. Der freie Flug: Das abschließende Kapitel fasst die Versöhnung der Gegensätze zusammen und bewertet die Verschmelzung christlicher und orientalischer Mystik als literarisches Ideal.
Schlüsselwörter
Intertextualität, Juan Goytisolo, San Juan de la Cruz, Mystik, Sufismus, islamische Mystik, Vogelmetapher, Al Attar, Ibn al Farid, Palimpsest, Identität, Literaturwissenschaft, spanische Literatur, Erotik, Transzendenz.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht, wie Juan Goytisolo in seinem Roman Las virtudes del pájaro solitario verschiedene Texte und mystische Traditionen miteinander verwebt.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Intertextualität, die Verbindung zwischen christlicher und islamischer Mystik sowie die Identitätssuche des Protagonisten.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die Einflüsse von San Juan de la Cruz und bedeutenden Sufi-Mystikern auf die Romanstruktur und deren tiefe Bedeutung für den Text freizulegen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine komparatistische und literaturwissenschaftliche Analyse, um Zitate und Anspielungen im Text mit den entsprechenden Quellen abzugleichen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert detailliert die Bezüge zu San Juan de la Cruz sowie die Einflüsse von Al Attar und Ibn al Farid auf das Werk.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Intertextualität, Mystik, Sufismus, Vogelmetaphorik und das Werk von Juan Goytisolo.
Wie spielt Goytisolo mit den Raum-Zeit-Ebenen unter Bezugnahme auf den Sufismus?
Goytisolo nutzt die sufische Idee der "Nichtgebundenheit an Raum und Zeit", um die Schauplätze des Romans zwischen Sanatorium, Gefängnis und Bibliothek fließend ineinander übergehen zu lassen.
Welche Rolle spielt die Vogelmetapher für die Deutung des Romans?
Der Vogel dient als Metapher für die Seele auf der Suche nach Gott und als Symbol für Multikulturalität und Multisexualität in einem nicht greifbaren, flüchtigen Raum.
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- Ulrike Decker (Author), 2000, Intertextualität bei Juan Goytisolo: Las virtudes del pajaro solitario - Einflüsse San Juans de la Cruz und des islamischen Mystizismus, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/14196