Das Wesen der passiven Synthesis bei Edmund Husserl


Hausarbeit (Hauptseminar), 2009

19 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung - passive Synthesis innerhalb der Phänomenologie

2. Die Selbstgebung in der Wahrnehmung

3. Modalisierung der Synthesen der Wahrnehmung

4. Das Phänomen der passiv intendierten Vorstellung und der assoziativen Synthese

5. Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung - passive Synthesis innerhalb der Phänomenologie

Man kann zu Recht behaupten: die Phänomenologie Edmund Husserls ist ein methodisches System von schwer zu durchschauender Begrifflichkeit. Husserl führt seine Grundbegriffe teils explizit, teils implizit ein. Doch muss seine Phänomenologie als einheitliche Begriffsmat- rix aufgefasst werden, damit wahllos herausgenommene Begriffe wie ‘Gegenwartserinnerung’ oder ‘Zukunftserinnerung’ trotz ihrer paradoxen Struktur ihre Bedeutung erhalten. Der Begriff der passiven Synthesis ist ein teils explizit, teils implizit gegebener, hochkomple- xer Begriff der Husserl´schen Phänomenologie. Er ist fundamental, da er inhaltlicher Start- punkt zur Beschreibung aller Synthesen des Bewusstseins überhaupt ist. Passive Synthesis kann mit dem gleich gesetzt werden, was Husserl als Urkonstitution bezeichnet. Dies führt weiterhin zu der Frage nach dem Wesen konstitutiver Leistungen des Bewusstseins. Begriffe führen zu weiteren Begriffen. Im Hintergrund befindet sich Husserls Intentionalitäts- verständnis mit seiner Scheidung in Retention, Protention und urimpressionalem Jetzt. Was versteht Husserl unter Anschauung, assoziativer Weckung und was ist das Wesen der Hus- serl´schen phänomenologischen Unterscheidung in Noema und Noesis? Es ist einsichtig, dass dem unvorgebildeten Leser das phänomenologische Grundvokabular hier nicht bereitgestellt werden kann, da diesem Aufsatz quantitative Grenzen gesetzt sind. Vielmehr werden die vorgezeichneten Begrifflichkeiten als bekannt vorausgesetzt. Diese Arbeit setzt sich folgende Ziele: Erstens: Anhand von gezielt ausgewählten Untersu- chungen, die Husserl hinsichtlich spezifischer Strukturmerkmale einer Transzendentalphäno- menologie durchgeführt hat, das Wesen der passiven Synthesis herauszuarbeiten. Zweitens: Eine(n) Antwort(versuch) auf die Frage zu geben, was Husserl allgemein unter passiver Syn- thesis versteht.

An welcher Stelle sind die Husserl´schen Analysen zur passiven Synthesis innerhalb der Phänomenologie zu verorten?

Die Phänomenologie Husserls kann in drei Entwicklungsstadien eingeteilt werden[1]: Die Früh- phase, die durch seine Auseinandersetzung mit dem Psychologismus bestimmt ist. Husserl stellt hier der einseitigen Ableitung des Logischen und Mathematischen aus dem Faktischen der Empirie eine „reine Logik“ als Grundwissenschaft gegenüber, welche die Notwendigkeit und Allgemeingültigkeit von Wissenschaft überhaupt garantieren soll. Diese Gegenüberstel- lung führt zur eidetischen Phänomenologie und seinem berühmten zweibändigen Hauptwerk ‘Logische Untersuchungen’[2].

Die nächste Phase kann mit dem Titel „Die Transzendentale Wende“ gut beschrieben werden. Husserl wollte das Erschauen von Wesenheiten und Wesenszusammenhängen nicht einfach hinnehmen. Seiner Ansicht nach muss das Ziel einer Phänomenologie sein, zu verstehen, wie das Bewusstsein seine Gegenstände aufbaut - das Bewusstsein muss als ein konstituierendes erfasst werden. Eine so verstandene Phänomenologie legt die Korrelation zwischen Bewusstseinsakt und vermeinter Gegenständlichkeit frei und wird so zur Transzendentalphilosophie.[3]‘Transzendental’ bedeutet in diesem Zusammenhang, dass das Denken nicht auf die Gegenstände selbst abzielt, sondern die Erkenntnisart der Gegenstände, also auf die Bedingung der Möglichkeit solcher Gegenstände reflektiert. Husserls diesbezügliche Untersuchungsergebnisse flossen in sein Werk ‘Formale und transzendentale Logik’[4]ein.

Die Spätphase der Husserl´schen Phänomenologie ist durch die Abkehr von den Untersuchungen zu einer formalen Ontologie, die „die Gegenstände überhaupt“ betrifft, gekennzeichnet. Husserl wendet sich einer formalen Apophantik zu, die die „Urteile über die Gegenstände überhaupt“ behandelt. Seiner Überzeugung nach geht jedem prädikativen Urteil eine vorprädikative Erfahrung voraus.

Die Husserl´schen Analysen zur passiven Synthesis erfolgten innerhalb der „Transzendenta- len Wende“. Innerhalb der 20er Jahre des 20. Jahrhunderts hielt Husserl eine Reihe von Vor- lesungen ab, die sich mit den Urkonstitutionen und ihren phänomenologischen Gesetzmäßig- keiten auseinandersetzten. Sein Ziel war es, einerseits, seine bereits gewonnenen Erkenntnisse vorzubringen und andererseits, für das Gebiet der Phänomenologie als wissenschaftlicher Me- thode, Konturen seiner Struktur vorzuzeichnen, um Teildisziplinen von ihr zu begründen.

Die diesbezüglichen Vorlesungs- und Forschungsmanuskripte des Zeitraumes 1918-1926 wurden in den Husserliana (den gesammelten Werken Husserls) Band XI erst nach Husserls Tod veröffentlicht. Dieser Band trägt den Titel ‘Analysen zur passiven Synthesis’.[5]Es muss darauf aufmerksam gemacht werden, dass dieser Titel weder von Husserl selbst stammt, noch dass Husserl sich innerhalb dieser Manuskriptsammlung ausschließlich mit dem Phänomen der Passivität von Wahrnehmungssynthesen beschäftigt. Vielmehr steht die analytische Be- schreibung des inneren Aufbaus dieser Synthesen selbst im Vordergrund. Ihr passives Wesen wird sozusagen mitbehandelt.

Es obliegt dem Autor dieser Arbeit ein Bild der passiven Synthesis zu erstellen. Dies ist interpretatorisch gewonnen und lehnt sich bezüglich des Themas stark an die einschlägigen Formulierungen Husserls selbst an.

In Anlehnung an die Zielsetzung dieser Arbeit ergibt sich folgender Aufbau: Zuerst wird sich dem Phänomen der Selbstgebung in der Wahrnehmung zugewandt. Es gilt den gegenständli- chen Sinns einer Wahrnehmung zu charakterisieren und die ihn konstituierenden Deckungs- synthesen. Anschließend kommt es zur Klärung der Modalisierung der Wahrnehmungssyn- thesen und den ihnen zugehörigen noematischen Seinsmodalitäten. An dieser Stelle wird deutlich herausgestellt werden, worin für Husserl das Wesen der passiven Synthesis besteht. Darauf folgt eine Auseinandersetzung mit dem Phänomen der passiv intendierten Vorstellung und der zugehörigen assoziativen Synthese. Abschließend erfolgt eine Zusammenfassung der Ergebnisse.

2 Die Selbstgebung in der Wahrnehmung

Jede äußere Wahrnehmung vollzieht sich Husserl zufolge unter dem Phänomen der perspektivischen Abschattung. Von jedem Raumgegenstand erscheint immer nur eine bestimmte Seite. In der Wahrnehmung kann er im strengen Sinn niemals in der Allheit seiner sinnlich anschaulichen Merkmale gegeben sein.

Hierdurch ergibt sich die Unterscheidung in eigentlich Wahrgenommenes des jeweiligen Ge- genstandes und das nur Mitgegenwärtige von ihm. Doch trotz dieses Phänomens der Wahr- nehmung eines Gegenstandes, nämlich, dass in jeder Wahrnehmungsphase nur bestimmte Seiten von ihm erscheinen, während die aktuell im „verborgenen“ gelegenen Seiten nur mit- gegenwärtig sind, so werden doch nicht die einzelnen aktuell gesehenen Seiten als der Ge- genstand konstituiert, sondern der Gegenstand selbst. Bspw. wird die eines Tisches jeweils wahrgenommene Seite nicht als Gegenstand konstituiert, sondern der Tisch selbst. In jeder aktuellen Wahrnehmung des Tisches erscheint eine andere Seite von ihm, doch in der An- schauung habe ich „Tisch“ und nicht „Tischseite“ gegeben. Dieses Phänomen bezeichnet Husserl als den gleich bleibenden gegenständlichen Sinn der Wahrnehmung eines Gegenstan- des.

„Denn zu dem Sinn [bzw. Wesen] jeder Wahrnehmung gehört ihr gegenständlicher Sinn, also das Ding, das gesehen ist. […] Wahrnehmung, ganz allgemein gesprochen, ist Originalbewußtsein“[6] Kraft des gegenständlichen Sinnes einer Wahrnehmung wird der wahrgenommenen Gegens- tand als ein durch die Zeit hindurch mit sich identischer konstituiert. Es wäre merkwürdig, wenn im Wahrnehmungsverlauf andere Seiten eines Tisches erscheinen und man zugleich nicht mehr den Tisch als solchen wahrnimmt, sondern im Glauben ist, man habe es mit einem neuen, einem anderen Gegenstand zu tun.

Es handelt sich für Husserl um so genannte Deckungssynthesen, die für die kontinuierliche Aufrechterhaltung des gegenständlichen Sinns eines wahrgenommenen Gegenstandes verant- wortlich sind.

Hier ist ein erster Hinweis auf das gegeben, was Husserl mit Urkonstitution bzw. passive Syn- thesis meint. Es ist nicht das „aktive Ich“, das dafür verantwortlich ist, dass man einen Ge- genstand durch die Zeit hindurch als mit sich identisch wahrnimmt. Der gegenständliche Sinn der Wahrnehmung wird durch die passiven Synthesen der D]eckungseinheit konstituiert.[7] Es handelt sich hierbei um eine Urgesetzlichkeit phänomenologischer Art. Nimmt man einen Raumgegenstand unter der Gegebenheit perspektivischer Abschattung wahr, so habe ich auf- grund urgesetzlicher synthetischer Prozesse bereits einen gleich bleibenden gegenständlichen Sinn in der Wahrnehmung von ihm. Dieses vollzieht sich ohne zutun - eben passiv! Dies kann mit demjenigen in Zusammenhang gebracht werden, was Husserl als die Selbstgebung in der Wahrnehmung bezeichnet. Ein Tisch ist mir als Tisch in der Wahrnehmung (selbst) gegeben, unabhängig von seinen erscheinenden Seiten. Dieser Gegenstand hat in meiner Wahrnehmung den gegenständlichen Sinn „Tisch“. Hinzu kommt, dass ich diesen Gegenstand niemals so wahrnehmen kann, wie er an sich ist. Schärfer formuliert: Man kann nicht umhin, einen Gegenstand, der wie ein Tisch erscheint (sicherlich, weil er ein Tisch ist!) anders wahr- zunehmen als einen Tisch.

Die gemachten Ausführungen reichen hin, um das Phänomen der passiven Synthesis in Zusammenhang zu bringen mit demjenigen, was Husserl als die Selbstgebung in der Wahrnehmung bezeichnet. Es muss davon abgesehen werden, weitere diesbezügliche Aspekte im Gefüge der Wahrnehmung, wie bspw. die immanente Wahrnehmung oder die transzendente Wahrnehmung etc. zu beleuchten.

3. Modalisierung der Synthesen der Wahrnehmung

Husserl sieht den Wahrnehmungsprozess dadurch charakterisiert, dass er in jeder Wahrnehmungsphase ein Maß an Fülle und Leere der Intentionen aufweist.

[...]


[1]Vgl. Wuchterl, Kurt: Bausteine zu einer Geschichte der Philosophie des 20. Jahrhunderts, S. 33; (in der Folge wird nur abgekürzt zitiert.).

[2]Husserl, Edmund: Logische Untersuchungen (Bd. 1: Prolegomena zur reinen Logik; Bd. 2 Untersuchungen zur Phänomenologie und Elemente einer phänomenologischen Aufklärung der Erkenntnis), Halle 1900/1901.

[3]Vgl. Wuchterl, Kurt: Bausteine, S. 48.

[4]Husserl, Edmund: Formale und transzendentale Logik: Versuch einer Kritik der logischen Vernunft, Halle 1929.

[5]Husserl, Edmund: Analysen zur passiven Synthesis, Den Haag 1966.

[6]Husserl: Analysen zur passiven Synthesis, S. 4.

[7]Vgl. Husserl: Passive Synthesis, S 8.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Das Wesen der passiven Synthesis bei Edmund Husserl
Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald  (Institut für Philosophie)
Veranstaltung
Passive Synthesis
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
19
Katalognummer
V142008
ISBN (eBook)
9783640498833
ISBN (Buch)
9783640499007
Dateigröße
445 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Phänomenologie
Arbeit zitieren
Hermann Sievers (Autor), 2009, Das Wesen der passiven Synthesis bei Edmund Husserl, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/142008

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