Bildung als ein Politikfeld war vom Anfang an sehr eng mit den Nationalstaaten verbunden. Die Internationalisierung der Bildungspolitik ist ein Phänomen, das diese Ausgangsposition der Bildungspolitik stark beeinflusste, indem sie der EU im Bereich Bildungspolitik den Weg ebnete. Die EU ist also in den letzten Jahren zu einem wichtigen Akteur in der Bildungspolitik geworden und kann die Bildungspolitik der Teilnahmeländer stark beeinflussen. Wie kann man den Bedeutungszuwachs der EU in der Bildungspolitik begründen? Dabei ist die Rolle des Bologna Prozesses zu beachten, welches das Ziel hat, bis zum Jahr 2010 einen Europäischen Hochschulraum (European Higher Education Area, EHEA) zu entwickeln. Der Bologna Prozess ist aber nicht ein Prozess, der von der EU initiiert wurde, sondern wurde durch eine zwischenstaatliche Initiative begonnen. In dieser Arbeit wird in Anlehnung an Martens/Wolf (2006) argumentiert, dass der Bologna Prozess initiiert wurde, weil die nationalen Regierungen innenpolitische Reformen durchsetzen wollten. Martens und Wolf (2006) interpretieren den Bologna Prozess in zwei Stufen. Sie betrachten die Ursachen der Europäisierung mit einem akteurszentrierten Ansatz und analysieren die Folgen der Europäisierung der Bildungspolitik mit einem neoinstitutionellen Ansatz. In dieser Arbeit wird in Anlehnung an Martens/Wolf (2006) die These verteidigt, dass die nationalen Regierungen die EU Ebene für ihre Interessen nutzen, um die Gegenspieler im Innern zu beseitigen und somit ihre bildungspolitischen Ziele zu verwirklichen. Martens und Wolf (2006: 146) betonen, dass dies nicht genügend ist, um zu erklären, warum die EU im Bereich Bildungspolitik heute über breite Kompetenzen verfügt. Deswegen verknüpfen sie den akteurszentrierten Institutionalismus mit einer neo-institutionellen Perspektive und betonen die Bedeutung der institutionellen Eigendynamiken der Europäischen Union im Bologna Prozess. Diese zweistufige Erklärung kann eine Antwort dafür geben, so Martens und Wolf, warum die Rolle des nationalen Staates in der Bildungspolitik geschwächt wurde, was die nationalen Regierungen nicht vorhergesehen hatten.
Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG
2. THEORIETEIL
2.1 DER BOLOGNA PROZESS ALS POLITIKNETZWERK
2.2 DIE NEUE STAATSRÄSON
2.3 AKTEURSZENTRIERTER INSTITUTIONALISMUS
2.4 NEOINSTITUTIONALISMUS
3. EMPRISCHER TEIL
3.1 DER BOLOGNA PROZESS
3.2 DER BEGRIFF DER EUROPÄISIERUNG
3.3 URSACHEN DER EUROPÄISIERUNG DER BILDUNGSPOLITIK
3.4 FOLGEN DER EUROPÄISIERUNG DER BILDUNGSPOLITIK
4. SCHLUSSFOLGERUNG
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Europäisierung der Bildungspolitik unter besonderer Berücksichtigung des Bologna-Prozesses. Dabei wird der Frage nachgegangen, aus welchen strategischen Gründen nationale Regierungen die europäische Ebene nutzen und welche oft unbeabsichtigten Folgen sich daraus für die Autonomie der Nationalstaaten ergeben haben.
- Politiknetzwerke und Akteurskonstellationen im Bologna-Prozess
- Die Theorie der „Neuen Staatsräson“ nach Klaus Dieter Wolf
- Akteurszentrierter Institutionalismus und Neoinstitutionalismus als Analyserahmen
- Die Rolle der Offenen Methode der Koordinierung (OMK)
- Ökonomisierungstendenzen in der europäischen Bildungspolitik
Auszug aus dem Buch
3.3 URSACHEN DER EUROPÄISIERUNG DER BILDUNGSPOLITIK
Die EU hat keine rechtsverbindliche Regulierungskompetenz im Bereich Bildungspolitik. In Anlehnung an Martens/Wolf (2006) wird in dieser Arbeit die These verteidigt, dass die Europäisierung der Bildungspolitik im ersten Schritt mit den strategischen Interessen der nationalen Regierungen und im zweiten Schritt mit der institutionellen Eigendynamik der EU erklärt werden kann. Dabei nutzen die nationalen Regierungen die europäische Ebene, um gegen andere zuständige Akteure in der Innenpolitik an Macht zu gewinnen und ihre bildungspolitischen Ziele zu verwirklichen.
Die nationalen Regierungen werden also nicht als neutrale Akteure angenommen, die die Forderungen der Gesellschaft reflektieren; sondern sie verfolgen ihre eigenen Interessen gegenüber anderen, innerstaatlichen, zuständigen Akteuren in der Bildungspolitik und möchten ihren Handlungsspielraum erweitern (Martens/Wolf: 2006: 148). Die nationalen Regierungen instrumentalisieren die EU zur Erweiterung ihrer eigenen Handlungsspielräume. Martens und Wolf (2006: 151) betonen, dass die funktionalistischen Ansätze nicht genügend erklären können, warum die nationalen Regierungen die Verlagerung der Bildungspolitik in die EU-Ebene bevorzugen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. EINLEITUNG: Einführung in die Thematik der zunehmenden Europäisierung der Bildungspolitik und Darlegung der zentralen Fragestellung sowie des theoretischen Ansatzes.
2. THEORIETEIL: Theoretische Fundierung durch verschiedene politikwissenschaftliche Ansätze wie Netzwerkanalyse, Neue Staatsräson sowie akteurszentrierter und Neoinstitutionalismus.
3. EMPRISCHER TEIL: Analyse des Bologna-Prozesses, der Europäisierung sowie deren Ursachen und Folgen anhand der gewählten theoretischen Perspektiven.
4. SCHLUSSFOLGERUNG: Zusammenfassende Bewertung der These, dass nationale Regierungen die EU strategisch instrumentalisieren, was jedoch zu institutionellen Eigendynamiken führt.
Schlüsselwörter
Europäisierung, Bildungspolitik, Bologna-Prozess, Neue Staatsräson, Politiknetzwerk, Akteurszentrierter Institutionalismus, Neoinstitutionalismus, Offene Methode der Koordinierung, Internationale Beziehungen, Hochschulpolitik, Europäischer Hochschulraum, Reformblockaden, Politikinstrumente
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit?
Die Arbeit analysiert die Europäisierung der Bildungspolitik und warum nationale Regierungen den Bologna-Prozess initiiert haben, obwohl die EU in diesem Bereich eigentlich keine formalen Kompetenzen besitzt.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die strategische Nutzung zwischenstaatlicher Netzwerke durch Regierungen, der Wandel von Hochschulsystemen und die theoretische Erklärung dieses Wandels durch den akteurszentrierten und Neoinstitutionalismus.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, den Bedeutungszuwachs der EU in der Bildungspolitik zu begründen und aufzuzeigen, wie nationale Regierungen supranationale Ebenen zur Überwindung innenpolitischer Reformblockaden instrumentalisieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine politikwissenschaftliche Analyse in Anlehnung an Martens und Wolf (2006) durchgeführt, die den akteurszentrierten Institutionalismus mit einer neoinstitutionellen Perspektive kombiniert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in einen Theorieteil mit verschiedenen institutionellen Erklärungsmodellen und einen empirischen Teil, der den Bologna-Prozess, die Europäisierung sowie deren Ursachen und Folgen detailliert beleuchtet.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind insbesondere Europäisierung, Bologna-Prozess, Neue Staatsräson, Politiknetzwerk und die Rolle der Offenen Methode der Koordinierung.
Was bedeutet der Begriff „Neue Staatsräson“ im Kontext dieser Arbeit?
Er beschreibt das Phänomen, dass Regierungen die zwischenstaatliche Ebene nutzen, um ihre Handlungsspielräume gegenüber inländischen Akteuren zu erweitern und innenpolitischen Widerstand zu umgehen.
Was sind die „unerwarteten Folgen“ der Europäisierung?
Nationale Regierungen hatten nicht beabsichtigt, dass durch die institutionelle Eigendynamik der EU eine weitgehende Ökonomisierung des Bildungswesens stattfindet und die Kontrolle der Nationalstaaten über ihre eigene Bildungspolitik so stark reduziert wird.
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- Can Büyükbay (Author), 2008, Die Europäisierung der Bildungspolitik: Gründe und Folgen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/143457