Eine Analyse von 'Die Bürger von Calais' von Georg Kaiser


Hausarbeit, 2008

17 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Analyse nach Leitfragen
2.1 Was?
2.2 Wann?
2.3 Wo?
2.4 Wer?
2.5 Wie?
2.5.1 Satzbau
2.5.2 Bildlichkeit
2.5.3 Sprechverhalten

3 Zusammenfassender Interpretationsansatz

4 Literaturverzeichnis
Primärliteratur:
Sekundärliteratur:

1 Einleitung

Diese Hausarbeit hat eine umfassende und strukturierte Analyse des Dramas „Die Bürger von Calais“ von Georg Kaiser zum Ziel. Zu diesem Zweck wird nach den typischen,

textanalytische Leitfragen vorgegangen, die nacheinander abgearbeitet werden. Dabei fließen auch Beobachtungen von Literaturwissenschaftlern partiell ein. Zum Schluss wird in einer kurzen Zusammenfassung reflektiert, in wie weit die herausgearbeiteten Auffälligkeiten der einzelnen Bereiche gemeinsame Muster verfolgen, um einen angeschnittenen Interpretationsansatz zu versuchen.

2 Analyse nach Leitfragen

2.1 Was?

Der erste Aspekt, dem sich diese Hausarbeit zuwendet, soll aus dem Handlungsverlauf in seinen Schlüsselpunkten und den außertextuellen Hintergründen, die in diesem Text eine Rolle spielen, zusammengesetzt sein. Dazu zunächst eine kurze Zusammenfassung.

Den Anfang nimmt die Handlung mit der Versammlung der gewählten Bürger. Auf dieser wird bekannt gegeben, dass der König von England die Bürger von Calais, trotz seiner militärischen Übermacht, verschonen will, wenn eine bestimmte Forderung eingehalten wird. Sechs Bürger müssen sich demnach bereit erklären barhäuptig, ohne Schuhe und mit Strick um den Hals beim Morgengrauen des folgenden Tages vor die Tore von Calais zu treten und sich mit dem Schlüssel der Stadt in den Händen zu ergeben. Statt der geforderten sechs melden sich jedoch sieben Freiwillige, da zwei Brüder gleichzeitig nach vorn treten. Um dieses Problem zu klären, treffen sich die Sieben am späteren Nachmittag. Durch ein Losverfahren mit Kugeln soll entschieden werden, wer sich nicht zum Wohle der Stadt opfern muss. Dies führt jedoch zu keinem Ergebnis. Der Vorsitzende hat sieben blaue Kugeln in die Schale, aus der unter einem verdeckten Tuch gezogen werden soll, gelegt, womit keiner eine befreiende, andersfarbige Kugel ziehen kann. Die, noch immer in der Luft schwebende, Frage nach dem siebenten soll nun erst am nächsten Morgen ihre Lösung finden. Demjenigen, welcher zuletzt auf dem Marktplatz erscheint, soll der Schritt vor das Stadttor verwehrt bleiben. Entgegen aller Erwartungen ist der erste Freiwillige und Leiter des Geschehens dann der, welcher zuletzt eintrifft, und zwar tot. Zum Schluss kommt ein Bote auf den Platz geritten und verkündet, dass die Königin von Frankreich einen Sohn geboren hat, und die Stadt Calais verschont werden soll, weil die Ankunft des kleinen Menschen den König milde gestimmt hat.

Diese Handlung basiert nun, ebenso wie andere Stücke von Georg Kaiser, auf einem historischen Stoff. Vor uns liegt eine Episode aus dem „Hundertjährigen Krieg“ im Jahr 1347 in Calais. Die Vorlage bildet eine Chronik, die aus zusammengestellten Quellen die Vorgänge in der französischen Stadt Calais nach einer anhaltenden Belagerung schildert.[1]

Betrachtet man diese historische Schrift, fällt allerding auf, dass bestimmte Punkte in Kaisers Drama verändert sind. So wurden laut der Chronik sechs der ehrenwertesten Bürger gefordert, was bei Kaiser nicht erwähnt wird. Diese mussten sofort die Stadt verlassen. Es meldeten sich ebenfalls nur sechs, welche verschont wurden, jedoch erst nachdem sie die Stadt verlassen hatten. Nicht aber wegen der Geburt eines Prinzen, sondern die Königin war hochschwanger und entsprechend sensibel. Sie bat um das Leben der Freiwilligen, und der König gewährte ihr den Wunsch. Erst nach Einzug in die Stadt gebar sie ihr Kind, das hier ein Mädchen namens Margarete war.

Markante Differenzen bestehen also in folgenden Punkten. Zum einen die Frist bis zum Morgengrauen, die es gestattet den überschüssigen siebten Freiwilligen auszusortieren, darin, dass der erste dieser Freiwilligen am Ende tot ist und in der Tatsache, dass die sechs Übrigen bei Kaiser durch den König begnadigt werden, der durch die Geburt eines Sohnes milde gestimmt ist. Weiterhin ist interessant, dass laut der Chronik der englische König nicht von selbst auf die Idee gekommen ist, die Bürger von Calais zu verschonen. Jean de Vienne versah zwei englische Unterhändler mit der Vollmacht Verhandlungen mit dem König zu führen. Einer von diesen konnte dann bewirken, dass die Umstände einen weniger radikalen Verlauf nahmen. Dieser Umstand wird komplett ausgespart. Der zugrunde liegende historische Stoff bildet also nur eine Art Rahmen. In dem Drama sind der Siebte, der sich zu viel meldet und die Frist bis zum Morgen als zentral zu betrachten. Das ergibt sich aus der Überlegung, dass es sonst kein Drama geben würde, weil dann nach der Meldung der Sechs alles vorbei wäre. Erst dieses Problem macht eine tiefere Handlung möglich, denn dadurch wird ein Entscheidungsfindungsprozess nötig. Der zweite und dritte Akt haben nur die Aufgabe die „Entscheidung zum Opfer zu intensivieren“[2], da der „Entschluß des siebenten[…] den sechsen gleichsam ihre Entscheidung wieder zurückgegeben [hat]“[3]. Beide Akte „wiederhol[en] also gleichsam das Geschehen des ersten Akts“[4], indem die Lösungsfindung immer wieder hinausgezögert wird. Laut Durzak gibt es somit keine wirkliche „äußere Handlungsentwicklung im Drama“. Für diese Punkte gibt es aber keine geschichtliche Basis. Die Chronik dient somit als Grundlage für einen fundierten Stoff, aber nicht als textbestimmendes Element, „denn einzig in die schöpferische Hand des Dichters [ist] es gelegt, „den Unfug der Natur und Historie“ zu steuern und aus der willkürlichen Abfolge sinnloser Ereignisse ein wahrhaft geistgeborenes Menschengebäude zu errichten.“[5]

2.2 Wann?

Horst Denkler bezeichnet die Größe der Zeit im vorliegenden Drama als „Gegenwart im Gewand der Historie“[6]. Das ermöglicht einen nahtlosen Übergang vom „Was?“ zum „Wann?“, da der Inhalt dieser Aussage bereits im vorherigen Abschnitt Betrachtung gefunden hat. Lösen wir uns nun also vom „Gewand der Historie“ und werfen einen Blick auf die „Gegenwart“ im Stück.

Der Zeitrahmen erstreckt sich vom Morgen an dem „der König von England vor Calais zurückgekehrt“[7] ist bis zum „Grau des frühen Morgens“(69) des folgenden Tages. Horst Denkler spricht von einer „Symbolträchtigkeit der Zeit als Tageszeit“[8]. Diese Anfags- und Endpunkte bilden auch gleichzeitig den ersten und den letzten Akt. Der mittlere Akt spielt am späten Nachmittag des ersten Tages(Vgl. S. 34) und bildet somit die zeitliche Mitte zwischen dem ersten und dem dritten Akt. In der Handlung benannt sind demnach nur drei kurze Tagesabschnitte, denen je ein Akt zu Teil wird. Die erzählte Zeit beträgt demnach etwa vierundzwanzig Stunden. Analepsen und Prolepsen sind nur sehr rar vorzufinden. Rückblickend wird die Situation, die Hintergrund der Handlung ist, nur sehr kurz geschildert. So wurden „vor zwei Tagen […] die Scharen, die der Dieb wider den König von England trieb, in blutiger Niederlage zertrümmert[…]“(17), und der französische Offizier erinnert sich an den Angriff der Engländer „Einmal – weit von Calais[…]“(20). Erwähnt wird auch der Bau des Hafens von Calais (Vgl. 14f). Dieses Motiv trifft man auch im weiteren Verlauf des Buches noch mehrmals an. Es bildet eine Art roten Faden. Der Leser erfährt trotzdem nur sehr knapp die Vorgeschichte der Geschehnisse und auch ein kurzer Ausblick am Ende, der verdeutlicht was weiterhin geschieht, ist nicht vorhanden. Im Wesentlichen beschränkt sich die Handlung also auf diese, einen Tag umfassende, Zeitspanne.

[...]


[1] Denkler, Horst: Die Bürger von Calais. Drama und Dramaturgie. 2. unveränderte Auflage. München: Oldenbourg Verlag GmbH 1974.

[2] Durzak, Manfred: Das expressionistische Drama. Carl Sternheim Georg Kaiser. München: Nymphenburger Verlagshandlung GmbH 1978. S. 148.

[3] Ebd.

[4] Ebd.

[5] Walach, Dagmar: Georg Kaiser: Die Bürger von Calais. Die Idee von der Freiheit des Menschen. In: Interpretationen. Dramen des 20. Jahrhunderts. Stuttgart: Reclam 1996. S. 63.

[6] Denkler S. 88.

[7] Kaiser, Georg: Die Bürger von Calais - Bühnenspiel in drei Akten. Hrsg. von Eckhard Faul. Stuttgart: Reclam 2005. S. 21.

[8] Denkler S. 88.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Eine Analyse von 'Die Bürger von Calais' von Georg Kaiser
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Philosophische Fakultät)
Veranstaltung
Praktische Übungen zur Vorlesung
Note
1,7
Autor
Jahr
2008
Seiten
17
Katalognummer
V141979
ISBN (eBook)
9783640496211
ISBN (Buch)
9783640496389
Dateigröße
416 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
"Eine wirklich gute, nachdenkliche Arbeit."
Schlagworte
Eine, Analyse, Bürger, Calais, Georg, Kaiser
Arbeit zitieren
Romy Knobel (Autor), 2008, Eine Analyse von 'Die Bürger von Calais' von Georg Kaiser, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/141979

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