Die doctrine classique - Ihre Entstehung und ihre Inhalte


Seminararbeit, 2008
19 Seiten, Note: 12 Punkte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Historischer Kontext und Wunsch nach Normierung

3. Gründung und Aufgaben der Académie française

4. Vaugelas, der bon usage und die raison

5. Das Ideal des honnête homme

6. Sprachreformen durch Du Bellay und Malherbe

7. Rückbesinnung auf Aristoteles

8. Boileaus « Art poétique » – Chant III

9. Schluss

10. Quellenverzeichnis

1. Einleitung

Das 17. Jahrhundert – das siècle classique – nimmt im Laufe der französischen Geschichte

einen wichtigen Stellenwert ein. Als Klassik wird jene Epoche bezeichnet, die als nicht mehr überbietbarer Höhepunkt einer Kultur betrachtet wird, beinhaltet also ein Werturteil. Gerade der doctrine classique kommt dabei eine besondere Bedeutung zu, da sie die Literatur bis weit ins 19. Jahrhundert hinein beeinflusst hat. Doch beschränkten sich ihre Auswirkungen nicht nur auf die Literatur, sondern auch auf Sprache, Politik und das Verhalten der damaligen Gesellschaft. In diesem Zusammenhang soll besonders auf die Umstände und Personen eingegangen werden, ohne die die Entwicklung und Etablierung der doctrine classique wohl undenkbar gewesen wäre. Es handelt sich hier beispielsweise um Malherbe und seinen Verdienst um die Normierung der Sprache sowie Aristoteles, dessen Lehre von der Dichtkunst wieder neu entdeckt und angewandt wurde. Um die politische Dimension der doctrine classique zu erfassen, soll besonders im ersten Teil auf die geschichtlichen Hintergründe sowie die damit in Zusammenhang stehende Académie française eingegangen werden. Auch das Verhaltensideal der damaligen Zeit soll nicht zu kurz kommen.

Ziel der Arbeit ist es zu zeigen, dass es sich bei der doctrine classique nicht um ein Phänomen handelt, das man in wenigen Worten erklären und beschreiben oder nur auf einen Bereich beschränken kann. Um einen derartigen Einfluss auf die folgenden Jahrhunderte zu haben, bedarf es einer Wichtigkeit, die sich in allen Bereichen des siècle classique widerspiegelt.

2. Historischer Kontext und Wunsch nach Normierung

Im Bereich der Sprache und der Literatur ist das 17. Jahrhundert – das siècle classique – eine Zeit der Normierung. Dies geht mit einer intensiven Bemühung, eine standardisierte Hoch- und Literatursprache zu schaffen und einen Kanon von Regeln für die Abfassung literarischer Werke aufzustellen, einher. Auf diese Weise entwickelt sich auch die moderne französische Sprache, die das Mittelfranzösische ablöst, und eine Poetik, also eine „Lehre von der Dichtkunst“[1]. Dabei wird die Quintessenz der über das ganze 17. Jahrhundert hinweg geführten poetologischen Diskussion und die mit ihr einhergehende literarische Praxis als „la doctrine classique“ bezeichnet, deren Einfluss auf die Literatur bis ins 19. Jahrhundert reichen wird.[2]

Die Grundlage dieses Interesses an der Sprachpflege basiert auf der Überzeugung, dass sich die Bedeutung eines Landes hinsichtlich Politik und Militär hauptsächlich anhand seiner

geistigen und künstlerischen Leistungen erweist. Frankreichs politischer Hegemonieanspruch im Zeitalter der Klassik beinhaltet demnach auch den Anspruch auf eine geistige und künstlerische Führungsrolle. Dieser Anspruch kommt besonders im Mythos des Hercule gaulois[3], des gallischen Herkules, bildlich zum Ausdruck. Er besagt, dass Herkules die anderen Völker nicht durch physische Kraft, sondern durch die Macht seiner „Zunge“ beherrscht, an welche jene angekettet sind.

Die Pflege, Entwicklung und Kultivierung des Französischen zu einer Sprache, die den gleichen Stellenwert wie Latein oder andere romanische Sprachen wie Italienisch und Spanisch hat, oder diesen sogar überlegen ist, stellt in diesem Zusammenhang ein zentrales politisches Anliegen dar. So spielt die Sprachenfrage auch in innenpolitischer Hinsicht eine wichtige Rolle, da das Bestehen einer relativ einheitlichen Hochsprache, aus der sämtliche Regionalismen entfernt wurden, einen nicht zu unterschätzenden Beitrag zur politischen Einigung des Landes darstellt.

Weiter hat die Aufwertung der französischen Sprache eine bildungspolitische Funktion, da auf diese Weise die Voraussetzung dafür geschaffen wird, dass das Lateinische als Sprache der Bereiche Theologie, Philosophie und Wissenschaft durch die entstehende Volkssprache abgelöst wird. So ist es möglich, neuen Kreisen den Zugang zu den Bildungsgütern zu eröffnen.[4]

3. Gründung und Aufgaben der Académie française

Nun besteht seit Ende des 16. Jahrhunderts eine intensive Diskussion über die Frage, wie das neue Französisch auszusehen habe, das die Macht Frankreichs und die des Königs in angemessener Weise repräsentiert. Um einer Antwort näher zu kommen, erscheinen zahlreiche gelehrte Traktate wie beispielsweise De l´éloquence française aus dem Jahre 1594 des Juristen und Philosophen Guillaume du Vair[5]. Auch in literarischen Zirkeln wie dem Kreis um François de Malherbe, auf den noch besonders im Zusammenhang mit der Sprachnormierung eingegangen werden soll, sind Sprache und Literatur die zentralen Themen, sodass die politische Dimension der Diskussionen rund um die französische Sprache schon zu Beginn außer Frage steht. Doch erst Kardinal Richelieu – erster Minister am Hof Ludwigs XIII – zieht daraus die Konsequenzen. Zu den privaten Gruppierungen, in denen über Sprache und Literatur diskutiert wird, gehört auch der Freundeskreis um Valentin Conrart, ein reicher und gebildeter Bürger, in dessen Haus seit 1629[6] wöchentliche Diskussionen stattfinden, die bald eine gewisse Berühmtheit genossen. Richelieu nutzte die Gelegenheit und schlägt vor, diese privaten Treffen zu institutionalisieren. Er bot den Teilnehmern an, ihrer Gruppe offizielle Würden zu verleihen und sie schützen. So versammelten sich im Jahre 1634 zunächst 27 Mitglieder – wenig später sollten es 40 sein – zur ersten Sitzung der Académie française. 1635 erhält diese das königliche Patent, das erst 1637 nach anfänglichem Widerstand gegen diese Institution vom Pariser Parlament registriert und damit rechtskräftig wird.[7]

Als Hauptaufgabe der Académie française gilt die Sprachpflege, dies wird im folgenden Zitat deutlich: « La principale fonction de l´Académie sera de travailler avec tout le soin et toute la diligence possible à donner des règles à notre langue, et à la rendre pure, éloquente et capable de traiter les arts et les sciences[8]

Der machtpolitische Anspruch ihrer Arbeit wird jedoch besonders im folgenden Zitat erkennbar, wenn es heißt, das Ziel bestehe darin « de tirer du nombre des langues barbares cette langue que nous parlons, et que tous nos voisins parleraient bientôt si nos conquêtes continuaient encore comme elles avaient commencé (…) Notre langue plus parfaite déjà que pas une des autres langues vivantes, pourrait bien enfin succéder à la latine, comme la latine à la grecque. »[9]

Schließlich soll das angestrebte Reformziel in zwei Etappen erreicht werden. Zunächst geht es darum « de régler les termes et les phrases (de la langue française) par un ample Dictionnaire et une Grammaire fort exacte[10]

In einem weiteren Schritt sollen dann erarbeitet werden « une Rhétorique et une Poétique que l´on composerait pour servir de règle à ceux qui voudraient écrire en vers ou en prose[11]

So soll also der gesamte Bereich aller sprachlichen Äußerungen, also sowohl die mündlichen als auch die schriftlichen, geregelt bzw. hierarchisiert werden. Diese Zielsetzung der Académie lautet folgendermaßen: « nettoyer la langue des ordures qu´elle avait contractées ou dans la bouche du peuple ou dans la foule du Palais et dans les impuretés de la chicane, ou par les mauvais usages des courtisans ignorants, ou par l´abus de ceux qui la corrompent en l´écvrivant[12]

Mit den Worten „ordures“, „impuretés“, „mauvais usages“, „abus“, „corrompre“ wird an dieser Stelle nicht nur der verheerende Zustand der französischen Sprache beschrieben, sondern auch die Quellen der sprachlichen Verunreinigung genannt. Zunächst wird vor allem „le peuple“, das unwissende und ungebildete Volk verantwortlich gemacht, gefolgt von „la foule du Palais“, also Türsteher, Schreiber und subalterne Angestellte, deren Tätigkeit im Umfeld des „Palais de justice“ stattfindet. Weiter werden die Juristen genannt: „la chicane“ bezeichnete zur damaligen Zeit den Stand der Richter und Advokaten. Weitaus schlimmer sind jedoch die „mauvais usages“, auf die in erster Linie am Hofe zurückgegriffen wird und die hier schon das Gegenstück zum „bon usage“ bilden. Auf diese beiden Erscheinungsformen des guten und schlechten Sprachgebrauchs soll noch besonders im Zusammenhang mit Vaugelas eingegangen werden. Letztendlich zielt das vorherige Zitat auf zahlreiche Schriftsteller, die den Reformbestrebungen der Académie française kritisch gegenüber stehen oder sie gar boykottieren, die Sprache zu ihren Zwecken missbrauchen und sie auf diese Weise „korrumpieren“.

Das angestrebte Reformprogramm entsprach schließlich nicht dem Alltag der neu gegründeten Akademie, denn die ersten Mitglieder hatten nicht den nötigen Enthusiasmus. Im Jahre 1640 ist dieser Zustand derart schlimm, dass Richelieu, der ständig präsent ist, sie nur durch ein Ultimatum zu regelmäßiger und erfolgreicher Arbeit zwingen kann. So ist es nicht verwunderlich, dass Le Grand Dictionnaire de l´Académie Française erst 1694[13] erscheint.

Gemäß dem Geist der Akademie sieht es vor, dass nur das aufgenommen wird, « qui peut servir à la Noblesse et à l´Elégance du discours »[14].

Die gleichzeitig in Auftrag gegebene Grammatik erscheint sogar erst im Jahre 1936 anlässlich des dreihundertsten Geburtstag der Institution[15], während es sowohl die Rhetorik als auch die Poetik noch immer nicht gibt.

Das Akademiewörterbuch selbst zeichnet sich durch einen stark normativen Charakter aus. Aufgezeichnet wird die Sprache dort nicht, wie sie gesprochen wird, sondern wie sie der Akademie zufolge gesprochen werden soll. Aus diesem Grund werden viele Wörter erst gar nicht aufgenommen, als Kriterium der Akzeptanz gilt, « qu´on les rapportât à un des trois genres d´écrire »[16]. Auch an dieser Stelle wird die sozialpolitische Dimension des Wörterbuches deutlich: Die darin praktizierte Hierarchisierung der französischen Sprache in „mots sublimes“, „mots médiocres“ und „mots bas“[17] entspricht der der literarischen Gattungen. In ihr spiegelt sich der Akademie zufolge wiederum die gesellschaftliche Hierarchie des siècle classique wider.[18]

[...]


[1] Grewe 1998, S. 35

[2] Vgl.: Krauß, Kuhnle, Plocher 2003, S. 2

[3] Grewe 1998, S. 35

[4] Vgl.: Grewe 1998, S. 35

[5] Grewe 1998, S. 36

[6] Köhler 1997, S. 17

[7] Vgl.: Ebenda

[8] Grewe 1998, S. 37

[9] Grimm 2005, S. 116

[10] Grimm 2005, S. 116

[11] Ebenda

[12] Ebenda

[13] Grewe 1998, S. 37

[14] Ebenda

[15] Grimm 2005, S. 117

[16] Ebenda

[17] Ebenda

[18] Vgl.: Grimm 2005, S. 116/117

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Die doctrine classique - Ihre Entstehung und ihre Inhalte
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen  (Institut für Romanistik)
Veranstaltung
Theater der französischen Klassik - Corneille und Racine
Note
12 Punkte
Autor
Jahr
2008
Seiten
19
Katalognummer
V143477
ISBN (eBook)
9783640527847
ISBN (Buch)
9783640527618
Dateigröße
432 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Einige Zitate sind natürlich auf Französisch!
Schlagworte
Académie Francaise, Vaugelas, Bon usage, honnête homme, Du Bellay, Malherbe, Aristoteles, Boileau, Art pétique, Chant III, raison, Sprachreform
Arbeit zitieren
Madeleine Jansen (Autor), 2008, Die doctrine classique - Ihre Entstehung und ihre Inhalte, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/143477

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