Musik gilt als Zeitkunst – ihre Aufführung ist an verrinnende Zeit gebunden. Raum existiert im allgemeinen Verständnis außerhalb von Musik – als realer, physikalischer Ort. Zwischen diesen Parametern sind die Prioritäten klar verteilt: Der Raum ist eine Bedingung für die Entfaltung von musikalisch strukturierter Zeit. Diese Neutralität des Raumes gegenüber der Komposition wurde bisher zweimal aufgehoben2 – mit gravierenden Entwicklungen in der Kompositionstechnik: mit der Mehrchörigkeit der Venezianischen Schule (ca. 1530–1630) und mit serieller und elektronischer Musik seit der Mitte des 20. Jahrhunderts. Dieses Phänomen von „Musik im Raum“, wie Karlheinz Stockhausen es 1958 genannt hat, bedeutet laut Gisela Nauck „in dreifachem Sinne einen wichtigen Einschnitt in der Geschichte der musikalischen Moderne.“
Der Fokus dieser Arbeit liegt auf Karlheinz Stockhausen, weil er zu den ersten und bedeutendsten seriellen Raummusik-Komponisten gehört. Sein Stück „GRUPPEN“ für drei Orchester war eine damals bahnbrechende Raummusik-Komposition und ist auch heute noch exemplarisch. Außerdem ist Stockhausens kompositorisches Schaffen, auch über die 1950er Jahre hinaus, ein Beispiel dafür, dass seit jener seriellen Phase der reale Raum als Kompositionselement seine Arbeit kontinuierlich beeinflusste. Serielle Raummusik ist darin keine sporadische, en-vogue-Erscheinung, sondern ein Impuls für spätere Entwicklungen.
Da in der Literatur mehrfach eine Unschärfe bei der Verwendung des Raumbegriffs in musikalischen Zusammenhängen registriert wurde, widmet sich ein Kapitel der Differenzierung dieses Begriffes und versucht, die Zusammenhänge sinnvoll zu definieren. Dem schließt sich ein Überblick über die Entwicklungsphasen von Raummusik in der europäischen Musikgeschichte an – von Venezianischer Mehrchörigkeit im 16. Jahrhundert bis zu serieller Raummusik im 20. Jahrhundert. Sporadische Einbeziehungen von räumlichen, teilweise auch musik-theatralen Effekten bei Beethoven, Berlioz oder Mahler werden nur kurz angerissen. Ebenso wie die räumlich intendierten, synästhetisch-mystischen Entwürfe von kuppelförmigen Musikstätten, weil sich dadurch die bereits angesprochenen Prioritäten von Raum und Zeit nicht grundlegend verändert haben. Die Uraufführung von „GRUPPEN“ 1958 zeigte allerdings, dass dies hier der Fall war: Stockhausen hatte eine qualitative Veränderung der Zeit-Raum-Relation innerhalb der Musik offenbart. „GRUPPEN“ war revolutionär, genauso wie sein Schöpfer.
Inhaltsverzeichnis
1 EINLEITUNG
2 WAS UND WO IST RAUM?
2.1 Raummusik – eine Differenzierung
2.2 Musik als Raumkunst
2.3 Raumkompositionen
2.4 Raumprojektionen oder Musik für den (bestimmten) Raum
3 ENTWICKLUNG VON RAUMMUSIK IN DER MUSIKGESCHICHTE
3.1 Raummusik
3.1.1 Venezianische Mehrchörigkeit
3.1.2 Raumkonzepte und Strategien der Verräumlichung in der sinfonischen Musik
4 KARLHEINZ STOCKHAUSENS „GRUPPEN“ FÜR DREI ORCHESTER (1955-1957)
4.1 Einordnung in den zeitgeschichtlichen Kontext: Wunderjahre
4.1.1 Zur musikgeschichtlichen Situation: Die Anfänge des seriellen Komponierens
4.1.2 Musik, Raum und Zeit
4.2 Der Komponist Karlheinz Stockhausen
4.3 „GRUPPEN“ für drei Orchester (1955-1957)
4.3.1 Setting und Überblick
4.3.2 Aufbau
4.3.3 Serielle Gestaltung
4.3.3.1 Vereinheitlichung von Zeit und Raum
4.3.3.2 Serielle Gruppenkriterien im Raum-Zeit-Kontinuum
4.3.3.3 Komposition: Die musikalische Handhabung der seriellen Vorgaben
4.3.4 Instrumentation
4.3.5 Großformale Anlage
4.3.6 Raum
5 REZEPTION
5.1 Rezeption bei Rezipient*innen
5.2 Rezeption bei Stockhausen
5.2.1 Werke
5.3 Rezeption von Komponist*innen
6 FAZIT
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die historische und theoretische Entwicklung der Raummusik, mit einem besonderen Fokus auf Karlheinz Stockhausens Werk „GRUPPEN“ für drei Orchester. Die zentrale Forschungsfrage ist dabei, wie der Raum als neues, strukturbildendes Element in die serielle Kompositionstechnik integriert wurde und welche qualitativen Veränderungen sich in der Zeit-Raum-Relation innerhalb der Musik ergaben.
- Grundlagen und Definitionen des Raumbegriffs in der Musik
- Die Entwicklung von Raummusik von der Renaissance bis in die 1950er Jahre
- Der Einfluss seriellen Denkens auf die musikalische Raumgestaltung
- Strukturanalyse von Stockhausens „GRUPPEN“ hinsichtlich Besetzung und Raum-Zeit-Kontinuum
- Rezeptionsgeschichte und deren Einflüsse auf die Entwicklung der zeitgenössischen Musik
Auszug aus dem Buch
4.3.3.1 Vereinheitlichung von Zeit und Raum
Die zwei Kategorien Raum und Zeit nehmen in Stockhausens Schaffen einen immensen Stellenwert ein (von seiner ersten seriellen Komposition „KREUZSPIEL“ bis hin zu dem siebenteiligen Opernzyklus „LICHT“). Auch in „GRUPPEN“ sind Raum und Zeit das Hauptthema – das zeigt bereits ein erster Blick auf die Werkkonzeption: Drei Orchester werden je von drei verschiedenen Personen geleitet. Dadurch können sie alle in unterschiedlichen Geschwindigkeiten und Zeitschichten agieren. „Jeder Klangkörper ist nun in der Lage, seinen eigenen Zeitraum erlebbar zu machen, und als Hörer befindet man sich inmitten von mehreren Zeiträumen, die wiederum einen neuen, gemeinsamen Zeitraum ausmachen.“ Mit „GRUPPEN“ setzt eine „neue Entwicklung der ,Instrumentalmusik im Raum‘“ ein. Sie ist eine Entwicklung der seriellen Zeitgestaltung, in der Raum und Zeit in ein „strukturelles Kontinuum“ gebracht wurden. Diese Vereinheitlichung von Raum und Zeit ist in der gesamten Werkstruktur präsent: „[N]ahezu sämtliche Teilbereiche des seriellen Organisationsverfahrens stehen in kohärenter Beziehung zur Zeitstruktur, die somit den Schlüssel zum analytischen Verständnis der musikalischen Faktur darstellt.“ Stockhausen hat Details und Zusammenhänge der seriellen Zeitstruktur in einem übergeordneten Plan festgehalten.
Zusammenfassung der Kapitel
1 EINLEITUNG: Die Einleitung beleuchtet die Definition der Musik als Zeitkunst und die durch Raummusik ausgelöste Erschütterung dieses Konzepts, wobei der Fokus auf Stockhausens „GRUPPEN“ gelegt wird.
2 WAS UND WO IST RAUM?: Dieses Kapitel differenziert die unterschiedlichen Raumbegriffe in der Musikwissenschaft und erörtert die Bedingungen, unter denen Musik zur Raummusik wird.
3 ENTWICKLUNG VON RAUMMUSIK IN DER MUSIKGESCHICHTE: Es folgt ein historischer Überblick, der von der venezianischen Mehrchörigkeit über sinfonische Ansätze bei Beethoven, Berlioz und Mahler bis zur seriellen Raummusik reicht.
4 KARLHEINZ STOCKHAUSENS „GRUPPEN“ FÜR DREI ORCHESTER (1955-1957): Das Hauptkapitel analysiert das Werk im Kontext der Wunderjahre, Technik, Raum-Zeit-Organisation, Besetzung und Großform.
5 REZEPTION: Dieser Teil betrachtet die zeitgenössische und spätere Rezeption von „GRUPPEN“ bei Publikum, Stockhausen selbst und anderen Komponisten.
6 FAZIT: Das Fazit fasst die revolutionäre Bedeutung des Werks zusammen und reflektiert, warum sich serielle Raummusik musikkulturell nur begrenzt durchsetzen konnte.
Schlüsselwörter
Raummusik, Karlheinz Stockhausen, Gruppen, serielle Musik, Zeitgestaltung, Raum-Zeit-Kontinuum, Musikgeschichte, Neue Musik, Instrumentation, Orchester, Klangraum, Musiktheorie, Zeitkunst, Raumprojektion, Momentform
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Bachelor-Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Bedeutung und Funktion des Raumes in der seriellen Musik, wobei Karlheinz Stockhausens Komposition „GRUPPEN“ als zentrales Fallbeispiel dient.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die Untersuchung umfasst die historische Entwicklung der Verräumlichung von Musik, theoretische Grundlagen der seriellen Komposition sowie die spezifische Analyse von Stockhausens „GRUPPEN“.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es zu zeigen, wie Stockhausen ein „Raum-Zeit-Kontinuum“ geschaffen hat und wie sich durch die serielle Organisation das traditionelle Verständnis von Musik als reine Zeitkunst wandelte.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Autorin?
Die Arbeit basiert auf einer musikwissenschaftlichen Analyse des Werks, der Auswertung theoretischer Schriften Stockhausens und einer historischen Einordnung verschiedener Räumlichkeitskonzepte.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil widmet sich detailliert der Entstehungsgeschichte von „GRUPPEN“, der seriellen Strukturierung nach Zeit- und Raumparametern sowie der instrumentatorischen und formalen Anlage des Stücks.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Raummusik, Serialismus, Gruppenkomposition, Zeit-Raum-Relation, Klangraum und musikalische Struktur.
Wie integrierte Stockhausen elektronische Ansätze in seine instrumentale Musik?
Stockhausen übertrug Prinzipien aus der Arbeit mit elektronischer Klangerzeugung (wie z.B. die direkte Gestaltung von Zeit- und Raum-Parametern) auf die orchestrale Komposition.
Welche Rolle spielen die sogenannten „Einschübe“ in „GRUPPEN“?
Die frei komponierten Einschübe dienen als Kontrast zur strengen seriellen Organisation und setzen ein „auskomponiertes Traum- oder Urlaubselement“ in den strikten strukturellen Verlauf des Werks.
Warum war die Uraufführung von „GRUPPEN“ eine Zäsur?
Das Werk stellte das traditionelle Konzertmodell durch die Anordnung dreier Orchester um das Publikum herum radikal infrage und bewies die Realisierbarkeit serieller Raumkonzepte.
- Citar trabajo
- Sophie Beha (Autor), 2021, Raummusik vor und nach Karlheinz Stockhausens "GRUPPEN" für drei Orchester (1955-1957), Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1435957