„Da versuchte wohl Mancher in der Verzweiflung Widerstand und ob die Spinne nicht zu töten sei, warf zentnerige Steine auf sie, wenn sie vor ihm im Grase saß, schlug mit Keulen, mit Beilen nach ihr, aber alles umsonst; der schwerste Stein erdrückte sie nicht, das schärfste Beil verletzte sie nicht, unversehens saß sie dem Menschen im Gesicht, unversehrt kroch sie an ihn heran. Flucht, Widerstand, alles war eitel. Da ging alles Hoffen aus, und Verzweiflung füllte das Tal, saß auf den Bergen“
(aus: Jeremias Gotthelf: Die schwarze Spinne)
Die vorliegende Hausarbeit beschäftigt sich im Rahmen des Proseminars „Widerstand im Dritten Reich“ mit dem oppositionellen Verhalten der Religionsgemeinschaft der Zeugen Jehovas zur Zeit des nationalsozialistischen Regimes. Die Zeugen Jehovas, als dessen Begründer der Amerikaner Charles Taze Russell gilt, halten sich für das älteste Volk der Welt, was sie durch Bibelstellen zu belegen wissen. Sie leiten aus ihrem Glauben bis heute die Anforderungen an das alltägliche Verhalten ab und sehen es als das fundamentale Ziel an, die strenge Auslegung der Endzeiterwartung den Menschen näher zu bringen. Die Gründungszeit fällt in das 19. Jahrhundert, als sich Amerika im Umbruch zwischen einem Agrar- zum Industriestaat befand und deutliche Verunsicherungen in Glaubensfragen auch aufgrund der Evolutionstheorie aufkamen. Die kontinentweite Ausbreitung der Glaubensrichtung begann 1900 mit einem Londoner Zweigbüro, die mit einem Werbefeldzug im Deutschen Reich ab 1903 fortgesetzt wurde. Zur Zeit der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten zählte die Glaubensgemeinschaft der Zeugen Jehovas, die sich bis 1931 „Ernste Bibelforscher“ nannte, rund 25.000 Mitglieder. Übereinstimmend spricht die Forschung, deren Stand trotz günstiger Quellenlage eher defizitär ist und deren Lage sich in Bezug auf diese Thematik erst seit den 1990er Jahren verbesserte, von über 10.000 Inhaftierten, weiterhin von über 2.000 KZ-Insassen, von denen weit mehr als 1.200 zu Tode kamen und lediglich 250 wehrmachtgutachtlich verurteilt wurden.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Exkurs: Widerstandsterminologien
1.1 Nonkonformität / Dissidenz
1.2 Verweigerung
1.3 Protest
2. Das nonkonforme Verhalten und die Verweigerung der Ernsten Bibelforscher sowie die staatliche Repression durch die Nationalsozialisten
2.1 Wahlenthaltung
2.2 Verweigerung des Hitler-Grußes
2.3 Schriftenverteilung und Missionierung
3. Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das oppositionelle Verhalten der Zeugen Jehovas im Nationalsozialismus, um dieses innerhalb der wissenschaftlichen Widerstandsterminologie zu verorten. Das zentrale Ziel besteht darin zu analysieren, inwiefern das religiös motivierte Verhalten als Widerstand gegen das Regime klassifiziert werden kann, obwohl die Glaubensgemeinschaft sich selbst als unpolitisch definierte.
- Historische Einordnung des Widerstandsbegriffs in der NS-Forschung
- Analyse nonkonformer Verhaltensweisen der Zeugen Jehovas
- Untersuchung spezifischer Verweigerungsformen (Wahlenthaltung, Hitler-Gruß, Missionierung)
- Bewertung der staatlichen Repressionen gegenüber der Religionsgemeinschaft
- Kategorisierung des Handelns zwischen passiver Abwehr und aktivem Widerstand
Auszug aus dem Buch
2.1 Wahlenthaltung
Bei den ersten Reichstagswahlen der nationalsozialistischen Herrschaft am 5. März 1933 herrschte zwar der jure noch keine Wahlpflicht, de facto galt jedoch im Deutschen Reich bereits Wahlzwang. Da die Nationalsozialisten bereits zu diesem Zeitpunkt eine starke Mehrheit für die NSDAP und den Reichskanzler Adolf Hitler erzwingen wollten, setzten diese Wahlschlepper ein, die unter anderem der bekannten rigorosen Beteiligungsverweigerung der Zeugen Jehovas an Wahlen entgegenwirken sollten. Besonders nach der Wiedereinführung der Allgemeinen Wahlpflicht im Jahre 1935 sahen die Zeugen Jehovas sich so einer verschärften Situation ausgesetzt, so dass Vorkehrungen wie ein frühzeitiges Verlassen der Wohnung getroffen werden mussten. Konnten Mitglieder der Glaubensgemeinschaft hingegen den Wahlschleppern nicht entgehen, bemühten sie sich, Wahlzettel ungültig zu machen. Die Nationalsozialisten ahndeten die religiös begründete Wahlenthaltung bis Ende 1933 zunächst durch psychischen Druck; seit der Volksabstimmung am 12. November 1933 kam es sodann immer wieder zu massiven Übergriffen wie Beschimpfungen, Bedrohungen durch Wahlschlepper in den eigenen Wohnungen sowie zu schweren Misshandlungen.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung führt in die Problematik ein, die Zeugen Jehovas als Widerstandsgruppe gegen das NS-Regime zu definieren und skizziert den Forschungsstand.
1. Exkurs: Widerstandsterminologien: Dieses Kapitel erläutert theoretische Widerstandskonzepte, um eine Grundlage für die Analyse der Handlungsformen der Glaubensgemeinschaft zu schaffen.
2. Das nonkonforme Verhalten und die Verweigerung der Ernsten Bibelforscher sowie die staatliche Repression durch die Nationalsozialisten: Hier werden konkrete Verhaltensweisen der Zeugen Jehovas analysiert, die aufgrund der strengen Bibelauslegung zu Konflikten mit dem NS-Staat führten.
2.1 Wahlenthaltung: Dieses Kapitel beleuchtet die Praxis der Wahlverweigerung durch Mitglieder der Glaubensgemeinschaft als Ausdruck ihres religiösen Selbstverständnisses gegenüber der politischen Herrschaft.
2.2 Verweigerung des Hitler-Grußes: Das Kapitel beschreibt, warum die Ablehnung der nationalsozialistischen Grußformel als Gotteslästerung und Loyalitätsverweigerung gewertet wurde.
2.3 Schriftenverteilung und Missionierung: Es wird untersucht, wie die verbotene Missionstätigkeit und der Vertrieb von Schriften im Untergrund als Form des Protests organisiert wurden.
3. Schlussbetrachtung: Das Fazit fasst zusammen, dass das Verhalten der Zeugen Jehovas zwar nicht als politischer Widerstand im klassischen Sinne, wohl aber als konsequente Verweigerung mit politischer Wirkung einzuordnen ist.
Schlüsselwörter
Zeugen Jehovas, Nationalsozialismus, Widerstand, Ernste Bibelforscher, Verweigerung, Nonkonformität, NS-Repression, Wahlenthaltung, Hitler-Gruß, Missionierung, Glaubensgemeinschaft, Widerstandsterminologie, Martyrium, Konzentrationslager.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit dem oppositionellen Verhalten der Religionsgemeinschaft der Zeugen Jehovas während der Zeit des Nationalsozialismus.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Fokus stehen die Spannungsfelder zwischen religiöser Selbstdefinition, alltäglichem Widerstand gegen das Regime und den resultierenden staatlichen Repressionen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist die wissenschaftliche Einordnung des Verhaltens der Zeugen Jehovas in die bestehende Widerstandshistoriographie des Dritten Reiches.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt eine begriffliche Fundierung durch die Widerstandsterminologie und analysiert exemplarisch drei konkrete Verhaltensweisen auf ihre Widerstandsqualität.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Klärung der Begrifflichkeiten und die Analyse der drei Kernpunkte: Wahlenthaltung, Verweigerung des Hitler-Grußes sowie Schriftenverteilung und Missionierung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Zeugen Jehovas, Verweigerung, Nonkonformität, NS-Repression und religiöses Selbstverständnis geprägt.
Warum wurden die Zeugen Jehovas von den Nationalsozialisten als so gefährlich eingestuft?
Ihre konsequente Ablehnung des Hitler-Grußes und des Heeresdienstes, begründet durch ihre Bibelauslegung, wurde vom Regime als staatsfeindliche Vereitelung der Herrschaftssicherung interpretiert.
Welche Rolle spielte der Begriff "lila Winkel" in diesem Zusammenhang?
Der lila Winkel war das spezifische Stigma, das den Zeugen Jehovas in Konzentrationslagern zugewiesen wurde, um ihre Haltung gegen die staatliche Ordnung symbolisch kenntlich zu machen.
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- Catrin Ingerfeld (Author), 2003, Die Verweigerung der Zeugen Jehovas im "Dritten Reich", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/14263