Zu Beginn der Arbeit wird das allgemeine Kompetenzkonzept erläutert. Hierbei wird speziell mit Blick auf die zweite Forschungsfrage zunächst grundlegend dargestellt, welche Bedeutung dem sozialen Umfeld beim Kompetenzerwerb zukommt. Zudem wird explizit festgelegt, was in der vorliegenden Arbeit unter dem Begriff der Kompetenz verstanden werden soll.
Im darauffolgenden Kapitel wird die Bedeutung des sozialen Umfeldes beim Kompetenzerwerb nun konkret auf den Aspekt der Lesekompetenz übertragen. Zu diesem Zweck wird zunächst die Lesesozialisation definiert und anschließend aufgezeigt, inwieweit das theoretische Konstrukt der Lesesozialisation wissenschaftlich eingeordnet werden kann. Abschließend wird der Prozess der Lesesozialisation anhand dreier Modellierungen veranschaulicht.
Im vierten Kapitel wird dargelegt, was unter dem Aspekt der Lesekompetenz zu verstehen ist. Hierzu wird anfangs der kulturwissenschaftlich-orientierte Ansatz der Lesesozialisationsforschung präsentiert; im Anschluss erfolgt eine Darstellung der Ansätze in den PISA-Studien zur Erfassung von Lesekompetenz.
Im darauffolgenden Kapitel werden anhand der Arbeiten von Bourdieu, Coleman sowie Boudon die grundlegenden Ursachen und Mechanismen für allgemeine schichtspezifische Kompetenzunterschiede erläutert. Dabei wird insbesondere aufgezeigt, welche Synergien wirken und wie diese sich wechselseitig bedingen und potenzieren. Es sollen also die Wirkungs- und Reproduktionsprozesse der in der Empirie verwendeten Indikatoren zur Klassifizierung des sozialen Hintergrundes verdeutlicht werden.
Hierauf aufbauend werden im sechsten Kapitel die aktuellen empirischen Ergebnisse zur Relevanz des sozialen Umfeldes auf die Lesekompetenz für Schülerinnen und Schüler der Sekundarstufe I präsentiert. Dabei erfolgt auch für die Bedeutung des sozialen Parameters des Migrationshintergrundes eine dezidierte Betrachtung. Hierbei finden die PISA1-Daten der OECD Verwendung. An dieser Stelle ist es wichtig zu erwähnen, dass die PISA-Studien ausschließlich in der 9. Klassenstufe durchgeführt werden; eine dezidierte Untersuchung aller Klassenstufen der Sekundarstufe I erfolgt in dieser Arbeit nicht.
Schlussendlich werden in Kapitel sieben die Ursachen und Mechanismen für schichtspezifische Lesekompetenzdisparitäten für die Sekundarstufe I in Deutschland erörtert. Im Schlussteil erfolgt eine zusammenfassende Betrachtung sowie die Beantwortung der Forschungsfragen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1. Forschungsfragen
1.2. Aufbau der Arbeit
2. Das allgemeine Kompetenzkonzept
2.1. Das Kompetenzkonzept in den Entwicklungs- und Sozialisationstheorien
2.1.1. Chomskys nativistisch geprägter Kompetenzbegriff
2.1.2. Die Ansätze sozialer Lerntheorien
2.2. Zwischenfazit – Was soll in dieser Arbeit unter Kompetenz verstanden werden?
3. Lesesozialisation
3.1. Ein Einordnungsversuch des theoretischen Konstrukts der Lesesozialisation
3.2. Das prototypische Verlaufsschema einer gelingenden Lesesozialisation
3.2.1. Die primäre literarische Initiation
3.2.2. Der Schriftspracherwerb
3.2.3. Die lustvolle Kinderlektüre
3.2.4. Die Buch- bzw. literarische Lesekrise
3.2.5. Die Überwindung der Lesekrise
3.2.6. Die sieben Lesemodi des Erwachsenenalter
3.3. Kritik und Reaktionen hinsichtlich des prototypischen Verlaufsschemas einer gelingenden Lesesozialisation
3.3.1. Das Mehrebenenmodell der Ko-Konstruktion
3.3.2. Das Erwartungs-X-Wert-Modell
3.4. Zwischenfazit zur Bedeutung der Lesesozialisation
4. Lesekompetenz
4.1. Der kulturwissenschaftlich-orientierte Ansatz der Lesesozialisationsforschung
4.1.1. Die kognitiven Elemente des Leseprozesses
4.1.1.1. Hierarchieniedrige Leseprozessebene
4.1.1.1.1. Aufbau der propositionalen Textrepräsentation
4.1.1.1.2. Lokale Kohärenzbildung
4.1.1.2. Hierarchiehohe Leseprozessebene
4.1.1.2.1. Globale Kohärenzbildung
4.1.2. Herausbildung der Superstrukturen
4.1.3. Identifizierung von Darstellungsstrategien
4.1.4. Motivational-emotionale Aspekte des Leseprozesses
4.1.5. Reflexionen und Anschlusskommunikation
4.1.6. Das Mehrebenenmodell des Lesens
4.1.6.1. Prozessebene
4.1.6.2. Subjektebene
4.1.6.3. Soziale Ebene
4.2. Das kognitionspsychologisch-orientierte Lesekompetenzmodell der PISA-Studien
4.3. Das modifizierte Lesekompetenzmodell der PISA-Studie
4.3.1. Leseflüssigkeit – Basale Leseprozesse
4.3.2. Leseprozess – Komplexe Textverarbeitung
4.3.2.1. Lokalisieren von Informationen
4.3.2.2. Textverstehen
4.3.2.3. Bewerten und Reflektieren
4.3.3. Aufgabenmanagement
4.3.4. Situative und texttypologische Aspekte der Lesekompetenzdiagnostik der PISA-Studie 2018
4.3.5. Die Lesekompetenzstufen der PISA-Studie 2018
4.4. Zwischenfazit zur Bedeutung der Lesekompetenz
5. Ursachen und Mechanismen für allgemeine schichtspezifische Kompetenzdisparitäten
5.1. Die Bedeutung der Merkmale des sozialen Hintergrundes
5.1.1. Die Kapitaltheorie
5.1.1.1. Das ökonomische Kapital
5.1.1.2. Das kulturelle Kapital
5.1.1.3. Das soziale Kapital
5.1.2. Primäre und sekundäre Herkunftseffekte
5.2. Zwischenfazit
6. Empirische Ergebnisse zur Bedeutung des sozialen Hintergrundes für die Lesekompetenz
6.1. Forschungshistorie zur Bedeutung der sozialen Herkunft auf den Bildungserfolg
6.2. Methodische Orientierungen zur Erfassung des sozialen Hintergrundes
6.2.1. Berufe der Elternteile bzw. der Erziehungsberechtigten
6.2.1.1. Bewertungsmaßstäbe im internationalen Vergleich
6.2.1.2. Bewertungsmaßstäbe im nationalen Vergleich
6.2.2. Sozioökonomischer und soziokultureller Status
6.2.3. Klassifizierung des Migrationshintergrundes
6.3. Ergebnisse und Befunde
6.3.1. Zusammenhang zwischen dem sozialen Hintergrund und der Lesekompetenz im internationalen Vergleich
6.3.1.1. Beziehung zwischen dem höchsten sozioökonomischen beruflichen Status der Eltern (HISEI) und der Lesekompetenz
6.3.1.2. Beziehung zwischen Index of Economics, Social, and Cultural Status (ESCS) und der Lesekompetenz
6.3.1.3. Vergleich zu vorherigen Ergebnissen
6.3.2. Zusammenhang zwischen dem sozialen Hintergrund und der Lesekompetenz in Deutschland
6.3.2.1. Die Merkmale des sozialen Hintergrundes
6.3.2.2. Merkmale des sozialen Hintergrundes bei lesestarken und leseschwachen Untersuchungspersonen
6.3.2.3. Quantifizierung der Lesekompetenz nach EGP-Klassen im nationalen Vergleich seit PISA 2000
6.3.3. Zusammenhang zwischen einem Migrationshintergrund und der Lesekompetenz in Deutschland
6.3.3.1. Zuwanderungsbedingte Disparitäten hinsichtlich der Merkmale der sozialen Herkunft sowie der zuhause gesprochenen Sprache in Deutschland
6.3.3.2. Verteilung auf die Stufen der Lesekompetenz nach Zuwanderungsstatus
6.4. Zwischenfazit
7. Erklärungen für schichtspezifische Lesekompetenzdisparitäten in der Sekundarstufe I in Deutschland
7.1. Befundlage in der Ungleichheits- und der Lesesozialisationsforschung
7.2. Bedeutung des Migrationshintergrundes für Lesekompetenzdisparitäten von Schülerinnen und Schüler der Sekundarstufe I in Deutschland
8. Zusammenfassung und Beantwortung der Forschungsfragen
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht im Rahmen der PISA-Studien den Zusammenhang zwischen dem sozialen Hintergrund und der Lesekompetenz von Schülerinnen und Schülern der Sekundarstufe I in Deutschland. Ziel ist es, das Ausmaß schichtspezifischer Lesekompetenzdisparitäten sowie deren Veränderung über Zeiträume hinweg zu analysieren und die Rolle des Migrationshintergrundes sowie zugrunde liegende soziale Mechanismen zu identifizieren.
- Bedeutung der Lesesozialisation und der Einfluss der Familie
- Theoretische Modelle der Lesekompetenz (kulturwissenschaftlich vs. kognitionspsychologisch)
- Empirische Indikatoren des sozialen Hintergrundes (HISEI, ESCS, EPG-Klassen)
- Analyse von Leistungsdisparitäten bei Migrationshintergrund
Auszug aus dem Buch
3.2.4. Die Buch- bzw. literarische Lesekrise
Das einschneidendste Ereignis im Rahmen der Lesesozialisation ist die Buch- bzw. literarische Lesekrise (vgl. Philipp 2011: 21). Auch mit Blick auf die Forschungsfragen dieser Arbeit besitzt sie hohe Relevanz, da sie in der Regel mit dem Eintritt in die Pubertät und dem Übergang von der Primarstufe in die Sekundarstufe I einsetzt. Groeben et al. (1999: 7) sprechen an dieser Stelle von einem „Auseinanderfallen von Schul- und Privatlektüre“. Die nach wie vor „distanziert-analytische“ Unterrichtsmethodik bei der Behandlung der jeweiligen Texte wird den Leseinteressen der Schülerinnen und Schülern meist nicht gerecht – die Kluft zwischen den Lesestoffen im schulischen in Relation zum privaten Kontext ist an dieser Stelle besonders groß (ebd.).
Lesekrise ist hier als ein weit gefasster Begriff zu verstehen, der jedwede Transformation enthält, die sich unvorteilhaft auf das Leseverhalten und so auch negativ auf die Lesekompetenz des jeweiligen Individuums auswirkt. Es kann in dieser Entwicklungsphase also zu einem „totalen Abbruch des Lesens bis zum zeitweiligen Einstellen des Lesens, von Neuorientierung beim Lesen hin zu neuen Zugängen zu bislang wenig Gelesenem“ kommen (Philipp 2016: 93).
Das Lesen von Kinderliteratur spricht die Pubertierenden inhaltlich nicht mehr an (vgl. Rosebrock 2012: 3). Rosebrock (2012: 3) resümiert hierzu: „Der kindliche Modus des Lesens als imaginäre Wunscherfüllung funktioniert für sie nicht mehr so einfach wie zuvor.“
Hier bedarf es einer Neujustierung des Lesemodus (vgl. Philipp 2016: 93f.). Der eintretende Mangel an Lesemotivation muss vor allem durch die Hilfe des Elternhauses sowie der institutionalisierten Bildungseinrichtungen überwunden werden (ebd.). Der Lesehabitus der Pubertierenden sollte hier gewissermaßen modifiziert werden – insbesondere die Fähigkeiten, „auch distanziert mit Genuss zu lesen, oder die Kompetenz, Interessen in Textwelten […] zu verfolgen“ stehen hierbei im Vordergrund (Rosebrock 2012: 3).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Stellt die Relevanz des Lesens als Grundkompetenz dar und definiert die zentralen Forschungsfragen hinsichtlich schichtspezifischer Lesekompetenzdisparitäten in der Sekundarstufe I.
2. Das allgemeine Kompetenzkonzept: Vergleicht den nativistischen Kompetenzbegriff Chomskys mit sozialisationstheoretischen Ansätzen und fundiert den in der Arbeit verwendeten Kompetenzbegriff nach Weinert.
3. Lesesozialisation: Erläutert den Prozess der Lesesozialisation durch Modelle wie das prototypische Verlaufsschema und die Ko-Konstruktion, wobei die Familie als zentrale Instanz herausgestellt wird.
4. Lesekompetenz: Analysiert kognitive Prozesse und Komponenten des Lesens aus kulturwissenschaftlicher und kognitionspsychologischer Sicht, einschließlich der PISA-Modellierung.
5. Ursachen und Mechanismen für allgemeine schichtspezifische Kompetenzdisparitäten: Erklärt Bildungsungleichheit anhand der Kapitaltheorie Bourdieus und der Unterscheidung primärer und sekundärer Herkunftseffekte.
6. Empirische Ergebnisse zur Bedeutung des sozialen Hintergrundes für die Lesekompetenz: Präsentiert aktuelle Daten der PISA-Studien zur Korrelation zwischen sozialem Hintergrund, Migrationsstatus und Lesekompetenz in Deutschland.
7. Erklärungen für schichtspezifische Lesekompetenzdisparitäten in der Sekundarstufe I in Deutschland: Reflektiert die Befundlage im Hinblick auf schulische Faktoren und die Bedeutung der Lesekrise für die weitere Bildungslaufbahn.
8. Zusammenfassung und Beantwortung der Forschungsfragen: Führt die theoretischen und empirischen Erkenntnisse zusammen und resümiert die Fortdauer der schichtspezifischen Kompetenzungleichheiten.
Schlüsselwörter
Lesekompetenz, Lesesozialisation, sozialer Hintergrund, PISA-Studien, Bildungsungleichheit, Sekundarstufe I, Kapitaltheorie, Migrationshintergrund, Lesemotivation, Lesekrise, Schichtspezifische Disparitäten, Bildungsgerechtigkeit, Kognitive Prozesse, Lesehabitus, Interaktionsprozesse.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die schichtspezifischen Unterschiede in der Lesekompetenz bei Schülern der Sekundarstufe I in Deutschland unter Berücksichtigung des sozialen Hintergrunds und des Migrationsstatus.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die Arbeit verknüpft Aspekte der Lesesozialisation mit soziologischen Theorien über soziale Klassen (Kapitaltheorie) und analysiert dazu empirische Daten aus den PISA-Studien.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Es soll geklärt werden, in welchem Ausmaß soziale Herkunft und Migrationshintergrund aktuell die Lesekompetenz beeinflussen und welche Mechanismen zu diesen Disparitäten beitragen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine theoretische Auseinandersetzung mit Sozialisationsmodellen sowie auf eine Sekundäranalyse und Interpretation aktueller empirischer PISA-Datensätze zur Bildungsungleichheit.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in theoretische Grundlagen zu Kompetenzerwerb und Lesesozialisation sowie eine umfangreiche datengestützte Analyse der Bildungschancen in Deutschland im Vergleich zur OECD.
Welche Schlagworte charakterisieren die Arbeit?
Besonders prägend sind Begriffe wie Lesesozialisation, Kapitaltheorie, soziale Reproduktion und schichtspezifische Kompetenzdisparitäten.
Was bedeutet die "Buch- bzw. literarische Lesekrise" für Schüler?
Sie beschreibt eine kritische Phase beim Übergang in die Pubertät oder Sekundarstufe, in der das kindliche Leseverhalten nicht mehr trägt und das Interesse am Lesen ohne Neujustierung des Lesehabitus stark abnehmen kann.
Welche Rolle spielt die Familie beim Lesenlernen?
Die Familie gilt als wirksamste Sozialisationsinstanz, da sie maßgeblich für die Bereitstellung eines lernanregenden Umfelds, die Ausbildung von Sprachbewusstsein und die Förderung einer positiven Einstellung zum Lesen verantwortlich ist.
- Arbeit zitieren
- Anonym (Autor:in), 2022, Mangelnde Lesekompetenzen als schichtspezifisches Problem? Die Bedeutung des sozialen Hintergrundes für die Lesekompetenzen von Schülern der Sekundarstufe I, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1421701