Die deutsch-russischen Beziehungen haben sich über die Jahrhunderte je nach politischer Aktualität grundlegend gewandelt. Seit Beendigung des Ost-West-Konfliktes wurden aus ehemals politischen Kontrahenten Partner. Ihr gegenseitiges Verhältnis ist heute nicht mehr von der Vergangenheit belastet, auch nicht von ethnischen oder religiösen Differenzen. Selbst Themen, wie die in Russland lebende deutsche Minderheit, bieten keine Barriere im neuen Ost-West-Dialog. Dieses enge politische Verhältnis findet man bereits in den früheren künstlerischen Beziehungen, vor allem auf dem Gebiet der Literatur. Diese positiven gegenseitigen Interaktionen trugen zu einem tieferen Verständnis beider Kulturen bei und sollen an den deutsch-russischen literarischen Beziehungen näher betrachtet werden. Auf Grund ihrer Vielfältigkeit können jedoch nur einige ausgewählte Aspekte und Literaten näher betrachtet werden.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
1.1 Untersuchungsziel
1.1.1 Forschungsstand
2 Deutsch-russische literarische Beziehungen
2.1 Die komparative deutsch-russische Literaturwissenschaft
2.1.1 Übersetzungstechniken
3 Russisch literarischer Einfluss zu Beginn des 20. Jahrhunderts
3.1 Russlandbilder in den Werken von Rainer Maria Rilke
3.2 Russland in Thomas Manns Werken
3.3 Vermittlung des Religiösen durch Henry von Heiseler
3.4 Goethes Einfluss auf Bulgakov
3.4.1 Goethes Idee der Weltliteratur
3.4.2 Faust in Master und Margarita
4 Deutsch-polnische Literaturbeziehung
4.1 Literatur als Spiegel nationalpolitischer Verhältnisse
4 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Studie zielt darauf ab, die deutsch-russischen literarischen Wechselwirkungen anhand bedeutender Literaten des 19. und 20. Jahrhunderts zu analysieren und diese Erkenntnisse in einen komparativen Vergleich zu den deutsch-polnischen Literaturbeziehungen zu setzen, um gegenseitige Einflüsse und deren künstlerische Verarbeitung aufzuzeigen.
- Analyse der deutsch-russischen Beziehungen in der komparativen Literaturwissenschaft.
- Untersuchung des Russlandbildes in den Werken von Rilke, Thomas Mann und Henry von Heiseler.
- Analyse des Einflusses von Goethe auf Michail Bulgakovs Roman "Master i Margarita".
- Vergleichende Betrachtung der deutsch-polnischen Literaturbeziehung am Beispiel von Adam Mickiewicz.
- Betrachtung von Literatur als Spiegel nationalpolitischer Identität und Geschichte.
Auszug aus dem Buch
3.4.2 Faust in Master und Margarita
Goethes zentrales Thema bei Faust wird in eine philosophische und theologische Suche umgewandelt, in dem er das menschliche Schicksal zu erforschen versucht. Sein Werk beeinflusste weltweit zahlreiche Literaten, besonders sein diabolischer Mythos des Dr. Faustus, der seine Seele für persönliche Wünsche an den Satan verkauft. Auch für Bulgakovs Meisterwerk ist dieses Thema seine Haupinspiration. Bulgakov folgt in seinem Master i Margarita derselben Technik, wie Goethe. Die Handlung spielt im stalinistischen Moskau, bevor sie sich langsam in höhere Sphären begibt. Wie die Gretchen-Geschichte, erreicht auch die Liebe kosmische Höhen. Beide Autoren streben den Sieg über den Tod an: Auferstehung oder Unsterblichkeit. Bulgakov verwendet die mythische Welt zur Errettung seines Protagonisten, da die Versklavung des menschlichen Geistes ihn von der Suche nach Wahrheit abhält und ihn seine Individualität verlieren und zu einer ‚Nummer‘ im stalinistischen Regime werden lässt.
Beide Autoren haben ein untrügliches Gefühl für die Ewigkeit, mehrdimensionalen kosmischen Raum und ewiges Leben. Die vielen Anspielungen auf Faust zeigen einerseits den Einfluss des Dichters, andererseits aber auch eine Parodie in Master i Margerita. Dennoch wird nicht der gesamte Fauststoff adaptiert, sondern einzelne Momente aufgegriffen, neu kombiniert und in neue Zusammenhänge eingefügt.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung skizziert den Wandel der deutsch-russischen Beziehungen und definiert das Untersuchungsziel, den literarischen Einfluss zwischen den Kulturen anhand ausgewählter Autoren zu beleuchten.
2 Deutsch-russische literarische Beziehungen: Dieses Kapitel gibt einen Überblick über die komparative Literaturwissenschaft und diskutiert theoretische Grundlagen sowie Übersetzungstechniken bei der Vermittlung fremdsprachiger Werke.
3 Russisch literarischer Einfluss zu Beginn des 20. Jahrhunderts: Hier werden die Russlandkonzeptionen und Einflüsse auf die deutschen Autoren Rilke, Thomas Mann und Henry von Heiseler sowie der Einfluss Goethes auf Bulgakov analysiert.
4 Deutsch-polnische Literaturbeziehung: Das Kapitel untersucht den Einfluss von Adam Mickiewicz und den Stellenwert von Literatur als Spiegelbild nationalpolitischer Verhältnisse in der deutsch-polnischen Wechselwirkung.
4 Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und hebt hervor, wie literarische Werke als Medium dienen, um Identität zu stärken und kulturelle Brücken über politische Krisen hinweg zu schlagen.
Schlüsselwörter
Deutsch-russische Beziehungen, Literaturwissenschaft, Rainer Maria Rilke, Thomas Mann, Michail Bulgakov, Johann Wolfgang von Goethe, Faust, Adam Mickiewicz, Komparatistik, Weltliteratur, Übersetzungstechnik, Nationale Identität, Russische Religiosität, Stalinismus, Kulturtransfer.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit den literarischen Wechselwirkungen zwischen Deutschland, Russland und Polen im 19. und 20. Jahrhundert und analysiert, wie diese kulturellen Einflüsse von verschiedenen Autoren verarbeitet wurden.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Themen sind die komparative Literaturwissenschaft, die russische Religiosität, das Bild Russlands in der deutschen Literatur sowie der Einfluss Goethes auf die slawische Literatur.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Das Ziel ist die Darstellung deutsch-russischer literarischer Beziehungen am Beispiel ausgewählter Literaten sowie ein abschließender Vergleich mit deutsch-polnischen Wechselwirkungen.
Welche wissenschaftliche Methode wird primär verwendet?
Es wird die Methode der komparativen Literaturwissenschaft angewandt, wobei literarische Werke im Hinblick auf ihren gegenseitigen Einfluss und ihre nationale Prägung untersucht werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Russlandbilder bei Rilke, Thomas Mann und Henry von Heiseler, den Einfluss von Faust auf Bulgakovs "Master i Margarita" sowie das Wirken von Adam Mickiewicz.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Literaturwissenschaft, Komparatistik, Kulturtransfer, Faust-Rezeption und nationale Identität charakterisiert.
Wie unterscheidet sich die Russland-Rezeption von Rilke und Thomas Mann?
Während Rilke Russland primär als mythische Heimat und Künstlerland im Sinne einer religiösen Sehnsucht begreift, ist Thomas Manns Rezeption stärker von seiner analytischen Lektüre russischer Kritiker und Literaten geprägt.
Welche Rolle spielt der Stalinismus im Werk von Michail Bulgakov?
Obwohl Stalin nie namentlich genannt wird, nutzt Bulgakov mythische Elemente und Parodien, um den Druck des stalinistischen Regimes und die Versklavung des menschlichen Geistes symbolisch anzuprangern.
Warum wird Henry von Heiseler als Vermittler zwischen den Kulturen bezeichnet?
Er fungierte als Brückenbauer, der versuchte, russische Religiosität und Symbolik in die deutsche Literaturwelt zu übertragen, während er selbst zerrissen zwischen beiden Kulturkreisen lebte.
Inwiefern beeinflusste Goethe den polnischen Autor Adam Mickiewicz?
Die Begegnung mit Goethe in Weimar 1829 prägte Mickiewicz nachhaltig und schärfte sein Verständnis für die Verbindung von nationalem Charakter und dem Streben nach allgemein menschlicher Wahrheit in der Dichtung.
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- Christina Herzog (Author), 2009, Deutsch-russische literarische Wechselwirkungen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/142934