Hinter jeder Sucht steckt eine Sehnsucht. Zur Bedeutung von Wertefragen in der Arbeit mit alkoholsüchtigen Menschen


Diplomarbeit, 2003

118 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Einleitung

1. EINFÜHRUNG IN DAS THEMA „ALKOHOL-SUCHT“
1.1 Begrifflichkeiten
1.1.1 Sucht/Abhängigkeit
1.1.2 Alkoholmissbrauch
1.1.3 Alkoholsucht
1.2 Kriterien der Alkoholsucht
1.3 Wirkungsweise von Alkohol
1.4 Erklärungsmodelle
1.4.1 Psychologische Erklärungsmodelle
1.4.1.1 Psychoanalytischer Ansatz
1.4.1.2 Objekt-beziehungstheoretischer Ansatz
1.4.1.3 Verhaltenstherapeutischer Ansatz
1.4.1.4 Familientherapeutischer Ansatz
1.4.2 Das Multifaktorielle Modell nach LOVISCACH
1.4.3 Verdeutlichung der Ursachen am Beispiel der Erwerbstätigkeit
1.4.3.1 Risikogruppen
1.4.3.2 Erwerbsleben und Suchtentwicklung
1.4.3.3 Arbeitslosigkeit
1.4.3.4 Sinnerfahrungen

2. „HINTER JEDER SUCHT STECKT EINE SEHNSUCHT?!“
2.1 Argumente zur Belegung der Hypothese
2.1.1 Ein Gedicht von SATIR
2.1.2 Die Bedürfnispyramide nach MASLOW
2.1.3 Die Selbstverwirklichungstendenz des Menschen
2.1.4 Eigene Überlegungen zur Sucht und Sehnsucht
2.1.4.1 Umkehrschluss
2.1.4.2 Zustände und Umstände
2.1.4.3 Geduld und Erwartungshaltungen
2.2 Argumente zur Widerlegung der Hypothese
2.2.1 Hormonelle Faktoren
2.2.2 Genetische Faktoren
2.2.3 Das „Sucht-Gedächtnis“
2.3 Zusammenfassende Bewertung

3. WERTEFRAGEN IN DER SUCHTHILFE
3.1 Bedeutung von „Werten“
3.1.1 Definition
3.1.2 Einfluss gesellschaftlicher Werte
3.2 Basis-Werte
3.2.1 Zunehmende Bewusstheit
3.2.2 Selbstannahme
3.2.3 Eigenverantwortung

4. DIE ARBEIT AN EINER SUCHTBERATUNGSSTELLE
4.1 Zielgruppen
4.2 Grundlagen der Einrichtung
4.2.1 Menschenbild
4.2.2 Suchtverständnis
4.2.3 Arbeitsansatz
4.3 Aufgabenbereiche der Suchtberatungsstelle
4.3.1 Diagnostik
4.3.2 Beratung
4.4 Die Rolle des Beraters
4.4.1 Grundhaltung des Beraters
4.4.1.1 Mein Menschenbild
4.4.1.2 Kennzeichen des personenzentrierten Ansatzes nach ROGERS
4.4.2 Ziele der Beratung
4.4.3 Einfluss der Werte des Beraters auf den Beratungsprozess
4.5 Verdeutlichung anhand einer Fallgeschichte
4.5.1 Die Geschichte von Frau Schneider
4.5.1.1 Vorgeschichte von Frau Schneider
4.5.1.2 Auszüge aus den Beratungsgesprächen
4.5.1.3 Weitere Entwicklung von Frau Schneider
4.5.2 Resümee

5. HANDLUNGSANSÄTZE
5.1 Ganzheitliche Schulung
5.2 Unterrichtsfach „Ethik“
5.3 Ausweitung der ambulanten Therapie
5.4 Arbeitskreis „Wertefragen in der Suchthilfe“
5.5 Einbeziehung der Medien

6. SCHLUSSWORT 114

Literaturverzeichnis 114

Anhang 117

Vorwort

Ich möchte an dieser Stelle einigen Menschen meinen Dank aussprechen, die mir bei der Erstellung dieser Arbeit - sei es bewusst oder unbewusst - sehr geholfen haben.

- Ich danke Sri Sathya Sai Baba für seine Unterstützung und Führung bei der Erstellung dieser Arbeit und darüber hinaus - dass ich dieser göttlichen Kraft immer vertrauen durfte, insbesondere dann, wenn mein Vertrauen in mich zu schwanken drohte,
- ich danke meinen Eltern, ohne deren Unterstützung ich nicht mit dem Studium der Sozialarbeit hätte beginnen können,
- ich danke meinem Lebensgefährten Manfred Bertram, der mir bei stilistischen „Feinheiten“ half, die Durchsicht des Manuskripts übernahm, mich durch manches Wort inspirierte und mir den emotionalen Rückhalt gab - ich danke ihm für seine Liebe,
- ich danke meinem geduldigen Freund und Kollegen Alfred Gscheidle, durch dessen Vertrauen und Initiative ich erst die Möglichkeit bekam, an einer Beratungsstelle zu arbeiten u n d
- ich danke all meinen Klienten, von denen ich so viel lernen durfte.

Einleitung

Als ich Ende 1999 mein Studium an der Fachhochschule für Sozialwesen in Esslingen aufnahm, konnte ich noch nicht ahnen, dass mich mein Weg mehr und mehr in den Bereich der Beratungsarbeit und hier speziell in den Bereich der Sucht führen sollte.

Durch mein erstes Praktikum an der Psychosozialen Beratungsstelle Nürtingen

(Baden-Württemberg) wurde mir aber ziemlich schnell klar, wie „nah“ mir die Beratung von Menschen mit Alkoholproblemen war und wie gern ich diese Arbeit tat. Als ich Ende 2001 durch die Initiative eines guten Freundes und Kollegen die Möglichkeit bekam, an der Psychosozialen Beratungsstelle als Honorarkraft zu arbeiten, konnte ich meine Erfahrungen und Erkenntnisse weiter ausbauen und vertiefen.

Bedingt durch eine fast zwei Jahre andauernde persönliche Krise, in der ich auch Erfahrungen mit der missbräuchlichen Verwendung von Alkohol machte, waren mir die Probleme von Alkoholsüchtigen - ihre Verzweiflung und ihr Leiden - nicht unbekannt, sondern vertraut.

Aufgrund meiner persönlichen und beruflichen Erfahrungen keimte in mir alsbald der Verdacht auf, dass sich hinter der Sucht mehr als „nur“ eine Erkrankung verbarg: denn in der Beratung sprachen die Betroffenen mit mir auch über ihre Wünsche, Bedürfnisse und Sehnsüchte, auch wenn diese noch ganz wage waren. Die Ausprägung der Sucht glich dabei eher einer orientierungslosen Suche, da die wenigsten wussten, nach was oder wo sie suchen sollten. Je bewusster sie sich aber ihrer Sehnsüchte wurden, um so strukturierter wurde auch ihre Suche. Das süchtige Verhalten schien eine ganz neue Funktion zu bekommen.

Diese Beobachtung faszinierte mich und zunehmend interessierte mich auch die Frage, welche Rolle dabei die Wertvorstellungen des einzelnen spielten. Aus diesen Überlegungen heraus entstand das Thema dieser Diplomarbeit.

In dieser Arbeit werde ich untersuchen, ob Sehnsüchte für das Suchtverhalten eine Rolle spielen, wie diese möglicherweise „Sucht“ beeinflussen und welche Bedeutung dabei Wertefragen haben. Ich halte diese Fragen in der Sozialen Arbeit für bedeutsam, weil ich davon ausgehe, dass jeder Mensch auf die ein oder andere Art und Weise Erfahrungen mit Sehnsüchten und/oder süchtigen Verhaltensweisen gemacht hat.

Ebenso sieht sich wohl jeder Mensch irgendwann in seinem Leben mit Wertefragen konfrontiert. Und wenn dies so sein sollte, dann muss sich auch die Sozialarbeit/Sozialpädagogik und hier speziell die Suchthilfe mit diesen Themen auseinandersetzen.

Im ersten Kapitel gebe ich einen ausführlichen Überblick zum Thema der „Alkohol-Sucht“, um das Verständnis von Menschen mit Suchtproblemen zu fördern.

Dabei kläre ich zunächst einige Begrifflichkeiten. Ich versuche den Unterschied von Sucht und Abhängigkeit - so wie ich ihn verstehe - deutlich zu machen und zu begründen, warum ich in dieser Arbeit eher den Begriff „Alkoholsucht“ als den Begriff „Alkoholabhängigkeit“ verwende.

In Kapitel 2. wird die Hypothese „Hinter jeder Sucht steckt eine Sehnsucht“ von Verginia SATIR auf ihr Für und Wider untersucht, um mögliche Zusammenhänge zwischen Sucht und Sehnsucht aufzuzeigen. Dieses Kapitel erforderte den größten Zeitaufwand, da sowohl Argumente für, als auch gegen die Hypothese in der Literatur gefunden werden mussten, was nicht ganz einfach war. Eigene Überlegungen zu diesem Thema und eine persönliche Bewertung dieser Zusammenhänge sollen das Kapitel abrunden.

Im Kapitel „Wertefragen in der Suchthilfe“ werde ich genauer auf die Bedeutung von Wertefragen in der Arbeit mit Suchtkranken eingehen, Definitionen zu Werten geben und den Einfluss gesellschaftlicher Werte darstellen. Dabei erörtere ich Basis-Werte, die mir für die Arbeit mit Suchtkranken bedeutsam erscheinen.

Im vierten Kapitel stelle ich allgemein die Arbeit an einer Psychosozialen Beratungsstelle vor, um einen Einblick in dieses Tätigkeitsfeld zu geben. Welche Bedeutung dabei der Rolle des Beraters zukommt, habe ich ebenfalls dargestellt, da ich diese Rolle als mit entscheidend für das Gelingen der Beratung sowie für die Weiterentwicklung des Klienten ansehe. Die in diesem Zusammenhang auftauchenden Begriffe „Beratung“ und “Therapie“ werde ich synonym verwenden, da für mich prinzipiell kein Unterschied in diesen Methoden besteht. Anhand einer Fallgeschichte verdeutliche ich meine praktische Tätigkeit. Danach führe ich mögliche, auch präventive Handlungsansätze an, um Anstöße für weitere Überlegungen zu den angeführten Themen zu geben.

Im Schlusswort erläutere ich meine persönliche Sichtweise zur Erstellung dieser Arbeit und stelle Ausblicke für die Zukunft an bzw. werfe Fragen auf, deren Untersuchung mir über diese Arbeit hinaus wichtig erscheinen.

Diese Arbeit verwendet die Methode der Literaturanalyse, bestehend aus fachspezifischer, spiritueller, philosophischer und psychologischer Literatur. Sie wird ergänzt und unterstützt durch Inhalte meines Studiums sowie durch persönlich und beruflich gemachte Erfahrungen aus den Gesprächen in der Beratungsarbeit und den Gesprächen in meiner Psychotherapie.

Ich habe bewusst auf die einzelnen Behandlungsangebote der Suchthilfe sowie die Formen und Ausprägungen der Alkoholsucht verzichtet, um den Rahmen dieser Arbeit nicht zu sprengen. Auch auf die Bedeutung anderer Suchtformen bin ich nicht eingegangen, da die Behandlung und Beratung von Menschen mit Alkoholproblemen in der angeführten Suchtberatungsstelle einen Schwerpunkt darstellt. Außerdem liegt mir das Thema „Alkohol“ am nächsten. Dies soll aber nicht bedeuten, dass andere Suchterkrankungen weniger bedeutsam wären.

Begrifflichkeiten, welche im Rahmen dieser Arbeit Verwendung finden, werde ich im Text näher erläutern und Definitionen geben.

Diese Arbeit schreibe ich auch für alle interessierten Menschen; für all diejenigen, denen ich mich aufgrund ihres „Leidens“ geistig verbunden fühle; für all meine ehemaligen und heutigen Klienten sowie für die Berater im Rahmen der Suchthilfe und darüber hinaus.

Angeführte Lebensweisheiten oder Geschichten dienen zur Anregung und Auflockerung der Arbeit.

Verwendete Internetadressen habe ich in die Fußnoten gestellt, da sie wegen ihrer Länge den Lesefluss behindert hätten. Zur Erleichterung des Leseflusses wurde daher auch nur die männliche Geschlechtsform verwendet, wobei selbstverständlich diese Form die weibliche mit einschließt.

Was wir wissen, ist ein Tropfen. Was wir nicht wissen, ein Ozean.

(Isaac Newton)

1. Einführung in das Thema „Alkohol-Sucht“

1.1 Begrifflichkeiten

1.1.1 Sucht/Abhängigkeit

„Sucht“ und „Abhängigkeit“ haben heutzutage sowohl im gesellschaftlichen Sprachgebrauch, als auch in der Suchthilfe und in der Literatur nahezu die gleiche Bedeutung.

Früher wurde mit dem Begriff „Sucht“ etwas „ Sündiges “ verbunden. Etwas Negatives, Abwertendes und „ ...Schwächliches klingt hier an “ (SCHNEIDER, 1998, S. 11), was viele auch heute noch mit „Sucht“ in Verbindung bringen.

Deshalb ersetzte die Weltgesundheitsorganisation in ihren Schriften offiziell das Wort „Sucht“ durch „Abhängigkeit“, da sie ihn als zu negativ besetzt ansahen (vgl. SCHNEIDER, 1998, S. 11). Ich teile diese Ansicht nicht, da für mich der Begriff „Sucht“ eine Zielrichtung, eine Absicht beinhaltet, die wir im Begriff „Abhängigkeit“ so nicht finden. Diese Aussage unterstützt Ralf SCHNEIDER, wenn er schreibt:

„“ Sucht “ weist aber auf Anteile des Verhaltens und Erlebens hin, dieüber das

hinausgehen, was wir im allgemeinen mit „ Abhängigkeit “ verbinden: abhängig sind wir v o n etwas, süchtig sind wir n a c h oder a u f etwas “ (SCHNEIDER, 1998, S.11).

Außerdem taucht das Wort „Sucht“ auch in folgenden Begriffen auf, die im Rahmen dieser Arbeit Verwendung finden:

- Suchtkranke, Suchtkrankenhilfe und -einrichtungen,
- Suchtberatungsstelle und Suchtberater,
- Suchterkrankung und Suchtmittel sowie
- Sehnsucht

Daher benutze ich im folgenden den Begriff „Alkoholsucht“ anstatt dem sonst in der Suchthilfe verwendeten und geläufigeren Begriff „Alkoholabhängigkeit“.

Sowohl Wilhelm FEUERLEIN1 und SCHNEIDER2 als auch die herrschende Lehrmeinung der Fachhochschule für Sozialwesen Esslingen vertreten die Ansicht, dass es so etwas wie „d i e“ Sucht und damit „d e n“ Süchtigen oder eine sog. „Sucht-Persönlichkeit“ nicht gibt. Die Wissenschaft begründet dies damit, dass bei allen untersuchten Suchtkranken keine einheitlichen, immer wiederkehrenden oder gleichbleibenden Merkmale festgestellt werden konnten, die zur Abhängigkeit führen. Bei diesen Suchtkranken konnten eher bestimmte Eigenschaften gefunden werden, die gehäuft auftraten:

- Tendenz zur Problemvermeidung
- Selbstunsicherheit
- Abhängigkeit von anderen
- geringe Fähigkeit, sich selbst zu beherrschen oder Unannehmlichkeiten zu ertragen (geringe Frustrationstoleranz)
- Gefühlsverdrängung
- häufig schlechte Stimmung und mangelndes Wohlbefinden

(vgl. SCHNEIDER, 1998, S. 67).

Die besagte Lehrmeinung, mit der ich gänzlich übereinstimme, geht des weiteren davon aus, dass jeder Mensch in Abhängigkeitsstrukturen lebt und die menschliche Lebensbewältigung in einem Sucht- und Abhängigkeitskontext steht. Das bedeutet, das Sucht und Abhängigkeit einfach zum menschlichen Leben dazugehören.

Sucht wird demzufolge als eine Art „Antriebserlebnis“ verstanden: Das Suchtmittel3 diente ursprünglich dazu, bestimmte Dinge, Alltagssituationen oder Probleme zu regeln und/oder zu bewältigen oder um bereits bestehende Abhängigkeiten zu kontrollieren und zu regeln. Diese ganzheitliche Annahme sieht Sucht und Abhängigkeit in erster Linie als problemlos, wenn Menschen in ihren problemlosen Suchtstrukturen verbleiben und das Suchtmittel so einsetzen, dass es dem Zweck dient und damit umgegangen werden kann. Wenn allerdings das Suchtmittel ständig und wiederholt als Mittel zur Steigerung der Lebensintensität benutzt wird, können sich bereits bestehende Abhängigkeitsstrukturen und die bereits existierenden Probleme verdoppeln - der Teufelskreis beginnt. Der Gebrauch eines Genussmittels führt dann häufiger zum Missbrauch und kann schließlich in einer Suchterkrankung enden.

Obwohl das Wort „Sucht“ nicht von „Suchen“ kommt, sondern sich von „siech“ ableitet, was „leiden“ oder „krank“ bedeutet, beinhaltet es nach dieser Lehrmeinung doch zwei Aspekte:

1. das „Suchen“ u n d 2. das „Siechen“. Auf diese Aspekte weise ich an dieser Stelle lediglich hin. Dieser Hinweis dient als Vorbereitung zu den Ausführungen, welche ich im
2. Kapitel „Hinter jeder Sucht steckt eine Sehnsucht“ machen werde.

Ein weiteres Charakteristikum der Sucht ist ein „genussloses“ Verschlingen, das nie zu einem Gefühl der Sättigung führt. Genussfähigkeit ist aber notwendig, damit der Mensch sich mit der Welt verbinden kann und so eine Bereicherung erfährt. Die Genussunfähigkeit ist auch mit einer Unfähigkeit des Verzichts und des Wartens4 verbunden, was zu einem allen Suchtkrankheiten gemeinsamen Leiden führt5.

Hinter der Sucht stecken also eine Vielzahl von Ursachen, Entstehungsbedingungen, Ausprägungen, Erscheinungsformen und letztendlich der Mensch als „Symptomträger“ der Sucht. Eine einheitliche Definition von Sucht gibt es daher (noch) nicht. Deshalb habe ich versucht, eine eigene Definition von Sucht zu geben. Dieser Definitionsversuch bezieht Elemente der vorangegangenen Ausführungen ebenso mit ein, wie meine persönliche Sichtweise von Sucht:

„ Sucht ist ein menschliches „ Antriebserlebnis “ , welches auf eine tieferliegende Sehnsucht hindeutet und als eine „ Suche “ nach Erfüllung verstanden werden kann. Das eingesetzte „ Suchtmittel “ diente ursprünglich dazu, bestimmte Dinge, Alltagssituationen oder Probleme zu bewältigen und/oder um bereits bestehende Abhängigkeiten (z.B. Beziehungssucht) zu kontrollieren und zu regeln. Die zunehmende Einnahme des Suchtmittels geht aber mit einem Verlust der persönlichen Freiheit einher, da der Konsum nicht mehr kontrolliert werden kann. Der Betroffene sehnt sich dabei zwanghaft nach dem Suchtmittel, welchen er als Ersatz für seine eigentlichen Bedürfnisse (z.B. nach Liebe, Anerkennung, Sicherheit, Geborgenheit etc.) einsetzt. “ Auf eine Form der Sucht, der Alkoholsucht, gehe ich im folgenden genauer ein und erläutere dabei zunächst den Begriff „Alkoholmissbrauch“ .

1.1.2 Alkoholmissbrauch

Viele Alkoholkonsumenten sind sich nicht darüber im klaren, dass sie den Alkohol nicht nur gebrauchen, sondern zeitweise Missbrauch betreiben.

Alkoholmissbrauch definiert SCHNEIDER folgendermaßen.

Wenn...:

1. zu unpassender Gelegenheit (beim Autofahren, Arbeit, Schwangerschaft) o d e r
2. bis zum Rausch o d e r
3. zur Besserung einer gestörten seelischen Befindlichkeit („Seelentröster“) o d e r
4. langfristig übermäßig, (d.h. für Männer täglich mehr als 40 g, für Frauen mehr als 20 g Alkohol6 )

Alkohol konsumiert wird, liegt missbräuchlicher Alkoholkonsum vor (vgl. SCHNEIDER, 1998, S. 61).

So kann davon ausgegangen werden, dass die Mehrzahl der Bevölkerung immerhin zeitweise Suchtmittelmissbrauch betreibt, ihren Konsum aber noch kontrollieren kann und der Alkohol noch keine Macht über ihr Leben hat. Hier wird deutlich, wie stark die Grenzen von Gebrauch und Missbrauch ineinander überfließen können und wie schwer sich eine Gesellschaft damit tut, das eine als sozial verträglich und das andere als sozial schädlich einzustufen. Nach offiziellen Schätzungen beträgt die Anzahl der Menschen mit missbräuchlichem Alkoholkonsum in der Bundesrepublik Deutschland derzeit ca. 2,7 Millionen.

1.1.3 Alkoholsucht

Die Anzahl alkoholsüchtiger Menschen beläuft sich in Deutschland auf derzeit ca. 1,7 Millionen7. Die Zahlen zur Alkoholsucht sowie zum Alkoholmissbauch dürften aber eher als zu niedrig angesehen werden, da in diesen Bereichen von einer hohen Dunkelziffer ausgegangen wird.

1968 hatte das Deutsche Bundessozialgericht die Alkoholsucht, auch unter dem Begriff „Alkoholismus“8 bekannt, als Krankheit anerkannt. Dieser Krankheitsbegriff hatte viele positive Auswirkungen auf die Entwicklung und den Ausbau therapeutischer Suchthilfeeinrichtungen. Auch der Betroffene hatte nun die Möglichkeit, sich selbst nicht mehr als „willensschwach“ oder „labil“, sondern als krank zu sehen. Und wer „krank“ ist, hat ein Recht auf Hilfe. Er hat einen Anspruch darauf, weil er diese Erkrankung nicht gänzlich selbst „verschuldet“ oder zu verantworten hat.

Alkoholsucht bzw. Alkoholismus wird mittlerweile von Fachleuten in den USA folgendermaßen definiert:

„ Alkoholismus ist eine primäre, chronische Krankheit, deren Entstehung und Manifestation durch genetische, psychosoziale und umfeldbedingte Faktoren beeinflusst wird. Sie schreitet häufig fort und kann tödlich enden. Alkoholismus wird durch eine Reihe von dauernd oder zeitweilig auftretenden Kennzeichen charakterisiert: durch die Verschlechterung des Kontrollvermögens beim Trinken und durch die vermehrte gedankliche Beschäftigung mit Alkohol, der trotz besseren Wissens um seine schädlichen Folgen getrunken und dessen Konsum häufig verleugnet wird “ (FREUNDESKREISE, 3/2002, S. 7)

In den vergangenen Jahren wurde der Krankheitsbegriff aber immer wieder von Seiten der Sozialarbeiter/Sozialpädagogen, der Psychologen und Philosophen heftig kritisiert. Sie sind der Ansicht, dass die Sichtweise einer „Erkrankung“ den Betroffenen nicht völlig schützen würde. Sie sehen die Alkoholsucht eher als gelerntes Verhalten9. Des weiteren geben sie zu bedenken, dass der Begriff mit einer Stigmatisierung, d.h. einer Art „Brandmarkung“ verbunden ist.

Ich erwähne hier nur kurz, dass es in unserer Gesellschaft „solche“ und „solche“ Krankheiten gibt: anerkannte und weniger anerkannte; „anständige“ und „unanständige“ Krankheiten. Der Herzinfarkt oder Diabetes sind beispielsweise anerkannte, „anständige“ Krankheiten, für die der Betroffene „nichts“ kann. Das Mitfühlen seines sozialen Umfelds ist ihm weitgehend sicher.

Dagegen wird Alkoholsucht üblicherweise weniger anerkannt, da ihr immer noch das Stigma des „Schwächlichen“ anhaftet: „ Wie konnte er es nur so weit kommen lassen? “ oder „ Die ist ja selbst dran schuld! “ sind weit verbreitete Meinungen. Diese Frage oder Feststellung ist nicht generell falsch oder gänzlich von der Hand zu weisen - sie wird den Diabetikern oder Herzinfarktpatienten nur zu selten oder gar nicht gestellt.

So wird mittlerweile in der Medizin, der Philosophie und den Naturwissenschaften viel öfter die Meinung vertreten, dass der Körper erst dann eine Krankheit produziert, wenn Geist und/oder Seele bereits krank sind. Negatives Denken und Handeln den Körper als letzte Instanz dazu veranlasst, den Mensch auf dieses „ungesunde“ Verhalten aufmerksam zu machen.

Alkoholsucht, Herzinfarkt sowie eine Form der Zuckerkrankheit oder manche Gefäßleiden weisen aber folgende Gemeinsamkeiten einer chronischen Erkrankung auf:

1. die Lebensführung scheint bei den Erkrankungen eine wichtige Rolle zu spielen => Ernährungsgewohnheiten, Rauchen, Bewegungsmangel und Schwierigkeiten im Umgang mit Stress und Belastungen
2. eine Besserung der Erkrankung kann nur über Verhaltens- und Gewohnheitsänderungen erzielt werden
3. Behandlungsziel besteht u.a. in der Vermittlung der Fähigkeit, mit Belastungen anders umgehen und mehr Lebensfreude entwickeln zu können
4. Erbfaktoren scheinen eine Rolle zu spielen, welche die Betroffenen empfänglicher für das Entstehen der Erkrankung machen

(vgl. SCHNEIDER, 1998, S. 102 f.)

Für wichtig erachte ich, dass trotz dem Krankheitsbegriff die Pathologisierung, d.h. die Berücksichtigung der krankhaften Auswirkungen auf Körper, Geist und Seele, nicht im Vordergrund der Beratungsarbeit stehen sollten.

Es sollte viel eher die Möglichkeit eröffnet werden, an den Stärken, Ressourcen und Fähigkeiten des Menschen anzusetzen, als eine problemorientierte, ausweglose und chronische Sichtweise in den Mittelpunkt der Betrachtungen zu rücken.

Auf die einzelnen Kriterien einer Alkoholsucht werde ich als nächstes eingehen.

- „ Es kann nichts geben, was ein Geisteswandel nicht beeinflussen kann, denn alleäußerlichen Dinge sind nur Schatten einer bereits getroffenen Entscheidung.ändere die Entscheidung, wie kann dann ihr Schatten unverändert bleiben? “ (aus: Ergänzung zu ein Kurs in Wundern)

1.2 Kriterien der Alkoholsucht

Nach FEUERLEIN zeichnet sich eine Suchterkrankung

- ein Alkohol-Abhängigkeits-Syndrom - durch folgende Symptome aus:

1. Auftreten von Entzugserscheinungen
2. Auftreten von Toleranzveränderungen (es wird mehr Alkohol benötigt, um die gleichen Wirkungen zu erzielen)
3. Alkoholkonsum, um die Entzugssymptome zu mildern ...
4. Starker Wunsch oder eine Art Zwang, Alkohol zu konsumieren
5. Verminderte Kontrollfähigkeit über Beginn, Beendigung und Menge des Alkoholkonsums
6. Eingeengtes Verhaltensmuster im Umgang mit Alkohol (Konsum bei unüblichen Gelegenheiten)
7. Fortschreitende Vernachlässigung anderer Vergnügen oder Interessen zugunsten des Alkoholkonsums
8. Anhaltender Alkoholkonsum trotz des Wissens um dessen schädliche Folgen (FEUERLEIN, 1996, S. 15).

Nach medizinischen Gesichtspunkten steht hierbei die Intoxikation, also die periodisch, dauerhaft wiederkehrende „Vergiftung“ des Körpers, des Geistes und der Seele mit Auswirkungen auf das gesamte soziale Umfeld im Vordergrund.

Der Zwang, das Suchtmittel Alkohol zu konsumieren, geht mit dieser Intoxikation einher. Es besteht der Zwang, den Prozeß immer und immer wieder in Gang bringen zu müssen.

Welche Wirkung dabei der Alkohol auf den Organismus hat, führe ich im nächsten Unterkapitel genauer aus.

- „ Das Leben kann nur in der Schau nach rückwärts verstanden und in der Schau nach vorwärts gelebt werden. “ (Sören Kierkegaard)

1.3 Wirkungsweise von Alkohol

Jedes Suchtmittel (Alkohol, Medikamente, illegale Drogen etc.) fördert eine Veränderung des Bewusstseinszustandes, da es auf einen Teil des limbischen Systems (Bereich im Zwischenhirn), auch „Belohnungssystem“ genannt, wirkt.

Dieser Teil steuert die emotionale Befindlichkeit und ist für unsere Gefühle zuständig. Wegen dieser Veränderung der psychischen Befindlichkeit werden solche Suchtmittel auch als psychotrope10 Substanzen bezeichnet (vgl. SCHNEIDER, 1998, S. 14).

Durch die Einnahme z.B. von Alkohol, werden negative Gefühle gedämpft, abgeschwächt, reduziert oder verändert. Positive Gefühle finden jedoch zu Beginn des Alkoholkonsums eine deutliche Verstärkung, die sich aber bei zunehmender Alkoholmenge deutlich abschwächen und ins Gegenteil verkehren können.

So können Sinneseindrücke anders und intensiver wahr genommen werden; das Empfinden lockert sich; Gefühle der Entspannung und Gelöstheit treten auf. Alltagsprobleme werden subjektiv als kleiner und unbedeutender erlebt und treten vorübergehend in den Hintergrund. Die Realität wird verdrängt und übermäßige Gedankenaktivitäten reduziert. Dabei wird ein Gefühl der Harmonie - ein „Sich-eins-fühlen“ mit anderen und dem ganzen Universum - angestrebt.

Die gesamte Selbstkontrolle lockert sich, was als zentrale Funktion der Einnahme von Alkohol gesehen wird (vgl. SCHNEIDER, 1998, S. 18 f.).

Die Gefahr eines vermehrten und dauerhaften Konsums von Alkohol besteht aber darin, dass sich die Wahrscheinlichkeit einer psychischen und körperlichen Abhängigkeit erhöht und eine Suchterkrankung die Folge sein kann.

Auf die Auswirkungen des schädlichen Alkoholkonsums wird aber nicht weiter eingegangen11.

Im folgenden werden diejenigen Erklärungsmodelle einer Suchterkrankung aufgeführt, die im Hinblick auf das Thema „Sehnsucht“ und im Zusammenhang mit „Werten“ bedeutsam sein könnten.

Die Krücken

„ Sieben Jahre wollt kein Schritt mir glücken. Als ich zu dem großen Arzte kam,

Fragte er: Wozu die Krücken? Und ich sagte: Ich bin lahm.

Sagte er: Das ist kein Wunder, Sei so freundlich zu probieren! Was dich lähmt ist dieser Plunder.

Geh, fall, kriech auf allen vieren!

Lachend wie ein Ungeheuer

Nahm er mir die schönen Krücken, Brach sie durch auf meinem Rücken, Warf sie lachend in das Feuer.

Nun, ich bin kuriert: ich gehe. Mich kurierte ein Gelächter. Nur zuweilen, wenn ich Hölzer sehe, Gehe ich für Stunden etwas schlechter. “ 12

(Bert Brecht)

1.4 Erklärungsmodelle

Es gibt eine Vielzahl von Erklärungsversuchen zur Alkoholsucht.

Die aufgeführten Erklärungsmodelle haben daher auch keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Sie wurden in dieser Form an der FH für Sozialwesen in Esslingen im Wahlbereich „Sucht“13 unterrichtet. Da ich diese Ausführungen für in sich schlüssig und nachvollziehbar halte, habe ich sie aus meinen Studienunterlagen übernommen. Anmerken möchte ich an dieser Stelle, dass ich im Kapitel 2.2 weitere Erklärungsmodelle angeführt habe. Da diese aber als Argument zur Widerlegung der Hypothese „Hinter jeder Sucht steckt eine Sehnsucht“ verwendet und somit ausführlicher dargestellt werden, wurden sie in die folgende Auflistung nicht aufgenommen. Des weiteren wollte ich durch dieses Vorgehen Doppelnennungen vermeiden.

1.4.1 Psychologische Erklärungsmodelle

1.4.1.1 Psychoanalytischer Ansatz

In der Psychoanalyse wird davon ausgegangen, dass der Alkohol früher als Mittel zur Steigerung des Lustgewinns getrunken wurde, heute jedoch zur Dämpfung und/oder Vermeidung von Unlustgefühlen eingesetzt wird.

Bei dem Betroffenen besteht eine Unfähigkeit, sich auf andere Art und Weise diese Unlustgefühle zu nehmen. Ihm fehlen Alternativen oder andere Bewältigungsstrategien. Der Betroffene hat des weiteren mit sogenannten „Ich“-Schwächen zu kämpfen und es bestehen Schwierigkeiten mit der Bewältigung der Realität. Dem Betroffenen fällt es schwer, seine Realität differenziert wahrzunehmen. Er erlebt seine Gefühle diffus14 und hat keinen konkreten Zugang zu diesen. Der Suchtkranke ist sehr empfänglich für Vorwürfe und setzt den Alkohol als kompensatorisches Mittel ein.

1.4.1.2 Objekt-beziehungstheoretischer Ansatz

Nach diesem Ansatz haben zwischenmenschliche Beziehungen und Geschehnisse sowie daraus resultierende Konflikte einen hohen Stellenwert für den Betroffenen. Folgende Fragen stehen beim Betroffenen im Vordergrund:

- „Wie wichtig bin ich?“ u n d
- „ Wie wichtig sind andere?“

Erlebnisse im frühen Kindesalter prägen das heutige Selbstgefühl und Selbstwertgefühl.

Sein „Urvertrauen“ wurde durch schmerzliche Erlebnisse in der Kindheit z.B. sexueller Missbrauch, gestört. Der objekt-beziehungstheoretische Ansatz geht des weiteren davon aus, dass Menschen, deren Erlebnisse und Erfahrungen in dieser Zeit defizitär waren, in ihrem Inneren eine Art „Selbsthass“ entwickelt haben.

Das Gefühl, es nicht wert zu sein, herrscht vor. Dieses Gefühl richtet sich nach außen durch Aggressionen, Wutausbrüche und Gewalt und nach innen durch selbstzerstörerisches Verhalten oder Selbstverletzungen etc.. Aufgrund des gestörten „Urvertrauens“ unterteilt der Betroffene seine „Welt“ in Freunde und Feinde.

In diesem Zusammenhang stellt dieser Ansatz klar heraus, dass nicht jeder, der schlimme Erfahrungen gemacht hat, diese Tendenzen zwangsläufig entwickeln muss. Doch fast bei jedem, der sie hat, lassen sich in der Vergangenheit schlimme Erfahrungen finden.

1.4.1.3 Verhaltenstherapeutischer Ansatz

Dieser Ansatz geht zunächst einmal davon aus, dass Alkoholsucht ein Verhalten darstellt, welches unter bestimmten Bedingungen erlernt wurde und somit auch wieder verändert werden kann.

Durch den Einsatz von Alkohol sollen negative Verstimmungen beendet, die Stimmung „aufgemöbelt“ oder Entzugssymptome reduziert werden.

Des weiteren assoziiert der Betroffene bestimmte Situationen mit Gefühlen z.B. Gemütlichkeit, Entspannung, Belohnung etc..

Auch Unsicherheiten und Verhaltensdefizite versucht der Betroffene über den Alkohol auszugleichen.

Das „Ich“ steht im Mittelpunkt. Eine starke Ich-Bezogenheit oder Ego-Zentrik mit hohen Erwartungen an das eigene „Ich“ ist festzustellen. Der Betroffene nimmt sein Selbst undifferenziert wahr und hat wenig Kenntnis von seinen Stärken und Schwächen bzw. betont seine Schwächen über. Weiterhin stimmt sein Selbstbild nicht mit dem Fremdbild überein.

Als Schutz vor Verletzungen wurde weiterhin eine Art „Größen-Wahn“ festgestellt.

1.4.1.4 Familientherapeutischer Ansatz

Der familientherapeutische Ansatz geht von dem Faktor „gegenseitiger Bedingtheit“ aus, d.h. dass nicht nur der „Alkoholiker“ als Symptomträger, sondern das gesamte Familiengefüge betrachtet werden muss.

Das „Trinken“ hält das gesamte System - die Familie - am Laufen.

Die Angehörigen sehen sich dabei als „hilflose Helfer“ im System und charakterisieren sich durch Co-Abhängigkeitstendenzen15.

Zwischen den einzelnen Teilnehmern des Systems besteht sowohl ein Zusammenhang nach innen (Familienkreis), als auch nach außen (Arbeitgebern, Freunde, Nachbarn).

Fragen der Funktionalität16 stehen im Vordergrund. Eine Veränderung des Systems kann daher nur auf der Freiwilligkeit der Familienmitglieder basieren.

1.4.2 Das Multifaktorielle Modell nach LOVISCACH

Für LOVISACH spielen mehrere Faktoren beim Entstehen einer Sucht zusammen.

Dabei sieht er sowohl die gesamte Lebenseinstellung eines Menschen, als auch dessen gesamtes Lebensumfeld als ursächlich für eine Suchtentstehung an. Dieses Zusammenspiel unterschiedlicher Faktoren hat er in seinem Multifaktoriellen Modell veranschaulicht.

Abb.1: Das Multifaktorielle Modell nach Loviscach (1996):

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Hierbei bedingen sich alle fünf Faktoren gegenseitig, d.h. all diese Faktoren können Einfluss auf die Entwicklung einer Alkoholsucht nehmen. Was genauer unter Gesellschaft, Kultur, Gruppe, Persönlichkeit und Suchtmittel zu verstehen ist, soll folgende Übersicht verdeutlichen.

Abb. 2: Bestandteile der einzelnen Faktoren

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Dieses Modell bezieht auch die Werte und Normen der Gesellschaft, der Gruppe, der Kultur und der Persönlichkeit mit ein, auf welche ich im Kapitel „Wertefragen in der Suchthilfe“ noch ausführlicher eingehe.

Im folgenden versuche ich die Ursachen am Beispiel der Erwerbstätigkeit zu verdeutlichen Dabei führe ich zunächst einige Risikogruppen an, um dann zu erörtern, welche Wertvorstellungen Suchtkranke mit dem Erwerbsleben verbinden und welchen Einfluss diese auf die Suchtentwicklung haben können. Auch auf den Faktor „Arbeitslosigkeit“ werde ich in diesem Zusammenhang kurz eingehen. Eine Untersuchung des Psychologischen Instituts III der Universität Hamburg soll dieses Unterkapitel abrunden.

1.4.3 Verdeutlichung der Ursachen am Beispiel der Erwerbstätigkeit

1.4.3.1 Risikogruppen

Einige Gruppen werden nach SCHNEIDER als besonders gefährdet im Hinblick auf die Ausprägung einer Alkoholsucht angesehen:

- alle Berufs- und Altersgruppen können suchtkrank werden
- besonders gefährdet gelten Angehörige sog. „Alkoholberufe“; also solche Berufe, die mit dem Vertrieb und der Herstellung von Alkohol zu tun haben z.B. Gastwirte und Kellner
- förderlich für vermehrten Alkoholkonsum sind langweilige Routineaufgaben bei gleichzeitiger geringer Kontrolle
- verheiratete Frauen ohne Berufstätigkeit sind gefährdet
- alleinstehende Frauen und alleinstehende Männer werden häufiger suchtkrank, als verheiratete
- untere soziale Schichten sind bei der Alkoholerkrankung jedoch überrepräsentiert
- eine gesicherte Anstellung und abgeschlossene Ausbildung gilt als bedeutsam im Hinblick auf das Selbstwertgefühl
- Arbeitslosigkeit gilt als großer Risikofaktor
- Belastungen am Arbeitsplatz führen vermehrt zu erhöhtem Alkoholkonsum (vgl. SCHNEIDER, 1998, S.69).

1.4.3.2 Erwerbsleben und Suchtentwicklung

Aldo LEGNARO stellt in seinem Beitrag „ Wertstrukturen in der Karriere von Alkoholikern und ihre Bedeutung für die Diagnose „ Alkoholismus “ (vgl. LEGNARO in KUYPERS, 1984, S. 31-42) eine Untersuchung vor, die den Zusammenhang zwischen dem Erwerbsleben und der Suchtentwicklung näher zu erforschen versuchte.

Diese empirische Untersuchung fand zwischen 1978 und 1980 in einer rheinischen Landesklinik mit 258 Suchtkranken statt.

80 % der Untersuchten waren Männer, 20 % Frauen.

Das Durchschnittsalter bei beiden Gruppen lag zwischen 35 - 45 Jahren.

Als empirische Methode wurden Interviewtechniken gewählt, welche die Einstellungen der Suchtkranken zur Arbeit und Arbeitswelt widerspiegeln sollten.

An diesen Einstellungen sollten sich „ individuelle Wertstrukturen...ablesen lassen... “ (LEGNARO in KUYPERS, 1984, S.32), die für den weiteren Fortgang dieser Arbeit noch von Bedeutung sein und daher an dieser Stelle aufgeführt werden.

Zwei Fragen im Rahmen des Interviews wurden hierbei näher betrachtet:

1. „ Glauben Sie, es wäre am schönsten zu leben, ohne arbeiten zu müssen? “
2. „ Welche Stunden sind Ihnen ganz allgemein am liebsten - die Stunden während

der Arbeit oder die Stunden, während Sie nicht arbeiten, oder mögen Sie beide gern? “ (vgl. LEGNARO in KUYPERS, 1984, S.33)

Hierbei wurde zusammenfassend festgestellt, dass sich nur 6,5 % der männlichen Suchtkranken ein Leben ohne „Arbeitszwang“ als erstrebenswert vorstellen konnten, wohl aber 26 % der allgemeinen Bevölkerung, der diese Fragen ebenfalls als Vergleichsgruppe unterbreitet wurden. 35,6 % der männlichen Suchtkranken hatten ihre Stunden bei der Arbeit am liebsten, wohingegen dies nur bei 3 % der Vergleichsgruppe zutraf.

Außerdem gaben 36 % der Suchtkranken an, dass die Familie zurückstehen müsse, wenn es ihr Beruf erfordere. Ergebnisse der Vergleichsgruppen fehlten in diesen Ausführungen. LEGANRO geht davon aus, dass bei den meisten männlichen Suchtkranken auch vom Bestehen einer „Arbeitssucht“ ausgegangen werden könne, welche „ ihre dominante Wert- und Handlungsorientierung ausmacht “ (LEGNARO in KUYPERS, 1984, S. 34).

Des weiteren lässt sich aus LEGNAROS Ausführungen folgern, dass nur männlichen Suchtkranken diese Fragen gestellt wurden, da Prozentangaben im Hinblick auf die Einstellungen von Frauen zum Erwerbsleben fehlen.

Dies ist vielleicht auf den geringen Frauenanteil (20 %) zurückzuführen, verdeutlicht aber sehr schön, wie die Rollenverteilung in dieser Untersuchung gesehen wurde. LEGNARO führt aber aus, dass auch Frauen Alkohol einsetzen, um ihren Rollenanforderungen besser gerecht werden zu können und um Verlassenheitsängste, Langeweile, Gefühle der Hilflosigkeit, Ohnmacht und Wut besser aushalten oder bewältigen zu können.

Diese, wenn auch schon etwas ältere Untersuchung lässt folgende, für den weiteren Verlauf dieser Arbeit bedeutsame Schlussfolgerungen zu:

- männliche Suchtkranke definieren ihren Selbstwert fast ausschließlich über den Status oder ihre Rolle im Berufsleben => dieser Status bzw. diese Rolle bestimmt weitgehend den Sinn ihres Lebens
- sie sind stark fremdbestimmt strukturiert, d.h. lassen sich ihre Zeit und ihr Leben gerne von außen bestimmen (vgl. LEGNARO, 1984, S. 34)
- sie haben somit Schwierigkeiten, ihre Freizeit sinnvoll zu gestalten oder einen Lebens-Sinn außerhalb des Erwerbslebens zu finden
- die Konsumgründe von Frauen und Männern sind unterschiedlich und hängen u.a. mit gesellschaftlich geprägten, geschlechtsspezifischen Rollenerwartungen zusammen (vgl. LEGNARO, 1984, S. 35 ff.)

LEGNARO schreibt hierzu: „ ...von Männern wird Produktion, von Frauen Reproduktion erwartet. Viele Alkoholiker haben diese männlichen Rollenanforderungen besonders intensiv verinnerlicht und suchen ihnen als Selbstaufgabe bis zur Selbstaufgabe nachzukommen; ebenso haben auch viele Alkoholikerinnen sich die weiblichen

Rollenanforderungen so zu eigen gemacht, dass autonome Verhaltensweisen nahezu ausgeschlossen sind “ (LEGNARO in KUYPERS, 1984, S. 34).

Hier wird deutlich, wie gesellschaftlich vorgegebene Geschlechterrollen, Auswirkungen auf das Alkoholverhalten und der damit einhergehenden Wertestrukturen haben. An den Einstellungen zur Arbeit konnten sich daher Werthaltungen gut ablesen lassen - Wertvorstellungen, auf die ich im 3. Kapitel noch weiter eingehen werde.

1.4.3.3 Arbeitslosigkeit

Der Zusammenhang von Arbeitslosigkeit und Suchtentwicklung ist noch nicht hinreichend erforscht. Als sicher gilt aber, dass sich bereits bestehende Alkoholprobleme intensivieren oder chronifizieren können.

So kam es bei 10 - 30 % der Arbeitslosen zumindest vorübergehend zu rauschhaften Alkoholmustern oder diese verstärkten sich.

Im Vergleich zu 5 -6 % der Berufstätigen tranken 30 % der Arbeitslosen täglich mehr als

80 Milliliter reinem Alkohol. Als besonders gefährdet gelten diejenigen, die schon vor der Arbeitslosigkeit Probleme mit Alkohol hatten oder bereits süchtig waren (vgl. FREUNDESKREIS, 3/2002, S. 13).

LEGNARO gibt dabei aber folgendes zu bedenken, wenn er schreibt: „ Die Frage, ob eine Form des Alkoholismus der Arbeitslosigkeit vorausgeht und ihre Ursache ist, oder ob Alkoholismus eher eine Folgeverhalten von Arbeitslosigkeit ist, scheint mir in diesem Zusammenhang kaum zu beantworten: beides kommt vor “ (LEGNARO, 1984, S. 36). Er geht aber davon aus, dass bei steigender struktureller Arbeitslosigkeit der Alkoholismus als Folgeverhalten eher zunehmen würde.

1.4.3.4 Sinnerfahrungen

Auch eine von Nicola RICHTER und Markus DOLL durchgeführte schriftliche Untersuchung am Psychologischen Institut III der Universität Hamburg halte ich für erwähnenswert (vgl. TAUSCH, 1994, S. 2 f).

RICHTER untersuchte hierbei 213 Personen im Durchschnittsalter von 44 Jahren und DOLL weitere 220 Personen. Alle Personen stammten aus der „allgemeinen“ Bevölkerung.

Eine ihrer Fragen lautete:

„ Was empfinde ich als sinngebend und sinnvoll in meinem Leben? (Wo spüre ich, dass mein Leben Sinn und Bedeutung hat?) “ .

Aus den Befragungen ergaben sich folgende Häufigkeiten bezüglich Sinnerfahrungen: Als „sinngebend“ sahen...

- 65 % soziale Beziehungen und andere Menschen,
- 50 % für andere etwas tun u n d
- 45 % die Arbeit, den Beruf, die Pflichten und die Aufgaben
- 25 % seelisches Wachstum an.

Dies bedeutet, dass der Faktor „Arbeit“ als Sinnerfahrung bei sog. „gesunden“ Menschen etwas in den Hintergrund rückt und soziale Beziehungen dabei als wichtiger eingestuft werden. Anders dagegen bei sog. „kranken“ Personen - hier männlichen Suchtkranken. Bei diesen steht der Faktor „Arbeit“ an erster Stelle und soziale Beziehungen werden als weniger bedeutend eingestuft: „ wenn es der Beruf erfordere, müsse die Familie dauerhaft zurückstehen “ (LEGNARO, 1984, S. 34). Das legt die Vermutung nahe, dass sich eher die „Sucht-Kranken“ mit den Werten17 „Produktivität und Leistungsfähigkeit“ identifizieren können, als die „Gesunden“. Und dies in einer Gesellschaft, in der Produktivität und Leistungsfähigkeit im Erwerbsleben hohe „Güter“ darstellen und ihre repräsentieren?!

Was der Suchtkranke eigentlich „sucht“ oder welcher Zusammenhang zwischen Sucht und Sehnsucht besteht, werde ich im nächsten Kapitel ausführlich erörtern.

- „ Gib nicht den Situationen der Vergangenheit die Schuld - es ist alleine deine Reaktion auf die Ereignisse, die dir Probleme macht. “ (E. Freitag)

Sehnsucht nach Erkenntnis

ist des Lebens Gebot.

(E. Freitag)

2. „Hinter jeder Sucht steckt eine Sehnsucht?!“

Verginia SATIR vertritt die Ansicht, dass hinter jeder Sucht eine Sehnsucht steckt.

Dies kommt deutlich in ihrem Gedicht zum Ausdruck. Da es einen Ausgangspunkt für weitere Überlegungen in dieser Richtung darstellt, wird es an dieser Stelle aufgeführt:

SehnSucht

„ Hinter jeder Sucht steckt eine Sehnsucht Jemand, der sich nach etwas sehnt

Jemand, der nach etwas sucht

Ein ungestillter Hunger nach Geborgenheit Nach Angenommensein

Hinter jeder Sucht steckt ein Mensch Der nicht satt geworden ist

Der nicht gelernt hat, seinen Hunger zu stillen Eine unerfüllte Hoffnung

Nach Glück

Nach Zufriedenheit Nach Sinn

Hinter jeder Sucht steckt eine Flucht

Jemand, der seine Realität verdrängt

Jemand der vor seinen Konflikten ausweicht Eine verzweifelte Suche

Nach Ersatz

Nach Befriedigung

- Ersatzbefriedigung -

Hinter jeder Sucht steckt eine Sehnsucht“

[...]

[...]


1 Siehe FEUERLEIN, S. 40

2 Siehe SCHNEIDER, S. 67 f.

3 Unter „Suchtmittel“ versteht man einen Stoff bzw. ein Mittel, welches bei dauerhafter Einnahme eine Suchtentwicklung begünstigen kann (siehe Kapitel 1.3).

4 siehe Kapitel 2.1.4.3

5 vgl. www.steinerschule-bern.ch/forum09_00.htm, 19.02.03

6 zur Erläuterung: 20 Gramm Alkohol entsprechen einem halben Liter Bier oder einem viertel Liter Wein

7 vgl.www.hls-ksh.de/Fachforum/Statistik/body_statistik.html, 26.02.03

8 der Begriff „Alkoholismus“ wurde 1852 vom schwedischen Arzt HUSS geprägt; A. ist eine zusammenfassende Bezeichnung für verschiedene Formen der schädigenden Einwirkungen, die übermäßiger Alkoholgenuss im Organismus hervorruft (vgl. DUDEN, 1974) => A. wird heutzutage synonym mit Alkoholabhängigkeit bzw. Alkoholsucht verwendet.

9 siehe Kapitel 1.4.1.3

10 = auf die Psyche einwirkend

11 Hinweis Literaturliste => Interessierten wird „Die Suchtfibel“ von Ralf Schneider empfohlen.

12 siehe auch: Stahl, C., 1990, S. 33 ff.

13 Seminare von Prof. Baumann und Prof. Köckeritz; Sommersemester 2001

14 = unklar, verschwommen

15 „Co-Abhängig ist ein Mensch, der das Verhalten eines anderen Menschen auf sich hat einwirken lassen und der davon besessen ist, das Verhalten dieses Menschen zu kontrollieren“ (BEATTIE, 2000, S. 48)

16 = wer welche Rolle im System spielt und welche Ursachen welche Probleme hervorgerufen haben

17 siehe Kapitel 3.1.2

Ende der Leseprobe aus 118 Seiten

Details

Titel
Hinter jeder Sucht steckt eine Sehnsucht. Zur Bedeutung von Wertefragen in der Arbeit mit alkoholsüchtigen Menschen
Hochschule
Hochschule Esslingen
Note
1,7
Autor
Jahr
2003
Seiten
118
Katalognummer
V142169
ISBN (eBook)
9783668177543
ISBN (Buch)
9783668177550
Dateigröße
1366 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
alkohol, alkoholsucht, alkoholiker, selbsthilfe, diplomarbeit, suchthilfe, suchtberatung, sucht, gesundheit, spiritualität, esoterik, werte, sehnsucht, angehörige, therapie, studium, angst, sorgen, trinken, rausch, co-abhängig, selbstverwirklichung, selbstwert, bewusstsein
Arbeit zitieren
Jeanette Richter (Autor), 2003, Hinter jeder Sucht steckt eine Sehnsucht. Zur Bedeutung von Wertefragen in der Arbeit mit alkoholsüchtigen Menschen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/142169

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