Die konservative Kritik an den Gewerkschaften hat sich seit Beginn der 60er Jahre in ihren prinzipiellen Inhalten kaum geändert. Den Gewerkschaften wird vorgeworfen, daß sie als Gegenmacht zur bestehenden Gesellschaftsordnung angetreten seien, nämlich um die Staatsführung durch planwirtschaftliche Vernichtung des kapitalistischen Unternehmertums zu übernehmen. Von ihnen drohe die Gefahr einer syndikalistischen und kollektivistischen Wirtschaft und Gesellschaft.
Progressive Kritiker argumentieren dagegen, daß die Gewerkschaften zunehmend zu einem Instrument der Einordnung der Arbeitnehmer in die gegebene politisch-ökonomische Machtverteilung würden und zur Stabilisierung des kapitalistischen Systems beitragen. Diese Systemstabilisierung werde durch die Verteilung von Gratifikationen an die Gewerkschaftsmitglieder vollzogen, indem insbesondere „Vollversicherungen“ für Streiks und Aussperrungen angeboten würden.
Analysierte man die von 1949 bis 1963 wichtigsten programmatischen Äußerungen des DGB – insbesondere das Grundsatzprogramm von 1949, das Aktionsprogramm von 1955 sowie das neuere Grundsatzprogramm von 1963 – im Hinblick auf die genannten Aussagen der Kritiker, dann ließe sich leicht feststellen, auf welche Äußerungen sich diese beziehen.
Die konservativen Kritiker würden vor allem das Münchner Grundsatzprogramm von 1949 heranziehen, um ihre These von der „Übernahme der Staatsführung“ durch die Gewerkschaften mittels der „planwirtschaftlichen Vernichtung des kapitalistischen Unternehmertums zu belegen“.
Die Kritik progressiver Kreise würde sich dagegen auf das Aktionsprogramm von 1955 und vor allem auf das Grundsatzprogramm von 1963 stützen. Aus diesen Programmen ließe sich vermutlich recht eindeutig die „Einordnung der Arbeitnehmer in die gegebene politisch-ökonomische Machtverteilung“ ableiten.
Jeder der genannten Kritiker unterstellt den Gewerkschaften damit ein anderes Selbstverständnis, das aus der jeweils aktuellen Programmatik resultiert. Die Frage, die uns in diesem Aufsatz beschäftigen wird lautet deshalb: Welches Selbstverständnis der Gewerkschaften läßt sich aus den Programmen des DGB herauslesen und welchen Wandlungen war es im Laufe der Zeit unterworfen?
Inhaltsverzeichnis
1. Zur Kritik an der Rolle der Gewerkschaften: Eine Einleitung
2. Historische Bedingungen für den Aufbau der westdeutschen Gewerkschaften nach dem Zweiten Weltkrieg
a) Die westlichen Siegermächte
b) Gesellschaftliche und politische Determinanten des Neuaufbaus
3. Der organisatorische Neuaufbau
a ) Politische Faktoren
b) Zwischenschritte auf dem Weg zum DGB
4. Die Neuordnungsvorstellungen des DGB
a) Das Grundsatzprogramm von 1949
b) Das Scheitern der Neuordnungsvorstellungen
5. Anpassung an veränderte Bedingungen
a) Das Aktionsprogramm von 1955
b) Das neue Grundsatzprogramm von 1963
6. Fazit: Die Veränderungen im Selbstverständnis des DGB
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die Wandlungsprozesse im Selbstverständnis des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) zwischen 1949 und 1963. Ziel ist es, anhand der programmatischen Kernäußerungen – insbesondere der Grundsatzprogramme von 1949 und 1963 sowie des Aktionsprogramms von 1955 – aufzuzeigen, wie sich der DGB von einer antikapitalistischen Reformkraft hin zu einer systemkonformen Interessenvertretung entwickelte.
- Analyse der historischen und politischen Rahmenbedingungen für den gewerkschaftlichen Wiederaufbau nach 1945.
- Untersuchung der ursprünglichen antikapitalistischen Neuordnungsvorstellungen des DGB.
- Bewertung des Einflusses von politischen Faktoren und Besatzungspolitik auf die Organisationsstruktur.
- Vergleichende Betrachtung der programmatischen Entwicklung zwischen 1949, 1955 und 1963.
- Einordnung der Gewerkschaftspolitik in den Kontext des wirtschaftlichen Wachstums und der Integration in das kapitalistische System.
Auszug aus dem Buch
Die Neuordnungsvorstellungen des DGB
Das Grundsatzprogramm war in seinen Grundzügen antikapitalistisch wie zahlreiche Programme seiner Zeit: In programmatischen Äußerungen der SPD wie auch im „Ahlener Programm“ der CDU in der britischen Besatzungszone von 1947 wurde der Kapitalismus als historisch überholt bewertet. . Durch die Weltwirtschaftskrise von 1929 und das Bündnis der Privatindustrie mit dem Nationalsozialismus hatte der Kapitalismus für große Teile der deutschen Bevölkerung seine Legitimation verloren. Auf diesen Umstand stützten sich alle Neuordnungspläne. Das Programm des DGB stellt eine verspätete Äußerung über die wirtschaftliche Neuordnung Deutschlands dar, da die politischen Weichen für eine Restauration des Kapitalismus schon gestellt waren (Marshallplan, Frankfurter Wirtschaftsrat, Währungsreform und Suspendierung von Länderverfassungen mit Sozialisierungsklauseln bis zum Inkrafttreten einer Verfassung für Westdeutschland, um nur die wichtigsten Stichworte zu nennen) und aus den Wahlen zum ersten Deutschen Bundestag am 14. August 1949 eine konservative Regierung unter Konrad Adenauer als Bundeskanzler hervorgegangen war.
Gleichzeitig begann, als Folge der Verschlechterung der internationalen politischen Situation („Kalter Krieg“), ein starker Antikommunismus zur herrschenden Ideologie zu werden. Unter diesen Bedingungen war es für antikapitalistische Neuordnungsvorstellungen wie die des DGB, praktisch unmöglich in die Praxis umgesetzt zu werden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Zur Kritik an der Rolle der Gewerkschaften: Eine Einleitung: Dieses Kapitel führt in die Debatte um die Funktion der Gewerkschaften ein, wobei konservative und progressive Kritikpunkte gegenübergestellt werden.
2. Historische Bedingungen für den Aufbau der westdeutschen Gewerkschaften nach dem Zweiten Weltkrieg: Hier werden die restriktiven politischen Rahmenbedingungen durch die Siegermächte sowie das sozio-politische Umfeld nach 1945 beleuchtet.
3. Der organisatorische Neuaufbau: Dieser Abschnitt behandelt die politischen Hürden, die zur Bildung von Industriegewerkschaften führten, sowie den Prozess der organisatorischen Festigung des DGB.
4. Die Neuordnungsvorstellungen des DGB: Es wird das antikapitalistische Grundsatzprogramm von 1949 analysiert und dessen Scheitern im Kontext der politischen Realität dieser Zeit erläutert.
5. Anpassung an veränderte Bedingungen: Dieses Kapitel beschreibt den Übergang des DGB von grundlegenden Reformzielen hin zu pragmatischeren, an das kapitalistische System angepassten Programmatiken in den Jahren 1955 und 1963.
6. Fazit: Die Veränderungen im Selbstverständnis des DGB: Das Fazit fasst die Wandlung des Gewerkschaftsbundes von einer antikapitalistischen Kraft zu einer systemkonformen Institution zusammen.
Schlüsselwörter
DGB, Gewerkschaften, Programmatik, Selbstverständnis, Kapitalismus, Neuordnung, Mitbestimmung, Wirtschaftsplanung, Industrieverbandsprinzip, Nachkriegszeit, 1949 bis 1963, Systemkonformität, Wirtschaftswunder, Reformvorstellungen, Arbeiterbewegung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die inhaltliche und strategische Entwicklung des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) in den ersten Jahrzehnten seines Bestehens, von der Nachkriegsgründung bis zum Jahr 1963.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den Schwerpunkten gehören das gewerkschaftliche Selbstverständnis, der Einfluss politischer Rahmenbedingungen der Alliierten auf die Organisationsstruktur sowie die Transformation von antikapitalistischen Zielen in marktkonforme Wirtschaftskonzepte.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie sich der DGB von seinem ursprünglichen, auf gesellschaftliche Transformation ausgerichteten Kurs hin zu einer Integration in das kapitalistische Wirtschaftssystem entwickelte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin oder der Autor verwendet eine deskriptive und analytische Aufarbeitung primärer Quellen, insbesondere der Grundsatzprogramme des DGB, unter Hinzuziehung historischer und politikwissenschaftlicher Sekundärliteratur.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die historische Einordnung der Nachkriegsbedingungen, den organisatorischen Aufbau des DGB, die Analyse des Grundsatzprogramms von 1949 sowie die schrittweise Anpassung an die ökonomischen Gegebenheiten der 1950er und 1960er Jahre.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind DGB, Gewerkschaft, Kapitalismus, Mitbestimmung, Wirtschaftsordnung, Nachkriegszeit, Programmgeschichte und systemkonforme Interessenvertretung.
Welche Rolle spielte der Keynesianismus für den DGB?
Ab Ende der 1950er Jahre diente der Keynesianismus dem DGB als theoretische Grundlage, um die Lohnpolitik besser kalkulieren zu können und Vollbeschäftigung innerhalb des kapitalistischen Rahmens als erreichbar zu definieren.
Warum scheiterten die frühen Neuordnungsvorstellungen des DGB?
Das Scheitern ist auf die konservative politische Wende unter Konrad Adenauer, den wachsenden Antikommunismus im Kalten Krieg und das Ausbleiben einer radikalen Massenmobilisierung zurückzuführen.
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- Ralf Bunte (Author), 2001, Der DGB: Veränderungen in der Programmatik und im Selbstverständnis von 1949 bis 1963, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/14245