Aus dem auf eigenen Erfahrungen (als Schüler, als Student der Schulmusik und als freiberuflicher Musiker) beruhenden Anspruch, Schülern Rhythmus und den Spaß daran in bestmöglichem Maße zu vermitteln, entstand das Ziel, herauszufinden, welche Aspekte in einem meinem Rhythmusbild gerecht werdenden Vermittlungsprozess von Bedeutung sind. Dafür ist es zunächst unerlässlich, sich auf theoretischer Ebene ausführlich mit dem Rhythmus auseinanderzusetzen. Aus meiner Beobachtung heraus kann und möchte ich Rhythmus als ein Phänomen bezeichnen, und anhand eines in seinen Blickwinkeln vielschichtigen Analyseprozesses werden verschiedene Erscheinungsformen dessen betrachtet und ergründet. Der Ansatz meines Vorgehens bezieht sich auf die Tatsache, dass die Felder Rhythmus, Musik und Mensch eng miteinander verknüpft sind. Ich möchte versuchen, den Rhythmus zu erschließen, indem ich ihn zunächst in seinen Wechselbeziehungen zum Menschen und zur Musik betrachte bzw. untersuche, wie sich alle drei Felder gegenseitig bedingen. Der kulturelle Kontext und die Sicht der Musikpädagogik sind weitere Aspekte, die analysiert werden.
Sich an den theoretischen und musikdidaktischen Erkenntnissen orientierend wird dann der Transfer zu entsprechenden Unterrichtskonzepten vollzogen, die als Anleitung für die Vermittlung des Rhythmus in allgemeinbildenden Schulen geschrieben wurden. Ein Vergleich dieser Konzepte hinsichtlich auf den theoretischen Erkenntnissen aufbauender Kriterien bildet einen zweiten Hauptteil der Arbeit. Die übergeordneten Fragestellungen dieser Analyse weisen dabei in zwei Richtungen: Auf welche Weise spiegeln sich die inhaltlichen Schwerpunkte der theoretischen Analyse sowie aktuelle musikpädagogische Positionen in den vorliegenden Unterrichtskonzepten wieder, und welche Konsequenzen ergeben sich daraus hinsichtlich der Sichtweise bzw. des rhythmischen Wissens und rhythmischer Kompetenzen, die die Schüler als Ergebnis des Lernprozesses erhalten?
Anhand der dabei gewonnenen Erkenntnisse werden inhaltliche und methodische Anforderungen ausgelotet, die an zeitgemäße rhythmische Vermittlungskonzepte gestellt werden müssen. Ich möchte mich selbst und andere Berufstätige im musikpädagogischen Feld in die Lage versetzen, den Musikunterricht im Fach Rhythmus didaktisch optimal aufbereiten zu können, und sehe den Gebrauchswert dieser Arbeit darüber hinaus auch in einer generellen Motivierung, sich der spannenden Welt des Rhythmus durchdacht und intensiv zu widmen.
Gliederung und Inhaltsverzeichnis
A. EINFÜHRUNG
1. Rhythmus – Erfahrungen und persönliche Motivation
2. Zum Arbeitsinteresse
B. RHYTHMUS – DEM PHÄNOMEN AUF DER SPUR
1. Zur Definition von Rhythmus
2. Mensch und Rhythmus
2.1. Der Mensch als ursprünglich rhythmisches Wesen
2.1.1. Rhythmus ist Leben
2.2. Rhythmus und Bewegung
2.3. Rhythmus und Sprache
2.4. Rhythmus und Wirkung
3. Musik und Rhythmus
3.1. Metrum / Puls
3.2. Takt
3.3. Tempo
4. Musik und Rhythmus und Mensch
4.1. Die Urelemente Musik und Bewegung
4.2. Wirkungen von Musik und Rhythmus auf den Menschen
4.3. Es „groovt“!
4.3.1. Die strukturelle Dimension
4.3.2. Die soziale Dimension
5. Rhythmus und Kultur
5.1. Ein Beispiel: Der Rhythmus afrikanischer Musik
6. Rhythmus im musikpädagogischen Blickfeld
6.1. Die rhythmisch-musikalische Erziehung
6.2. Rhythmus in der zeitgenössischen Musikpädagogik
6.2.1. Das Problemfeld Schulmusik
C. RHYTHMUS - ANALYSE VON UNTERRICHTSKONZEPTEN
1. Rhythmus im Musikunterricht: Thesen
2. Bemerkungen zum Untersuchungsverfahren
2.1. Fragekomplexe zur Konzeptanalyse
2.2. Hypothesen
3. Vorstellung der ausgewählten Unterrichtskonzepte
3.1. „Schlag auf Schlag“ (in: „Soundcheck 2“)
3.2. „Der Rhythmus macht’s“ (in: „Hauptsache Musik 9/10“)
3.3. „Rhythmus ist leicht?!“ (in: „Klasse Musik“)
3.4. „Rhythmus der Woche“ (in: „Klasse Musik“)
3.5. „Im Groove der Mandalas“ (in: „Musik & Bildung“)
3.6. „African HipHop“ (in: „Klasse Musik“)
3.7. „BBBBbeat“ (in: „Klasse Musik“)
3.8. „Im Freiraum des Rhythmus“ (in: „Musik und Unterricht“)
3.9. „Rhythm in the classroom“ (in: „Musik & Bildung Spezial“)
D. DARSTELLUNG DER UNTERSUCHUNGSERGEBNISSE
E. AUSWERTUNG DER ERGEBNISSE
F. ZUSAMMENFASSUNG
G. ANHANG
1. Literaturverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Phänomen Rhythmus und dessen didaktische Vermittlung im Musikunterricht der Sekundarstufe an allgemeinbildenden Schulen. Ziel ist es, die Diskrepanz zwischen der faszinierenden, lebensweltlichen Bedeutung des Rhythmus und seiner oft problematischen, rein theoretisch-kognitiven Behandlung in schulischen Lehrwerken aufzuzeigen und Ansätze für einen praxisorientierten, ganzheitlichen Unterricht zu erarbeiten.
- Phänomenologie des Rhythmus als menschliche Grunderfahrung
- Wechselbeziehung zwischen Mensch, Musik und rhythmischer Bewegung
- Interkulturelle Perspektiven und ihre Bedeutung für die Musikpädagogik
- Analyse und Bewertung aktueller Unterrichtskonzepte hinsichtlich ihrer Praxisorientierung
- Entwicklung didaktischer Kriterien für einen motivierenden Rhythmusunterricht
Auszug aus dem Buch
1. Rhythmus – Erfahrungen und persönliche Motivation
Ich erinnere mich gut an eine Musikunterrichtsstunde, die ich vor einigen Jahren im Rahmen meines Orientierungspraktikums an einem Gymnasium erlebte: In großen Lettern stand an der Tafel geschrieben: „Rhythmus“. Dies war das Thema, das die Schüler und mich in dieser Stunde erwartete, und ich war gespannt, wie die Lehrerin dieses mir sehr sympathische Themengebiet wohl angehen würde. Nach kurzen Begrüßungsworten wurde der Overhead-Projektor zum Leben erweckt an der Wand strahlte eine schematische Übersicht, die alle Notenwerte von einer Ganzen bis zu einer Sechzehntelnote in ihren Relationen darstellte. Eifrig übernahmen die Schüler die Folie in ihren Hefter, währenddessen die Lehrerin an der Tafel kleine „Rechenaufgaben“ vorbereitete, bei denen es zu ermitteln galt, welche Tondauer resultiert, wenn zum Beispiel einer Viertelnoten zwei angebundene Sechzehntelnoten folgen. Nach einer kurzen Einzelarbeitsphase wurden die Ergebnisse verglichen, und nun sollte das erlernte Wissen musikpraktisch umgesetzt werden. Einige Schüler bekamen einfache Percussion-Instrumente (Klanghölzer, Triangel, Schellenring u.a.) in die Hände gedrückt, andere sollten in Ermangelung ausreichenden Instrumentariums auf die Schulbank klopfen. Die Lehrerin präsentierte eine weitere Folie, auf der sie jeweils 4-taktige Rhythmus-Pattern aus den gelernten Notenwerten zusammengestellt hatte. Die Schüler „musizierten“ unisono die vorgegebenen Rhythmen, während die Lehrerin an ihrem Lehrertisch sitzend mit einer Trommel den Takt angab.
Ich denke, es bedarf keiner weiteren Ausführungen, um einen repräsentativen Eindruck dieses Unterrichts zu erlangen. Bezeichnend waren letztlich auch die Gesichter der Schüler, die beim Verlassen des Unterrichtsraumes in etwa aussah, als hätten sie gerade ein mittelmäßiges Referat über das Leben Schostakowitschs gehört. Sollte dies der Normalfall sein, wie der Rhythmus im Musikunterricht deutscher Schulen vermittelt wird, brauchen wir uns über das vermeintlich fehlende Rhythmusgefühl deutscher Kinder, wie es z.B. von Instrumentalpädagogen immer wieder bemängelt wird, nicht wundern.
Zusammenfassung der Kapitel
A. EINFÜHRUNG: Der Autor erläutert seine persönliche Faszination für das Thema Rhythmus und begründet das Interesse an einer praxisorientierten didaktischen Neuausrichtung.
B. RHYTHMUS - DEM PHÄNOMEN AUF DER SPUR: Dieses Kapitel beleuchtet den Rhythmus interdisziplinär durch Definitionen, anthropologische Betrachtungen, körperliche Bezüge, musikalische Strukturen sowie die kulturelle Dimension.
C. RHYTHMUS - ANALYSE VON UNTERRICHTSKONZEPTEN: Es werden Thesen zur Rhythmusvermittlung aufgestellt und Kriterien für eine vergleichende Analyse von neun ausgewählten Unterrichtskonzepten definiert.
D. DARSTELLUNG DER UNTERSUCHUNGSERGEBNISSE: Die ausgewählten Konzepte werden anhand der zuvor festgelegten Kriterien (z.B. Ganzheitlichkeit, Bewegung, Interkulturalität) kritisch analysiert.
E. AUSWERTUNG DER ERGEBNISSE: Die Ergebnisse der Untersuchung werden in Bezug auf die Arbeitshypothesen interpretiert, wobei Defizite in der Umsetzung ganzheitlicher Ansätze identifiziert werden.
F. ZUSAMMENFASSUNG: Die Arbeit resümiert, dass Rhythmus ein komplexes Phänomen ist, dessen Vermittlung eine stärkere Einbeziehung von körperlicher Erfahrung und lebendiger Musizierpraxis erfordert.
G. ANHANG: Enthält das Literaturverzeichnis der verwendeten Sekundärliteratur und Quellen.
Schlüsselwörter
Rhythmus, Musikpädagogik, Schulmusik, Unterrichtskonzepte, Rhythmusgefühl, Körperbewegung, Interkulturalität, Groove, Metrum, Takt, Musikunterricht, Percussion, ganzheitliches Lernen, Rhythmik, musikalische Bildung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert das Phänomen Rhythmus und hinterfragt kritisch, wie dieses Thema im schulischen Musikunterricht vermittelt wird.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder umfassen die anthropologische Bedeutung des Rhythmus, die Wechselwirkung von Musik und körperlicher Bewegung sowie die interkulturelle Perspektive.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, eine Brücke zwischen der faszinierenden, lebendigen Bedeutung des Rhythmus und didaktischen Konzepten zu schlagen, um den Musikunterricht praxisnäher zu gestalten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine vergleichende Inhaltsanalyse verschiedener Unterrichtskonzepte aus Lehrbüchern und Fachzeitschriften basierend auf theoretischen Kriterien.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Grundlegung zum Phänomen Rhythmus und eine anschließende Analyse ausgewählter Unterrichtskonzepte hinsichtlich ihrer Praxisorientierung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Rhythmus, Musikpädagogik, ganzheitliches Lernen, Bewegung, Interkulturalität, Groove und Unterrichtskonzepte.
Warum hält der Autor die Behandlung des Rhythmus in Lehrbüchern für problematisch?
Er kritisiert eine oft zu theoretische, kognitiv geprägte Vermittlung, die das lebendige Erleben des Rhythmus vernachlässigt.
Welche Rolle spielt die Bewegung für den Rhythmusunterricht?
Bewegung ist für den Autor ein zentrales Kriterium, um den Rhythmus körperlich erfahrbar zu machen und von rein abstrakten Notationsübungen abzugrenzen.
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- Matthias Buchholz (Author), 2009, Rhythmus als Problemfeld im Musikunterricht, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/142755