Kraftvoll und bildreich ist die Sprache, die E.T.A. Hoffmanns Erzählung „Der Sandmann“ auszeichnet. Schon nach dem erstmaligen Lesen bleibt dem Rezipienten diese Sprache, die starke Bilder und Vorstellungen hervorruft, noch lange im Gedächtnis. Doch es ist nicht nur die Sprache, die diese Erzählung so besonders und spannend macht. Durch die fantastischen Elemente und rätselhaften Ereignisse lässt die Erzählung seinen Leser2 bis zur letzten Seite nicht los. So liest man die Erzählung „in einem durch“ und ist am Ende doch nicht befriedigt: die Rätsel um den Sandmann und der Grund, der zum Ausbruch des Wahnsinns bei Nathanael geführt haben, werden nicht aufgeklärt. Die Erzählung regt den Leser in besonderem Maße zum Nachdenken über die Figuren und die Ereignisse an. Dabei knüpft der Leser an seine eigenen Vorstellungen und Erfahrungen an und bezieht sie in die Reflexion mit ein. „Der Sandmann“ eignet sich sehr gut, um ganz unterschiedliche Denkanstösse zu liefern. Eben diese Leistung des Textes ist ein wesentlicher Punkt, ihn im Deutschunterricht zu behandeln. Weiterhin ist die Erzählung aufgrund ihrer Motive ein höchst modernes Werk. Durch das Wahnsinns- und Augenmotiv werden Aspekte der Wahrnehmung der Welt angesprochen, die auch in der Welt der Schüler aktuell sind. Fragen nach dem Normalen und Nützlichen beschäftigen Schüler besonders in der Pubertät. Gerade das Selbst- und Fremdverständnis wird ständig neu reflektiert und verändert. Dahingehend kann „Der Sandmann“ interessante Denkanstösse liefern. Das Automatenmotiv spricht ein Problem an, das auch in unserer heutigen schnelllebigen Gesellschaft ein Thema ist. Die Frage, ob man ein Leben als Automat führt, der nur reagiert und von außen kontrolliert wird, oder ob man selber Entscheidungen fällen will und sich gegen Fremdbeherrschung behaupten kann, ist auch in unserer Zeit aktuell. Weiterhin zeigt „Der Sandmann“, dass es nicht immer nur eine richtige Lösung eines Problems und nicht nur eine Wahrheit auf der Welt geben kann, sondern dass viele parallele Wirklichkeitsmodelle nebeneinander existieren. Die Identität des Sandmanns wird nicht geklärt, jeder Leser muss für sich individuell eine Entscheidung treffen. Auch außerhalb der fiktionalen Welt müssen die Schüler Entscheidungen treffen, die nicht immer bei allen Anderen auf Akzeptanz stoßen. [...]
Inhaltsverzeichnis
1 EINLEITUNG
1.1 ZUR TEXTAUSWAHL
1.2 VOM TRADITIONELLEN LITERATURUNTERRICHT ZUR NOTWENDIGKEIT KREATIVER VERFAHREN
1.3 FÜR EIN BESSERES TEXTVERSTÄNDNIS: „DER SANDMANN“ UND KREATIVE VERFAHREN
1.4 ABLAUF DER ARBEIT
2 DIDAKTISCHE ANALYSE
2.1 VORBEMERKUNGEN
2.2 DIDAKTISCHE ÜBERLEGUNGEN ZUM LERNGEGENSTAND
2.2.1 Anknüpfung an die Lebenswelt der Schüler
2.2.2 Förderung des Selbst- und Fremdverständnisses
2.2.3 Kompetenz der Vorstellungsbildung
2.2.4 Fachliche Kompetenz
2.2.5 Lesekompetenz
2.2.6 Einbettungen in die Unterrichtsreihe des Halbjahres
2.3 ÜBERLEGUNGEN ZU DEN LEITMOTIVEN
2.3.1 „Die springen in Nathanaels Brust wie blutige Funken…“ – Das Augenmotiv
2.3.2 „Holzpüppchen dreh dich“ – Das Automatenmotiv
2.3.3 „Da packte ihn der Wahnsinn mit glühenden Krallen…“ – Das Motiv des Wahnsinns
3 KREATIVE VERFAHREN
3.1 VORBEMERKUNGEN
3.2 ZUM BEGRIFF DER KREATIVITÄT
3.3 POSITIONEN ZUM HANDLUNGS- UND PRODUKTIONSORIENTIERTEN VERFAHREN
3.3.1 Handlungsorientierter Unterricht nach Jank/Meyer und Gudjons
3.3.2 Handlungs- und produktionsorientierter Literaturunterrichts nach Haas und Spinner
3.4 SZENISCHE INTERPRETATION NACH SCHELLER
3.4.1 Das Grundkonzept
3.4.2 Die einzelnen Arbeitsschritte
3.4.3 Die Rahmenbedingungen
3.5 KREATIVE REZEPTION
3.5.1 Vorbemerkungen
3.5.2 Theoretische Grundlagen
3.5.3 Die Umsetzung des Konzepts in der Praxis
4 BEISPIELE
4.1 „Der Sandmann, der fürchterliche Sandmann“ – Das traumatische Kindheitserlebnis
4.1.1 Erstes Beispiel: Schreiben zu Bildern
4.1.2 Zweites Beispiel: Malen zum Text
4.2 „Begegnung des jungen Studenten Nathanaels mit der Automate Olimpia“ – Das Automatenmotiv. Schreiben zu Musik.
4.3 „Hui – hui – hui! – Feuerkreis – Feuerkreis!“ – Das Motiv des Wahnsinns.
4.3.1 Erstes Beispiel: Malen und anschließende Musik-Improvisation
4.3.2 Zweites Beispiel: Performance
4.4 „Wartet nur, der kommt schon herunter von selbst“ – Strafverfahren gegen Coppelius
5 SCHLUSSBEMERKUNG
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht Möglichkeiten, E.T.A. Hoffmanns Erzählung „Der Sandmann“ im Literaturunterricht der Sekundarstufe II durch kreative, handlungs- und produktionsorientierte Verfahren zu erschließen, um das Textverständnis der Schüler zu fördern und sie zur kritischen Auseinandersetzung mit den zentralen Motiven anzuregen.
- Kreative Literaturdidaktik und handlungsorientierte Ansätze
- Analyse der Leitmotive: Augen-, Automaten- und Wahnsinnsmotiv
- Förderung von Lesekompetenz und individueller Deutungsfähigkeit
- Praktische Umsetzung durch produktive Schreib- und Spielanlässe
- Verknüpfung von Literatur mit Bildender Kunst und Musik
Auszug aus dem Buch
1.1 Zur Textauswahl
„Eiskalt war Olimpias Hand, er fühlte sich durchbebt von grausigem Todesfrost, er starrte Olimpia ins Auge, das strahlte ihm voll Liebe und Sehnsucht entgegen und in dem Augenblicke war es auch, als fingen an in der kalten Hand Pulse zu schlagen und des Lebensblutes Ströme zu glühen.“
Kraftvoll und bildreich ist die Sprache, die E.T.A. Hoffmanns Erzählung „Der Sandmann“ auszeichnet. Schon nach dem erstmaligen Lesen bleibt dem Rezipienten diese Sprache, die starke Bilder und Vorstellungen hervorruft, noch lange im Gedächtnis. Doch es ist nicht nur die Sprache, die diese Erzählung so besonders und spannend macht. Durch die fantastischen Elemente und rätselhaften Ereignisse lässt die Erzählung seinen Leser bis zur letzten Seite nicht los. So liest man die Erzählung „in einem durch“ und ist am Ende doch nicht befriedigt: die Rätsel um den Sandmann und der Grund, der zum Ausbruch des Wahnsinns bei Nathanael geführt haben, werden nicht aufgeklärt. Die Erzählung regt den Leser in besonderem Maße zum Nachdenken über die Figuren und die Ereignisse an. Dabei knüpft der Leser an seine eigenen Vorstellungen und Erfahrungen an und bezieht sie in die Reflexion mit ein.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung begründet die Wahl von Hoffmanns „Der Sandmann“ für den Unterricht, hebt die Modernität der Motive hervor und skizziert den Aufbau der Arbeit.
2 Didaktische Analyse: Dieses Kapitel erläutert, wie durch das Augen-, Automaten- und Wahnsinnsmotiv Anknüpfungspunkte an die Lebenswelt der Schüler geschaffen werden können, um Selbst- und Fremdverständnis zu fördern.
3 Kreative Verfahren: Hier werden theoretische Grundlagen des handlungs- und produktionsorientierten Literaturunterrichts sowie Konzepte wie die szenische Interpretation und kreative Rezeption detailliert dargelegt.
4 Beispiele: Dieses Kapitel bietet konkrete, praktisch erprobte Unterrichtsbeispiele zur kreativen Bearbeitung von Schlüsselszenen, inklusive Rollenspielen, musikalischen und bildnerischen Aufgaben.
5 Schlussbemerkung: Das Fazit resümiert den Mehrwert kreativer Verfahren und ermutigt Lehrkräfte, den Literaturunterricht lebendiger zu gestalten.
Schlüsselwörter
E.T.A. Hoffmann, Der Sandmann, Literaturunterricht, kreative Verfahren, handlungsorientierter Literaturunterricht, produktive Verfahren, szenische Interpretation, kreative Rezeption, Augenmotiv, Automatenmotiv, Wahnsinnsmotiv, Lesekompetenz, Vorstellungsbildung, Sekundarstufe II, Literaturdidaktik
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Anwendung kreativer, handlungs- und produktionsorientierter Unterrichtsmethoden im Literaturunterricht der Sekundarstufe II, exemplarisch durchgeführt anhand von E.T.A. Hoffmanns Erzählung „Der Sandmann“.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentral sind die Vermittlung literarischer Texte durch aktive Schülerbeteiligung, die Auseinandersetzung mit romantischer Literatur sowie die Bedeutung von Motivanalysen (Auge, Automat, Wahnsinn) für die Persönlichkeitsentwicklung der Schüler.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, das Interesse und die Leselust der Schüler zu steigern, das Textverständnis durch Leerstellenfüllung zu vertiefen und den Schülern einen ganzheitlichen Zugang zum Kunstwerk zu ermöglichen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin stützt sich auf didaktische Theorien zum handlungs- und produktionsorientierten Unterricht, rezeptionsästhetische Ansätze sowie Konzepte der szenischen Interpretation und kreativen Gruppenarbeit.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine fachdidaktische Analyse der Motive, eine theoretische Einbettung kreativer Methoden und die Vorstellung von vier konkreten Praxisbeispielen (Schreiben, Malen, Musik, Performance/Gerichtsverhandlung).
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Kreativität, handlungsorientierter Unterricht, Literaturdidaktik, Motivschichtung, Lesekompetenz und Selbstverständnis.
Warum wird das Augenmotiv als zentral angesehen?
Das Augenmotiv ist eng mit den Ängsten der Hauptfigur Nathanael verknüpft und dient als Verbindung zwischen dem Sandmann-Mythos und Nathanaels gestörter Wahrnehmung der Realität.
Wie trägt das „Strafverfahren“ zur Interpretation bei?
Die Simulation eines Prozesses gegen Coppelius zwingt die Schüler dazu, sich intensiv mit der Schuldfrage und der Identität der Figur auseinanderzusetzen, wodurch sie die Vieldeutigkeit des Textes aktiv nachvollziehen.
- Quote paper
- Karsten Grause (Author), 2009, Möglichkeiten des kreativen Literaturunterrichts anhand E.T.A. Hoffmanns "Der Sandmann", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/142806