Vortheorie zur funktionalen Inszenierung von Stars im Formatfernsehen


Hausarbeit, 2008

16 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Identität und Aufmerksamkeit als rhetorische Operatoren
a. Aufmerksamkeit und Aufmerksamkeitsbindung
b. Rhetorik: Zusammenspiel von sozial-tatsächlichem Identitätsbild und Meinungen

III. Image und Star als funktionale Größen in den Massenmedien
a. Image als Aufmerksamkeits-Austauschvakuum
b. Der Star als Sprunghilfe zwischen Format und Alltagswelt

IV. Der identische Vergleich als Problem: Formatidee und Alltagswelt
a. Zum Grund-Telos des Formatfernsehens
b. Provokation und Issuebildung: Der Star als inszenierte Formatkonstante

V. Schluss

VI. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Was sind Stars? Diese Frage stellen sich Wissenschaftler der unterschiedlichsten Richtungen. Wolfgang Ullrich und Sabine Schirdwahn stellen fest: ,,Aura, Charisma, irgendeine Ausstrahlung oder Kraft – mit vielen Metaphern wird versucht, dieses gewisse Etwas und ,je ne sais quoi’ zu fassen, und es steigert die Faszination, dass gerade das nie überzeugend gelingt. Waren es früher die Meisterwerke der Maler und Architekten, sind es heute also die Stars aus Film, Sport, Wirtschaft, Musik oder Politik, die jeweils von neuem den Ehrgeiz wecken, dem Phänomen der Berühmtheit auf die Spur zu kommen.’’[1]

Auch ich habe versucht, dem Phänomen ,,Star’’ wissenschaftlich gerecht zu werden. Entscheidend ist dabei der Zugang: Mich störte, dass sich viele Autoren dem Phänomen ,,Star’’ entweder aus der Publikumsperspektive oder aus der Starperspektive näherten. Werke von Autoren, welche die rhetorische Oratorperspektive als Herangehensweise wählten, findet man kaum. Wenn der Star gegenüber dem Publikum fungiert, verbietet es sich, allein den Blickwinkel des Stars einzunehmen. Umgekehrt reicht es nicht, den Star mit den Augen des Publikums zu betrachten.

Die (psychologischen) Kategorien ,,Aufmerksamkeit’’ und ,,Identität’’ zeugen von meiner Grundannahme, dass das Phänomen ,,Star’’ kein Mysterium ist (wenngleich es Publikum und Star als ein solches erscheinen mag), es sich vielmehr logisch herleiten lässt. Der Star ist demnach kein außergewöhnlicher Mensch, er ist vielmehr eine von den Medien inszenierte Person, die dem Publikum im Image erfahrbar wird (III a). Eine definitorische Charakterisierung des Stars erübrigt sich von selbst, indem ich den thematisch medialen Abschnitten empirisch begründete Überlegungen zur Aufmerksamkeitsökonomie vorausschi>Es zeigt sich nebenbei, dass mit den Kategorien ,,Aufmerksamkeit’’ und ,,Identität’’ nicht nur – das ist Ziel der Arbeit – eine theoretische Grundlage für die rhetorisch-mediale Inszenierung von Stars im Formatfernsehen gebildet werden kann (IV b), sondern auch subjektive Erlebnisberichte von Star und Publikum erklärt werden können (III b). Es handelt sich um vor theoretische Überlegungen, da der Prozess der Prominenzierung (bzw. Inszenierung) als solcher unbehandelt bleibt. Auch habe ich es unterlassen, näher auf soziologisch-mediale Theorien einzugehen (etwa auf das Thema ,,Agenda-Setting’’), um den Fokus voll und ganz auf die Hauptthematik richten zu können: die Funktion des thematischen Star-Bezugs im Formatfernsehen.

II. Identität und Aufmerksamkeit als rhetorische Operatoren

a. Aufmerksamkeit und Aufmerksamkeitsbindung

Ich stelle einen Widerspruch an den Anfang: Viele Autoren sagen, Aufmerksamkeit sei ein knappes Gut: ,,Jeder Mensch kann nur eine bestimmte Menge an Aufmerksamkeit innerhalb sehr realer Grenzen aufbringen’’[2]. Andererseits konstatieren viele Historiker, dass das Leben heute abwechslungsreicher sei als das Leben früher; wir würden heute mehr Beschäftigungen nachgehen. Vom Individuum aus gesehen soll Aufmerksamkeit knapp sein, sozial betrachtet brächten wir aber einer scheinbar unbegrenzten Zahl von Objekten Aufmerksamkeit entgegen. Einleitend verweise ich deshalb auf Siegfried J. Schmidts Überlegung zur Aufmerksamkeitsbindung: ,,Nicht die Aufmerksamkeit ist knapp, sondern ihre Bindung wird in der Flut der konkurrierenden Angebote immer schwieriger.’’[3] Wie erkläre ich diesen Zusammenhang zwischen sozialer Aufmerksamkeit und individueller Aufmerksamkeitsbindung und – welche Konsequenzen ergeben sich aus ihm für die Rhetorik?

Identitätstheoretisch gesehen binde ich mich als Subjekt an Objekte, zum Beispiel an ein teures Auto, einen Porsche. Entscheidend ist nun im ersten Schritt, dass sich dieses Objekt zwar von anderen Objekten absetzt, aber gemessen an Kriterien wie ,,Erscheinungsbild’’ und ,,Verhalten’’ vielen anderen Objekten (Autos) ähnelt, die sich in seinem Umfeld bewegen. Versuchsperson Peter behauptet, allein sein Porsche sei ihm wichtig. Tatsächlich investiert Peter aber auch in andere Autos, indem er diese mit seinem Porsche (unbewusst) hinsichtlich obiger Kriterien vergleicht.[4] Besucht er so z.B. eine Automesse mit dem Anliegen, dort einen Porsche zu finden und findet keinen, so bleibt er trotzdem – weil er sich von den Autos anderer Hersteller beeindrucken lässt (obwohl er eigentlich nur wegen dem Porsche gekommen war). Im Ergebnis interessiert sich Peter nach der Messe für mehr Objekte als vor der Messe, als nur der Porsche für ihn zählte.

Sozial betrachtet, identifiziert sich Peter also nach der Automesse mit mehr Bildern als vor der Automesse. Auf subjektiver Ebene leidet dabei aber sein Identifikationspunkt Porsche, d.h. er wird weniger wichtig für Peter. Der wird auch weiterhin aufmerken, wenn er (s)einen Porsche sieht, jedoch – in Relation zu Reaktionen auf andere vorbeifahrende Autos – weniger intensiv: die Aufmerksamkeits bindung (gemäß Siegfried J. Schmidt) zum Porsche hat nachgelassen.

b. Rhetorik: Zusammenspiel von sozial-tatsächlichem Identitätsbild und Meinungen

Je geringer die Identifikation mit dem Objekt, desto geringer ist sein Erinnerungswert, desto leichter wird sich Peter von anderen Dingen dauerhaft ,,begeistern’’ lassen.

So lässt sich ein künstliches Identitätskonstrukt aufspannen, das sowohl der unbegrenzten Aufmerksamkeit, als auch der begrenzten Aufmerksamkeitsbindung gerecht wird. Ich nenne es das sozial-tatsächliche Identitätsbild und beschreibe es mit der ,,Kuchen-Metapher’’: Ein runder Kuchen kann sich aus vielen verschiedenen Stücken zusammensetzen, die unterschiedlich groß sein können.[5]

Soziologisch von Interesse ist weniger die Art des jeweiligen Kuchenstücks (Sahnetorte, Schokokuchen, Käsekuchen) als die relative Größe der Stücke zueinander. Hier wieder das Beispiel des Porsche-Peters: Als dieser sich nur mit dem Porsche (und mit keinem anderen Auto) identifizierte, wies sein Kuchen ein relativ großes Stück auf. Für ihn (subjektiv) hieß das, dass er sich immer dann, wenn er in den Porsche stieg, zu sehr großer Wahrscheinlichkeit sicher fühlte. Der Soziologe müsste nun in einem ersten Schritt untersuchen, wie groß das Stück Porsche in Relation zu anderen Kuchen-Stücken ist[6].

Dabei wendet er das bei Peter angewendete Vorgehen bei vielen Menschen (Gesellschaft) an, setzt in einem letzten Schritt die jeweiligen Ergebnisse in Relation zueinander und errechnet schließlich einen Durchschnittswert.

[...]


[1] Wolfgang Ullrich/ Sabine Schirdewahn (Hg.): Stars. Annäherungen an ein Phänomen S.7

[2] Michael Goldhaber, 12.12.1997 zitiert in Julia Wipperberg: Prominenz – Entstehungen, Erklärungen, Erwartungen’’ S. 122

[3] Siegfried J. Schmidt, 22.12.2000 zitiert in ebd. S.136

[4] Im Vergleich werden (im Gegensatz zur Metapher) verschiedene Objekte auf gleicher Ebene hinsichtlich gemeinsamer Kriterien gegeneinander ausgespielt. Erfolgt ein bewusstes Umgehen mit dem Vergleich, so ist die Entscheidung für eines der beiden Vergleichsobjekte und gegen das andere Objekt logische Konsequenz, da es sich im Vergleichsprozess ja um ein Abwiegen handelt, das sich an einem gemeinsamen Kriterium orientiert. Vergleicht eine Person dagegen unterbewusst oder macht es den Vergleich selbst zum Anliegen, so dient dieser nicht mehr höheren Zwecken, er wird selbst zum Identifikationspunkt. Diese, für die Rhetorik interessante Art des Vergleichens, nenne ich deshalb das ,,identische Vergleichen’’.

[5] Künstlich ist die Zusammensetzung deshalb, weil im tatsächlichen Leben niemals alle Identitätsstücke gleichzeitig in Erscheinung treten.

[6] Bei dieser Untersuchung darf sich der Soziologe, wie oben gezeigt, nicht primär an Peters Aussagen orientieren (dieser würde ja immer behaupten, dass ihm der Porsche am wichtigsten ist), sondern an Peters tatsächlichem Verhalten (Besuch einer Automesse ohne Porsche). Der Soziologe geht also deskriptiv vor.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Vortheorie zur funktionalen Inszenierung von Stars im Formatfernsehen
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen  (Seminar für Allgemeine Rhetorik)
Veranstaltung
Imagestrategien im Formatfernsehen
Note
1,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
16
Katalognummer
V142255
ISBN (eBook)
9783640525317
ISBN (Buch)
9783640525768
Dateigröße
432 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Stars, Fernsehen, Inszenierung, Format, Rhetorik
Arbeit zitieren
Raphael Hoffmann (Autor), 2008, Vortheorie zur funktionalen Inszenierung von Stars im Formatfernsehen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/142255

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