In der hier vorgestellten Analyse geht es um die Spuren, die diese lange Fremdherrschaft hinterlassen hat, jedoch nicht bei den Einwohnern des Landes, sondern vielmehr bei den anderen, dem Westen. Unter der Perspektive der Postkolonialen Theorie wird mit der qualitativen Inhaltsanalyse versucht, Erkenntnisse darüber zu generieren, ob heutzutage immer noch Denkstrukturen aus der Kolonialzeit bei internationalen Administrationen vorherrschend sind. Um das Postkoloniale Denken erfassen zu können, wurde das Konstrukt von Paternalistischen Mustern kreiert, das sich aus zwei Bestandteilen zusammensetzt: Zum einen die eingangs schon geschilderte Zeit der Fremdherrschaft und zum anderen der Begriff der Balkanisierung und Balkanismus in ihrem jeweiligen Bedeutungszusammenhang. Haben sich also Stereotypen aus dieser Zeit im Denken der internationalen Administration erhalten und werden dazu heute noch Begriffe aus der Kolonialzeit verwendet, um die Zusammenarbeit mit ihnen zu beschreiben? Konnte sich eine gewisse Beschreibung der Bosniaken und Bosnier bis heute halten, sodass diese bis heute als andersartig wahrgenommen werden. Ziel der Untersuchung ist es, zu beweisen, dass bei internationalen Administrationen eine gewisse Voreingenommenheit gegenüber der politischen Führung von Bosnien und Herzegowina aus kolonialen Zeiten immer noch präsent ist, was anhand von Beschreibungen deutlich werden soll.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Forschungsfrage, Zeitraum der Untersuchung und Definitionen
2.1 Forschungsfrage und Zeitraum der Untersuchung
2.2 Eingrenzungen der Untersuchung
2.3 Definition
3. Theoretische und methodische Grundlage der Untersuchung
3.1 Theoretischer Ansatz: Postkoloniale Theorie
3.2 Methodischer Ansatz: Qualitative Inhaltsanalyse
4. Vorexperimentelle Forschungsphase
4.1 Postkoloniale Theorie und der Balkan: Die Okkupation des Balkans
4.2 Der Balkan, Balkanisierung und Balkanismus
5. Experimentelle Forschungsphase
5.1 Erste Phase: Vorbereitung der Analyse
5.1.1 Festlegung und Beschreibung des Untersuchungsmaterials
5.1.2 Analyse der Entstehungssituation
5.1.3 Richtung der Analyse und Kommunikationsmodell
5.2 Zweite Phase: Durchführung der Analyse
5.2.1 Festlegung der Einschätzungsdimensionen
5.2.2 Bestimmung der Ausprägungen und Einrichtung der Analyseeinheiten
5.2.3 Differenzierung der Fragestellung und Zusammenstellung des Kategoriensystems
6. Postexperimentelle Forschungsphase
6.1 Zusammenfassung der Ergebnisse
6.2 Fazit der Untersuchung
Zielsetzung und Themen
Die Arbeit untersucht, ob während des Implementierungsprozesses des Daytoner Friedensabkommens in den offiziellen Berichten des Hohen Repräsentanten gegenüber den politischen Führungen in Bosnien und Herzegowina paternalistische Denkmuster vorzufinden sind, die auf postkoloniale Kontinuitäten hindeuten.
- Analyse postkolonialer Machtstrukturen im Kontext internationaler Administrationen.
- Anwendung der qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring auf offizielle Berichte des OHR.
- Untersuchung von paternalistischen Mustern in der politischen Kommunikation.
- Historische Einordnung des Balkanismus und der Balkanisierung.
- Empirische Auswertung der OHR-Berichte zur Identifikation paternalistischer Verhaltensweisen.
Auszug aus dem Buch
3.1 Theoretischer Ansatz: Postkoloniale Theorie
Schon der Begriff Postkolonial ist trotz vieler Klärungsversuche bis heute unscharf geblieben (vgl. Castro Valera und Dhawan 2005: 23). So wird zum einen mit dem Präfix post implizit davon ausgegangen, dass es keine prä-koloniale Geschichte in den Ländern gegeben hat und zum anderen, dass es sich mit kolonial immer um Kolonien gehandelt haben muss (vgl. ebd.). Dadurch ergibt sich die besonders fatale Ausgrenzung des Imperialismus, welcher aber besonders nach dem Rückzug des Kolonialismus heute vorherrschend ist (vgl. ebd.: 12ff. und 23). Somit ist es entweder erforderlich, verschiedene Formen der Kolonisation herauszuarbeiten, oder die „[…] miteinander verquickten Phänomene in einer allseits zufrieden stellenden Darstellung zusammenzubringen“ (vgl. ebd.: 14). Darauf aufbauend betonen die Autorinnen den Postkolonialismus nicht einfach als etwas, was nach dem Kolonialismus kommend verstanden werden muss, sondern vielmehr als etwas, das über den Bruch des technischen Machttransfers von Kolonisatoren zu Kolonisierten hinausgeht (vgl. ebd.: 24).
„[…] der Prozess der Dekolonisierung [ist] ein andauernder, der sich eben nicht als linear und fortschreitend darstellen lässt. Neokolonialismus und Rekolonisierungstendenzen zeigen vielmehr an, dass der Kolonialismus immer neue Wege erfindet […]“ (vgl. ebd.). Die Postkoloniale Theorie hat zwei Arbeitsfelder, bei denen sie historisch an den Kolonialismus und Imperialismus anknüpft (vgl. ebd.: 25). Zum einen die Problematisierung der kolonialen Hinterlassenschaften in gesellschaftlicher, ökonomischer und politischer Hinsicht und zum anderen „[…] die Revolutionierung westlicher intellektueller Traditionen, […]“ welche den gängigen Diskurse in der Wissenschaft immer noch prägen (vgl. ebd.).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die historische Situation Bosnien und Herzegowinas nach dem Bürgerkrieg ein und erläutert die Forschungsabsicht, paternalistische Spuren in der Kommunikation internationaler Administrationen zu untersuchen.
2. Forschungsfrage, Zeitraum der Untersuchung und Definitionen: In diesem Kapitel werden die Forschungsfrage, die zeitliche Eingrenzung (1995-1997) sowie zentrale Begriffe wie politische Führungen definiert.
3. Theoretische und methodische Grundlage der Untersuchung: Dieses Kapitel verankert die Untersuchung in der postkolonialen Theorie und erläutert die Methodik der qualitativen Inhaltsanalyse.
4. Vorexperimentelle Forschungsphase: Hier erfolgt eine kritische theoretische Einordnung des Balkans und des Balkanismus als Voraussetzung für die empirische Anwendung.
5. Experimentelle Forschungsphase: Die experimentelle Phase beschreibt die Vorbereitung der Analyse, die Materialauswahl sowie die Entwicklung der Kategorien anhand des Kommunikationsmodells von Schulz von Thun.
6. Postexperimentelle Forschungsphase: Abschließend werden die Ergebnisse aus sieben Berichten ausgewertet und die Fragestellung beantwortet, ob paternalistische Muster in der Kommunikation des OHR nachweisbar sind.
Schlüsselwörter
Postkoloniale Theorie, Bosnien und Herzegowina, Hoher Repräsentant, Daytoner Friedensabkommen, Paternalismus, Balkanismus, qualitative Inhaltsanalyse, internationale Administration, politische Kommunikation, Machtstrukturen, Koordination, Implementierungsprozess, Identitätsbildung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Forschungsarbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht das Vorhandensein paternalistischer Denkmuster in der Kommunikation internationaler Administrationen (konkret des OHR) gegenüber den politischen Führungseliten in Bosnien und Herzegowina.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die Arbeit verknüpft politikwissenschaftliche Theorien, insbesondere die postkoloniale Theorie, mit der Analyse internationaler Protektorate und der Kommunikationspsychologie.
Was ist die zentrale Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage lautet, ob während des Implementierungsprozesses des Daytoner Friedensabkommens in der Ansprache des Hohen Repräsentanten gegenüber den politischen Führungen paternalistische Muster feststellbar sind.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Der Autor verwendet die qualitative Inhaltsanalyse nach Philipp Mayring, ergänzt durch das Kommunikationsmodell von Friedmann Schulz von Thun.
Was bildet den Schwerpunkt des Hauptteils?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Begründung, die Analyse der Entstehungssituation der Dokumente und die systematische Kategorisierung der paternalistischen Kommunikation in den Berichten des OHR.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit ist durch Begriffe wie Paternalismus, Postkolonialismus, Balkanismus und internationale Administrationen geprägt.
Warum wurde der Zeitraum von 1995 bis 1997 gewählt?
Dieser Zeitraum wurde gewählt, da in dieser Phase der zivilen Implementierung des Daytoner Friedensabkommens noch keine formelle, durch Sanktionsbefugnisse legitimierte Machtausübung des Hohen Repräsentanten vorlag.
Wie wurde Paternalismus in der Arbeit kategorisiert?
Der Autor unterteilt Paternalismus in eine harte Variante (Anordnungen mit Sanktionsdrohungen), eine softe Variante (Forderungen ohne Sanktionsdrohungen) und eine neutrale Kategorie (kein Paternalismus).
Welches Fazit zieht der Autor in Bezug auf die postkoloniale Sprachverwendung?
Obwohl paternalistische Muster in der Kommunikation gefunden wurden, konnten keine eindeutigen Belege für eine systematische Verwendung spezifischer kolonialer Begriffe oder Sprachmuster gefunden werden.
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- Bachelor of Political Science Stefan Rodrigo Spriestersbach (Author), 2009, Über postkoloniale Denkmuster in internationalen Administrationen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/142503