(K)ein spanischer Kriminalroman: Über Eduardo Mendozas 'La verdad sobre el caso Savolta'


Hausarbeit (Hauptseminar), 2000
20 Seiten, Note: 1
Karl Mellacher (Autor)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Über Eduardo Mendoza

3. Über den Kriminalroman

4. Über La verdad sobre el caso Savolta
4. 1. Einführung
4. 2. Der „experimentelle“ Teil
4. 3. Der „traditionelle“ Teil

5. Kriminalroman oder Zeitroman?

6. Literatur

1. Einleitung

Eduardo Mendoza ist mein spanischer Lieblingsautor. Als ich im Sommer 1999 auf den Spuren der Jakobspilger, mehr aus sportlichen, landeskundlichen und sprachlichen als aus religiösen Gründen, von Pamplona nach Santiago de Compostela radelte, fiel mir irgendwo Sin noticias de Gurb (1991) in die Hände, diese köstliche Geschichte von zwei Außerirdischen, die Barcelona auf den Kopf stellen und nebenbei lieben lernen. Auf der gleichen Radtour amüsierte ich mich noch über den comisario Flores und seinen sidekick aus dem Irrenhaus in El misterio de la cripta embrujada (1979) und El laberinto de las aceitunas (1982).

Im Zuge diese Seminars las ich dann noch La ciudad de los prodigios (1986), El año del diluvio (1992) und Una comedia ligera (1996), fragte mich dann, warum gerade La verdad sobre el caso Saolta und nicht (z. B.) Una comedia ligera, das eher die die traditionellen Muster des Genres aufweist, Gegenstand einer Untersuchung über Eduardo Mendoza als spanischer Krimiautor sein soll.

2. Über Eduardo Mendoza

Eduardo Mendoza wurde 1943 in Barcelona geboren und lebte von 1973 – 1982 in New York, wo er unter anderem als Simultandolmetscher bei der UNO arbeitete. Er gilt als Erfolgsautor, der sich „durch originellen Humor, Phantasie, Suspense und Ironie“(Franzbach, S. 389) auszeichnet. Mendoza hat bis dato sieben Romane publiziert: La verdad sobre el caso Savolta (1975), El misterio de la cripta embrujada (1979), El laberinto de las aceitunas (1982), La ciudad de los prodigios (1986), La isla inaudita (1989), Sin noticias de Gurb (1991), El año del diluvio (1992), Una comedia ligera (1996). Mit seiner Schwester Christina, der Direktorin des Museums für Moderne Kunst in Barcelona verfasste er den Prachtband Barcelona modernista (1989); außerdem schrieb er noch ein Theaterstück in Katalanisch (Restauració, 1990), das er selbst ins Kastillische übersetzte (Restauración, 1991).

3. Über den Kriminalroman

Seit den 80ern scheint der Kriminalroman bei – relativ – jungen österreichischen Literaturwissenschaftern und Autoren en vogue zu sein. Einige meiner Freunde – und auch ich selbst- haben schon irgendwann einmal einen Kriminalroman begonnen oder Arbeiten darüber geschrieben bzw. projektiert. Ich selbst arbeite seit zwei Jahren an der Übersetzung eines südafrikanischen Kriminalromans (Nicholas Williamson: Buffalo Hunters).

Weshalb die Freude an diesem Genre?

Der Kriminalroman war zum einen immer der Bereich der Genreliteratur, der den gebildeten Leser angesprochen hat: „Die Freude am Kriminalroman wächst der Untersuchung zufolge mit dem Bildungsabschluß: nur 29 Prozent der Befragten mit Volksschulabschluß, aber fast jeder zweite Deutsche mit Abitur oder Hochschulabschluß liest hin und wieder einen Krimi.“ (Vogt, S. 12) Das Vergnügen am Kriminalroman ist mit dem Vergnügen des Rätselratens oder Schachspielens vergleichbar, oft findet man in Zeitschriften den abgeschlossenen Kurzkrimi neben der Rätsele>Zum anderen scheint der Kriminalroman die Phantasie des Zeitgeistes wiederzugeben: Der Einzelgänger, der Detektiv, der sich mit Klugheit und Kraft durchsetzt, entspricht einerseits dem neoliberalen (der Starke setzt sich – auch allein – durch), andererseits dem postmodernen Weltbild (verschiedene Lebensstile – es gibt ja auch die verschiedenen Detektivfiguren und Methoden der Detektion - existieren gleichberechtigt nebeneinander).

Jenseits der sprachlichen Experimente der Moderne bietet sich der Postmoderne mit der Verfahrensweise der Dekonstruktion eine neue Auseinandersetzung mit den Mustern vertrauter Genres an: „Indem die postmodernen Autoren auf den Kriminalroman zurückgreifen, um mit einer Dekonstruktion seines Schemas das Projekt der Moderne in Frage zu stellen, nehmen sie diese Gattung als modern wahr. (Bremer, S. 49)

Jenseits der Erfahrung des Poeten im Elfenbeinturm, dessen Auseinandersetzung mit der Sprache nur mehr von Kritikern und Literaturwissenschaftern gewürdigt werden (können), versuchen die postmodernen Autoren wieder Lesbarkeit zu ermöglichen:

Wenn die Radikalisierung des Avantgardeprinzips den Autor mit Wirklichkeits- und Kommunikationsverlust bedroht, muß eine Literatur nach und jenseits der Avantgarde darauf bedacht sein, sowohl Referentialität wie Lesbarkeit (bezeichnenderweise die „bêtes noires“ der Tel-Quel-Poetik) [...] zurückzugewinnen, ohne die Erfahrung der Avantgarden schlicht zu ignorieren. (Schulz-Buschhaus, S. 523)

Spanien nimmt eine Sonderstellung in der Tradition des Kriminalromans ein. Wie andere faschistische Systeme hatte auch das Franco-Regime keine Verwendung für den Kriminalroman, da es im autoritären Staat ja kein Verbrechen gibt, bzw. das Monopol auf Verbrechen beim Staat liegt:

Tatsächlich hatte es, bevor Montalbán 1974 seinen Roman Carvalho und die tätowierte Leiche (Rowohlt) veröffentlichte und damit sozusagen die Geburt des spanischen Krimis einleitete, kaum nennenswerte Vorläufer auf diesem Gebiet gegeben. Das lag nicht zuletzt an der rigorosen Zensur des Franco-Regimes, der alles, was nur ansatzweise als Kritik an den etablierten Machtstrukturen angesehen werden konnte, zum Opfer fiel. (Lütke, S. 171)

Francos Tod im Jahre 1975 bewirkt einen tiefgreifenden Umbruch; die Zensur verschwindet, neue Zeitschriften und Zeitungen werden gegründet, neue Genres werden ausprobiert: „Gleichzeitig aber stürzt die spanische Gesellschaft in große politische und soziale Unsicherheit, die für die Jahre des Übergangs zur Demokratie bestimmend bleibt. Das alles bietet den Nährboden für die Entstehung des „neuen“ spanischen Kriminalromans [...]“ (Lütke, S. 172)

Der Kriminalroman in der Post-Franco-Ära bietet auch die Möglichkeit, die gesellschaftlichen Veränderungen – die, wie immer wenn es einen Übergang von einem totalitären zu einem demokratischen System gibt, besonders stark sind - zu reflektieren: Der „spanische Detektivroman ist Ideologieträger, Indikator für ideologische Normen der Gesellschaft und implizite Weltanschauungen“ (Schwarzbürger, S. 80)

Neben den neuen Möglichkeiten, die sich durch Francos Tod und damit das Ende der Diktatur ergeben haben, ist also die veränderte Gesellschaft, zu der auch mehr Kriminalität und Gewalt gehören, mit Grund für den Boom des spanischen Kriminalromans:„Die Bloßstellung und Distanz von der (als gewaltvoll empfundenen) Gesellschaft durch Stil, Sprache, Ausdrucksweise und vor allem (verfremdenden) Humor [...] ist eine Form der Bewältigung der ansonsten nur langsam adaptier- und verarbeitbaren Gegenwart.“ (Schwarzbürger, S. 78)

4. Über La verdad sobre el caso Savolta

4. 1.Einführung

La verdad sobre el caso Savolta wurde im Jahr 1975, also im Jahr des Endes der Franco-Diktatur, publiziert. Das „mit dem Premio de la Crítica ausgezeichnete Erstlingswerk wurde wegen seiner spannenden und ungewöhnlichen Thematik, die erstaunlich gekonnt umgesetzt ist, mit großer Bewunderung aufgenommen.“ (Kindler, S. 538).

La verdad sobre el caso Savolta steht genauso in der spanischen Romantradition wie in der – angesächsisch dominierten – Tradition des Kriminalromans: Die „handelnden Personen erinnern an die Anti-Helden des pikaresken Romans“ (Kindler, S. 539).

Das Erscheinungsjahr 1975 ist natürlich von großer Bedeutung: Der Roman markiert „als erster „Übergangsroman“ (novela de transición) die Anfänge der seit 1985 in Spanien vorherrschenden Tendenzen.“ (Kindler, S. 539)

4.2. Der „experimentelle“ Teil

Der Roman ist in zwei große Teile gegliedert: Der erste Teil ist experimenteller, verschiedene Textsorten wechseln miteinander ab und es wird schnell zwischen den verschiedenen Handlungsebenen gewechselt.

Das erste Kapitel beginnt mit drei schnellen Schnitten, drei Textsorten, mit denen drei der Protagonisten vorgestellt werden. Die erste Textsorte ist ein Artikel aus der Zeitschrift La voz de la justicia vom 6. 10. 1917 in der ein Domingo Pajarito de Soto mit beredten Worten die allgemeine Korruption in Spanien und die Unterdrückung der Arbeiter dort anprangert: „Por eso no dejaré pasar la ocasión de denunciar con objetividad y despasionamiento, pero con firmeza y verismo, la conducta incalificable y canallesca de cierto sector de nuestra industria [...] Me refiero, por si alguien no la ha descubierto aún, a los sucesos recientemente acaecidos en la fábrica Savolta [...] (S. 12).

Auf diese blumige Sprache folgt ein Auszug aus einem Gerichtsprotokoll, in dem ein Javier Miranda Lugarte 1927 vor einem Gericht in New York Bericht über seine Zeit in Barcelona zwischen 1917 und 1919 geben soll. In der dritten Textsorte, die wohl am ehesten Auszug aus einem Gesellschaftsroman genannt werden könnte, empfängt das angesehene Ehepaar Savolta Gäste zu einem Diner. Der Leser erfährt dabei, dass über eine bevorstehende Vermählung der Tochter gemunkelt wird.

[...]

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
(K)ein spanischer Kriminalroman: Über Eduardo Mendozas 'La verdad sobre el caso Savolta'
Hochschule
Karl-Franzens-Universität Graz  (Romanistik)
Veranstaltung
Spanischer Kriminalroman
Note
1
Autor
Jahr
2000
Seiten
20
Katalognummer
V142737
ISBN (eBook)
9783640518548
ISBN (Buch)
9783640518753
Dateigröße
431 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kriminalroman, Eduardo, Mendozas, Savolta
Arbeit zitieren
Karl Mellacher (Autor), 2000, (K)ein spanischer Kriminalroman: Über Eduardo Mendozas 'La verdad sobre el caso Savolta', München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/142737

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