Dem Islam wird vielfach vorgeworfen, er würde das Theodizeeproblem ausblenden und sich zumindest nicht ebenso intensiv damit auseinandersetzen wie das Judentum und Christentum. Dieser Vorwurf der scheinbaren "Theodizeevergessenheit" ist falsch. Denn wie keine andere monotheistische Religion betont der Islam die absolute Allmacht und Barmherzigkeit Gottes.
Dieser Glaube, dass ausnahmslos alles von Gott zum Allerbesten gewirkt ist, aber verschärft das Leidproblem in unüberbietbarer Weise. Warum lässt der allmächtige und allbarmherzige Gott so viel Unglück und Leid, Enttäuschung und Not zu? Wie kommt das Böse überhaupt in die Welt?
Die Fragen solcher Art wurden von der islamischen Theologie, die als ʿIlm al-Kalām genannt wird, schon in ihren Frühzeiten gestellt und waren bestimmend für konzeptuellen Entwicklungen. Hier ging es muslimischen Theologen oder Mutakallimūn des Mittelalters darum, eine Kosmologie zu entwickeln, die mit der Offenbarung (waḥy) und mit der Schöpfungslehre im Einklang ist, aber auch um die Fragen der Theodizee bzw. der göttlichen Gerechtigkeit und des freien Willen des Menschen.
Die islamische Theologie hat die Frage nach dem Leid des Menschen stets im größeren Fragezusammenhang der Allmacht und Gerechtigkeit Gottes und der freien Willen des Menschen verortet. Am schärfsten profiliert findet sich die Frage in der Diskussion zweier theologischer Richtungen um das 10. Jahrhundert, - der Auseinandersetzung von Muʿtaziliten und Ašʿariten.
Bevor diese gegensätzlichen Positionen näher dargestellt werden, gilt es zunächst, auf die Definition und die Verortung der Fragestellung der Theodizee im Islam, die qurʾānische Verortung und Haltung zur Frage nach den menschlichen Leiden, der Herkunft des Bösen und der Allmacht und Gerechtigkeit Gottes einzugehen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einführung
2. Definition und die Verortung der Fragestellung der Theodizee im Islam
3. Menschliches Handeln
3.1 Vorbestimmung/Prädestination
3.1.1 Definition des Begriffs qadar
3.1.2 Historische Skizze hinsichtlich des qadars
3.2 Die Qadariten
3.3 Die Ašʿariten
3.4 Muʿtaziliten
3.5 Māturīditen
4. Theodizee und Theodizeeabwehr im Qurʾān
4.1 Das Böse und das Leid
5. Verständnis von Böse (šarr), Gut (ḥusn), und Sünde (ḏanb) hinsichtlich der Prüfung (balāʾ)
5.1 Prüfung und Leiden: Zweckmäßigkeit im göttlichen Plan
5.2. Mittel der göttlichen Prüfung
5.3 Göttliche Prüfung als „mögliche“ Strafe
6. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Theodizee-Problematik im islamischen Kontext, mit einem besonderen Fokus auf die Frage, wie ein nach islamischer Lehre allmächtiger und allbarmherziger Gott die Existenz von Übel und Leid in der Welt zulässt, und analysiert dabei intensiv die theologischen Diskurse um göttliche Gerechtigkeit, Vorbestimmung und menschliche Handlungsfreiheit.
- Theologische Begriffsdefinition der Theodizee im Islam
- Analyse des menschlichen Handelns und der Prädestinationslehre
- Vergleich der Positionen verschiedener Theologieschulen (Qadariten, Ašʿariten, Muʿtaziliten, Māturīditen)
- Qurʾānische Anthropologie und das Konzept der göttlichen Prüfung (balāʾ)
Auszug aus dem Buch
3.3 Die Ašʿariten
Die Ašʿariten, stellen wohl die theologische Schule dar, der man am eindeutigsten Theologen zuordnen kann. Sie berufen sich auf den Theologen Abū ʾl-Ḥasan ʿAlī ibn Ismāʿīl al-Ašʿarī (873-935), der selbst aus der Schule der Muʿtazila in Basra entstammt und zu dem schärfsten Gegner der Muʿtazila werden sollte.
Der Lebenslauf al-Ašʿarīs dürfte durch seine Nachfolger etwas verklärt worden sein. So soll er eine Art Bekehrung erlebt haben, welche zur Folge hatte, dass er sich von der reinen Spekulation lossagte, da die rationale Spekulation nur zu Ergebnissen führe, die alle gleich stark sind und nicht weiter führen. Von diesem Moment an wolle er sich in den Dienst des wahren Glaubens stellen, was bedeutete, dass er sich der Verteidigung der Sunnah verpflichtet fühle. Nachweisen kann man allerdings nur den Bruch mit seinem muʿtazilitischen Lehrer Abū ʿAlī al-Ǧubbāī. Eine andere Überlieferung berichtet von einem Streitgespräch, dass ganz im Schema der späteren Auseinandersetzungen zwischen Muʿtazila und Ašʿariten verlaufen sein soll, was wieder darauf hindeuten könnte, dass dieses Gespräch so nicht stattgefunden hat, sondern von den Nachfolgern al-Ašʿarīs seinem Lebenslauf zugefügt worden ist.
Al-Ašʿari verband nun zwei Dinge miteinander, die so zuvor nicht zusammen gewirkt haben, wie bei ihm: Das rationalistische Handwerk der Muʿtazila und die Sunnah mit all ihren Überlieferungen. Dabei ist ihm eines von besonderer Wichtigkeit: Die Allmacht Gottes. So wie die Muʿtaziliten all ihre Argumente unter das Postulat der Gütigkeit Gottes stellten, so war es bei al-Ašʿarī jene Macht, die durch nichts geschmälert werden durfte. So gab es für ihn keinen kausalen Zusammenhang zwischen diesseitigen Taten und jenseitiger Erlösung. Man kann nach seiner Meinung nicht sagen, dass Gott einen Gläubigen, der nur Gutes getan hat, auch zwingender Weise ins Paradies einlassen müsse. Auch kann man nicht sagen, es wäre ungerecht, wenn Gott einen Ungläubigen ins Paradies lasse. Gott kann tun und lassen was immer Er will, ohne dabei an Vorgaben gebunden zu sein. Ebenso verhält es sich mit Dingen, die der Mensch als „gut“ oder „böse“ auffasst. Auch das ist nur „gut“ und „böse“, wenn es Gott als solches deklariert und er könnte auch jeder Zeit Gut und Böse umkehren, wie immer Er will.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einführung: Diese Einleitung beleuchtet die Relevanz der Theodizeefrage im Islam und widerlegt den Vorwurf einer vermeintlichen Theodizeevergessenheit der islamischen Theologie.
2. Definition und die Verortung der Fragestellung der Theodizee im Islam: Das Kapitel definiert den Begriff der Theodizee und beleuchtet die verschiedenen Arten des Leidens (moralisch und physisch) sowie die historische Spannweite der Problematisierung im Islam.
3. Menschliches Handeln: Dieses zentrale Kapitel analysiert die Grundlagen des menschlichen Handelns und die Debatten um Vorbestimmung (qadar) und Handlungsfreiheit aus der Perspektive verschiedener theologischer Schulen.
4. Theodizee und Theodizeeabwehr im Qurʾān: Es wird die qurʾānische Anthropologie vorgestellt, um das Verständnis von Gott, dem Menschen und der Existenz des Bösen in einen korrekten Rahmen zu setzen.
5. Verständnis von Böse (šarr), Gut (ḥusn), und Sünde (ḏanb) hinsichtlich der Prüfung (balāʾ): Das Kapitel behandelt Leiden und Böses nicht als Strafe, sondern als göttliche Prüfung (balāʾ), die integraler Bestandteil der menschlichen Existenz auf Erden ist.
6. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass das Böse aus islamischer Sicht eine Funktion zur Prüfung und Reinigung besitzt und der Umgang des Menschen mit Lebenskrisen zentral für die Deutung des Leidens ist.
Schlüsselwörter
Theodizee, Islam, göttliche Allmacht, Leid, Böses, Vorbestimmung, qadar, Handlungsfreiheit, balāʾ, Prüfung, Menschliches Handeln, Ašʿariten, Muʿtaziliten, Koranauslegung, Gottes Gerechtigkeit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Theodizee-Problematik innerhalb der islamischen Theologie und untersucht, wie der Islam das Leid und die Existenz des Bösen mit dem Gottesbild der absoluten Allmacht und Barmherzigkeit in Einklang bringt.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zentrale Themen sind die Prädestination (qadar), die Handlungsfreiheit des Menschen, die Rollenverteilung in der Schöpfung sowie das Konzept der göttlichen Prüfung (balāʾ).
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die theologische Fundierung des Umgangs mit Leid und Bösem im Islam aufzuzeigen und dabei darzulegen, dass es sehr wohl eine islamische Theorie zur Theodizee gibt, die tief in den Quellen verankert ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich primär auf eine textkritische Analyse der qurʾānischen Offenbarung sowie eine historische und systematische Auswertung bedeutender theologischer Strömungen des mittelalterlichen Islams.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden die unterschiedlichen Ansätze der Theologieschulen – insbesondere Qadariten, Ašʿariten, Muʿtaziliten und Māturīditen – gegenübergestellt und die qurʾānische Anthropologie im Kontext von Prüfung und menschlicher Verantwortung erläutert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Theodizee, göttliche Gerechtigkeit, qadar, ba-lā und menschliche Handlungsfähigkeit definiert.
Wie unterscheidet sich die Sichtweise der Ašʿariten von der der Muʿtaziliten bezüglich der Theodizee?
Während die Muʿtaziliten die Gerechtigkeit Gottes rationalistisch so interpretieren, dass Gott dem Menschen zwingend Handlungsfreiheit gewähren muss, betonen die Ašʿariten die absolute, freie Souveränität Gottes, der nicht an menschliche Kategorien von Gut und Böse gebunden ist.
Erscheint Leid im Qurʾān als Strafe für Sünden?
Obwohl das populäre Verständnis oft von Bestrafung ausgeht, klärt die Arbeit anhand von Beispielen auf, dass der Qurʾān Widrigkeiten im Leben primär als Prüfung (balāʾ) versteht, durch welche die Standhaftigkeit des Gläubigen erprobt wird.
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- Eniz Brkić (Autor), 2020, Die Frage der Theodizee im Islam. Menschliches Leiden, Herkunft des Bösen und die Gerechtigkeit Gottes, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1430800