Der bayerische Kapitalmarkt 1789 - 1868


Hausarbeit (Hauptseminar), 2009
26 Seiten, Note: 1

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Traditionelle Akteure und Institutionen der Geldwirtschaft in Bayern
2.1 Der bayerische Staat
2.2 Der Adel
2.3 Private Bankhäuser und Handelskapital
2.4 Kirche und Klöster
2.5 Die Juden

3. Die neue Rolle des Staats als Standortverwalter

4. Neue Eliten in der Phase der Frühindustrialisierung

5. Neue Eliten brauchten neue Kapitalmärkte - Entstehung neuer Institutionen
5.1 Aktiengesellschaften
5.2 Sparkassen
5.3 Bayerische Hypotheken- und Wechselbank
5.4. Rentenbanken

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Geld regiert die Welt“ - diese Aussage ist nicht universell, sondern ein modernes Urteil über die Machtverschiebung in modernen Gesellschaften. Auch schon in vorkapitalistischen Zeiten spielte Geld im Zusammenhang mit Herrschaftsausübung eine wichtige Rolle. Mit Geld konnten Soldaten und Ämter gekauft werden, Kriege geführt oder Friedensschlüsse gekauft werden, Produkte aus anderen Staaten importiert werden, Residenzen gebaut werden, usw. Grundlage für Herrschaft und Stellung der Eliten bildeten aber generell die eingerichteten feudalen Herrschaftsverhältnisse, die den Eliten ihren Lebensunterhalt und Einfluss sicherten. Geld war ein nützliches Mittel für bestimmte Zwecke der Eliten und der politischen Führung. Die Frage nach der Existenz und Beschaffenheit eines Kapitalmarkts in Bayern entsteht zunächst dadurch, dass sich in anderen Teilen Europas mit der Industrialisierung eine Entwicklung anbahnte, die grundlegende gesellschaftliche Veränderungen mit sich brachte und dabei zum alles bestimmenden Maßstab der Politik wurde.

Die industrielle Revolution nahm ihren Ausgangspunkt in England und setzte Maßstäbe für die anderen Teilen Westeuropas. Im Zentrum der industriellen Revolution standen Erfindungen wie die Dampfmaschine oder der mechanische Webstuhl, die Produktionsverfahren ermöglichten, die nicht mehr vom individuellen Geschick des Einzelnen abhingen, sondern bei denen Arbeitsleistung abstrakt angewendet werden konnte und in einem Produkt oder Teilprodukt aufging. Mit dieser Art der Produktion waren einerseits weit höhere Gewinnspannen als in herkömmlichen Manufakturen oder im Verlagssystem möglich, andererseits konnten die Produkte weitaus günstiger verkauft werden, als es die noch nicht industrialisierte Konkurrenz tun konnte. Um moderne Fabriken zu errichten waren weitaus höhere Investitionen notwendig, als das bei den bisher üblichen Manufakturen oder dem Verlagssystem erforderlich war.

Nachdem England quasi als erster in das Rennen um Kapital gestartet war und außerdem auf eine lange Tradition im globalen Überseehandel zurückblicken konnte, in dem Privatpersonen zu beträchtlichem Reichtum gekommen waren, fanden sich dort auch genügend Mittel für Industrieinvestitionen. In Bayern wird von einer „verspäteten und geminderten Industrialisierung“1 gesprochen, da sie wesentlich langsamer und flacher verlief als in anderen Staaten.

Im agrarisch strukturierten Bayern beschränkt sich die Industrieansiedelung lange Zeit auf wenige eng umgrenzte Räume, wobei Nürnberg, Augsburg und München hier eine Vorreiterstellung einnahmen. Die Gründe hierfür sind neben geographischen Voraussetzungen, also Wasserkraft durch zahlreiche Flüsse und Bäche, eine hoch entwickelte Handwerkstradition, ein großes Einzugsgebiet für Arbeitskräfte aus dem Umland, international tätige Handelsorganisationen und vor allem auch ein entwickeltes Banken und Kreditwesen.2 Einen bedeutenden Anfangspunkt bei der Industrialisierung Bayerns und damit auch bei der Kapitalkonzentration Bayerns bildete der Eisenbahnbau, der mit dem Bau der Strecke Fürth-Nürnberg startete. Auf der anderen Seite fehlten in Bayern zu Beginn des 19. Jahrhunderts noch die Grundvoraussetzungen für eine Industrialisierung: es herrschten feudale Produktionsverhältnisse, die Menschen waren noch bis in die 1860er Jahre an Orte und Gewerbe gebunden und auch der Übergang von einer merkantilistischen zur einer liberalen Wirtschaftspolitik war noch nicht maßgeblich vollzogen:

„ Es fehlte nicht das Kapital, aber ein Anreiz zur Investition, es fehlten nicht Arbeitskr ä fte, aber eine fortschrittliche Sozial- und Wirtschaftsordnung( … ). “ 3

Es gab in Bayern zahlreiche Institutionen, die über größere Geldmittel verfügten. Damit diese Geldmittel aber als „Kapital“ im modernen Sinn fungieren konnten, also Produktionen zu finanzieren, die freigesetzte Bevölkerung aus der Landwirtschaft oder dem Handwerk in großer Zahl beschäftigen konnten und deren Produkte auf dem Markt gewinnbringend verkaufen konnten, waren tief greifende gesellschaftliche Veränderungen notwendig, um die Rahmenbedingungen hierfür zu schaffen: Säkularisierung der Kirchengüter, Mediatisierung des Adels, Liberalisierung des Handels, also Abbau von Zollschranken etc., Zentralisierung der Staatsverwaltung, Standortpolitik des Staates, Infrastrukturmaßnahmen, usw.

Schremmer betont in diesem Zusammenhang vor allem den Aspekt der Transparenz und der Vernetzung:

„ Es scheint indes ( … ), dass zwar Kapital im Lande vorhanden war ( … ), aber die bestehenden Horte wurden wegen des Fehlens der n ö tiger Transparenz auf den Geld- und Kreditm ä rkten nicht in dem m ö glichen Umfang den Kapitalnachfragern angeboten. Die Vielzahl der kleinen und kleinsten Geld- und Kapitalm ä rkte um Kl ö ster, Kirchen, Gro ß grundherren, Hofmarksherren standen (noch) in keiner Verbindung zueinander. So gesehen sind die Klagen ü ber <fehlendes Kapital> zu deuten, nicht als Fehlen von Kapital als solchem, sondern als Klagen ü ber einen nicht bestehenden <Kapitalmarkt>. “ 4

In Hinblick auf das Thema „Kapitalmarkt in Bayern von 1789 bis 1868“ will ich mich der Beantwortung folgender Fragen widmen: Welche Personen und Institutionen verfügten über Geldmittel in einem Maß, dass es als Kapital investiert werden konnte? Welche Personen und Institutionen waren bereit, ihre Vermögen in eine industrielle Produktion zu investieren? Wie stellte sich der Staat zur aufkommenden Industrialisierung? Welche Rolle spielten die alten Eliten in der Phase der Frühindustrialisierung und welche neuen Eliten entstanden? Welche neuen Institutionen entstanden im Zusammenhang mit den gesellschaftlichen Veränderungen?

2. Traditionelle Akteure und Institutionen der Geldwirtschaft in Bayern

Zunächst sollen die traditionellen Akteure und Institutionen betrachtet werden, die maßgebliche Größen im Staats- und Wirtschaftsgefüge waren. Welche Rolle hatten sie im Wechselspiel von Angebot und Nachfrage inne? Verfügten sie über Geldmittel in einem Maß, dass es als Kapital investiert werden konnte? Welche Impulse gingen von Ihnen aus für die Entwicklung des Kapitalmarkts in Bayern?

2.1 Der bayerische Staat

Der bayerische Staat war seit Beginn der merkantilistischen Epoche 1670/1680 hoch verschuldet. Die bayerischen Kurfürsten gaben während der ganzen Periode kontinuierlich mehr Geld aus als sie einnahmen, insbesondere für Heer, Hofhaltung, Bau von Schlössern usw., später wird die Finanzierung der Verwaltung immer umfangreicher. Das „Schuldenabledigungswerk“ von 1798 wies eine Staatsverschuldung von rund 15.350.000 fl. aus. Hauptgläubiger waren fremde Fürsten, Juden, private Bankhäuser, heimische Klöster und Beamte, wobei es sich bei letzteren vermutlich weniger um freiwillige Kreditoren handelte, sondern um Rückstände bei der Auszahlung der Beamtenbesoldung.5 Verschärft wurde die finanzielle Situation 1806, als das Königreich Bayern die Schulden der ehemaligen freien Reichsstädte erbte und außerdem verpflichtet war, auch die übernommenen Beamten zu versorgen. Der Schuldenstand stieg auf geschätzte 62 – 64 Millionen Gulden an. Auch die Erlöse aus der Säkularisierung erbrachten nicht die erhoffte Entlastung. 6 Der Staat trat also in erster Linie als Nachfrager von Geldmitteln auf, um Staatsverwaltung und staatliche Anliegen zu finanzieren.

Um der Lage Herr zu werden initiierte der Bayerische Staat verschiedene Maßnahmen: 18067 wurde die Bayerische Staatsbank gegründet, die aus der Hofbank von Ansbach-Bayreuth hervorging. Sie war zuerst die preußische Staatsbank für die preußischen Besitzungen in Franken. Diese Bank hatte nicht zur Aufgabe Zahlungsverkehrsfragen zu regeln oder Gewerbe oder Landwirtschaft mit Kredit zu versorgen, sondern diente als Zwischenfinanzierungsinstitut für den Landesfürsten.8 Eine zweite wichtige Maßnahme war eine umfassende Steuerreform 1807, welche die bisherige unübersichtliche Besteuerung in Altbayern ablöste. Stoßrichtung der Steuerreform war durch die Vereinheitlichung der Besteuerung, soll heißen, Abschaffung von Privilegien eine dauerhafte Erhöhung der Staatseinkommen, außerdem eine Neubewertung aller Grundstücke, die Aufhebung aller landschaftlichen Kassen.9 Vorbild für die neue Besteuerung war vor allem das französisch-westfälische Steuersystem. Damit einhergehend wurde die Finanzverwaltung zentralisiert und der Zentralstaat erhielt direkte Kontrolle über Steuereinnahmen, bzw. Verwaltungskosten und löste das das bisher übliche Dotationsprinzip10 ab. Im Ergebnis brachten die Steuerreformen allerdings nicht die erhofften Resultate und aufgrund von Protesten und sonstigen Zwangslagen wurden abgeschaffte Privilegien des Adels teilweise wieder zugestanden. Der drohende Staatsbankrott um 1807 konnte nur durch den Verkauf von „Staatsrealitäten“, bzw. durch Akquise weiterer Anleihen abgewendet werden. 11

2.2 Der Adel

Der materielle Reichtum des Adels hatte seine Grundlage in seinen Privilegien. Grundbesitz, Patrimonialgerichtsbarkeit, Siegelrechte, Familienfideikommisse und Lehen bildeten die Grundlagen für Stellung und Einkünfte. Geldmittel wurden in der Regel für die Aufrechterhaltung eines „standesgemäßen“ Lebensstils verwendet. Im Allgemeinen hatte ein größerer Teil des Adelsstands hohe Geldschulden bei verschiedensten Gläubigern, was aber zunächst nicht weiter problematisch war.

Durch die außenpolitischen Entwicklungen seit 1799 begünstigt und durch den Druck Napoleons auf der Mailänder Konferenz nach einer aufgeklärten Verfassungsordnung für Bayern beschleunigt, erließ der König 1808 ein Edikt, das u. a. die Aufhebung der Steuerprivilegien und die Auflösung der Fideikommisse12 beinhaltete.13 Diese Maßnahme gab den Besitz der Adeligen ihren Gläubigern preis, was auch in kürzester Zeit zum Niedergang mehrerer Adelsfamilien führte.14 Das Adelsedikt wurde zwar durch mehrere Korrekturen und Ergänzungen in der Folge etwas entschärft, wie z.B. durch das neue Majoratsrecht oder der Weitergewährung von Siegelrechten und der Patrimonialgerichtsbarkeit, allerdings wurden durch die Umwandlung der meisten Lehen in bodenzinsiges Eigentum der Adelsbesitz der Besteuerung unterzogen.15 Maria Schimke zeigt in ihrer Untersuchung der Auswirkungen der neuen Adelspolitik von Montgelas auf die zwei altbayerischen Adelshäuser Hohenaschau-Wildenwart und Tutzing-Pähl, dass das eigentliche Ziel der Reformen verfehlt wurde:

„Die im Sinne der agrarreformerischen Vorstellungen der Zeit wünschenswerte Herstellung des freien Eigentums war zu diesem Zeitpunkt wie auch im gesamten beobachteten Zeitraum aus einer Reihe von Gründen undurchführbar. Diese Gründe sind in erster Linie in der auf chronischer Finanznot beruhender Furcht der Regierung vor Einkommensverlusten aus der umfangreichen staatlichen Grundherrschaft zu suchen, ferner in der grundsätzlichen Opposition des gutsbesitzenden Adels und letztlich dem Kapitalmangel und in der Unsicherheit der Grundholden selbst.“16

Der Adelspolitik Montgelas lag also der Widerspruch zu Grunde, dass einerseits das freie Eigentum und der freie Bürger etabliert werden sollte, ganz im Sinne der Aufklärung, andererseits aber der Adel mitsamt seinen feudalen Privilegien eine unverzichtbare Stütze für Monarchie und Bürokratie darstellte, was den „Schlingerkurs“ der Gesetzgebung Anfang des 19. Jahrhunderts erklärt.

Auf welcher Seite der Adelstand im Zusammenhang mit dem Kapitalmarkt in Bayern stand, lässt sich nicht einheitlich beantworten. Einerseits gab es sehr vermögende Adelshäuser, die auf regelmäßige, hohe Einnahmen aus verschiedensten Quellen zurückgreifen konnten.

[...]


1 Vgl. Bosl, Karl (1985). Die „geminderte“ Industrialisierung in Bayern, S. 22 - 36. In: Grimm, Claus (1985). Aufbruch ins Industriezeitalter. Band 1. Linien der Entwicklungsgeschichte, S. 23.

2 Vgl. Grimm, Claus (1985). Aufbruch ins Industriezeitalter. Band 1. Linien der Entwicklungsgeschichte. S. 17.

3 Bosl, Karl (1985). Die „geminderte“ Industrialisierung in Bayern, In: Grimm, Claus (1985). Aufbruch ins Industriezeitalter. Band 1. Linien der Entwicklungsgeschichte, S. 27.

4 Schremmer, Eckhart (1970). Die Wirtschaft Bayerns. Vom hohen Mittelalter bis zum Beginn der Industrialisierung, S. 590.

5 Schremmer, Ernst (1970). Die Wirtschaft Bayerns. Vom hohen Mittelalter bis zum Beginn der Industrialisierung, S. 261 f.

6 Schimke, Maria (1996). Regierungsakten des Kurfürstentums und Königreichs Bayern 1799 – 1815, S. 23.

7 Schon seit Mitte des 17. Jahrhunderts wurde die Einführung einer „Land-Banco“ diskutiert, allerdings scheiterten verschiedene Projekte seitdem am Widerstand der Landstände , die als Garanten dienen sollten. Vgl. Schremmer, Eckhart (1970). Die Wirtschaft Bayerns. Vom hohen Mittelalter bis zum Beginn der Industrialisierung, S. 581 ff.

8 Vgl. Schremmer, Eckhart (1970). Die Wirtschaft Bayerns. Vom hohen Mittelalter bis zum Beginn der Industrialisierung, S. 588.

9 Vgl. Heydenreuter, Reinhard (2008). Die Hüter des Schatzes. 200 Jahre staatliche Finanzverwaltung in Bayern, S. 117.

10 Beim Dotationsprinzip bestritt eine Finanzkasse ihre Ausgaben eigenständig aus den erhobenen Steuern und Gebühren und reichte mögliche Überschüsse an die nächst höhere Instanz weiter.

11 Vgl. Schimke, Maria (1996). Regierungsakten des Kurfürstentums und Königreichs Bayern 1799 – 1815, S. 24 ff.

12 Das Familienfideikommiss war eine aus dem römischen Recht abgeleitete Konstruktion, die es einem Stifter kraft Willenserklärung erlaubte, einen Teil seines Familienvermögens, vor allem Grundbesitz, zu gebundenem, unveräußerlichen Besitz der Familie zu erklären und gleichzeitig eine Nachfolgeregelung für diesen Besitz bestimmte.

13 Vgl. Schimke, Maria (1995). Vgl. Die Herrschaften Hohenaschau-Wildenwart und Tutzing-Pähl 1808 – 1818, S. 4 f.

14 Vgl. Schimke, Maria (1996). Regierungsakten des Kurfürstentums und Königreichs Bayern 1799 – 1815, S. 85.

15 Vgl. Schimke, Maria (1996). Regierungsakten des Kurfürstentums und Königreichs Bayern 1799 – 1815, S. 87f.

16 Schimke, Maria (1995). Vgl. Die Herrschaften Hohenaschau-Wildenwart und Tutzing-Pähl 1808 – 1818, S. 116 f.

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Der bayerische Kapitalmarkt 1789 - 1868
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg  (Lehrstuhl für bayerische und fränkische Landesgeschichte)
Veranstaltung
Eliten in Bayern von der Französischen Revolution bis zur Reichsgründung
Note
1
Autor
Jahr
2009
Seiten
26
Katalognummer
V141985
ISBN (eBook)
9783640496037
ISBN (Buch)
9783640495962
Dateigröße
488 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Industrialisierung, Bayern, Unternehmer, Banken
Arbeit zitieren
Christian Schroth (Autor), 2009, Der bayerische Kapitalmarkt 1789 - 1868, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/141985

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