Das Schlagwort Globalisierung löst bei den Menschen verschiedenste Assoziationen aus. Die einen sind sich des globalen Charakters unserer Welt bewusst, wenn sie ganzjährig exotische Früchte konsumieren, mithilfe des Internets über weite Distanzen kommunizieren oder Fernreisen in nahezu jede Region der Erde unternehmen und dort in von Deutschen geführten Hotels residieren. Andere sehen in der Globalisierung „einen primär ökonomischen Prozess, der durch die Aus-weitung der internationalen Arbeitsteilung gekennzeichnet ist: Weltweite Märkte bilden sich heraus, auf denen Waren, Kapital und Dienstleistungen gehandelt werden.“ Die Sozialkritikerin Barbara Ehrenreich und die Professorin für Soziologie Arlie Russell Hochschild assoziieren mit dem Begriff Globalisierung unzählige Frauenschicksale und Kausalitäten, die sie und andere Autoren in dem Werk „Global Woman: Nannies, Maids and Sex Workers in the New Economy“ in Form von gesammelten Aufsätzen zusammengetragen haben. Das Buch bietet einen bis dato einzigartigen und breitgefächerten Überblick über die Auswirkungen der Globa-lisierung auf das Leben von Frauen weltweit und speziell in Entwicklungsländern.
Jedes Jahr verlassen Millionen Frauen die Philippinen, Mexiko, Sri Lanka und andere Länder der Dritten Welt, um in reichen Ländern der Ersten Welt als Haushaltshilfe, Kindermädchen, im Pflegebereich oder zuweilen als Prostituierte zu arbeiten. Gerade diese Tätigkeitsbereiche werden stark durch Assoziationen mit der traditionellen Rolle der Ehefrau begünstigt. Die diesbezüglichen Kapitel in dem oben genannten Buch, welches eine Kollektion von Abhandlungen verschiedener Autoren in Bezug auf qualitative Studien darstellt, sprechen inhaltlich Themenbereiche wie den Anstieg bei der Migration von Frauen, den Transfer sowie die Kommerzialisierung häuslicher Dienstleistungen, die daraus resultierende Fürsorgemisere bei transnationalen Familien als auch das Problem des internationalen Sextourismus an.
Die folgende Arbeit fasst die Grundaussagen von Hochschild und Ehrenreich zusammen, geht anschließend auf das Thema des weltweiten Sex- bzw. Prostitutionstourismus ein, vergleicht anhand zweier Kapitel aus dem Buch die Charakteristika der Sexindustrie in Thailand mit denen der Dominikanischen Republik und diskutiert im globalen Kontext die Aufsätze hinsichtlich ihrer Aussagekraft und Relevanz.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Migrantinnen in einer globalen Welt
3. Prostitution als globales Phänomen
3.1 Globalisierung, Fernreisen und kommerzieller Sex
3.2 Sex und Tourismus in Thailand
3.2.1 Ein altes Gewerbe mit globalen Einflüssen
3.2.2 Traditionelle Binnenmigration und Verschleppung
3.2.3 HIV/Aids-Prävention und allgemeine Perspektiven in Thailand
3.3 Dominikanische Republik – Sex, Heirat und Visa
3.3.1 Migration als Ausweg
3.3.2 Ein Vergleich mit Thailand
4. Resümee
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die Auswirkungen der Globalisierung und der sogenannten New Economy auf Mädchen und Frauen in Entwicklungsländern, wobei der Schwerpunkt auf der Kommerzialisierung von Sex und dem internationalen Sextourismus liegt. Die zentrale Forschungsfrage befasst sich mit den ökonomischen und sozialen Triebkräften der Migration sowie den spezifischen Unterschieden in der Ausgestaltung der Sexindustrie am Beispiel von Thailand und der Dominikanischen Republik.
- Die ökonomischen Auswirkungen der Globalisierung auf Frauen in der Dritten Welt.
- Die Rolle von Armut und Migrationsdruck als Basis für die Sexindustrie.
- Vergleichende Analyse der Strukturen der Sexindustrie in Thailand und der Dominikanischen Republik.
- Der Einfluss von westlichen Touristen und globalen Nachfragemustern.
- Die gesundheitlichen Konsequenzen, insbesondere im Hinblick auf HIV/Aids.
Auszug aus dem Buch
3.2.1 Ein altes Gewerbe mit globalen Einflüssen
Prostitution hat in der thailändischen Kultur eine lange, Jahrhunderte währende Tradition. So hatte der König von Thailand bis 1910, als es offiziell verboten wurde, einen Harem mit hunderten von Konkubinen, minor wifes sowie royal mothers15. Polygamie war in gehobeneren Schichten die Norm, Mätressen und 'geringere Ehefrauen' vermochten den sozialen Status des Mannes zu heben. Für jene eher weniger vermögenden Männer war der Besuch eines Bordells eine akzeptable Alternative, konnten sie somit zumindest temporär eine ähnlich promiskuitive Lebensweise praktizieren. An diesen Strukturen hat sich bis zum heutigen Tag nicht viel verändert; die Nachfrage nach kommerziellem Sex jedoch ist aufgrund fortwährender wirtschaftlicher und ökonomischer Veränderungen stark gestiegen. Im Zuge der Transformationsprozesse durch die Industrialisierung der letzten Jahrzehnte entstand in weiten Gebieten Thailands eine rege Landflucht. Aus Reisbauern wurden Industriearbeiter mit vergleichsweise höheren finanziellen Mitteln und neuen Konsumbedürfnissen. Um dieser wachsenden Nachfrage gerecht zu werden, mussten neue Bordelle eröffnet und tausende neuer Mädchen und Frauen sowohl angeworben als auch herangeschafft werden. Prostitution ist deshalb – obwohl sie seit 1960 unter Verbot gestellt wurde – in Thailand allgegenwärtig und geduldet; sie wird seitens der Regierung sogar gefördert. Bales erwähnt in seinem Text Studien, die ergeben haben, dass etwa 80% bis 87% der thailändischen Männer sexuelle Kontakte zu einer Prostituierten eingestehen; fünf bis acht Millionen nehmen sexuelle Dienstleistungen für Geld regelmäßig in Anspruch.16
Dies allein erklärt die eingangs erwähnte Vorreiterstellung Thailands innerhalb des internationalen Sex- und Prostitutionstourismus noch nicht, ist dieser doch ein globales Phänomen. Im Zeitraum zwischen 1962 und 1976 waren zehntausende US-Soldaten aufgrund des Vietnamkrieges entweder fest oder nach Kampf-einsätzen zum sogenannten Rest and Recreation-Urlaub in Thailand stationiert17. Um die Stützpunkte herum entstand eine regelrechte sextouristische Infrastruktur.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in das Thema der Auswirkungen der Globalisierung auf Frauen weltweit ein und skizziert die methodische Vorgehensweise sowie den Vergleich der Fallbeispiele Thailand und Dominikanische Republik.
2. Migrantinnen in einer globalen Welt: Dieses Kapitel thematisiert den Anstieg der Migration von Frauen aus Entwicklungsländern in wohlhabende Staaten, getrieben durch Armut und das globale Wohlstandsgefälle.
3. Prostitution als globales Phänomen: Hier werden die theoretischen Grundlagen der Ausbeutung sexueller Ressourcen im globalen Maßstab und der ökonomische Charakter der Sexindustrie diskutiert.
3.1 Globalisierung, Fernreisen und kommerzieller Sex: Dieser Abschnitt beschreibt die Bedeutung des Tourismus als Massenindustrie und dessen oft negative wirtschaftliche Folgen für die lokale Bevölkerung, die die Entstehung von Prostitutionsmärkten begünstigt.
3.2 Sex und Tourismus in Thailand: Das Kapitel analysiert die spezifische Rolle Thailands im internationalen Sextourismus sowie die kulturelle Einbettung von Prostitution in die dortigen Gesellschaftsstrukturen.
3.2.1 Ein altes Gewerbe mit globalen Einflüssen: Es wird die historische Tradition und die moderne Transformation der thailändischen Sexindustrie beleuchtet, die durch den Vietnamkrieg und Industrialisierung verstärkt wurde.
3.2.2 Traditionelle Binnenmigration und Verschleppung: Dieser Teil befasst sich mit den prekären Hintergründen der Frauen aus dem Norden Thailands und den Rekrutierungsmechanismen, die sie in die Schuldknechtschaft führen.
3.2.3 HIV/Aids-Prävention und allgemeine Perspektiven in Thailand: Zusammenfassung der staatlichen Maßnahmen zur HIV-Prävention und der Notwendigkeit eines Umdenkens in Bezug auf Sexualverhalten und Frauenrechte.
3.3 Dominikanische Republik – Sex, Heirat und Visa: Untersuchung der Sexindustrie in der Dominikanischen Republik, wo neben ökonomischen Aspekten auch die Hoffnung auf Heirat und Auswanderung eine zentrale Rolle spielt.
3.3.1 Migration als Ausweg: Analyse der Motivation dominikanischer Frauen, die Sexarbeit als strategisches Mittel für die Emigration und den sozialen Aufstieg nutzen.
3.3.2 Ein Vergleich mit Thailand: Gegenüberstellung der Arbeitsbedingungen und Motivationen von Sexarbeiterinnen in Thailand und der Dominikanischen Republik.
4. Resümee: Die Arbeit schließt mit einer zusammenfassenden Bewertung der komplexen Ursachen des Prostitutionstourismus und fordert mehr Aufklärung sowie internationale Unterstützung für die Betroffenen.
Schlüsselwörter
Globalisierung, Prostitutionstourismus, Sexarbeit, Migration, Thailand, Dominikanische Republik, Frauenrechte, HIV/Aids, Schuldknechtschaft, ökonomische Ungleichheit, Menschenhandel, New Economy, soziale Stigmatisierung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Auswirkungen der Globalisierung auf Frauen in Entwicklungsländern, mit einem speziellen Fokus auf die Entstehung und Struktur des internationalen Sextourismus.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind der ökonomische Druck durch die Globalisierung, transnationale Migrationsbewegungen von Frauen, Prostitution als Überlebensstrategie und die unterschiedlichen Ausprägungen der Sexindustrie in Thailand und der Dominikanischen Republik.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, die komplexen Strukturen, Ursachen und Folgen des internationalen Prostitutionstourismus aufzuzeigen und einen vergleichenden Blick auf zwei verschiedene Destinationen zu werfen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor stützt sich auf eine Literaturanalyse und den Vergleich bestehender qualitativer Studien, insbesondere auf die Erkenntnisse von Arlie Russell Hochschild, Barbara Ehrenreich, Kevin Bales und Denise Brennan.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit den globalen Zusammenhängen von Sexarbeit, einer detaillierten Analyse der thailändischen Sexindustrie sowie einem Vergleich mit der Dominikanischen Republik, wobei Faktoren wie Tourismus, Migration und Gesundheitsrisiken wie HIV/Aids beleuchtet werden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Globalisierung, Sextourismus, Frauenrechte, Migration, ökonomisches Wohlstandsgefälle und soziale Stigmatisierung.
Wie unterscheidet sich die Prostitution in der Dominikanischen Republik von jener in Thailand?
In Thailand basiert die Prostitution oft auf Schuldknechtschaft und Zwang, während in der Dominikanischen Republik viele Frauen die Arbeit als strategisches Mittel (advancement strategy) zur Heirat und Emigration nutzen.
Warum spielt die Rolle der US-Soldaten in Thailand eine historische Rolle?
US-Soldaten während des Vietnamkrieges waren maßgeblich am Aufbau einer sextouristischen Infrastruktur in Thailand beteiligt, welche nach ihrem Abzug als wirtschaftliches Standbein weitergeführt wurde.
Welche Rolle spielt HIV/Aids in dieser Untersuchung?
Das Thema Aids ist zentral, da die Prostitution ein Hauptfaktor für die Verbreitung der Krankheit ist und die Arbeit die staatlichen Präventionsmaßnahmen sowie das notwendige Umdenken bezüglich des Sexualverhaltens thematisiert.
Warum gilt Migration für viele der untersuchten Frauen als Ausweg?
Aufgrund von Armut, Perspektivlosigkeit und begrenzten Bildungschancen in ihren Heimatregionen stellt die Migration oder die Arbeit im Sextourismus für viele Frauen den einzigen Weg dar, um Kapital für ihre Familien zu erwirtschaften.
- Quote paper
- Alexander Unger (Author), 2007, Sexarbeit und Globalisierung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/143184