Man kann zu Recht behaupten: die Phänomenologie Edmund Husserls ist ein methodisches System von schwer zu durchschauender Begrifflichkeit. Husserl führt seine Grundbegriffe teils explizit, teils implizit ein. Doch muss seine Phänomenologie als einheitliche Begriffsmatrix aufgefasst werden, damit wahllos herausgenommene Begriffe wie ‘Gegenwartserinnerung’ oder ‘Zukunftserinnerung’ trotz ihrer paradoxen Struktur ihre Bedeutung erhalten.
Der Begriff der passiven Synthesis ist ein teils explizit, teils implizit gegebener, hochkomplexer Begriff der Husserl´schen Phänomenologie. Er ist fundamental, da er inhaltlicher Startpunkt zur Beschreibung aller Synthesen des Bewusstseins überhaupt ist. Passive Synthesis kann mit dem gleich gesetzt werden, was Husserl als Urkonstitution bezeichnet. Dies führt weiterhin zu der Frage nach dem Wesen konstitutiver Leistungen des Bewusstseins.
Begriffe führen zu weiteren Begriffen. Im Hintergrund befindet sich Husserls Intentionalitätsverständnis mit seiner Scheidung in Retention, Protention und urimpressionalem Jetzt. Was versteht Husserl unter Anschauung, assoziativer Weckung und was ist das Wesen der Husserl´schen phänomenologischen Unterscheidung in Noema und Noesis?
Es ist einsichtig, dass dem unvorgebildeten Leser das phänomenologische Grundvokabular hier nicht bereitgestellt werden kann, da diesem Aufsatz quantitative Grenzen gesetzt sind. Vielmehr werden die vorgezeichneten Begrifflichkeiten als bekannt vorausgesetzt.
Diese Arbeit setzt sich folgende Ziele: Erstens: Anhand von gezielt ausgewählten Untersuchungen, die Husserl hinsichtlich spezifischer Strukturmerkmale einer Transzendentalphänomenologie durchgeführt hat, das Wesen der passiven Synthesis herauszuarbeiten. Zweitens: Eine(n) Antwort(versuch) auf die Frage zu geben, was Husserl allgemein unter passiver Synthesis versteht.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung – passive Synthesis innerhalb der Phänomenologie
2. Die Selbstgebung in der Wahrnehmung
3. Modalisierung der Synthesen der Wahrnehmung
4. Das Phänomen der passiv intendierten Vorstellung und der assoziativen Synthese
5. Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit verfolgt das Ziel, das Wesen der passiven Synthesis bei Edmund Husserl durch eine Analyse spezifischer Strukturmerkmale der Transzendentalphänomenologie herauszuarbeiten und zu definieren, was Husserl allgemein unter dem Begriff der passiven Synthesis versteht.
- Phänomenologie der Wahrnehmung und Selbstgebung
- Modalisierung der Wahrnehmungssynthesen (Gewissheit, Negation, Zweifel)
- Urkonstitutionen und passive Intentionalität
- Rolle assoziativer Synthesen und Leervorstellungen
Auszug aus dem Buch
4. Das Phänomen der passiv intendierten Vorstellung und der assoziativen Synthese
Im vorausgegangenen Kapitel wurde bereits das Wesen der passiven Synthesis herausgearbeitet. Es wurde klar, dass im Bereich der Synthesen der Wahrnehmung passiv ablaufende Synthetisierung erfolgt, wie bspw. bei den Synthesen der Deckungseinheit, der Erfüllung oder der Enttäuschung. Dies hat Konsequenzen: Das den Synthesen zugehörige Phänomen der Passivität überträgt sich auf den noematischen Bereich, sodass die Modi des Bewusstseins von Gegenständen, denen die passiven Synthesen zugrunde liegen, ihrerseits Passivität aufweisen. Hat man einen Tisch noematisch im Modus der naiven Gewissheit, der Negation oder des Zweifels, so ergibt sich dies ohne Zutun des aktiven Ichs.
In diesem Kapitel soll an das bereits gewonnene Verständnis der passiven Synthesis angeknüpft und anhand einer weiteren Form der Synthese, der assoziativen Synthese, veranschaulicht werden. Bei den assoziativen Synthesen des Bewusstseins handelt es sich ebenfalls um passive Synthesen. Auch sie übertragen ihre Passivität auf ein anders Phänomen, mit dem sie in engem Zusammenhang stehen, auf das Phänomen der passiv intendierten Vorstellungen.
Doch muss zur Erläuterung dieses Zusammenhanges und der jeweiligen Charakterisierung beider Phänomene weiter ausgeholt werden. Die Überlegung muss bei den Leervorstellungen ansetzen und der Unterscheidung ihrer Typen. Leervorstellungen stellen bei Husserl eine Art Gegensatz zu den Anschauungen dar. Phänomenologisch unterschieden werden die Anschauungen und Leervorstellungen dadurch, dass sich in ersteren ein gegenständlicher Sinn aufbaut, in letzteren jedoch nicht. „In der Leervorstellung spielt sich eigentlich nichts ab, konstituiert sich eigentlich kein gegenständlicher Sinn.“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung – passive Synthesis innerhalb der Phänomenologie: Diese Einleitung führt in die Komplexität der Husserlschen Terminologie ein und setzt das Ziel, das Wesen der passiven Synthesis als Fundament der Urkonstitution zu bestimmen.
2. Die Selbstgebung in der Wahrnehmung: Das Kapitel erläutert, wie ein Gegenstand durch perspektivische Abschattungen und Deckungssynthesen trotz variierender Wahrnehmungsphasen als identisch konstituiert wird.
3. Modalisierung der Synthesen der Wahrnehmung: Hier werden die Bewusstseinsmodi der Gewissheit, Negation und des Zweifels als Ergebnisse passiver Erfüllungs- und Enttäuschungssynthesen analysiert.
4. Das Phänomen der passiv intendierten Vorstellung und der assoziativen Synthese: Dieses Kapitel verknüpft die passive Synthesis mit assoziativen Prozessen und Leervorstellungen, um zu zeigen, wie Gegenstände jenseits der aktuellen Anschauung mitgegenwärtig werden.
5. Zusammenfassung: Die Schlussbetrachtung fasst die Ergebnisse zusammen und bekräftigt den Stellenwert der passiven Synthesis als phänomenologische Grundgesetzlichkeit des Bewusstseins.
Schlüsselwörter
Edmund Husserl, Phänomenologie, passive Synthesis, Urkonstitution, Wahrnehmung, Deckungssynthese, intentionaler Leerhorizont, Seinsmodalitäten, Assoziation, Leervorstellung, Mitvergegenwärtigung, Aktivität, Passivität, Bewusstsein, Transzendentalphänomenologie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der grundlegenden phänomenologischen Analyse der passiven Synthesis bei Edmund Husserl.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Zentrum stehen die Struktur der Wahrnehmung, die Konstitution von Gegenständen durch das Bewusstsein sowie die Abgrenzung zwischen passiven und aktiven Leistungen des Ich.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es, das Wesen der passiven Synthesis durch eine Analyse ihrer Strukturmerkmale zu bestimmen und ihre zentrale Rolle als Urkonstitution innerhalb der Husserlschen Philosophie zu erläutern.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit folgt dem phänomenologischen Ansatz nach Husserl, basierend auf einer methodischen Analyse von Begriffen und Strukturen der Transzendentalphänomenologie.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der Selbstgebung in der Wahrnehmung, die Modalisierung durch Erfüllungs- und Enttäuschungssynthesen sowie die Erläuterung assoziativer Synthesen und Leervorstellungen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Die wichtigsten Begriffe umfassen Passive Synthesis, Urkonstitution, Wahrnehmungsmodalitäten, Intentionalität und assoziative Synthese.
Wie unterscheidet Husserl laut der Arbeit zwischen Passivität und Aktivität?
Passivität bezeichnet laut der Arbeit Prozesse wie Wahrnehmungssynthesen, die ohne Zutun des Ich ablaufen, während Aktivität die bewussten Stellungnahmen wie Urteilsbildungen umfasst.
Was versteht die Arbeit unter dem „Modus des Zweifels“?
Der Zweifel wird als ein Modus beschrieben, in dem ein Gegenstand in der Wahrnehmung noch nicht eindeutig bestimmt ist, weil sich Erfüllungs- und Enttäuschungssynthesen in einem „Ringen“ befinden.
Welche Rolle spielen „Leervorstellungen“ bei Husserl?
Leervorstellungen sind Vorstellungen, in denen sich kein gegenständlicher Sinn unmittelbar aufbaut, aber sie bilden durch Assoziation die Grundlage für die Mitvergegenwärtigung von nicht direkt wahrgenommenen Objekten.
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- Hermann Sievers (Author), 2009, Das Wesen der passiven Synthesis bei Edmund Husserl, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/142008