Jose Saramago: O Evangelho segundo Jesus Cristo - Dekonstruktion eines Mythos


Seminararbeit, 1999

17 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2.1 Der fünfte Evangelist
2.2 Allwissend und allmächtig? Göttliche und erzählerische Instanz S.
2.3 Gottessohn - Menschensohn
2.4 ‘Staub zu Staub’ - Die Banalität der Wunder

3. Synthese

”I am telling you stories. Trust me”[1]

1. Einleitung

Als José Saramagos Roman ” O Evangelho segundo Jesus Cristo” 1991 in der portugiesischen Ausgabe erschien , wurde er mit äußerst gemischten Reaktionen aufgenommen. Insbesondere in katholisch-konservativen Kreisen trat der Roman eine Lawine der Empörung frei. Angeprangert als blasphemisches Werk, wurde er durch eine Entscheidung des Unterstaatsekretärs für Kultur, Sousa Lara von der Kandidatur zum Literaturpreis der europäischen Gemeinschaft ausgeschlossen, mit der Begründung, das Werk sei, “profundamente polémica, pois ataca princípios que têm a ver com o património religioso dos cristãos e, portanto, longe de unir os portugueses, desunia-os naquilo que é seu património espiritual.”[2] Assozitationen mit den Maßnahmen der Inquistition waren naheliegend.

Saramago selbst ließ sich davon kaum beirren. Befragt zum Thema seines Werkes, den Evangelientexten und dem Gottesbild des Christentums, erklärte der überzeugte Atheist augenzwinkernd: ”Tenho ainda umas contas a ajustar com este senhor. Não porque ele exista, porque creio que não existe, mas como anda dentro da cabeça das pessoas, é como se existisse.”[3]

In zahlreichen seiner Werke beschäftigt Saramago die Entstehung von Mythen. In O memorial do Convento ist es der Mythos als Basis portugiesischen Nationalbewußtseins, den er geschickt dekonstruiert und in einen Schwebezustand zwischen Geschichte und Fiktion befördert. In O Evangelho wagt er sich an die Grundlage abendländisch patriarchaler Zivilisation. Ein verwegenes Unternehmen.

Saramago bringt das Experiment mit atemberaubender Virtuosität zur Durchführung. Unter der Prämisse ”se nos imaginamos que Jesus não e filho de Deus, a nossa civilizaçao está assente sobre coisa nenhuma”[4] stößt er zu den Wurzeln christlicher Weltanschauung vor und unterhöhlt sie spielerisch mit den Mitteln der Parodie. Für ihn werden Geschichte und Legende, Wirklichkeit und Immagination zu flexiblen Koordinaten eines Spiels.

In der folgenden Arbeit möchte ich mich vor allem mit Saramagos metafiktionalem Ansatz beschäftigen, der sein gesamtes Werk wie ein roter Faden zu durchziehen scheint und sich auf unterschiedlichsten Ebenen in O Evangelho niederschlägt. Anhand der Figur des Erzählers, Parallelen zwischen Gott und Erzähler, Jesu Funktion als Sohn und dem immer Wiederkehrenden Gegensatz zwischen Banalität und Idealisierung läßt sich Saramagos Interesse an der Entstehung von Literatur und Mythos anschaulich nachvollziehen. Angesichts einer Vielzahl intertextueller Bezüge und der enormen Komplexität des Werkes, hat diese Arbeit keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit. Sie geht lediglich auf einige der vielen möglichen Ansatzpunkte ein, die den metafiktionalen Gehalt des Romans und seine Verbindung zur inhaltlichen Gestaltung deutlicher hervortreten lassen.

2.1 Der fünfte Evangelist

Seinem Roman stellt Saramago folgendes Zitat aus dem Lukas-Evangelium voran:

“Já que muitos empreenderam compor uma narração dos factos que entre nós se consumaram, como no-los transmitiram os que desde o princípio foram testemunhas oculares e se tornaram servidores da Palavra, resolvi eu também, depois de tudo ter investigado cuidadosamente desde a origem, expor-tos por escrito e pela sua ordem, ilustre Teófilo, a fim de que reconheças a solidez da doutrina em que foste instruído.”[5]

Der Autor stellt sich durch die Verwendung dieses Ausschnitts in eine Reihe mit den Evangelisten. Mit dem gleichen Recht, mit dem die Verfasser der überlieferten Evangelien aufgrund der Berichte anderer ihre Texte verfaßten, orientiert sich Saramago an den allseits bekannten Berichten, um daraus eine ganz eigene Version zu erschaffen, die den Texten des Neuen Testaments, von denen Saramago sagt, sie seien “porventura mais acreditados pela tradicao, mas nao por isso mais autenticas.”[6] nach Meinung des Autors in nichts nachsteht.

Orlando Grossegesse zufolge, geht es in O Evangelho “um eine spielerisch-subversive Abweichung sowohl von der Textautorität der Bibel als auch von der Wahrheitsillusion rekonstruierter Historie. Diesbezügliche Lesererwartungen werden vom Erzähler, der sich als Evangelist bezeichnet, beständig ironisiert.”[7]

Die Grundkoordinaten der Evangelien - Jesu Geburt, Verkündigung, Wunderwirken und Tod am Kreuz - bleiben bestehen. Sie stehen bereits am Anfang des Textes in der Beschreibung einer vermutlich mittelalterlichen Kreuzigungsdarstellung fest.[8] Die Zwischenräume, die weißen Flecken auf der Landkarte der Evangelien sind es, in denen Saramago seiner Phantasie freien Lauf läßt und die Grenzen zwischen Realität und Fiktion verwischt. Dabei legt er größten Wert auf Details des jüdischen Alltagslebens, von den täglich zu verrichtenden Arbeiten im Haushalt bis zu den Gebeten, die den Tag eines gläubigen Juden vor 2000 Jahren begleiteten. Schauplätze werden äußerst plastisch beschrieben. So wird der Leser beispielsweise genauestens über die Örtlichkeiten des Tempels von Jerusalem informiert[9].

“O que quis fazer foi encontrar a vida de Jesus a partir do punto de vista actual, sem me esquecer do mundo e da epoca em que viveu.”[10]

[...]


[1] Winterson, Jeannette, The Passion (London: Vintage, 1987), S. 5.

[2] Sousa Lara, António, Diário de Notícias (Lissabon: 30.4.1992).

[3] Köninger, Bete, "Atenção, este livro leva uma pessoa dentro - Entrevista com Jose Saramago", in: Matices, Zeitschrift zu Lateinamerika, Spanien und Portugal (Köln: 1997), http://www.is-koeln.de/matices/16/16ksaram.htm

[4] Alves, Clara Ferreira, “No meu caso, o alvo é Deus”, in: revista Expresso (Lissabon: 2. Nov. 1991), S. 82-86).

[5] Saramago, José, O Evangelho segundo Jesus Cristo (Lissabon: Caminho 1991), S. 9.

[6] Kaufmann, Helen, “Evangelical Truths: José Saramago on the life of Christ”, in: Revista Hispanica Moderna (New York: 1994), 47:2, S. 453.

[7] Grossegesse, Orlando, “José Saramago: O Evangelho segundo Jesus Cristo”, in: Hess, Rainer (Hrsg.) Portugiesische Romane der Gegenwart: Neue Interpretationen (Frankfurt: 1991), S. 124.

[8] O Evangelho, S. 13-20.

[9] O Evangelho, S. 96-104.

[10] Rollemberg, Marcello, “O quinto evangelista”, in: Isto é Senhor (Brasil: 6. Nov. 1991), S. 68-69. Internet: http://www.citi.pt/cultura/literatura/romance/saramago/qui_ev10.html

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Jose Saramago: O Evangelho segundo Jesus Cristo - Dekonstruktion eines Mythos
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Romanistik)
Veranstaltung
Literarische Selbstdefinition Portugals im 20. Jahrhundert
Note
1,0
Autor
Jahr
1999
Seiten
17
Katalognummer
V14199
ISBN (eBook)
9783638196673
Dateigröße
378 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Jose, Saramago, Evangelho, Jesus, Cristo, Dekonstruktion, Mythos, Literarische, Selbstdefinition, Portugals, Jahrhundert
Arbeit zitieren
Ulrike Decker (Autor), 1999, Jose Saramago: O Evangelho segundo Jesus Cristo - Dekonstruktion eines Mythos, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/14199

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