Stadt und Land – Zwei Kalendergeschichten von Oskar Maria Graf im Vergleich

Wirbel der Stadt – Das unrechte Geld


Seminararbeit, 2005
11 Seiten, Note: 2
Anonym

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Graf der „Eigenbrötler“

2 Vergleich zweier Kalendergeschichten
2.1 Inhaltliche und thematische Aspekte
2.2 Äußere Form
2.3 Erzählsituation, Erzählperspektive und Mittelbarkeit
2.4 Erzählzeit, erzählte Zeit bzw. Zeitraffung und Zeitdehnung
2.5 Reihenfolge bzw. Vorausdeutung und Rückwendung
2.6 Sprache

3 Einordnung in die Gattung der Kalendergeschichte

4 Graf als Vorreiter

Literaturverzeichnis

1 Graf der „Eigenbrötler“

1929 benutzt Oskar Maria Graf das Kompositum Kalendergeschichten als Titel für seine zweibändige Anthologie mit Erzählungen, die weder für den Kalender geschrieben worden sind noch je in einem Kalender gestanden haben.[1]

Oskar Maria Graf (1894-1968) war ein Mann, der gerne provozierte: sowohl in der Öffentlichkeit, wo er eine Lesung mit Lederhosen und Janker abhielt, als auch literarisch, indem er den Begriff der Kalendergeschichte nach eigenen Ansichten und Methoden ausdehnte. Dass ihm dies durchaus gelungen ist, wird dadurch bezeugt, dass sein Name im Bezug zur Gattung immer wieder genannt wird, Graf hat Akzente in der literarischen Entwicklung der Kalendergeschichte gesetzt.

Diese Arbeit soll als Einführung zu Grafs Kalendergeschichten betrachtet werden. Sie stellt zwei Kalendergeschichten mit Hilfe eines Vergleichs gegenüber, um Grafs Form, Thematik, Stil und Erzählweise näher darzustellen.

Es sind die Geschichten Das unrechte Geld[2] und Wirbel der Stadt[3]. Sie sind jeweils die Eingangsgeschichten der beiden Anthologien und „[…] setzen […] Zeichen für den ganzen Band.“[4]

2 Vergleich zweier Kalendergeschichten

2.1 Inhaltliche und thematische Aspekte

Die Geschichte Das unrechte Geld erzählt von einem alten Paar, das „[…]jedes Jahr am Tag nach Mariä Geburt mit ihrer Drehorgel und den zwei Moritatplakaten in unser Dorf kamen“ (S.9). Beim alljährlichen Kartenlegen sagt die Perivlatin dem Häusler Ramminger einen Geldsegen voraus, woraufhin dieser ein teures Lotterielos kauft und den Haupttreffer erhält. Ein Jahr später kommen die Perivlats wieder ins Dorf und erleben, dass die neidischen Dörfler seit dem Gewinn gegen Ramminger aufgebracht sind, so dass dieser sich aus der Gemeinde zurückzog. Um die Gemüter der Dorfbewohner zu besänftigen, bietet Ramminger vor der missgestimmten Öffentlichkeit den armen Perivlats Gewinnbeteiligung an. Diese, von der hetzenden Gesinnung der Dörfler gegen Ramminger überrascht, lehnen dieses Unrecht schaffende Geld dankbar ab und ziehen weiter.

Zum Ende der Erzählung bevorzugen die Perivlats ein bescheidenes und friedliches Dasein als ein Leben in Überfluss. Angedeutet wird die Figurencharakterisierung zu Beginn der Erzählung, als die Perivlatin singt: „Drum jag dem Geld nicht nach, o Publiku-um!\ Es ist bloß Teufelszeug und bringt die Freude nicht\“ (S.7). Die Perivlats selbst folgen diesem Leitmotiv der Geschichte, wogegen es für den Ramminger seit dem Lotteriegewinn keinen Frieden und keine Freude mehr gibt.

Als erste Eingangserzählung der Kalendergeschichten vom Land weist Das unrechte Geld eine Polarisierung zum Stadtalltag auf. Die Handlung schildert kontrastiv zur hektischen, schnelllebigen Stadt, die Eintönigkeit des Dorflebens. Noch nach einem Jahr bewegt die Dörfler die Frage nach einem moralisch vertretbaren Umgang mit dem erzielten Gewinn; selbst der Bürgermeister bringt sich amtlich in die Sache mit ein. Die Außenwelt des Dorfes spielt keine Rolle mehr. Die Erzählung zeigt wie eine abgeschiedene Dorfgemeinschaft über ein Jahr hinweg kein wichtigeres Thema kennt als den Lottogewinn, der nach dem Rechtsempfinden der Dörfler unbedingt aufzuteilen ist.

Ein weiteres Leitmotiv der Geschichte ist der Kalender und seine Kalendergeschichten. Die Perivlats können als Allegorie derselbigen gesehen werden, denn sie stellen einen Bezug zur Entwicklung des Begriffs der Kalendergeschichte her: der Kalender mit den darin veröffentlichten Kalendergeschichten und die Perivlats erschienen Jahr für Jahr. „Auch die Perivlats, die so regelmäßig kamen wie der Kalender, Jahr für Jahr, werden ausbleiben“.[5] Der Kalender mitsamt seinen Geschichten war ein tragendes Medium und wurde am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts von umher ziehenden Los- und Kalenderverkäufern in die Wirtshäuser der Dörfer gebracht und dort verkauft. Im Laufe des 20. Jahrhunderts löst sich die Kalendergeschichte vom Medium Kalender; dies ist ein Vorgang, der sicherlich auch mit dieser Geschichte thematisiert wird, schließlich hatte Oskar Maria Graf mit der Veröffentlichung seiner Anthologie diese Entwicklung unterstützt.

[...]


[1] Fricke, Harald: Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Berlin 2000.

[2] Graf, Oskar Maria: Kalender-Geschichten I. Geschichten vom Land. München. 1994. S. 7-21.

[3] Graf, Oskar Maria: Kalender-Geschichten II. Geschichten aus der Stadt. München. 1994. S. 7-19.

[4] Knopf, Jan: Die deutsche Kalendergeschichte. Frankfurt/Main. 1983. S.239.

[5] Knopf, Jan: Die deutsche Kalendergeschichte. Frankfurt/Main. S.239.

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Stadt und Land – Zwei Kalendergeschichten von Oskar Maria Graf im Vergleich
Untertitel
Wirbel der Stadt – Das unrechte Geld
Hochschule
Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg  (Institut für Deutsche Philologie)
Veranstaltung
Kurzprosa
Note
2
Jahr
2005
Seiten
11
Katalognummer
V142352
ISBN (eBook)
9783640514717
ISBN (Buch)
9783640515288
Dateigröße
409 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Diese Arbeit soll als Einführung zu Grafs Kalendergeschichten betrachtet werden. Sie stellt zwei Kalendergeschichten mit Hilfe eines Vergleichs gegenüber, um Grafs Form, Thematik, Stil und Erzählweise näher darzustellen.
Schlagworte
Oskar Maria Graf, Literaturwissenschaft, Kurzprosa, Kalendergeschichte, Wirbel der Stadt, Das unrechte Geld, Geschichten vom Land, Geschichten aus der Stadt, neuere deutsche Literaturwissenschaft, Prosa, Erzähltechnik, Vergleich, Germanistik, Anthologie von Kalendergeschichten, Erzähltheorie
Arbeit zitieren
Anonym, 2005, Stadt und Land – Zwei Kalendergeschichten von Oskar Maria Graf im Vergleich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/142352

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