Die Prostitution gilt allgemein als „das älteste Gewerbe der Welt“. Seit dem Beginn der Geschichtsschreibung lassen sich in allen bedeutenden Zivilisationen und Zeitepochen der Menschheitsgeschichte Spuren – vor allem in literarisch überlieferter Form – des käuflichen Erwerbs sexueller Dienste finden und belegen. Assoziationen, welche wir aus heutiger Sicht mit 'gewerblicher Prostitution' verbinden, treffen jedoch auf die wenigsten Formen der in der Geschichte vollzogenen sexuellen Dienste zu, zumal es das 'Gewerbe' in der heutigen Bedeutung des Wortes in Deutschland erst seit dem 19. Jahrhundert – einhergehend mit der Einführung der Gewerbefreiheit – gibt.
Diese Arbeit widmet sich daher weitläufiger dem Zeit überdauernden Phänomen der „käuflichen Liebe“ beziehungsweise dem Handel mit sexuellen Diensten in ausgewählten Epochen der Menschheitsgeschichte. Der in der Arbeit verwendete Prostitutionsbegriff subsumiert in Anlehnung an McGinn verschiedene außereheliche Formen von Sexualität, die meistens auf der Basis von materieller Entlohnung erfolgen und drei gemeinsame Aspekte aufweisen: Promiskuität, Bezahlung und emotionale Indifferenz zwischen den Sexualpartnern. Eine derartige Definition der Prostitution, so schreibt er, „seems best suited to this distinction and flexible enough to allow for the great variety these forms of sexuality exhibits in different societies, both present and past.“(18)
Angefangen bei der Kultur Mesopotamiens werden in der folgenden Arbeit das Phänomen der Prostitution sowie charakteristische Formen des Handels mit sexuellen Diensten in der antiken Welt Griechenlands sowie Roms, im Mittelalter, unter dem Einfluss der Reformation, im 19. und 20. Jahrhundert bis hin zum bundesrepublikanischen „Prostitutionsgesetz“ im Jahre 2002 geschildert. Abgesehen von den ersten beiden Epochen beschränkt sich die Arbeit auf den deutschsprachigen Raum; auch kann sie aufgrund der Komplexität des Sachverhalts keinen Anspruch auf Vollständigkeit der Darstellung erheben. Interessante Aspekte wie die homosexuelle Prostitution, die Prostitution der Männer an sich oder neuere Erscheinungsformen, wie etwa der Sextourismus, werden nicht erörtert.
Inhaltsverzeichnis
1 Vorwort
2 Prostitution und sexuelle Tempelkulte im Alten Orient
2.1 Kultische sexuelle Dienste: Hierodulenpaarung, Heilige Hochzeit und Apotropäische „Prostitution“
2.2 Gewerbliche Prostitution
3 Prostitution in der griechischen und römischen Antike
3.1 Kultische Sexualität und kommerzielle Liebesdienste im antiken Griechenland
3.1.1 Hetären und Auletriden
3.1.2 Kommerzielle Prostitution und Bordellsklaverei
3.2 Käufliche Liebe im antiken Rom – Kurtisanen und Lupae
4 Prostitution im Mittelalter
4.1 Prostitution als „geringeres Übel“
4.2 Städtische Frauenhäuser
5 Prostitution zur Zeit der Reformation
5.1 Der Untergang des städtischen Frauenhauses
5.2 Die Hure und das Hurenstrafrecht
6 Prostitution im 19. und 20. Jahrhundert
7 Resümee
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das historisch tief verwurzelte Phänomen der Prostitution über verschiedene Epochen hinweg, ausgehend von den Tempelkulten Mesopotamiens bis hin zum bundesrepublikanischen Prostitutionsgesetz von 2002. Ziel ist es, die gesellschaftliche Wahrnehmung und die rechtlichen Rahmenbedingungen sexueller Dienstleistungen in ihrem jeweiligen historischen Kontext zu analysieren und kritisch zu hinterfragen.
- Historische Entwicklung des Prostitutionsbegriffs
- Religiöse und soziale Einbettung sexueller Dienste in der Antike
- Die Rolle der Kirche und das Konzept des "geringeren Übels" im Mittelalter
- Rechtliche Reglementierung und staatliche Kontrolle in der Moderne
- Kritische Analyse der gesellschaftlichen Doppelmoral
Auszug aus dem Buch
3.1.1 Hetären und Auletriden
Hetären waren Frauen, zumeist freigelassene ehemalige Sklavinnen aus Kleinasien oder Töchter von sogenannten Metoiken. d.h. griechischen Nichtbürgern, die „zu Männern außereheliche, längerfristige erotische Beziehungen hatten und sich damit von den Ehefrauen, Nebenfrauen, Haussklavinnen und den Prostituierten der Bordelle unterschieden.“ Sie waren – vergleichbar mit der japanischen Geisha – elegant, schön, überaus gebildet und mussten zudem die im Orient entwickelte Kunst der Liebe beherrschen. Ihr Handwerk erlernten angehende Hetären entweder von ihren Müttern, welche ihrerseits meist selbst Hetären waren, oder Künstlern und Philosophen; so zum Beispiel der berühmte Sokrates. Hetären genossen im Gegensatz zu den Ehe- und Nebenfrauen, deren Leben fast ausschließlich im eigenen Haus ablief, eine nahezu uneingeschränkte Freizügigkeit, was ihr Auftreten in der Öffentlichkeit betraf. Sie umgaben die Eliten der griechischen Gesellschaft und waren „nicht nur Expertinnen 'in eroticis' (.), sondern [verfügten] darüber hinaus über Witz, Eloquenz und Kenntnisse (.), die auch Mathematik und Naturwissenschaften einschließen konnten.“
Die Auletriden beziehungsweise Flötenspielerinnen werden an sich zu den Hetären gezählt. Sie verzückten die Berühmten der griechischen Männerwelt neben sexuellen Diensten vor allem mit ihrer Gewandtheit im gesellschaftlichen Auftreten sowie ihren musischen Talenten. Sie waren ausgebildete Tänzerinnen und Musikerinnen. Auletriden waren meistens Sklavinnen, so dass sie in ihren Forderungen den Hetären zurückstehen mussten. Jedoch waren sie gerade wegen ihrer niedrigeren finanziellen Ansprüche bei den griechischen Männern angesehener: „Zwar wurden Hetären bewundert, wegen der Höhe ihrer Forderungen aber auch gehaßt (...). Dagegen begegnete man den Auletriden, deren Schönheit und Kunstfertigkeit auf keinem Fest fehlen durften, 'mit sichtlicher Sympathie'.“
Zusammenfassung der Kapitel
Vorwort: Einleitung in die Thematik der historischen Entwicklung der Prostitution unter Verwendung eines weiten, von McGinn inspirierten Definitionsansatzes.
Prostitution und sexuelle Tempelkulte im Alten Orient: Untersuchung der frühen Formen von Tempelkulten und gewerblicher Prostitution im mesopotamischen Raum.
Prostitution in der griechischen und römischen Antike: Analyse der Hierarchien unter Liebesdienerinnen sowie der staatlichen Bordellsklaverei im Kontext antiker Sexualauffassungen.
Prostitution im Mittelalter: Betrachtung der christlich geprägten Moral und der Etablierung städtischer Frauenhäuser als "geringeres Übel".
Prostitution zur Zeit der Reformation: Darstellung der veränderten Sexualmoral durch die Reformation und die daraus folgende Kriminalisierung der Prostitution.
Prostitution im 19. und 20. Jahrhundert: Analyse der staatlichen Reglementierung und der Auswirkungen der Doppelmoral bis hin zum modernen Prostitutionsgesetz.
Resümee: Zusammenfassende Betrachtung der Kontinuitäten von Zwang und Diskriminierung sowie des Scheiterns vollständiger rechtlicher Gleichstellung.
Schlüsselwörter
Prostitution, Tempelkulte, Antike, Mittelalter, Reformation, Frauenhäuser, Sexualmoral, Sklaven, Hetären, Doppelmoral, Prostitutionsgesetz, Geschichte der Sexualität, gesellschaftliche Normen, Machtstrukturen, Geschlechterrollen
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit beleuchtet die historische Entwicklung der Prostitution als epochenübergreifendes Phänomen, von den Anfängen in Mesopotamien bis zum Beginn des 21. Jahrhunderts in Deutschland.
Welches sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die Arbeit behandelt schwerpunktmäßig den Wandel der Prostitution unter verschiedenen religiösen und staatlichen Regimes, die Rolle von Sklaverei und Zwang, sowie die rechtlichen und sozialen Rahmenbedingungen für Prostituierte im Lauf der Geschichte.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist eine fundierte sozialgeschichtliche Einordnung des Phänomens "käufliche Liebe" und die Aufdeckung der gesellschaftlichen Mechanismen, die Prostitution zu unterschiedlichen Zeiten entweder institutionalisiert oder kriminalisiert haben.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Es handelt sich um eine historische Analyse, die auf einer Auswertung zeitgenössischer Literatur, gesetzlicher Regelungen und wissenschaftlicher Sekundärliteratur zur Geschlechter- und Sozialgeschichte basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich chronologisch in die Bereiche: Alter Orient, griechisch-römische Antike, Mittelalter, Reformation sowie das 19. und 20. Jahrhundert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die vorliegende Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Prostitution, Tempelkulte, Sexualmoral, Frauenhäuser, Sklaverei, Doppelmoral und gesellschaftliche Normen.
Wie unterschied sich die Bewertung der Prostitution zwischen dem Alten Orient und dem Mittelalter?
Während im Alten Orient kultische sexuelle Riten oft in Kosmologien eingebettet und sozial akzeptiert waren, wandelte sich die Bewertung im christlich geprägten Mittelalter zur Sünde und zur Abwertung des Weiblichen, wobei Prostitution nur noch als "geringeres Übel" zur Verhinderung von Ehebruch und Homosexualität toleriert wurde.
Welchen Einfluss hatte die Reformation auf die Situation von Prostituierten?
Die Reformation führte zur Schließung der städtischen Frauenhäuser und zu einer verstärkten Kriminalisierung, wodurch Prostituierte noch stärker marginalisiert wurden und das "Hurenstrafrecht" zur Anwendung kam.
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- Alexander Unger (Author), 2007, Prostitution - ein epochenübergreifendes Phänomen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/143336