Maledicta - Schimpfwörter

Wie und warum schimpft der Mensch?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008

21 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Was ist ein Schimpfwort?

III. Warum schimpft der Mensch?

IV. Wie sich „echte“ Schimpfwörter bilden
IV.1. Pejoration
IV.2. Weitere Arten von Schimpfwörtern
IV.2.1. Metaphorische Schimpfwörter
IV.3.2. Formale Schimpfwörter

V. Wie und worüber wird geschimpft?
V.1. Arten von Beschimpfungen
V.1.1. Direkte und indirekte Beschimpfungen
V.1.2. Formen von Beschimpfungen
V.2. Angriffspunkte
V.3. Semantische Felder von Beschimpfungen

VI. Schimpfwörter in verschiedenen Kulturen

VII. Juristische Aspekte beim Gebrauch von Schimpfwörtern

VIII. Einige ausgewählte Artikel aus dem Journal „Maledicta“
VIII.1. Andrew R. Sisson: Is French a sexist language?
VIII.2. Reinhold Aman: Gimp, Pimp, Simp & Wimp – Political pejoration past and present
VIII.3. Reinhold Aman: Nomen est Omen

IX. Zusammenfassung

Quellen

I. Einleitung

Maledicta (von lat. maledicere – „schimpfen“) ist ein Überbegriff für Schimpfwörter und die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit ihnen in der Linguistik. Gleichzeitig ist Maledicta der Name eines englischsprachigen, seit 1977 erscheinenden Journals, das sich der Studie sämtlicher Aspekte des Schimpfens und des vulgären Sprachgebrauchs in aller Welt befasst. Der Herausgeber des Journals und gleichzeitig Gründer der Maledictologie, also der Lehre vom Schimpfen und von Schimpfwörtern, der deutschstämmige Sprachwissenschaftler Reinhold Aman, nimmt dabei in seiner Forschung auf Tabubrüche und „political correctness“ keine Rücksicht (Aman 1996). Zugleich bemerkt er, dass das Forschungsfeld der Maledicta im Grunde wissenschaftlich vernachlässigt wurde, bis er sich in den siebziger Jahren dieses Themas annahm. Im Journal Maledicta steuern viele verschiedene Autoren aus vielen Teilen der Welt Aufsätze bei, die sich beispielsweise mit der prozentualen Verteilung einzelner Schimpfwörter auf die Geschlechter, ethnischen Verunglimpfungen im 18. Jahrhundert oder der verbalen Aggression von holländischen Schlafrednern beschäftigen. Diese Seminararbeit wird auf den folgenden Seiten eine Übersicht über einige grundlegende Erkenntnisse der Maledictologie geben und, unter anderem, darauf eingehen, was ein Schimpfwort genau ist, welche psychologischen Ursachen es für das Schimpfen gibt, wie Schimpfwörter entstehen, wie Schimpfwörter in verschiedenen Kulturen verwendet werden, auf welche Weise geschimpft wird und was damit angegriffen wird, welche juristischen Folgen Schimpfen haben kann und was es sonst noch für weiterführende Aspekte im Journal Maledicta gibt.

II. Was ist ein Schimpfwort?

Die Definition von Schimpfwort gestaltet sich schwieriger, als man im ersten Moment vielleicht annimmt. Viele Schimpfwörter haben nicht unbedingt feste, zugewiesene Rollen als „schlimme Wörter“. Zum Beispiel sind Wörter wie Hund oder Bulle nicht unbedingt in erster Linie Schimpfwörter, sondern können zum Beispiel auch ganz neutral, also nicht im Affekt, benutzt werden. Benutzt man diese Wörter jedoch höhnisch oder wütend anderen Menschen gegenüber, dann handelt es sich dabei durchaus um den Gebrauch von Schimpfwörtern. Die Frage, ob ein Wort tatsächlich ein Schimpfwort ist, ist also abhängig von verschiedenen Faktoren, z.B. dem Tonfall (Aman 1972:166). Ein Wort, das, ausgesprochen mit einem bestimmten Tonfall, in den meisten Fällen als Schimpfwort erkannt wird, kann, wenn es mit einem anderen Tonfall ausgesprochen wird, auch auf andere Weisen interpretiert werden, z.B. als necken, als neutrale, rationale Äußerung oder als zur Belustigung dienender Tabubruch. Entsprechend können auch „harmlose“ Wörter, die in der Regel neutrale, nicht negativ behaftete Konnotationen haben, ausgesprochen mit einem bestimmten Tonfall als Schimpfwort benutzt werden. Als weitere Beispiele wären da Wörter wie Schaf, Nase oder Vornamen wie Horst zu nennen.

Neben dem Tonfall sind auch nonverbale Faktoren wie Mimik und Gestik dafür entscheidend, ob ein Wort als Schimpfwort wahrgenommen wird oder nicht (Aman 1972:167). Beispielsweise unterstreicht das Ausstrecken des Mittelfingers die Botschaft, die damit ausgedrückt werden soll, auf eine deutlichere Art, als wenn nur die entsprechenden Worte ausgesprochen werden. Auch das Herunterziehen der Augenbrauen, abwertende Handbewegungen oder drohende Blicke tragen mitunter dazu bei, dass ein Wort unmissverständlich als Schimpfwort wahrgenommen wird.

Ein weiterer Faktor, der Wörter zu Schimpfwörtern werden lässt, ist die Formulierung, bzw. die Verwendung bestimmter Wörter in Verwendung mit anderen bestimmten Wörtern (Aman 1972:167). Z.B. die Kombination von Wörtern wie „Du kleiner, dummer, fauler Nichtsnutz“ hat eine wesentlich stärkere Wirkung als z.B. „Du Nichtsnutz“, was z.B. auch als harmloses Necken verstanden werden könnte. Zur Kombination von Wörtern muss man auch den Gebrauch von Vor- und Nachsilben zählen (z.B. „Vollidiot“ statt „Idiot“ oder „Blindfisch“ statt „Fisch“) und vorausgehende Flüche (z.B. „ Verdammt noch mal, was bist du für ein Idiot“).

Zur Formulierung zählt auch ein eventuelles Abschwächen von Schimpfwörtern, was dann eher als Necken bzw. Kosen verstanden wird (Aman 1972:169). Z.B. „Du Äffchen“ anstelle von „Du Affe“ ist das Abschwächen einer Beleidigung. Besonders unter Freunden werden oft Schimpfwörter benutzt, die als Necken verstanden werden, während sie unter Fremden eher als Beleidigungen verstanden würden.

Besonders durch die Verwendung von bestimmten Tonfällen, Mimiken und Gestiken beim Fluchen erklärt sich auch, dass man es mitunter versteht, wenn Schimpfwörter in einer fremden Sprache gebraucht werden, obwohl man selbst dieser Sprache nicht mächtig ist. Außerdem ist es, dadurch dass Wörter, die normalerweise neutral oder sogar positiv interpretiert werden, durch den Gebrauch von Tonfall, Mimik und Gestik, sowie Formulierung auch als Schimpfwörter benutzt werden können, nicht so einfach, Schimpfwörter durch eine Definition von allen anderen Wörtern abzugrenzen. Da es sich bei Schimpfwörtern immer um affektgeladene Wörter handelt, kann man als Definition sagen: Jedes Wort, das aggressiv verwendet wird, ist ein Schimpfwort (Aman 1972:165). Dabei ist natürlich zu beachten, dass manche Wörter schon grundlegend eine Denotation als Schimpfwort haben, während bei vielen anderen Worten nur ein Teil der Konnotation als Schimpfwort verwendet wird. Des Weiteren gilt die Definition natürlich in erster Linie für Adjektive und Nomen, denn es fällt zweifellos schwerer mit Verben zu fluchen, während es z.B. mit Artikeln und Pronomen unmöglich ist.

III. Warum schimpft der Mensch?

Das Schimpfen ist ein Angriffsakt durch abwertende, beleidigende Worte (Aman 1972:153). Psychologisch gesehen werden drei Glieder einer im Folgenden dargestellten Kausalkette unterschieden, wobei die Handlung des Fluchens das letzte Glied bildet.

Frustration (vereitelnde Ursache) à Affekt (Erregungszustand à Aggression (Schimpfen, Feindseligkeit)

Die erste Stufe, die Frustration, ist „das Gefühl der Nichterfüllung von Wünschen, Hoffnungen und Bedürfnissen“, die Vereitelung eines Strebens nach einem Ziel durch wirkliche oder eingebildete Hindernisse“ oder die „gerechtfertigte oder ungerechtfertigte Überzeugung, dass die Ehre, Würde oder das Ansehen verletzt wurde“. Ursachen von Frustrationen sind vielfältig. Z.B. man hat am Tag eines geplanten Ausflugs schlechtes Wetter, man wird geärgert oder abgewiesen, man schneidet sich beim Kochen an einem Messer, man hat einen Autounfall, ein fauler Kollege wird bevorzugt behandelt, man stürzt eine Treppe herunter, ein Ticketautomat will einen Geldschein nicht annehmen, das Internet funktioniert nicht, man fühlt sich vernachlässigt, etc.

Das zweite Glied der Kausalkette, der sogenannte Affekt bezeichnet den mehr oder minder starken körperlichen oder geistigen Erregungszustand, der durch die Frustration ausgelöst wurde. Der Ursache der Frustration entsprechend drückt sich der Affekt aus in Empfindungen, wie z.B. Angst, Begierde, Eifersucht, Furcht, Groll, Hass, Neid, Ressentiment, Schrecken, Ungeduld, Wut oder Zorn und hat auch häufig körperliche Auswirkungen (z.B. erröten, erbleichen, Schweißausbrüche oder Zittern).

An dieser Stelle ist es sinnvoll, das Verhältnis von der in jedem Menschen vorhandenen Kortikalperson und Tiefenperson zu erwähnen, oder wie Sigmund Freud es nannte, dem Ich und dem Es. Bei der Tiefenperson (oder „Es“) handelt es sich in der Psychologie um die unbewussten, primitiven, „tierischen“ Instinkte und Triebe (Affekte!), die jeder Mensch hat und die vom Stammhirn gesteuert werden. Das Wort Kortikalperson (oder „Ich“) beschreibt hingegen den zivilisierten, beherrschten, bewussten Teil der Selbstwahrnehmung eines jeden Menschen. Dieser Teil wird von der Großhirnrinde (dem Kortex) gesteuert. Auch Tiere besitzen sowohl eine Kortikalperson als auch eine Tiefenperson, jedoch ist bei ihnen die Kortikalperson nicht annähernd so weit entwickelt wie beim Menschen und sie werden in weitaus größerem Ausmaß von ihrer Tiefenperson gesteuert. Auch beim Menschen hat sich die Großhirnrinde evolutionär gesehen erst später entwickelt als das Stammhirn mit seinen unbewussten, instinktiven Auslösern für Verhaltensformen. Die Kortikalperson versucht beim Menschen, die Tiefenperson und deren primitive, instinktive Gefühle zu kontrollieren und zu regulieren, jedoch gelingt das nicht immer. Beispielsweise der Ausdruck sämtlicher Aggressionen sind Auswirkungen davon, dass sich die Tiefenperson wieder einmal nicht von der Kortikalperson beherrschen gelassen hat. Vereinfacht gesehen gehört zu diesen Aggressionen auch der Gebrauch von Schimpfwörtern. Nicht umsonst hat sich schon lange das Wort „unbeherrscht“ eingebürgert, für Menschen, die aufbrausend oder sich auf andere Art ausschweifend benehmen.

Auch das letzte Glied der kausalen Kette, die Aggression, entspringt direkt dem triebhaften Bereich des menschlichen Selbst. Wie bei Tieren diente sie in früheren evolutionären Zeiten (und auch in unauffälligerer Weise bis heute) unter anderem dazu, sich gegen Konkurrenten oder feindliche Umwelt durchzusetzen (Kiener 1983:13), sich fortzupflanzen und sich selbst zu erhalten. Statt aber seine Aggressionen auf körperliche Weise auszuleben, wie es bei Tieren normalerweise der Fall ist (obwohl auch das bei Menschen häufig vorkommt), hat der Mensch als einziges Lebewesen gelernt, Konflikte auf verbale Art auszutragen und seine Affekte durch verbale Aggressionen zu befriedigen, nämlich unter anderem dem Schimpfen. Das Bellen eines Hundes oder das Brüllen eines Löwen hingegen ist kein „tierisches Schimpfen“. Es dient der Warnung und Abschreckung, aber nicht der Abreaktion von Erregungszuständen/Affekten, wie das Schimpfen beim Menschen (Aman 1972J

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Details

Titel
Maledicta - Schimpfwörter
Untertitel
Wie und warum schimpft der Mensch?
Hochschule
Universität Bayreuth  (Lehrstuhl für Interkulturelle Germanistik)
Veranstaltung
HS Schlüsselbegriffe deutscher Gegenwartskultur
Note
2,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
21
Katalognummer
V142383
ISBN (eBook)
9783640515615
ISBN (Buch)
9783640515837
Dateigröße
427 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Schimpfwort, Schimpfwörter, maledicta, Schlüsselbegriffe, Interkulturelle, Germanistik, deutscher, Gegenwartskultur, Linguistik
Arbeit zitieren
Uwe Mehlbaum (Autor:in), 2008, Maledicta - Schimpfwörter, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/142383

Kommentare

  • Gast am 19.3.2015

    Hello, I have a small query regarding the source mentioned in the above given introduction. If the book was first published in the year 1977, how is the source mentioned is 1972?

Im eBook lesen
Titel: Maledicta - Schimpfwörter



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