Das 17. Jahrhundert – das siècle classique – nimmt im Laufe der französischen Geschichte einen wichtigen Stellenwert ein. Als Klassik wird jene Epoche bezeichnet, die als nicht mehr überbietbarer Höhepunkt einer Kultur betrachtet wird, beinhaltet also ein Werturteil. Gerade der doctrine classique kommt dabei eine besondere Bedeutung zu, da sie die Literatur bis weit ins 19. Jahrhundert hinein beeinflusst hat. Doch beschränkten sich ihre Auswirkungen nicht nur auf die Literatur, sondern auch auf Sprache, Politik und das Verhalten der damaligen Gesellschaft. In diesem Zusammenhang soll besonders auf die Umstände und Personen eingegangen werden, ohne die die Entwicklung und Etablierung der doctrine classique wohl undenkbar gewesen wäre. Es handelt sich hier beispielsweise um Malherbe und seinen Verdienst um die Normierung der Sprache sowie Aristoteles, dessen Lehre von der Dichtkunst wieder neu entdeckt und angewandt wurde. Um die politische Dimension der doctrine classique zu erfassen, soll besonders im ersten Teil auf die geschichtlichen Hintergründe sowie die damit in Zusammenhang stehende Académie française eingegangen werden. Auch das Verhaltensideal der damaligen Zeit soll nicht zu kurz kommen.
Ziel der Arbeit ist es zu zeigen, dass es sich bei der doctrine classique nicht um ein Phänomen handelt, das man in wenigen Worten erklären und beschreiben oder nur auf einen Bereich beschränken kann. Um einen derartigen Einfluss auf die folgenden Jahrhunderte zu haben, bedarf es einer Wichtigkeit, die sich in allen Bereichen des siècle classique widerspiegelt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Historischer Kontext und Wunsch nach Normierung
3. Gründung und Aufgaben der Académie française
4. Vaugelas, der bon usage und die raison
5. Das Ideal des honnête homme
6. Sprachreformen durch Du Bellay und Malherbe
7. Rückbesinnung auf Aristoteles
8. Boileaus « Art poétique » – Chant III
9. Schluss
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Diese Arbeit untersucht die Entstehung und Etablierung der doctrine classique im Frankreich des 17. Jahrhunderts. Dabei wird analysiert, wie politische Bestrebungen, gesellschaftliche Ideale und sprachwissenschaftliche Reformen ineinandergriffen, um ein normatives Regelwerk für Literatur und Sprache zu schaffen, das die französische Kultur über Jahrhunderte hinweg prägte.
- Die historische Notwendigkeit und der Prozess der sprachlichen Normierung.
- Die Rolle der Académie française als institutionelle Instanz der Sprachpflege.
- Das soziokulturelle Idealbild des honnête homme und seine Anforderungen an Sprache und Verhalten.
- Die literaturtheoretischen Grundlagen der Klassik basierend auf der Wiederentdeckung des Aristoteles.
- Die Bedeutung der Sprachreformen von Malherbe und Du Bellay für die ästhetische Codifizierung der französischen Sprache.
Auszug aus dem Buch
3. Gründung und Aufgaben der Académie française
Nun besteht seit Ende des 16. Jahrhunderts eine intensive Diskussion über die Frage, wie das neue Französisch auszusehen habe, das die Macht Frankreichs und die des Königs in angemessener Weise repräsentiert. Um einer Antwort näher zu kommen, erscheinen zahlreiche gelehrte Traktate wie beispielsweise De l´éloquence française aus dem Jahre 1594 des Juristen und Philosophen Guillaume du Vair. Auch in literarischen Zirkeln wie dem Kreis um François de Malherbe, auf den noch besonders im Zusammenhang mit der Sprachnormierung eingegangen werden soll, sind Sprache und Literatur die zentralen Themen, sodass die politische Dimension der Diskussionen rund um die französische Sprache schon zu Beginn außer Frage steht. Doch erst Kardinal Richelieu – erster Minister am Hof Ludwigs XIII – zieht daraus die Konsequenzen. Zu den privaten Gruppierungen, in denen über Sprache und Literatur diskutiert wird, gehört auch der Freundeskreis um Valentin Conrart, ein reicher und gebildeter Bürger, in dessen Haus seit 1629 wöchentliche Diskussionen stattfinden, die bald eine gewisse Berühmtheit genossen. Richelieu nutzte die Gelegenheit und schlägt vor, diese privaten Treffen zu institutionalisieren. Er bot den Teilnehmern an, ihrer Gruppe offizielle Würden zu verleihen und sie schützen. So versammelten sich im Jahre 1634 zunächst 27 Mitglieder – wenig später sollten es 40 sein – zur ersten Sitzung der Académie française. 1635 erhält diese das königliche Patent, das erst 1637 nach anfänglichem Widerstand gegen diese Institution vom Pariser Parlament registriert und damit rechtskräftig wird.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung definiert das siècle classique als Epoche mit normgebender Bedeutung für die französische Literatur, Sprache und Gesellschaft.
2. Historischer Kontext und Wunsch nach Normierung: Dieses Kapitel erläutert das Streben nach einer standardisierten Hochsprache als Mittel zur politischen und kulturellen Einigung Frankreichs.
3. Gründung und Aufgaben der Académie française: Es wird die Entstehung der Institution unter Richelieu beschrieben, deren Ziel die systematische Reinigung und Regelung der französischen Sprache war.
4. Vaugelas, der bon usage und die raison: Die Ausführungen behandeln Vaugelas' Fokus auf den Sprachgebrauch der gebildeten Hofgesellschaft als Instanz für Korrektheit.
5. Das Ideal des honnête homme: Hier wird das soziale Verhaltensideal des honnête homme beleuchtet, das eine Balance zwischen Höflichkeit, Bildung und Sprachbeherrschung darstellt.
6. Sprachreformen durch Du Bellay und Malherbe: Das Kapitel analysiert den Übergang von einer expansiven Bereicherungssprache zur puristischen Reinigung durch Malherbe.
7. Rückbesinnung auf Aristoteles: Es wird der Einfluss aristotelischer Dichtungstheorie auf die Entstehung der klassischen Regelpoetik und deren Prinzipien der Mimesis untersucht.
8. Boileaus « Art poétique » – Chant III: Dieses Kapitel fasst Boileaus Zusammenführung der klassischen Regeln für die Gattungen Tragödie, Epos und Komödie zusammen.
9. Schluss: Der Schluss fasst die Ergebnisse zusammen und ordnet die doctrine classique in den Kontext der Querelle des Anciens et des Modernes ein.
Schlüsselwörter
doctrine classique, siécle classique, Académie française, bon usage, honnête homme, Malherbe, Boileau, Aristoteles, Regelpoetik, Mimesis, bienséance, vraisemblance, Sprachnormierung, französische Literatur, Klassik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die theoretischen, politischen und gesellschaftlichen Grundlagen der französischen Klassik (siècle classique) und deren Einfluss auf Sprache und Literatur.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den Kernbereichen zählen die Sprachnormierung, die Gründung der Académie française, das Verhaltensideal des honnête homme sowie die literarische Regelpoetik.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, dass die doctrine classique ein komplexes Phänomen ist, das über rein literarische Regeln hinausgeht und die gesamte gesellschaftliche Ordnung der Zeit widerspiegelt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer historischen und literaturtheoretischen Analyse von zeitgenössischen Traktaten und programmatischen Werken der Ära.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert den Prozess der Sprachreinigung, die Institutionalisierung durch die Akademie, das Ideal des vollkommenen Höflings und die Anwendung der Aristoteles-Rezeption im Theater.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind insbesondere doctrine classique, Sprachnormierung, honnête homme, bon usage und die klassische Regelpoetik.
Welche Bedeutung hatte die Académie française für die Sprachpflege?
Sie fungierte als institutionelle Instanz, die den Sprachgebrauch durch Wörterbücher und Grammatik verbindlich kodifizierte und "verunreinigte" Sprachformen ablehnte.
Warum war der Begriff des „bon usage“ so wichtig?
Der bon usage definierte den Sprachgebrauch der sozialen Elite am Hof als allgemeingültigen Standard, um die Sprache zu klären und zu vereinheitlichen.
Wie unterscheidet sich Malherbes Reform von vorherigen Bestrebungen?
Malherbe forcierte im Gegensatz zur Renaissance, die auf eine Sprachbereicherung durch Neologismen setzte, einen strengen Purismus mit Fokus auf Klarheit und logische Struktur.
Inwiefern beeinflusste die Aristoteles-Rezeption das französische Theater?
Sie führte zur Etablierung der Regel der drei Einheiten (Zeit, Ort, Handlung) sowie zur strikten Trennung der Stile, um Glaubwürdigkeit und moralische Belehrung beim Publikum zu gewährleisten.
- Citation du texte
- Madeleine Jansen (Auteur), 2008, Die doctrine classique - Ihre Entstehung und ihre Inhalte, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/143477