Thomas von Aquin und der bellum iustum


Hausarbeit (Hauptseminar), 2003

19 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe


Inhaltsverzeichnis

Thema

1. Einleitung

2. Thomas von Aquin - der Mensch

3. „Summe der Theologie“ - das Hauptwerk

4. „Der Krieg“ (in: „Summe der Theologie“ II/2)
4.1 Inhalt

5. Bedingungen für den bellum iustum

6. Kritiker der bellum-iustum-Theorie von Aquin
6.1 Francisco de Vitoria
6.2 Balthasar Ayala
6.3 Wolfgang Kluxen
6.4 Gerhard Beestermöller

7. Ist der US-amerikanische "Krieg gegen den Terror" ein gerechter Krieg?

8. Fazit

1. Einleitung

Wann ist ein Krieg gerechtfertigt? Wann ist ein bellum ein bellum iustum? Wer und was gibt einem Staat das Recht zum Krieg? Über diese Fragen haben sich bereits viele schlaue Köpfe denselben zerbrochen. Angesichts der aktuellen politischen Lage sind auch genau diese Fragen zur Zeit in aller Munde. Diese Hausarbeit wird zunächst die Anfänge der bellum-iustum-Lehre beleuchten und sich später mit dem aktuellen Zusammenhang auseinandersetzen. Einer der ersten Theoretiker der bellum- iustum-Idee war der italienische Mönch Thomas von Aquin. Sein Vorgänger, der Mönch Augustinus, hatte im 4. Jahrhundert bereits die erste bellum-iustum-Theorie aufgestellt. Basierend auf dieser entwickelte Aquin seine eigene Theorie, sich auf die Bibel berufend.

Zunächst leitet eine kurze Darstellung der Person Thomas von Aquin auf sein Werk hin. Nachfolgend wird näher auf sein Werk, die „Summa Theologiae“ bzw. „Summe der Theologie“ eingegangen. Im Speziellen folgt darauf die Darstellung des Abschnitts „Der Krieg“. Anschließend werden Aquins Bedingungen für einen gerechten Krieg erläutert, mit späteren Thesen verglichen und mit Hilfe verschiedener Sekundärquellen beleuchtet. Der letzte Teil befasst sich mit der Anwendung der Aquin'schen Thesen auf die gegenwärtige Politik – am Beispiel des Irak-Konfliktes. Inwiefern wurden seine Ideen übernommen und auf welche Weise weicht die aktuelle Irak-Diskussion von seiner Theorie ab? Ist es Aquin gelungen eine bis heute weltweit gültige Formel zu erstellen oder driften die Politiker der Gegenwart von seiner Meinung ab?

Kern dieser Arbeit soll der Vergleich seiner Theorien zu anderen, nachfolgenden Theorien sein, sowie die Anwendung auf die Politik der Gegenwart.

2. Thomas von Aquin – sein Leben und Denken

Thomas von Aquin, geboren als Sohn des italienischen Grafengeschlechts 'von Aquino', kam mit fünf Jahren als 'Oblate', als gottgeweihtes Kind, zu den Benediktinern ins Kloster auf dem benachbarten Montecassino, wo sein Onkel Abt war, der ihn für eine große Karriere vorbereiten sollte. Mit 14 Jahren studierte Thomas in Neapel und lernte dort den jungen Dominikanerorden kennen. Gegen den Willen der Eltern trat er 1243 in diesen Orden ein. Um ihn von dieser Entscheidung abzubringen, entführte seine Familie ihn und hielt ihn über ein Jahr lang im eigenen Schlossturm gefangen. Thomas blieb aber unbeugsam. Seine Familie beauftragte einer Überlieferung zufolge deshalb eine Frau, um den hauseigenen Häftling endgültig von seinen Überzeugungen zu kurieren und zu Sinnenfreuden zurückzuführen. Im Erfolgsfall wurde ihr eine hohe Belohnung versprochen, doch selbst diese Methode schlug bei dem glaubensfesten Thomas nicht an: er jagte die Dame mit einer brennenden Fackel in die

Flucht. Mit Hilfe einiger verkleideter Ordensbrüder soll ihm schließlich die Flucht aus dem Familiengefängnis gelungen sein.1

Nach seiner Befreiung folgten 1244 bis 1248 weitere Studien in Bologna, in Paris und in Köln bei Albertus Magnus. Mit philosophisch-theologischen Vorlesungen begann er 1252 die eigene Lehrtätigkeit zunächst in Paris, später in Italien, schließlich in Rom mit verschiedenen Ämtern im Vatikan. Dort entstand sein bekannteste Werk, die bis heute wegweisende "Summa Theologiae", das "Lehrbuch der Theologie". In der "Summa contra gentiles", dem "Lehrbuch gegen die (ungläubigen) Völker", setzte er sich tiefschürfend mit der arabischen Philosophie auseinander.

Thomas wird in vielen Quellen als der “größte katholische Theologe aller Zeiten” bezeichnet. Er bemühte sich in seinen Werken Glaube und Vernunft, Philosophie und Theologie zusammen zu bringen, war ein glasklarer Denker von höchster analytischer Intelligenz, zugleich aber auch ein frommer Beter und demütig Glaubender. Sonne, Stern, Edelstein, mit denen er dargestellt wird, symbolisieren sein “Geisteslicht”, mit der er die Kirche erleuchtet; die Taube aus seinem Mund oder ihm ins Ohr flüsternd symbolisiert sein Weisheit.

Thomas gilt als der Meister der "Scholastik", des schulmäßigen und systematischen Ordnens der Lehre der Kirche in einem strengen System. Aber Thomas ließ sich auch ganz unbefangen auf weltliche Fragestellungen, Impulse anderer Kulturen und Religionen, Anfragen von Nicht-Glaubenden ein. Die Autorität einer Kirchenführung allein genügte nicht, wichtig waren Argumente, Gründe, der Vollzug und die Ergebnisse eines streng systematischen Denkens. "Thomas hört zu, prüft, nimmt an und verwirft. Er ist ein neuer Denker, ein selbständiger Denker." (Walter Dirks)2

Auf dem Weg zum 2. Konzil von Lyon, wohin ihn der Papst als Berater geladen hatte, starb er in der Zisterzienserabtei Fossanuova; Gerüchte sprechen von Vergiftung. Nach seinem Tod wurde er zum Bischof von Umbrien erklärt. Thomas' Gebeine wurden am 28. Januar 1369 nach Toulouse überführt.

3. Sein Werk, die “Summa Theologiae” (“Summe der Theologie”)

Das Lebenswerk von Thomas von Aquin, die „Summe der Theologie“ basiert auf der Lehre der Lex Naturalis, dem Naturgesetz: „Dem Menschen ist ein göttliches Licht eingeprägt in seiner natürlichen

Vernunft, durch die er gut und schlecht unterscheidet, und so verdient seine Weise der Teilhabe am Ewigen Gesetz den besonderen Namen 'Lex Naturalis'.“3 Dieses Naturgesetz, wird von Wolfgang Kluxen4 als Kernstück in der philosophischen Ethik des Thomas von Aquin bezeichnet. Er definiert den Inhalt als a) Frage nach der Grundlegung der normativen Vernunft und b) der Frage nach dem Grundbestand inhaltlicher Handlungsnormen.5

"Wie viele Engel haben auf einer Nadelspitze Platz?"6 - Diese Frage wurde in der Vergangenheit immer wieder als Beleg für die These angeführt, die Theologie als Ganze und Thomas von Aquin im Besonderen würden sich in ihrem Denken in Distinktionen und subtilen Feinheiten verlieren, die für die Welt und das Leben überhaupt keine Relevanz hätten.7

Allerdings hat Thomas von Aquin diese Frage, die ihm von jungen Theologiestudenten brieflich gestellt wurde, niemals beantwortet. Er hat es abgelehnt, überhaupt auf sie einzugehen. Denn sie war sinnlos. Aber Thomas hat es nicht bei einer einfachen Ablehnung belassen. Er hat vielmehr philosophisch und theologisch begründet, warum diese Frage letztlich unsinnig ist.

Das war jedoch nicht die einzige Frage, die man an Thomas richtete. Nicht nur Theologiestudenten, auch Bischöfe, Päpste und Fürsten wandten sich an ihn und baten ihn um Rat und Beistand bei der Lösung ihrer Fragen und Probleme, die weitaus wichtiger und existentieller waren, zum Teil auch brisante politische Themen betrafen. Zu seinen Briefpartner gehörten z.B. der Herzog von Brabant. Und dem König von Zypern, Hugo II. von Lusignan widmete er sogar eine eigene Abhandlung, die heute noch unter dem Titel "De regno" bzw. "De regimento principum" bekannt ist.8

Thomas hat auf die ihm vorgelegten Fragen meistens so geantwortet, dass seine Erwiderung nicht nur für diese konkrete Frage galt oder ein einzelnes Problem betraf. Vielmehr begründete er seine Antwort, so dass in ihr mitunter Aussagen zu finden sind, die auch heute noch gültig und anwendbar sind.

Vielleicht war gerade dies der Grund dafür, dass Thomas schon zu seinen Lebzeiten ein so "gefragter Mann" gewesen ist. Er war nicht nur Pragmatiker, es ging ihm nicht um den politischen oder kirchlichen

Alltag, es ging ihm vielmehr um die "Wahrheit der Dinge", um das also, was hinter einem Einzelproblem von grundlegender Bedeutung ist für den christlichen Glauben und das Leben aus diesem Glauben. Quelle und Maßstab für seine Weisungen war der Rückbezug auf Gott und seine uns offenbarte Wahrheit, die er dann in der „Summa Theologiae“ zusammengefasst hat.

4. „Der Krieg“ (in: „Summe der Theologie“ II/2)

4.1. Inhalt

Laut Aquin ist es die Aufgabe des Rechts, Menschen zu einer moralischen Lebensführung anzuhalten. Der Mensch soll nicht aus Zwang sondern aus Überzeugung das Richtige tun. Der Zwang hat eine sogenannte „sittenbildende Kraft“ so dass der Mensch nach einer gewissen Zeit mit Freude das Böse meidet und das Gute tut. Dies lässt sich auf seine Basis der „Lex Naturalis“ zurückführen, auf welche hier jedoch nicht näher eingegangen wird.

Aquin stellt die Fakten, die Gegen den Krieg sprechen sehr nüchtern und rational dar und fordert den Leser dazu auf, mit Hilfe seiner manchmal provokativen Thesen, sich seine eigene Meinung zu bilden. Er präsentiert zunächst ein Pro und Contra, wägt ab und nennt abschließend seine eigene Meinung. Seine Vorgehensweise kann mit der eines Gerichtes vergleichen werden. Die Fragen, die er an sich selber stellt können als eine Art “Frequently Asked Questions”9, die heutzutage häufig in Gebrauchsanweisungen zu finden ist.

Im 1. Artikel stellt Aquin die Frage, ob Kriegführen immer Sünde sei. Als erstes Argument bringt er einen Vers aus der Bibel: 1. Mt. 26, 52: “Jeder, der zum Schwerte greift, soll durch das Schwert umkommen.” Daraus schlussfolgert er, dass jeder Krieg unerlaubt sei. Der zweite Argument, das Aquin anspricht, lautet “alles, was gegen das göttliche Gebot geht, ist Sünde“, bei welchem sich auf den einen Vers im neuen Testament beruft. In Matthäus 5, 39 sagt Jesus: “Ich sage euch: nicht dem Bösen widerstehen.”

Diese Aussage könnte durchaus falsch verstanden werden, darum ist hier Erklärungsbedarf nötig. In einer zeitgemäßeren Übersetzung der Bibel heißt es in dem selben Vers: „Ich aber sage euch: Wehrt euch nicht, wenn euch Böses geschieht!“10 Hier wird verdeutlicht, dass „widerstehen“ eher im Sinne von „gegenhalten“ gemeint ist.

In seinem dritten Argument nimmt Aquin folgende These zu Hilfe: “Der Gegensatz von Tugendwirke ist Sünde” Aquin kommt daher zu dem Schluss, dass Krieg Sünde ist, da Krieg das Gegenteil von

Frieden ist. Zuletzt nennt Aquin den Fakt, dass Einübungen auf erlaubte Sachen von der Kirche erlaubt sind. Kriegsübungen werden jedoch von der Kirche verboten. Augustinus widerspricht diesen Thesen jedoch mit dem Bibelzitat: “Übet nicht Quälerei und lasst euch genügen an eurem Sold. Wem es die Zufriedenheit mit dem eigenen Sold vorschrieb, dem hat es den Kriegsdienst nicht verboten.” (!???)

Im nächsten Abschnitts seiner Abhandlung, macht er zunächst seine drei Bedingungen für einen gerechten Krieg (bellum iustum) dar und stellt dem Leser diese anschließend an praktischen Beispielen im Detail dar.

€ Bedingungen für einen gerechten Krieg:

Aquin nennt während seiner Abhandlung drei Bedingungen, die seiner Meinung nach vor einem Krieg berücksichtigt werden sollen. Auf diesen Bedingungen basiert seine gesamte Theorie über den bellum iustum, welche im Nachhinein noch näher analysiert werden.

1. Auctoritas Principas ® Oberhaupt auf dessen Gebot hin Krieg zu führen ist, ist erforderlich
2. Intentio Recta ® Absicht der Kriegsführenden muss rechtschaffend sein (Förderung des Guten oder Verhinderung von Schlechtem)11
3. Iusta Causa ® gerechte Ursache

Im folgenden Abschnitt beantwortet Aquin die Frage, ob der Kriegskampf den Geistlichen und Bischöfen erlaubt sei. Er antwortet mit dem Argument, dass “Kriegsdienste die Menschen von ihrem geistlichen Leben ablenken”. Daher sei es den Geistlichen “in gar keiner Weise erlaubt, Krieg zu führen”. Der dritte Artikel behandelt die Frage, ob es erlaubt wäre, sich im Krieg des Hinterhalts zu bedienen. Hier antwortet er auf drei verschiedene Arten:

Im ersten Punkt zitiert er die Bibel, das fünfte Buch Mose (Deuteronomium)16, 20: “Setze recht durch, was recht ist.”12 Daraus schließt er, dass ein Hinterhalt ein Betrug wäre und somit nicht gerechtfertigt.

Der zweite Punkt wirft ein Argument seines Vorgängers Augustinus13 auf, welcher sagt “die Treue dem Feinde [zu] wahren”. Es soll also trotz Feindschaft keine Disloyalität entstehen, bestimmte Regeln müssen trotzdem eingehalten werden. Mit dem Vers in Matthäus 7,12 begründet er sein letztes Argument gegen Hinterhalte: “Was ihr wollt, daß euch die Leute tun, das tut auch ihnen”14, was unterstreicht, dass auch der Feind, ein Nächster ist.

[...]


1 vgl: 88.187.41/odysseetheater/anthroposophie/bibliothek/philosophie/thomas/bib_thomas_von_aquin.htm

2 Ribhegge, Wilhelm: Die multikulturelle Vergangenheit Europas: Walter Dirks über die “Antwort der Mönche” in: http://www.frankfurter-hefte.de/ausschnitt/kultur_9.html

3 Kluxen, Wolfgang: Lex Naturalis bei Thomas von Aquin, Wiesbaden: 2001. S. 34 4 ebd., S. 9

5 ebd., S. 9

6 vgl. Morgenstern, Christian: Alltagswelten, in: http://www.theo.tu- cottbus.de/wolke/deu/Themen/961/fuehr1/ding1.html

7 vgl. http://www.asamnet.de/~muennicg/reli/christ11.htm

8 vgl. http://buecherei.philo.at/politlit.htm

9 = “FAQ“

10 Hrg. Brunnen Verlag Basel und Gießen: Hoffnung für alle – die Bibel, Basel und Gießen: 1986 und 1996.

11 Von Aquin, Thomas: Summa Theologiae. 2/2, qu. 123, Art. 5,3: „Bella Ordinatur ad pacem temporalem rei publicae conservandam.“

12 Vgl. Hoffnung für alle – die Bibel: „Setzt euch mit aller Kraft für die Gerechtigkeit ein!“

13 Augustinus, 354-430, erster bellum-iustum-Theoretiker

14 Vgl. Hoffnung für alle – die Bibel: „So wie ihr von den Menschen behandelt werden möchtet, so behandelt sie auch.“

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Thomas von Aquin und der bellum iustum
Hochschule
Technische Universität Carolo-Wilhelmina zu Braunschweig  (Instiutu für Sozialwissenschaften)
Veranstaltung
Hauptseminar
Note
2,0
Autor
Jahr
2003
Seiten
19
Katalognummer
V14260
ISBN (eBook)
9783638197182
ISBN (Buch)
9783640857197
Dateigröße
511 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Thomas, Aquin, Hauptseminar
Arbeit zitieren
Natalie Kayani (Autor:in), 2003, Thomas von Aquin und der bellum iustum, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/14260

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