Eine Nation schreiben

Konstruktion nationaler Identität in der Zeitschrift 'Die Gartenlaube'


Hausarbeit, 2008

24 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Methode und Forschungsstand
1. Theorie und Methode
2. Forschungsstand

III. Historische und thematische Kontextualisierung
1. Öffentlichkeit, nationale Identität und kollektives Bewusstsein
2. Die Gartenlaube: populäres Massenmedium und politisches Organ

IV. Die Konstruktion der Nation in der Gartenlaube
1. Die vorgestellte Gemeinschaft der Leser
2. Die Kategorien von Region und Nation
3. Grenzziehungen nach außen und antiaristokratische Tendenz

V. Schluss

VI. Literaturangaben

I. Einleitung

Die Vorstellung einer Nation von sich selbst, ihren Wesenszügen und ihrer Geschichte, kurzum ihrer Identität, verläuft nicht notwendigerweise entlang und kausal abhängig von tatsächlichen politischen Ereignissen, sondern wird u.a. durch (Massen-)Medien produziert, reproduziert und repräsentiert. Die Presse wird dabei als ein Medium der Bedeutungsdefinition und -übertragung betrachtet, und nicht als bloßer Spiegel der ‚Realität’.

In Deutschland im 19. Jahrhundert übernahm die Zeitschrift Die Gartenlaube eine bedeutende Rolle im Prozess der Vermittlung eines nationalen Bewusstseins und der Vorstellung politisch-kultureller Einheit. Im deutschen Sprachraum wurde durch die Zeit schrift (und - anders als in Großbritannien - nicht die Zeit ung) die erste Form von Massenkommunikation etabliert. These der Arbeit ist, dass die Gartenlaube - obwohl sich als Familienblatt präsentierend - maßgeblich zur Vorstellung einer nationalen Gemeinschaft beitrug. Sie wirkte inkludierend, indem sie sich erstens an alle Familienmitglieder und verschiedene Schichten richtete und zweitens eine Vorstellung einer nationalen Gemeinschaft von Lesern erschuf.

Ausgehend von Theorie und Forschungsstand (II) wird eine politische und medienhistorische Kontextualisierung der Zeitschrift vorgenommen (III). Dabei sind einerseits politisch-historische Kontexte der Nationalstaatenbildung in Europa und national-politische Diskurse von Bedeutung, und andererseits auch die Entwicklung der Zeitschrift und ihrer zunehmenden Bedeutung in der Gesellschaft. In IV werden Mechanismen nationaler Identitätskonstruktion betrachtet, wobei ein Schwerpunkt auf der Vermittlungsrolle nationaler Bilder durch die moderne Massenpresse liegt.

Das der Arbeit zu Grunde liegende Erkenntnisinteresse sind sozio-politische und medien-historische Zusammenhänge und Konsequenzen des frühen Einsatzes des Massenmediums Zeitschrift zur Publikation, Verbreitung und Propagierung bürgerlich-liberaler Ideen. Allgemeiner geht es um die Frage, wo die Entwicklung der Massenmedien zur gegenwärtigen Stellung als Vierter Gewalt im Staat begann und wie die Anfänge einer Öffentlichkeit aussehen, die wie heute als legitimierend für eine Demokratie begreifen. Fokus dieser Untersuchung sind die Elemente und Themen, die die Vorstellung einer nationalen Gemeinschaft unterstützen.

Die Arbeit zielt nicht auf eine umfassende Textanalyse ab, sondern beschränkt sich auf das Aufzeigen von Mechanismen der Nationskonstruktion sowie die Kontextualisierung der Gartenlaube als politischem Organ in ihrem sozialen, historischen und politischen Umfeld. Rein empirische Erhebungen einzelner Ausgaben, wie sie an vielen Stellen qualitativ und quantitativ bereits vollführt wurden, vorzunehmen, ist nicht Teil der Arbeit. Diese besitzen zwar einen analytischen Mehrwert hinsichtlich des Themenspektrums der Gartenlaube, sind jedoch weniger repräsentativ für die medien-historische und politische Kontextualisierung, die hier im Vordergrund steht. Vielmehr zeichnet die Arbeit anhand von ausgewählten Beispielen aus der Gartenlaube wesentliche Mechanismen der Konstruktion nationaler Identität auf - wie in der Gartenlaube eine Nation ,erschrieben’ wird.

II. Theorie und Forschungsstand

1. Theorie und Methode

Grundannahme ist eine konstruktivistische Perspektive auf die Zusammenhänge von Kultur, Identität und Gesellschaft: Das kollektive Bewusstsein wird von Mechanismen kultureller Kommunikation und medialer Vermittlung konstruiert, produziert und reproduziert. Texte bilden eine kulturell wirksame Sammlung von Bildern und Erzählungen über nationale Identität. Vermittelt werden diese Bilder durch Strukturen (insbesondere die Massenpresse), die deren Eingang in das kollektive Gedächtnis der Gesellschaft garantieren.

Von diesem Standpunkt aus verbindet die Produktion liberaler Ideen in der Presse und die politischen Einstellung der Gesellschaft kein Kausaldeterminismus, sondern eine Wechselbeziehung. ‚Realität’ wird als teils konstruiert, teils gegeben aufgefasst: „Constructivist work stresses the significance of meaning, but assumes, at the same time, the existence of an a priori reality.” (Zehfuss 2002: 10) Für Die Gartenlaube heißt das, dass eine Wechselbeziehung zwischen dem Bemühen um die Konstruktion der Nation und dem vom Bürgertum vertretenen Wunsch danach besteht. Dieses Bemühen von 1853 bis 1900[1] in einem qualitativen Verfahren nachzuzeichnen und medienhistorisch zu kontextualisieren ist Aufgabe der Arbeit.

2. Forschungsstand

Die moderne Forschung beschreibt Die Gartenlaube zumeist in ihrem politischen und sozialen Kontext, obwohl die Zeitschrift selbst sagt, es sei „nicht Aufgabe der Gartenlaube, […] sich in das Getriebe der Tagespolitik einzumischen“ (Ernst Keil in Gartenlaube 1866: 192, zitiert in Zaumseil 2007: 36). Die Bedeutung der Entwicklung von Massenmedien für diesen Prozess wird u.a. von Kirsten Belgum (1993 und 1998) betont, die in ihren Analysen der Gartenlaube auf die besondere Bedeutung der modernen Massenpresse als Vermittler von kulturellen und politischen Bildern nationaler Identität fungiert. Sie nimmt dabei Konzepte Benedict Andersons (1983) einer imagined community auf. Dieser hebt die Bedeutung der Massenmedien und die Teilnahme vieler Individuen an der Lesetätigkeit für die Vorstellung einer nationalen Gemeinschaft von Lesern hervor.

Den massenmedialen Konstruktionsprozess des kollektiven Bewusstseins in der Phase politischer Neuorientierung im 19. Jahrhundert in Deutschland analysiert auch Marcus Koch (2003), wobei er die Entstehung der Nation als vielschichtigen und historischen Prozess betrachtet. Daneben untersucht Franka Zaumseil (2007), wie in den Erzählungen, Aufsätzen und der Berichterstattung der Gartenlaube das Bild einer Nation entworfen wird. Sie argumentiert, dass die Zeitschrift nicht nur, wie Hermann Zang (1937) schreibt, zum Sprachrohr des Bürgertums wurde, sondern auch über eine Abgrenzung nach außen eine innere Einheit konstruierte.

Auf die Bedeutung der Gartenlaube als Popularisierungsinstanz von ‚nationaler Volkskultur’ und Massenmedium des Bürgertums geht Heidemarie Gruppe ein (1976). Sie untersucht die Gartenlaube hinsichtlich der Bedeutungen, Verwendungszusammenhänge und des Wandels des Begriffes ‚Volk’. Dabei kommt sie zum Schluss, dass sich dieser Begriff während der Erscheinungszeit der Gartenlaube durchaus wandelte, aber grundsätzlich mit den liberalen Vorstellungen des Bürgertums und politischen Zielen eines Nationalstaates verbunden war.[2] Einen inhaltlich ähnlichen Schwerpunkt legt Matthew Fitzpatrick (2005) in seiner Beleuchtung des Zusammenhangs zwischen nationalen Bewusstsein des liberalen Bürgertums, kolonialen Vorstellungen und deren massenmedialen Vermittlung.

Die in Fortsetzungsserien publizierten Romane und Erzählungen der Gartenlaube wurden teilweise in Sammlungen erneut veröffentlicht (Heilmann 1982). Heike Radeck (1967) zeigt in den Romanen anti-amerikanische und antiaristokratische Tendenzen sowie nationalistische Ideologie nach 1870/71 auf. Sie argumentiert, dass Bauern- und Gebirgsromane als Teil der Heimatkunst zur Definition und Ausgestaltung des Nationalismus beitrugen.

Magdalene Zimmermann (1963) bietet einen deskriptiven Überblick über die wesentlichen Themenbereiche der Gartenlaube mit einer Sammlung von Auszügen aus Primärquellen. Ähnlich wenig Aussagekraft bieten Ruth Horovitz’ Bemerkungen zu bürgerlich-liberalen Ideen in der Gartenlaube, da diese in ihrem Buch zum deutschen Liberalismus zu einer rein additiven Sammlung von Thesen und Zitaten geraten sind und eine Argumentation vermissen lassen. In dieser Hinsicht haben beide Arbeiten eine grundsätzlich interessante und zum Weitergebrauch geeignete Vorauswahl an relevanten Textstellen getroffen, auf die hier auch zurückgegriffen wird. Günther Cwojdrak (1982) leistet mit seiner Zusammenstellung von Beiträgen aus der Rubrik „Blätter und Blüthen“ (eine Art Feuilleton) der Jahrgänge 1870, 1871, 1880, 1890, 1900, 1914, 1915, 1916, 1917, 1918 Ähnliches.

III. Historische und thematische Kontextualisierung

1. Öffentlichkeit, nationale Identität und kollektives Bewusstsein

Die Geschichte der Zeitschrift muss kontextualisiert werden im Entstehen einer Öffentlichkeit, die maßgeblich vom aufstrebenden Bürgertum im 18. Jahrhundert zu einer selbstbewussten und anerkannten gesellschaftlichen Kraft getragen wurde. Mit ihrem Aufstieg in der Kindheit des modernen Staates entwickelte die bürgerliche Schicht ein Interesse an der Verbreitung ihrer politischen Meinungen und Interessen. Die Zeitschriften, die in dieser Zeit befördert von neuen technischen Produktionsmöglichkeiten und einem gesellschaftlichen Bedarf gegründet, produziert und gelesen wurden, stellen die bedeutendste Artikulationsform dieser neuen bürgerlichen Schicht dar.[3]

Die Öffentlichkeit als Forum zur Verbreitung politischer Ideen ‚existiert’ hinsichtlich der Begriffsgeschichte erst seit dem 17. Jahrhundert als ‚öffentlich’ und wird als Synonym für ‚staatlich’ (vom lat. publicus abgeleitet) verwendet. Öffentliche Meinung als Konzept ist in den deutschen Staaten durch Übernahme aus dem Englischen und Französischen und durch Füllen mit ‚deutschen’ Inhalten entstanden (vgl. Zaumseil 2007: 9-10). Als Strukturwandel im Sinne von Jürgen Habermas wird das Drängen des sich selbst als ‚mündig’ wahrnehmenden Bürgertums zur Teilhabe am Staat bzw. öffentlichen Leben bezeichnet. Die frühen Kommunikationsräume dieser Öffentlichkeit waren aber angesichts von Zensur, reglementierender Institutionen und geringer journalistischer Professionalisierung weit davon entfernt, Foren der ‚öffentlichen Meinung’ zu sein und wurden „zu einem Ort der ‚ ver öffentlichten Meinung’“ (Zaumseil 2007: 12, Herv. i.O.).[4]

In der Öffentlichkeit nahm das Konzept der Nation als sozial konstruiertes kollektives Bewusstsein einen großen Platz ein.[5] Nation (vom lat. natio ‚Geburt, Herkunft, Volksstamm’ und über franz. nation abgeleitet) bezieht sich auf eine Abstammungsgemeinschaft, wird jedoch im Kontext der Nationenbildung in Europa mit Inhalten wie gemeinsamen Werten, Sitten und Geschichte gefüllt. Zwei dominante Konzepte lassen sich feststellen: das der Staatsnation und das der Kulturnation. Letztere spielt eine besondere Rolle im deutschen Kontext.

Ein Bewusstsein gemeinsamer Abstammung bzw. ein Nationalgefühl oder eine Nationalidentität wurden von Benedict Andersen (1983) als Konstruktion und kollektives Bewusstsein entlarvt. Was als historische Realität postuliert und im Legitimierungsprozess der Nation verwendet wurde, zeigt sich im Licht Andersons Forschung Vorstellung und Konstrukt.[6]

Thomas Nipperdey vollzieht den Prozess sozialstruktureller Veränderung des Menschen nach, der mit der zunehmenden Individualisierung im späten 18.

[...]


[1] Der Untersuchungszeitraum wurde vom von dem Gründungsjahr der Zeitschrift bis zu einem Zeitpunkt ein Jahrzehnt vor dem Ersten Weltkrieg gewählt, da dann der Nationalstaat einerseits als etabliert gelten darf, andererseits zu diesem Zeitpunkt nationalistische Tendenzen die Oberhand gewinnen und es nicht mehr um die bloße Konstruktion und Etablierung der Nation geht.

[2] Zu den Forderungen des Liberalismus im 18. und 19. Jahrhundert gehörten die Institutionalisierung der Grund- und Menschenrechte, demokratische Entscheidungsfindung, Verfassungen, Liberalisierung des Handels, Aufheben von Zollschranken. Das wichtigste Ziel des liberalen Bürgertums war die Einigung der deutschen Staaten und die Gründung einer deutschen Nation, von der das Bürgertum behauptete, maßgeblich an ihrer Entstehung beteiligt gewesen zu sein (vgl. Zaumseil 2007: 5 und 11 sowie Gruppe 1976: 27).

[3] Anders als in Großbritannien, wo die Tageszei tung die moderne Massenkommunikation begründete, ist es im deutschen Sprachraum die Zeit schrift, die diese Funktion erfüllt (vgl. Belgum 1998: 2 und 16).

[4] Vgl. zu den Umständen der Entstehung der Massenpresse auch Belgum 1998: 5-7 sowie Anderson 2006: 37-46. Eine nicht zu vernachlässigende Voraussetzung für die Entstehung der Massenpresse war auch die Steigerung der Alphabetisierung der Bevölkerung von etwa 15% im Jahr 1770 auf ca. 75% um 1870 (vgl. Belgum 1998: 6).

[5] Anderson leitet mit Imagines Communities (1983) zeitgleich mit Ernest Gellners Werk Nations and Nationalism (1983) eine konstruktivistische Wende in der Nationalismusforschung ein, die auch das theoretische Rahmenkonzept dieser Arbeit ausmacht.

[6] Konstruiert sei die Nation an sich aufgrund von folgenden Eigenschaften: Sie sei erstens „ imagined because the members of even the smallest nation will never know most of their fellow-members, meet them or even hear of them, yet in the minds of each of them lives the image of their communion.” (Anderson 1983: 6, Herv. i.O.) Zweitens sei die Nation “limited because even the largest of them [...] has finite, if elastic, boundaries beyond which lie other nations.” (Anderson 1983: 7, Herv. i.O.) Drittens sei die Nation als souverän vorgestellt, “because the concept was born in an age in which Enlightenment and Revolution were destroying the legitimacy of the divinely-ordained, hierarchical dynastic realm.” (Anderson 1983: 7) Schließlich sei die Nation “imagined as a community, because, regardless of the actual inequality and exploitation that may prevail in each, the nation is always conceived as a deep, horizontal comradeship.“ (Anderson 1983: 7, Herv. i.O.)

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Eine Nation schreiben
Untertitel
Konstruktion nationaler Identität in der Zeitschrift 'Die Gartenlaube'
Hochschule
Universität Trier  (Medienwissenschaft)
Veranstaltung
Geschichte der Zeitschrift
Note
1,7
Autor
Jahr
2008
Seiten
24
Katalognummer
V142748
ISBN (eBook)
9783640519408
ISBN (Buch)
9783640520893
Dateigröße
498 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Eine, Nation, Konstruktion, Identität, Zeitschrift, Gartenlaube
Arbeit zitieren
Anna Milena Jurca (Autor), 2008, Eine Nation schreiben, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/142748

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