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Auf der Suche nach einer neuen Historik

Historismus, Positivismus und die Krise der Geschichtswissenschaft

Title: Auf der Suche nach einer neuen Historik

Seminar Paper , 2008 , 13 Pages , Grade: 2.0

Autor:in: Christine Numrich (Author)

Philosophy - Philosophy of the 19th Century
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Natürlich gibt es Geschichtsschreibung nicht erst seit dem 19. Jahrhundert. Kommentierte Herrscherlisten, astronomische Kalender, landwirtschaftliche Aufzeichnungen gab es schon in der Antike – auch das war Geschichtsschreibung. Doch war sie hier rein pragmatischer Natur, ohne methodischen oder theoretischen Hintergrund. Erst im Laufe des 19. Jahrhunderts begann man schließlich, die Vergangenheit unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten zu betrachten und eine systematische Methodik zu entwickeln. Auch begann nun die Geschichte sich als akademisches Fach zu etablieren, anfangs noch als Hilfswissenschaft anderer Bereiche, letzten Endes aber als autonome Disziplin.
Ihren Ausgang nahm diese Entwicklung mit den preußischen Reformen Anfang des Jahrhunderts unter Wilhelm von Humboldt mit der Einführung eines wissenschaftlich-methodischen Konzeptes für die Geschichtsschreibung – dem Historismus. In Niebuhrs „Römische Geschichte bis 241 v. Chr.“ wurde 1812 dieses Konzept zum ersten Mal angewendet, und etwas später stellte Leopold von Ranke seine quellenkritische Methode vor. Ende des 19. Jahrhunderts kommt es dann allerdings zu einem heftigen Methodenstreit innerhalb der noch jungen Geschichtswissenschaft, deren deskriptive Methode ganz eklatant infrage gestellt wird – der Historismus gerät in eine Krise, in deren Folge man sich gezwungen sieht, sich auf die Suche nach einer neuen Historik zu begeben.
Aber warum ist das eigentlich so wichtig? Warum spielen Theorie und Methodik in der Geschichtswissenschaft eine so große Rolle, besonders in der politisch unruhigen und beinah instabilen Zeit um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert herum?
Die Antwort findet sich in den Funktionen, welche Geschichte in der menschlichen Gesellschaft einnimmt.
Da wäre an erster Stelle der Beitrag der Geschichte zum Verständnis und zur praktischen Behandlung der Gegenwartsphänomene zu nennen. Manche Dinge können nur im Kontext ihrer geschichtlichen Entwicklung verstanden werden (wie beispielsweise der deutsche Föderalismus). Vernünftiges politisches Handeln setzt historische Kenntnis voraus (ist aber keine zwingende Konsequenz).
Des Weiteren übt Geschichte eine nicht zu vernachlässigende soziale und politische Orientierungsfunktion aus, sie nimmt eine paradigmatische Rolle ein. Vereinfacht könnte man sagen: Die Vergangenheit dient als Beispielsammlung für die Gegenwart.
(...)

Excerpt


Inhaltsverzeichnis

01: Einleitung

02: Die Zeitgeschichtlichen Grundlagen des Historismus

03: Der Historismus als empirische Wissenschaft und seine Krise

03.1: Der Historismus als empirische Wissenschaft

03.2: Die Aufgabe des Geschichtsschreibers nach Humboldt

03.3: Die Krise des Historismus

04: Fazit - Die Suche nach einer neuen Historik

Zielsetzung und thematische Schwerpunkte

Die vorliegende Arbeit untersucht den Wandel der Geschichtswissenschaft an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert. Dabei steht insbesondere die Krise des Historismus und die methodische Suche nach einer neuen Historik im Fokus, um zu klären, wie objektive historische Erkenntnis in einem dynamischen, vom Historiker geprägten Prozess möglich ist.

  • Historische Einordnung des Historismus und seiner aufklärerischen Wurzeln.
  • Die wissenschaftstheoretische Auseinandersetzung zwischen Idealismus und Empirismus.
  • Analyse des Lamprecht-Streits als Auslöser der methodischen Grundlagenkrise.
  • Die Wechselwirkung zwischen Fakten, Interpretation und dem Standort des Historikers.

Auszug aus dem Buch

03.3: Die Krise des Historismus

Im Laufe der 1890er Jahre geriet der Historismus dann zusehends in eine Auseinandersetzung bezüglich seiner Methode, die sich nach und nach zu einer regelrechten „Grundlagenkrise“ auswachsen sollte.

Als Stein des Anstoßes soll hier der so genannte Lamprecht-Streit dienen, dem ersten wirklich bedeutenden Methodenstreit innerhalb der noch jungen Geschichtswissenschaft. Dem Historiker Karl Lamprecht (1856-1915) ging es dabei in erster Linie um die Transformation des Historismus in eine Art Kulturgeschichte, mit dem Fokus auf der Bedeutung sozialer, ökonomischer und kultureller Phänomene und nicht auf politischen und staatsgeschichtlichen Ereignissen und Individuen. Es ging also letzten Endes um eine Verlagerung des Objektes historischer Forschung. Lamprechts Anliegen lässt sich vielleicht am besten zusammenfassen damit, dass er nicht nur – wie Ranke – zeigen wollte, wie es war, sondern darüber hinaus auch, wie es geworden ist. Die Frage, die hier im Mittelpunkt stand, war: Welche Art von Geschichtsschreibung, welche Methode der historischen Erkenntnis ist angemessen angesichts der neuen Anforderungen, die sich aus dem gesellschaftlichen Wandel und auch aus den Naturwissenschaften mit ihren Gesetzmäßigkeiten ergaben.

Lamprechts Vorgehen orientierte sich dabei hauptsächlich an gesellschaftsgeschichtlichen Fragestellungen, Politik- und Personengeschichte waren für ihn zweitrangig. Seine Methode war eine „auf die Erkenntnis allgemeiner historischer Gesetzmäßigkeiten abzielende „kausalgenetische“ Betrachtungsweise.“ Wichtig war Lamprecht nicht die Individualität einzelner historischer Phänomene, sondern die allgemeinen Zusammenhänge und Strukturen, die ihnen zugrunde lagen. Nur diese Strukturen und Regeln des Allgemeinen waren für ihn von erkenntnistheoretischer Bedeutung. Seine zentralen Forderungen: Materialismus und Positivismus sollten das Paradigma des Historismus ablösen, die Beeinflussung der Weltgeschichte durch soziale und wirtschaftliche Faktoren sollte stärker berücksichtigt werden. Die universalgeschichtlichen Ideen Rankes waren für Lamprecht nur Metaphysik, eine „Mystifizierung des geschichtlichen Geschehens“, der unbedingt durch einen „materialistischen Realismus“ ersetzt werden musste.

Zusammenfassung der Kapitel

01: Einleitung: Die Einleitung führt in die Entstehung der Geschichtswissenschaft als akademische Disziplin ein und erläutert die Bedeutung von Theorie und Methodik für die gesellschaftliche Funktion von Geschichte.

02: Die Zeitgeschichtlichen Grundlagen des Historismus: Dieses Kapitel arbeitet die Einflüsse der Aufklärung heraus, die trotz ihrer ungeschichtlichen Orientierung als Katalysator für die Historisierung von Mensch und Welt dienten.

03: Der Historismus als empirische Wissenschaft und seine Krise: Es wird die methodische Entwicklung von Rankes quellenkritischem Ansatz bis hin zu Humboldts hermeneutischem Hybrid-Modell sowie der anschließende Bruch durch den Lamprecht-Streit analysiert.

03.1: Der Historismus als empirische Wissenschaft: Hier wird der Gegensatz zwischen Hegels idealistischer Geschichtsphilosophie und Rankes Streben nach objektiver, faktenbasierter Erkenntnis gegenübergestellt.

03.2: Die Aufgabe des Geschichtsschreibers nach Humboldt: Das Kapitel beschreibt Humboldts Versuch, Faktentreue und interpretative Leistung des Historikers theoretisch miteinander zu versöhnen.

03.3: Die Krise des Historismus: Die Analyse des Lamprecht-Streits verdeutlicht den positivistischen Angriff auf das methodische Fundament des Historismus und die Forderung nach einer kulturgeschichtlichen Neuorientierung.

04: Fazit - Die Suche nach einer neuen Historik: Das Fazit fasst die Notwendigkeit einer methodologischen Neubegründung zusammen, die das Spannungsfeld zwischen Subjektivität des Historikers und empirischer Faktenbasis anerkennt.

Schlüsselwörter

Historismus, Geschichtsschreibung, Methode, Empirismus, Lamprecht-Streit, Positivismus, Historik, Erkenntnistheorie, Kulturgeschichte, Hermeneutik, Leopold von Ranke, Wilhelm von Humboldt, Geschichtsphilosophie, Objektivität, Fortschritt.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?

Die Arbeit befasst sich mit der Entwicklung und der methodischen Krise des Historismus an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert sowie der daraus resultierenden Suche nach neuen wissenschaftstheoretischen Grundlagen.

Was sind die zentralen Themenfelder?

Zu den zentralen Feldern gehören die theoretischen Grundlagen des Historismus, der Methodenstreit zwischen idealistischen und positivistischen Ansätzen sowie die Rolle des Historikers im Erkenntnisprozess.

Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?

Das primäre Ziel ist es, die Gründe für die Grundlagenkrise der Historik zu identifizieren und zu erläutern, wie die Geschichtswissenschaft auf die Herausforderung reagierte, Objektivität in einer dynamischen, interpretativen Wissenschaft zu wahren.

Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?

Die Arbeit nutzt die historische Analyse und die Untersuchung erkenntnistheoretischer Positionen, um den wissenschaftsgeschichtlichen Wandel des Historismus darzustellen.

Was wird im Hauptteil behandelt?

Der Hauptteil behandelt die zeitgeschichtlichen Wurzeln des Historismus, die konkurrierenden Modelle von Hegel und Ranke, Humboldts Vermittlungsversuch und den Lamprecht-Streit als zentralen Auslöser für die Veränderung des Forschungsfokus.

Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?

Die Arbeit wird durch Begriffe wie Historismus, Methode, Erkenntnistheorie, Lamprecht-Streit und Objektivität definiert.

Welche Rolle spielte Wilhelm von Humboldt für die Geschichtsschreibung?

Humboldt schuf mit seinem Aufsatz über die Aufgabe des Geschichtsschreibers ein Bindeglied, das die rein faktenbasierte Forschung mit der disziplinierten Interpretation des Historikers verband.

Warum gilt der Lamprecht-Streit als "Grundlagenkrise"?

Er gilt als Krise, weil er das herrschende Paradigma des Historismus – den Fokus auf Politik und Individuen – durch einen materialistisch-positivistischen Ansatz infrage stellte und damit den Anspruch auf universelle historische Erkenntnis erschütterte.

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Details

Title
Auf der Suche nach einer neuen Historik
Subtitle
Historismus, Positivismus und die Krise der Geschichtswissenschaft
College
Free University of Berlin
Course
„Politik und Philosophie von 1860 - 1914“
Grade
2.0
Author
Christine Numrich (Author)
Publication Year
2008
Pages
13
Catalog Number
V142606
ISBN (eBook)
9783640518494
ISBN (Book)
9783640518715
Language
German
Tags
Suche Historik Historismus Positivismus Krise Geschichtswissenschaft
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
Christine Numrich (Author), 2008, Auf der Suche nach einer neuen Historik, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/142606
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